Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1927-03-10 · 5 (10.3.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
5 (10.3.1927)
Date
1927-03-10
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492456-6352305-6352509--0353-4928540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gegen («des Unrecht, sein leidenschaftlicher Kampf für die Freiheit. Nene Wege wies er der Literaturgeschichte in seinem grandiosen sechsbändigen Werke „Die Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts" and in seinen Büchern Uber Shakespeare und Goethe, die zum Klarsten und Tielsten gehören, was über diese beiden größten Dichter geschrieben worden ist. Durch sein leidenschaftliches Eintreten in Wort und Schrift erschloß er Europa Dostojewski und Ibsen. % Die Literatur war für Brandes die Grundlage des gesamtem sozialen und politischen Lebens. Deshalb legte er an alle künstlerischen Schöpfungen den höchsten Maßstab und verlangte von ihnen das letzte Menschliche. So mußte er »um Weltbürger werden, den der Wahnsinn des Weltkrieges bis Ins Innerste erschütterte. Vielleicht hat ihn diese Enttäuschung, die ihm die Menschheit bereitete, gebrochen, wie so viele'Kämpfer für Menschentum und Menschenrecht. Albert Ballin, ein jüdischer Typ? Von Ern^l Holzer, Frankfurt a. M. Die Memoiren und Biographien, die in den Jahren nach dem großen Krieg auf unseren Büchertisch gelegt wurden, sind Legion. Dort, wo sich führende Männer des Gestern vor dem Heute und dem Morgen zu rechtfertigen suchen für das, was sie taten und was sie nicht taten, dort haben wir, Leser und Richter in einer Person, meist nur Anlaß zu einem bitleren Gelächter; denn wahrhaft zürnen kann man nur dem bedeuten« den Menschen, der irrt. Nun aber liegt vor uns ein Buch'), das einen ganz anderen Eindruck macht. Du liest es, wenn du nur ein wenig Einhlick in politische und wirtschaftliche Zusammenhänge hast, mit der *) Stubmann: Ballin, Leben und Werk eines deutschen Reeders. Verlagsanstail Hermann Klemm, A.-G., Berlin-firuncwald. 1926. Spannung, die das untrügliche Zeichen nicht nur künstlerischer Meisterschaft des Schreibers, sondern vielmehr stärkster Interessennahme des Lesers ist. Da steht ein Mann von größtem Schüpfungswillen vor dir, ein Jude, ein Großindustrieller — und ein deutsch-jüdischer Typ: Albert Ballin. Ist dies wertvolle Buch schon deshalb lesenswert, weil für -uns Junge aus der Erkenntnis menschlicher, männlich-gclebter Lebensläufe oft Gestaltendes für unser eigenes Leben erwächst — so sollen im folgenden die Elementeherausgehoben werden, die diesen Ballin zu einem jüdischen Typ machten. Unter einem Typ versteht man gemeiniglich einen Menschen oder einen Gegenstand, der in seinem Wesen und Wirken sowohl Ab-bild wie Vor-bild (beides in seiner ursprünglichen Wortbedeutung verstanden) einer ihm gleichgearteten Spezies seiner großen Leistungen gewaltigen RespeKt hatten —, er beschloß, einer Lokomotive eine Seele zu geben. Er suchte sich dafür eine Lokomotive aus, die sich in nichts von ihren Alters- und Berufskolleginnen unterschied, die täglich, gut angefeuert, ihren Dienst vor den Zügen versah —, eine ganz geu ähnliche Lokomotive mit 8 oder 10 Rädern. Und so geschah's! Die Lokomotive, die bis dahin ganz ohne irgend etwas zu denken, ihren Dienst verrichtet halte, bekam auf einmal Stimmungen. Während bis dahin, wenn an dem betreffenden Hebel gezogen wurde, sie ruhig ihren Dampf abgelassen hatte, ging auf einmal dieser ganz einfache Vorgang nicht vor sich, ohne'daß der Dampf mit eirem tiefen Seufzer entwich. Die Lokomotive führte auf einmal ein Leben, das mit den vielen kleinen Nachdenklichkeiten des Lebens eines beseelten Wesen* durchsetzt war, und die Lokomotivführer, die mit der Lokomotive ganz zufrieden gewesen waren, wußten eigentlich gar nichts Rechtes mit diesem neuartigen und sonderbaren Zustand anzufangen. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß diese Lokomotive mit der Seele sich verliebte. Sic verliebte sich ganz heiß in den Stationsvorsteher ihrer Heimatsstation. Das war aber auch uirVüch ein ganz berückender Mann. Er hatte eine wundervolle rete Mütze auf, und auch die Lokomotive, dieses weibliche Wesen mit der Serie, verliebte sich zunächst in das, v.as der Mann auf dem .Kopfe halte. Doch trotz ihrer Bemühungen konnte sie nicht in .engere Beziehungen zu dem Gegenstand ihrer Liebe kommen und unter tiefen Seufzern ließ sie jedes Mal den Dampf ab, wenn sie wieder einmal vergeblich nach ihm ausgespäht hatte. Hatte erwirklich einmal Dienst auf dem Bahnsteig, auf dem sie ungeduldig seiner harr!.'. Sah sie mit Herzklopfen, daß er sich mit der weithin leuchtenden Mütze ihr näherte, konote sie schon hoffen, daß endlich — endlich er zu ihr hir.trclen wurde —, da auf einmal hob er abwehrend eine weiße, runde Scheibe in die Höhe — und fort mußte sie. Der Liebe Sehnsucht in ihrem heiß glühenden Innern wurde immer größer. Mit Unmut mußte der Lokomotivführer des rfteren unterwegs feststellen, daß sie sehr nachlässig nur ihren Dienst versah, irgend etwas mußte in der vor kurzem noch so tadellosen Maschine in Unordnung geraten sein. Er machte auch den Bahnhofsvorsteber darauf aufmerksam, der besah sich die Lokomotive nur von ferne, schüttelte den Kopt und gab das Zeichen, daß sich die Lokomotive entferne. Bittere Tränen vergoß die Lokomotive ob ihrer unglücklichen Liebe, so daß sich bald ihr bis dahin so blankes Aeußerc mit breiten Roslstrtifen überzog. . Und eines Morgens geschah das Unglück. Als sie wieder tinmal tief seufzend und stöhnend den Dampf abgab, befahl der Bahnhofsvorsteher, eben derselbe, den sie liebte, sie abzufahren und auf dem Abstellbahnhof für untaugliches Material stehen zu lassen. Der tiefe Schmerz über diese ungerechte Behandlung des Geliebten brachte nun selbst diese heiße Glut zum Erlöschen. Traurig und verlassen, allen Winden and Wettern preisgegeben, stand noch lange Zeit die Lokomotive auf dem Abstcllbahnhot. Rostfleckig und schartig sah sie dem Tag entgegen, da Hämmer sie zu Alteisen zerschlugen. Keinen Menschen hatte das Schicksal der Lokomotive irgendwie berührt. Niemand, weder der Bahnhofsvorsteher noch der Lokomotivführer noch-ugend sonst ein Fahrgast, hatte sich die Lokomotive, die sicE" so eigentümlich von den anderen unterschied, überhaupt nur näher angesehen, und da sah nun der liebe Gott, daß auch dieser Weg, die Menschen zu bessern, ein vergeblicher war. Er nahm die Seele der alten Lokomotive wieder und mußte seufzend erkennen — er hatte sich am sechsten Schöpfungstagc geirrt. ' Frisch. L Objektivität Vott-K arl Schnog. Aus Nr. 4 der „Jüdischen Gemeinde". „Meine besten Freunde sind Semiten und ich kenne keinen Rassenhai). Doch, pardon, auf geistigen Gebieten ihre Leute sind doch wohl zu kraß. Nicht nur, weil ich als Student aktiv bin und mein Vater keine Juden mag, sondern, weil ich wirklich objektiv bin ... . •" (Und dann dröhnt der feste ,,Hammcr"schlag). .JJicht, daß ich was gegen Juden hätte, ich hab' Gcnllcmendabei entdeckt. Doch sie passen nicht an diese Ställe Sic sind kritisch und oft unkorrekt. - Nicht nur, weil ich wieder mal vakant bin, — und Herr Mendel für die Firma reist, sondern weil ich wirklich tolerant bin . . :" (Und dann spricht Protcssor Bartels Geist). „Nicht, daß ich den Typ vielleicht verachte. _V, diese Jungens haben Mut und Kraft. Doch, wenn ich das Volk genau betrachte: Echt ist cur die deutsche Leidenschaft. Nicht nur, weil ich blond und rasseecht bin und mein Bräutigam so schnell in Wut, sondern weil ich ganz und gar gerecht bin.... (Und dann schreit die „Sünde widert Blut").

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.