Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (10.3.1927)
- Date
- 1927-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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laßt, und der Senat verlangte, daß „den Juden die größtmögliche Ermutigung zuteil werden olle -wegen der wichtigen Vorteile, welche lie für die Zolleinnahmen unsere* Staates bedeute n". Dennoch ist, bevor man sich zu dieser kommerziellen Toleranz erhoben hatte, das Schicksal der Juden in Venedig ein wechselreiches und oft sehr unsicheres gewesen. Abwechselnd wurden sie in der Stadt geduldet und aus ihr verlrieben. Die Inquisition wütete gegen den Talmud und die anderen heiligen Schriften der Juden, die in Venedig sehr zahlreich waren, und wurden die ersten' hebräischen Buchdruckereien bald nach Erfindung dieser schwarzen Kunst dort gegründet. Es entstanden bald zahleiche, ganz außerordentlich schöne Drucke. Schon dieser Umstand deutet auf den hohen Grad der wissenschaftlichen Lebenskultur der Juden in Venedig hin. Die jüdiche Gemeinde entwickelte sich dort immer mehr und" mehr, wurde ob ihres Reichtums viel beneidet Und hatte sehr viele Feinde Der furchtbaren 'Ritualmordbesahuldigung ist sie nicht entgangen. Es ist bemerkenswert, daß zwar ein mit den grausamsten Mitteln der Folter geführter Prozeß gegen einen Beschuldigten stattfand und mit der Verurteilung des armen Sünders endigte; aber der Doge Morenigo (1475) nahm durch ein Manifest die Gesamtheit der Juden gegen die Blutbeschuldigung in Schutz, und so wurden durch die Klugheit des Dogen tausende jüdischer Venctianer den Plänen der unheimlichen Inquisition entrissen, ganz außer Verfolgung gesetzt und Leben und Habe derselben gesichert. Daß die Juden in Venedig inmitten all der malerischen Pracht dieser Stadt durch ihre eigenartigen Lebensformen, die sich bei durchschnittlicher großer Wohlhabenheit, ja Pracht, entfalten konnten, mit einer besonderen Note mitsprachen, zeigen die sechs Tafeln, die wir dem Stift und Griffel des venetianischen Künstlers Francesco Novclli verdanken. Wir sehen au^rdicsen Tafeln, die wahrscheinlich als eine Ergänzung zu dem großen Eilderwerk des Bernard Picart (1673 bis 1733) „Cöremonics et Costumes religieuses de Tous les Peuples" zu betrachten sind, die Juden Venedigs in den Hauptmomenten des religiösen Lebens im Gottes- und Familicnhause. Wir sehen die int-^e Feier der Aufnahme des Kindes in den Bund, den Gott'mit Israel geschlossen, und dem unsichtbar auf dem pietätvoll für ihn bereitgestellten Sessel der Prophet Elias beiwohnt. Wir sehen die schöne Zeremonie der Hochzeit, und wie angesichts der lieblichen, verschleierten Braut das plas zerbrochen wird zur ernsten Mahnung, daß alles irdische Glück, auch das höchste, zerbrechlich ist. Dann zeigt uns das Begräbnis den schlichten Sarg, an dem das Judentum immer festgehalten hat, im Gegensatz zu anderen Kulten, wo auch bei dieser letzten Gelegenheit die Unterschiede zwischen arm und reich scharf hervortreten. Auch die charakteristische Gestalt des Buckligen fehlt nicht, der nach weitverbreitetem Volksaberglauben die Kraft innewohnen soll, die bösen Geister zu bannen, die gern ihren Aufenthall auf den Friedhöfen nehmen. Sehr eindrucksvoll ist die Feier der Aushebung der Thora gestaltet; man fühlt den ungeheuren Wert, den das Buch, der verkörperte Geist, für das Wesen und Leben der Israeliten hat. Das Bild des Sederabends gibt die Zeremonie in anderer Weise wieder, als wir sie heule zu feiern gewohnt sind, ein Beweis, daß diese Feier sich geschichtlich entwickelt hat und daß sie erst.im Laufe dieser Entwicklung sich mit dem Geist erfüllte, der heute aus dem Pessachhagadas spricht. Und heiter beschließt den Kreis der Bilder das schöne Laubhüttenfest, aus dem das innigste Behagen an allen guten Gaben der Erde spricht, ein Bild, aus dem die Dankbarkeil des Menschen gegen den Schöpfer strahlt. Von diesen Tafeln sind in dankenswerter Weise Neuabdrücke in der Reichsdruckerei in Berlin hergestellt worden und werden durch das Literarische Institut für Kunst und Wissenschaft in Berlin-Charloltenburg in einer eleganten Leinen- bzw. Luxusmappe mit einem e/Iäuterndcn Text auf maschinen- bzw. handgeschöpften) Bütten in der Größe 45 zu 34 Zentimeter geliefert. Der Gewinn ist für wohltätige Zwecke bestimmt, und zwar zur Hälfte für dre Israelitische Union, zur Hälfte für die Montifiore-Loge U, O. B. B. Die Mappe kostet in Luxusausgabe 50 Mark, in Leinen 28 Mark, bei monatlicher Teilzahlung 55 Mark bzw. 30 Mark. Bestellungen nimmt die Vcrbandsgeschäftsstelle gern entgegen. Unser Judentum Von Bez.-Rabbiner D h «Sc Liebreiche Belehrung, nicht gewaltsame Bekehrung ist des Judentums Aufgabe: „Nicht durch Macht und nicht durch Gewalt, sondern durch Gottes Geist." ,(Sach.) Viele aus fremden Kreisen pinden zu Israels Gott den Weg als fromme Bekehrte (jire adonoj oder gere hazzedck), die nicht durch aufdringlichen See'enfang und äußere Vorteile verlockt, sich dem Judcnlume anschlössen, sondern aus innerem Drange nach ernster Selbstprüfung. Anhang Die Quellen der jüdischen Sittenlehre, a) Die Bibel mit ihren Erzählungen, Mahnungen und Gesetzen. H Der Talmud. Anmerkung 1. Gibt der Talmud sittliche Lehren, die in der Bibel noch nicht dargelegt wurden, so sucht er sie dennoch durch eine eigentümliche Ausdeutungsweise der Schrift mit dem Bibelwort in Zusammenhang zu bringen. (Die Folge davon ist eine wunderbare „Kontinuität" des jüdischen Geisteslebens.) 2. Die talmudische, uns fremdartige Denk- und Rede- Weise müssen wir in .unsere Ausdrucksformen übertragen, z. B. „Die Bundeslade trägt ihr Träger" bedeutet: „Der Geist schafft sich seinen Körper". Kants Gedanke: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf der Erde leben", wird von den Rabbinern in der Allegorie ausgesprochen: „Gott wollte das Chaos wiederkehren lassen, wenn die Menseben das Gesetz nicht annehmen." c) Siddur: 1. durch den auf das Ideale gerichteten Geist der Gebete, 2. durch das Zurücktreten der persönlichen Wünsche vor denen der Gesamtheit, 3. durch die die Menschheit umfassenden messianischen Hoffnungen. ermann, Heilbronn, lufj.) 1 d) Poesie, die als Lyrodikdaktik (Piul) sittliche Belehung gibt oder als Legende vom mustergültigen Ton der Frnmberichtet. e) Geschichtliche Erinnerungen. Z. B. an das Duldertum der Märtyrer, deren hingebende Treue gegen die religiösen Satzungen Nacheiferung weckte, und deren Opferwilligkeit für ideale Gemüter nicht unwesentlich zur Hebung des sittlichen Bewußtseins beiträgt. I) Einrichtungen der Gemeinde: Fromme Vereine, ihre Satzungen und Ordnungen, z. B. Kuppa Armenkasse, Tamchuj Volksküche, Chewra Kaddtscha ubikkur cholim Verein für Krankenpflege und Beerdigungswesen, Haschnassat Kaiiah — Ausstattung armer Bräute, Mischan Abelim Upterstützung Trauernder (Statutenbestimmung dieses Vereins in Berlin in betreff der zwei Büchsen) u. v. a.m. Die Talmudworte: „Geh! hinaus und sieh', wie das Volk es treibt", „Iraels Brauch ist lehrreich", machen auf den sittlichen Gehalt solcher Institutionen und Bräuche aufmerksam. g) Zeremonien oder religiös-symbolische Handlungen. 1. ihr formaler Wert: Kant sagt: „Es gibt überall nichts Gutes, als einen guten Willen. Gut ist der Wille, der übereinstimmt mit dem Gesetz." Indem der Zeremonien übende Jude sich fragen muß, entspricht dieses oder jenes Tun dem Gesetz, wird der Sinn für Gesetzmäßigkeit in iiiin entwickelt. 2. ihr realer Wert: > Nach Lotze soll der Mensch eine sittliche Einheit sein; diese wird erlangt durch stetige Beziehung aller Lebensregungen auf Gott. Da die Zeremonien alle Arbeit und allen Genuß des Lebens begleiten und so ohn' Unterlaß den Juden an Gott gemahnen, geben sie ihm diese sittliche Einheit. 3. ihr psychologischer Wert: Schillers Wort: „Denn aua Gemeinem ist der Mensch ge-