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Der Jugendbund · 1927-03-10 · 5 (10.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
5 (10.3.1927)
Date
1927-03-10
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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- ist. In diesem Sinne also, ist zu beweisen, war Ballin der Typ jenes jüdischen Großindustriellen — Großkaufmanr.s in Deutschland, der, von jüdischen Eltern geboren, im wesentlichen aus anständigem Charakter, manchmal auch aus Pietät im ererbten Väterglauben verharrt, ohne irgendwelche Ansprüche oder Forderungen, die diese Väterreligion etwa an ihn stellt, anzuerkennen, geschweige denn zu erfüllen. Diese Männer wenden von, oft in ärmlichen oder jedenfalls in kleinbürgerlichen Verhältnissen lebenden, Juden geboren. Eigene Tüchtigkeit, ja Genialität führt sie in wirtschaftlichen Aufschwungperioden, die sie rechtzeitig nahen fühlen, steil empor auf die Höhen ihres Lebens, ihrer beruflichen und persönlichen Geltung und Macht. Eins geworden mit der deutschen Volkswirtschaft, der deutschen Politik, die sie in ihrer Berufstätigkeit-entscheidend beeinflußt, die auch sie natürlich in Wechselwirkung beeinflussen, werden sie in dauernder intimer Fühlung mit den Führern des deutschen Staates auch eins, fast völlig eins mit dem-deutschen Volke. Ihre Interessen sind so völlig identisch mit denen ihrer andersgläubigen Berufs- und Standesgenossen, ihre politische, geistige, soziale Haltung ist so sehr die gleiche wie die von Wirtschaftsgelden christlichen Bekenntnisses, daß man sie, ohne Kenntnis ihrer Herkunft kaum zu unterscheiden weiß. Diese Leute, Christen und Juden, haben kein eigenes persönliches Interesse an den Dingen des Geistes, ,der Kultur, die die eigentlichen Lebens- und Erhaltungselemcnte eines Volkes sind. Die Förderung deutscher Kunst, Literatur, Wissenschaft betrachten sie meist nicht als ihre Aufgabe, der Mäcen ist fast ausgestorben. Dabei sind sie nicht einmal als nur-egoistisch zu bezeichnen, als Geldsammler, Raffer, Verdiener oder so ähnlich,- sondern auch sie fühlen sich als Träger einer gewissen Mission, die sie erfüllen wollen, als Träger einer Weit und Menschen beglückenden Mission: sie wollen ernüchtern: denn sie sind selbst nüchtern. Sie wollen aus den Phantasten und Träumern, den Kulturpropheten und Pfaffen, den S.>zialidcologen und Jesuiten, den Denkern und Dichtern ein Weltvolk machen, das unter der strahlenden Sonne der Statistik und der Maschine lebt, arbeitet, schläft, ißt und sich fortpflanzt. ■ . S:r.d diese Wirtschaftsführer nun Juden, so schwingen sie sich, oft durch den „jüdischen Handi-lsgeist" beschleunigt, zu einer erfolggekrönten Stellung empor, von der aus auch sie -schöpferisch, .. durchaus nicht nach antisemitischer Ideologie destruktiv, für Wirtschaft, Technik und Verkehr wirken. Aber sie haben ich von jüdischer Lebens- und Denkweise völlig emanzipiert; ihr Wesen in seinem vollen Umfang ist "nicht „christlich'- geworden und es ist nicht „deutsch" geworden. Aber es ist so geworden, wie das ihrer nicht'üdischcn Berufskollegen» übernational, siandesmäßig. So sind die Strausberg, Hansemann, Emil Rathenau, Bleichrüder, Mankiewitz, Felix Deutsch. Fürstenberg, Warburg, Hugo J. Herzfeld, Otto Wolff, Castii>lior.i, Bösel und indere mehr. (Ausnahmen besttätigen die Kegel.J Sic steigen rasch herauf, und wie sich i':r Schicksal r.tih gestaltet, i-A für die Herausschälung des Typs in unserer Betrachtung unwesentlich. Die einen hinterlassen "massive, kolossale Werke, geeignet, den Stürmen der Zeit 7*1 trolccn: die anderen fallen und sinken ins namenlose Vergessen hinab, aus dem sie gekommen. Ihr Schicksal, wie auch immer es sich gestaltet, es ist in keinem Fall anormal, sondern im Gegenteil: typisch. Einer der Gegensätze der normalen Entwicklung ,kann in gewisser Beziehung die tragische Entwicklung genannt werden. Tragisch aber ist die Entwicklung der Walter Rathenau und Albert Ballin deshalb, weil sie an ihrer im Ziel falschen und im Mittel verkehrten geistigen Einstellung der jüdischen Wirtschaitsgcstalter scheiterten. Weil sie tiefere Naturen waren als die anderen, haben sie mit für die anderen die Kosten zu zahlen gehabt, und sie büßten so eigene und fremde Sünden, Deutlicher als bei Walter Rathenau, der, sowohl als Sohn eines Mannes wie Emil Rathenau als auch als Schriftsteller und Gesellschaftsreformer, nicht ganz und unbedingt in unsere Darstellung paßt, ist der krankhafte Dualismus bei Ballin zu erkennen. Sein Vater noch müht sich um die Bürgerrechte, die er nicht voll genießen kann. Er selbst übt in den ersten Jahren den Beruf eines Auswandereragenten aus, der zeitweise als nicht durchaus ehrenhaft, sagen wir vorsichtiger: ebenbürtig, vornehm galt. Er ringt sich empor, hat als Jude mancherlei antisemitische Instinkte zu überwinden, wird verkannt, schafft in der Wegweisung der deutschen Handelspolitik und im Aufbau der deutschen Handelsflotte ein gewaltiges, nationales Werk, wächst mit seiner ganzen Persönlichkeit in dieses nationale Werk hinein — und wird schließlich selbst ein für unser Empfinden heute sogar zu sehr .nationalistisch eingestellter Mann. Vaterlandsliebend, regierungs- und kaisertreu, einwenigbyzantinistisch, aberdoch wieder meist sehr klarblickend, in anderen Augenblicken wieder zu opportunistisch — so steht er vor uns, ein Genie mit allen seinen Fehlcrnl Typisch nicht deshalb nur, weil er unausgeglichen ist, weil er eine christliche Frau heiratet und doch nur mit jüdischen Mänrcrn näher befreundet ist, weil er sein Judentum nie zu verbergen sucht und doch für jüdische Dinge nichts übrig hat, weil er während der Hamburger Choleracpidcmie ein Waisenkind adoptiert, das Mädchen mit seiner garzen herzinnigen Liebesbedürftigkeit liebt, und doch den Streik der Hamburger Hafenarbeiter mit allen Mitteln gewaltgewohrten Unlernehmcrlums niedertritt. Das alles sind wohl für diese Menschengruppe typische Gegensätze zwischen Wesen und Wirken." Aber w:s uns besonders typisch erscheint, dis ist d;e aus tiefinnerlichrr Verbundenheit mit Deutschlands Schicksal strömende Anteilnahme, die schließlich zu wiederholten, leider ergebnislosen Versuchen einer energischen Beeinflussung der großen Politik der Wilhelnstraße führt. Aber — schmerzliches Ccichiclc, d' s deutseben Juden, des jüdischen Kau'mapnesl — vcrk.-nr.t, verhöhnt, unbeachtet Augenblick von ihm Glück des heißgeliebten, deutschen Volkes, sondern er zerbricht auch sein Lebenswerk, d;e Hapag, d'" von der sto'ien Stelii'r g der größten Reederei der Welt zu eirem bescheidenen, kontinentalen Schiifahrlsur.tfrrnehiren hcrabsirkt, Der Mann ist um die dreißig ."hrif.e /rb"it seine* heldisch anmutenden Lebens betrogen. Während die Revolution ari 9. November 1918 an seine Türe klopft) der kaiserliche Freund und die Prominenten des ancien regime ins schützende Aurland bei Nacht und Nebel desertieren, verlöscht sein Leben, ausgebrannt. Die Beruhigungspille, die er an d-csem schicksalsschwangcren 9. November einnimmt, ob er sie ab-.ichl'.ch oder unabsichtlich in allzu großer Meng« sch'uckt, das Gc. heimnis seines plötzlichen Todes i-.t ii.-cr-'-ürdrt. unergr">d« bar. Er ward ein Märtyrer jüdischer Zcr-:sserhe:t. der Typ, der an der Mangelhaftigkeit unverdauter und in zweifellos unverdaulicher Assimilation zerging von uns .... Der Zusammenbn-.ch, verausgesehp", zerstört in manchem nicht nur d-.s dieser Wei'« . , , einer Aus dem Leben der Juden in Venedig im 18. Jahrhundert Wenige Staaten und Städte haben eine so große Rolle im Leben der Juden im Mittelalter und weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein gespielt, wie Venedig. Die erste Erwähnung der Ebrei in einem Dekret des venetianischen Staates vorn. Jahre 945 besagt freilich, daß den Kapitänen der im östlichen Mittclmeer segelnden Schiffe verboten wird, „Juden oder andere Kaufleute" an Bord zu nehmen — offenbar eine Maßregel zum vermeintlichen Schutze von Venedigs Handel, die aber bald einer besseren Einsicht gewichen zu sein scheint. Schon der Zensus von 1152 gibt die Zahl der Juden im venetianischen Staatsgebiet auf 1300 an. Die Stadt' selbst durften sie nicht, oder nur in seltenen Ausnahmefällen vorübergehend betreten; in Spinalunga (La Gihdezza) und Mestre mußten sie wohnen. Die Klagen über die allzu enge Unterbringung in diesen Ghettos führten mit der Zeit dahin, daß einer größeren Anzahl jüdischer Familien, wenn auch zunächst immer nur auf den Zeitraum von fünf Jahren, das Wohnen in Venedig selbst gestattet wurde. Aus Gründen kluger Geschäftspolitik, weil die Juden als Kaufleute das Ansehen und den Wohlstand Venedigs förderten, erfreuten sich dieselben des besonderen Wohlwollens eines hohen Senates, und man bediente sich gern jüdischer Bankiers zur Finanzierung der Kriege gegen Spanier und Türken. Im Jahre 1688 wurden neu* Gesetze für die Juden abge-

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