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Der Jugendbund · 1927-03-10 · 5 (10.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
5 (10.3.1927)
Date
1927-03-10
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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macht und die Gewohnheit nennt er seine Amme." Usber das Alltagsleben gießen die Zeremonien Weihe und Idealität und erheben uns so über die Niederungen des alltäglichen Lebens. 4. ihr symbolischer Werl: Denn sie sind Sinnbilder oder Erinnerungszeichen für sittliche Lehren (Tcphilin, Mesusa, Zizzit, Sabbat- und Fest- Vorschriften). » Anmerkungen: 1. Auch in den Bestimmungen der späteren Gesetzeslehrer, welche die; biblischen und talmudischen Vorschriften fortentwickelten, liegen fruchtbare sittliche Anregungen. So wird z. B. empfohlen, schon am Ausgang des Versöhnungstages mit den Vorbereitungen zum Laubhüttenfeste zu beginnen. Es soll dadurch gleichsam bekundet werden, daG die Frucht der Versöhnung in einem neuen, Gott und seinem Gesetz freudig zugewandten Leben bestehe. — 2. Schiller ist bekanntlich der Ansteht, daß die Menschheit durch den Einfluß des Schönheitssinnes (ästhetische Einwirkung) zum sittlich Guten '(zum ethisch Wahren) gelang!. Das Judentum sucht die Sittlichkeit durch religiös-symbolische Handlungen zu fördern. Doch sollen auch bei ihrer Ausübung die Anforderungen des Schönheitssinnes berücksichtigt werden. (Hiddur mizwa.) h) V o 1 k s worte und Lehr Sprüche. Zusatz: In allen diesen Quellen wird auch das Negativ- Sittliche (Sünde) berücksichtigt. Es werden die Wege gezeigt, •die aus.der Gottenfremdung zur Tschuba führen. Diese Rückkehr beginnt mit l.rkenntr.is und Reue (Widui) und dem Fnt- -schluß zur Besserung. i i) Predigten und Sitten b^ti eher. Bereits bei Esras großer Volksandacht (Neb 8) finden wir die Leviten als die, die das Volk über die Lehre Gottes unterwiesen. In der Bibel selber haben wir Probestücke ältester Synagogenpredigt, noch aus der Zeit, wo sie sich nicht eng an das Schriftwort anschmiegte, sondern nur als stimmungsvoller Widerhall der Thoravorlesung nachgesandt wurde, wie in den Psalmen 73, 105, 106. Seitdem ist die Synagoge auch durch die Predigt in der Landessprache, wie Philo sich ausdrückt, die Lehrstätte des Edlen und Guten. Daneben haben allerlei Sittenbücher auf das 'Gemüt und Gefühl veredelnd gewirkt, z. B. „Das Buch der Frommen", etwa um 1200, in dem es heißt: Suche Würde und Ehre zu meiden! Wie ist das zu verstehen? Sitzt einer vor seinem Lehrer und es iällt ihm eine scharfsinnige Frage ein, die er früher einmal gestellt hat, so sage er nicht: „Ich fragte also", sondern: „Es wjurde also ge fragt", um nicht seine eigene Ehre zu suchen, aul daß er nicht eitel und eingebildet werde . . . Manche Handlungen werden begangen die die Menschen nicht für Sünde halten und doch unrecht sind. z. B. den Tieren die Schwänze zu stutzen, die doch dazu da sind, daO sie sich damit der Fliegen erwehren. — Im Verk«hr mit Nicht juden befleißige dich derselben Redlichkeit, Vie über, sorge, daß Gottes heiliger Name nicht durch dich ge schändet werde. Holt der Nichtjude hei dir Rat so sage ihm, wer an dem Orte, wohin er sich begibt, redlich und wer ein Betrüger ist; flieht ein Mörder zu dir, so gewähre ihm keinen Schutz, auch wenn es ein Jude ist, begegnet dir aber auf schmalem Wege ein Lastträger, so mache ihm Platz, such wenn er kein Jude ist. Juden gegen- Neue Romane und Novellen Von Dr. Hugo Hahn, Essen. Jean Richard Bloch hat uns in „S i m 1 e r & Co." den Koman der westindischen Kaufmannsiumilic gegeben. (Aus dem Französischen Übertrager, von Paul Amann, Kotapfel-Verlag.) Die Simlers, glauben, nach der" Abtretung Elsaß-Lothringen, a:: Deutschland dem preußischen Zugriff durch Uebersiejlur.^ nach WesLl'rankreich aus dem Weg gehen zu sollen. So .mißtrauisch sie \on den dort eingesessenen I abrikanlcn angesehen werden, so gehegt es ihnen deich auf Grund ihres iMetmüdliehen Fleißes u.-.J ihrer überragenden Tüchtigkeit aller Schwierigkeiten Herr zu werden. Treue Üienste'leisten ihnen dabei die aus alter Anhänglichkeit mit ihnen ausgewanderten el&äsMschcn Arbeiter. Zwischen ihnen und den Mitgliedern def Fanjplie Simler be»!efit ein nicht zu erschütterndes VertrauensvcrhjKnis; Die allen Simlers kennen sich sebiver in die nei(«^JL'nigÄung hinansfinden. Sie geWen keinen Handbreit von ihren c^^sUchen und j'iJi-chen Gewohnheiten ab. Die NicJ'tautnjdflie in den Klub der Fabrikanten nehmen sie mit ßroiiera JplMchrnjit hin. Sie sind so fest in sich gegründete Naturen, daß ih:-.cn das Lächeln der anderen über ihre Rückstättdigkeit nur selbst ein Lächeln abzwingen kann. So sparsam Me' gegen sich selbst sind, so großzügig im Vergleich zu den! übrigen Fabrikanten zeigen sie sich bei Sammlungen für rn Not geratene Mitbürger. Die Simlers sind deshalb auf die Dauer nicht zu übersehen. Die Söhne erzwingen sich den Zu— . ganc zu iler „besseren Gesellschaft" der Stadt. Einer ion ihnen verlier: dabei ^cin Uerz an eine schöne und geistreiche Kaulrrann»to.chter, wird aber nach marcherlei schweren Kämpien der auf ihn wartenden dicken Kusine und dem Judentum erhallen. Immerhin, diese Söhne interessieren sich bereits mehr ff:r den Montmartre in Paris als für den Joum Kippur zu Hause. ■ Sie d?n_-a dabei nicht weniger ihrem Werk als die alte Gcaclation. Im Gegenteil, ihrer Initiative ist das schnelle Vorwärtskommen der Sim'erschen Fabrik zu d.inken. Als Menschen aber sind sie gebrochene Gestalten. Nicht mehr beheimatet im al.cn Judentum und noch nicht aufgenommen in die Kultur ihrer Umgebung, ersticken sie ihre Angst vor sich selbst in r.intme r: a »!ender Arbeit oder ertränken ihren Schmerz in melancholischer Musik. Ihre Kinder dagegen fühlen sich als durchaus gebildete Franzosen, die sowohl vom Judentum wie von der Seele der Arbeit und der Arbeiter nicht mehr viel verstehen. Sie würden sich einem sorglosen Faulenzerleben hingeber, wenn nicht zur rechten Zeit der Onkel aus Amerika käme, v.a ihnen klar zu machen, wie unmodern ihre Fabrik geworden ist und wie sehr sh5__njujer und tätiger Kr. fte bedarf. D.e Abstufung« n zwischender*alten, der neuen und der jüngsten Generation.^'-sl'nd meisterlich herausgestellt. Das jüdische Famiiierlebctai)t in seiner Einzigartigkeit vortrefflich beobachtet. Insbesondere sind auch die Krauengestalien hervorragend gezeichnet. Wenn es im Haushalt nicht immer ganz richtig zugeht, so scheint daran weniger die Aufmerksamkeit der allen Mutter als die Unwissenheit des Dichters auf diesem delikaten Gebiet schuld zu sein. (Es tragt sich eben, zu'der wievielten Generation Bloch selbst gehurt.) Sein Roman ist jedenfalls eines der interessantesten Dokumente der jüdischen Zeitgeschichte. Er verdient das überaus begeisterte Vorwort, das Komain Kolland dem Buch mitgegeben hat. Der Human sollte \cn allen unseren Vereinen gelesen werden. Die zweite der von Stclan Zweig im Insjcl-Ver'ag herausgegebenen NovcMen „Verwirrung der Gefühle'' darf eine jüdische, genannt werden. Da ist ein reicher jüdischer Kaufmann, der sein Leben lang nur die Arbeit gekannt hat. Nun glaubt er, das stille Ausruhen im Kreis der Seinen sei lür ilin gekommen. Da muß er erleben, daß seine Tochier keineswegs der reine Krigel ist, für den er sie gehalten. Fr muß sich damit abfinden, daß er sowohl seiner Frau wie seiner TocÄter nichts bedeutet. Für sie hat er sich tagaus tagein abgerackert, und das ist der Lohn. Sie merken gar nicht, daß er «ie durchschaut, daß er um ihr gemeines Dasein weiß. Sie flirten weiter, während er immer mehr in sich versinkt. Kr schweigt. Er läßt ihnen die Nutznießung seines Ge'des, wSlircnd er wie ein Bettler lebt. Und sie verprassen das Geld und finden nichts dabei. Fr aber siecht langsam aus Scham über s'e und sich dahin. Ist die a'te Generation fehlervoll, so ist die neue m dieser Novelle gemein. In einer fein abgestimmten Novelle „Der Tod des Kleinbürger»" (Paul-Zsolnay-Verlag) erzählt Franz Wertel die Leidensgeschichte eines kleinen Ai-^estellten, der, als er krank wird, die Willenskraft aufbringt, noch ein Vierteljahr entgegen dir Diagnose des A'zles am leben zu bleiben, damit seine Angehörigen in die Nutznießung der zu diesem Termin fälligen Versicherungsrente kommen können. Der ganze Jammer des kleinbürgerlichen Lebens unserer Zeit tut sich in dieser Novelle vor uns auf. Unser besonderes Interesse darf aber dii Nebenfigur des Versicherungsagenten Schlesinger beanspruchen. Er hat einmal bessere Tage gesehen. Jetzt geht er treppauf und -ab, um seiner Versicherungsgesellschaft Kunden zuzuführen. Sein äußeres, zappeliges Wesen ist nur ein Spiegelbild seiner unruhigen Seele. Er leugnet, Jude zu sein. „Ich bin gar kein Jud', wenn Sie das zur Kenntnis nehmen wollen. Ich habe für die heilige Jungfrau optiert." Und da seine Zuhörer den bitteren Sarkasmus seiner Worte nicht verstehen, setzt er hinzu: „Ja, es ist besser fürs Fortkommen." Auf dem Totenbett, da ihn seine alte Mntter noch 'einmal besucht, sieht er di8 ganze Sinnlosigkeit seines verpfuschten Lebens ein. Gehört dieser Schlesinger wirklich ganz einer vergangenen Generation an?

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