Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (10.3.1927)
- Date
- 1927-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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' Ihr Wesen ist die Erziehungsgemeinschaft. „Wir fordern eine problematische Klassener^'chung auf der Grundlage der marxistischen Erkenntnis."*) Ihr Ziel „ist die Heranbildung politischer Menschen, das ist Gestalter, Bildner des gesellschaftlichen Lebens. — An Stelle des Persönlichkeitskultes der bürgerlichen Erziehung fordert die jungsozialistische Bewegung die Politisierung der Massen".*) So erkennen die Jungsoziälisten die Notwendigkeit, über die Jugendbewegung hinauszukommen. Deshalb lehnen sie sich auf gegen die von der Partei gegängelte SAJ., die in romantischer Gefühlsduselei, in nationalistischem Phrasenschwung das Proletarierkind zum Spießbürger mache. Indem die Jungsoziälisten ferner „Wissen und Erkennen" als Methode und Ziel aufstellen, setzen sie sich in Gegensatz zur Parteibureaukratie, der, wie allem Gewordenen, alles Werdende und alles Fragende lästig erscheint. So fühlen die Jungsozialisten in sich die Aufgabe, dereinst die Partei und die Arbeiterbewegung aus ihrer Krisis zu befreien, ihr den Weg zum Hinauswachsen über Enge und Spießertum zu zeigen. Und indem sie sich gegen die SAJ. wenden, sprechen sie mit Gustav Radbruch, einem ihrer geistigen Führer, vergleichend, von ,,Sein und Bewußtsein, Leben und Denken" als von den Wesensunterschieden dort und hier. — Es ist also festzustellen, daß die Fragen und Sorgen stets die gleichen sind, ob sie im Kreise bürgerlicher oder proletarischer Jungen, im Kreise christlicher oder jüdischer junger Menschen hervortreten. Ist es dasselbe Milieu, Himmel, Erde,- Wasser, Luft, das die gleichen Ergebnisse auch bei unterschiedlichen Menschengruppen — Gruppenmenschen — erzielt? E. H. *) Aus: Lepinski, Dje jungsozialistische Bewegung*, ihre Geschichte und ihre Aufgabe. Berlin 1927. E. Laubsche Verlagsbuchhandlung. Spi unoza Von Studienrat Dr. M. K a t z , Düsseldorf. Zweierlei Dinge sind es, die den Fortbestand des Menschen sichern: der Geist und der Buchslabe. Der Buchstabe, häufig ein Feind des Geistes, kann nur eine Zeitlang bestehen, wenn er nicht Inhalte schöpferischer Art in sich .trägt, d. h. selbst Geist ist. Der wahre Geist gewinnt immer neue Werte, bleibt lebendig und wird immer neu geboren. Spinozas Werk gehört jeder neuen Gegenwart an, es ist innerlich produktiv und voller Gestaltungskraft. Der Philosoph gleicht den ganz Großen, wie Plato und Kant, und auch in der Hinsicht, da!l «ich seine Anhänger einen Teil aus ihm herausnehme n_ und diese einseitigen Wahrheiten in ihren letzten Folgerungen entwickeln. In ihm lebte die ewige Vernunft, so wie er sich die Welt dachte. Er ging voran auf dem Wege, auf den ihn die Notwendigkeiten des Soseinmüssens führten. In ihm. in seinem glutvollen Innern, gewinnt es zuerst seine geistige Prägung und trägt daher die Weihe schöpferischer Krat't in sich. Indem er seiner eignen Stimme folgte, wurde er Verkünder neuer Wahrheiten, wie sie damals die Uhr der Weltgeschichte anzeigte, wie sie in diesem Punkte in der Entwicklung der Philosophie gedacht, sein wollten. Hier tritt ein Mensch auf. in dessen Seele Gott und Welt einen neuen Sinn aufgenommen haben. Es ist, als erschlössen sich neue Quellen des Menschendaseins, neue Sinne, den Reichtum und die Vielheit des Geschehen.; im Lichte einer neuen Offenbarung zu zeigen. Wer sich mit philosophischen Fragen beschäftigt, wird an ihn. den großen Denker vom Haag, nicht vorübergehen können. Er lebte im 17. Jahrhundert, in einer Zeit, die voller Kämpfe war. Das Mittelalter, die Renaissance, die Reformation, waren noch lebendig. Die Menschheit war gespalten und in Gegensätze aufgelöst. Eine Weltkrise des Geistes offenbart sich uns, BUS der nur einzelne große Denker sich befreien konnten. In Spinoza hat das Judentum einen tiefen Niederschlag gefunden. Die Triebkraft seines Schaffens ist die alte jüdische Sehnsucht, der Grundzag seines Herzens und die wahre Heimat im Innersten c!er eignen Seele. Wir beginnen in ihm diese große Sehnsucht z.i verstehen als Streben nach Wahrheit auf dem Boden tiefer Religiosität, im Kampfe um Glauben und Wissen. Ei ist eine Tragik in der Geschichte, daß die jüdische Umwelt dieses Heros menschlich*. Geistesgeschichte nicht richtig erkannt hat und ihn für einen gottlosen Frevler hielt, der er nie gewesen ist. Seine Gemeinde verstieß ihn, weil er den Anweisungen und Wünschen der Rabbiner seiner Vaterstadt Amsterdam nicht nachkam. Der Form nach ist er nach dem Banne nicht Jude geblieben, seinem innersten Wesen nach hat er sich von seinem Judentume nicht trennen können, dessen Quellen er kannte und aus dessen reichen Born er zeitlebens schöpfte. Wir Juden nennen mit Stolz seinen Namen, der so rein aus der Geschichte herausleuchtet und der Geistesgeschichte der Menschheit unsterbliche Werte gegeben hat. Unserer Jugend kann er ein Beispiel rastlosen Strebens und konsequenten Handelns sein, unerreicht in seiner Bescheidenheit und Einfachheit. Nie hat ein Mensch sich mehr in der Gewalt gehabt als er in der Bezwingung seiner Leidenschaften und in der Beherrschung seines inneren Wesens. Neben seinem Werke steht daher ebenso hoch seine Menschengröße, seine ganze Persönlichkeit. Sein ganzes Leben ist ein Heldensieg, der den Menschen befreit, der Steg über sich selbst. Spinoza bildet den Uebergang vom Mittelalter zur Neuzeit, sr Dinge, jus Gott A e Einzelihn der Die Wurzeln seines doch häufig gefühlsmäßigen Denkens liegen in der jüdischen Mystik, aus der sein heller. Geist herausragl und in modernen Gedankengängen sich kundgibt. Drei Richtungen der Wissenschaft sind in Spinoza deutlich erkennbar, die ihn aus der theologisch-scholastischen Hülle seiner Zeit hinausführen: seine mathematische rationale Methode, seine mechanische Naturauffassung und sein aus mystisch-jüdischer Weltanschauung hcrausgeborener Gottesbegriff. Was ihn von den mittelalterlichen Scholastikern trennt, ist vor allem seine rationalistische Ueberzeugung von der Erkennbarkeit. Gottes. Er will die Wissenschaft unabhängig von der Religion machen, deren Lehren das Gemüt erheben, aber—den Verstand nicht belehren. Für ihn ist alles durch Vernunft erkennbar, die die Wirklichkeit bis auf den Grund erschöpfen und mit ihrer Liebe durchdringen kann. Erkenntnis und Liebe Gottes, die er amor dei inteltcctualis nennt, sind für ihn höchstes Gut und höchste Tugend und führen allein zu Gott. Nur in der adäquaten Erkenntnis und der Gottesliebe sind wir unsterblich. Von der Seele des Weisen ist ein größerer Teil ewig als von der des Toren. Gott oder die Substanz ist für den Denker Ursache von sich-selbst und von allem; er ist der Wesenskern aller Dinge, der alles in sich faßt' und einschließt. Nichts fällt au heraus, sondern bleibt in ihm. Auch die Welt und die dinge liegen im Schöße der Gottheit. Damit fällt für Dualismus von Gott und Welt. Seine Denkweise ist der Monismus, die Lehre von der Einheit alles Seins, die aber für den holländischen Denker die Allheit bedeutet. Er verwandelt den Monos in das Pan, d. h. den Einen in die Allheit und damit den Monotheismus in den Pantheismus. Da es außer Gott nichts gibt, so folgt sein Handeln aus den Gesetzen seines Wesens. Grund der Existenz Gottes ist zugleich Grund seines Handelns. Im Bereich der Einzeldinge, die in Gott ruhen, kann es für den Denker keine Freiheit mehr geben. Die Erscheinungswelt zeigt weder eine erste noch eine letzte Ursache. Alle endlichen Ursachen sind sekundär, die primären liegen in der Sphäre des Unendlichen. In der Welt des Menschen ist alles determiniert. Nichts Tkann anders sein und geschehen, als es ist und geschieht, Spinoza hat auf die nachfolgende Zeit, insbesondere auf die deutsche Geistesgeschichfe einen großen Einfluß ausgeübt. Von den vielen, die ihm viel zu danken haben, greife ich Goethe heraus, dessen Philosophie den Geist Spinozas atmet. 1784 schreibt Goethe an Knebel: „Ich fühle mich dem Spinoza sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und teiner ist als der meinige." Die tiefe Begeisterung und Verehrung für Spinoza, die Goethe schon früh gefaßt hatte, haben ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet. Der große Dichter richtet sein Auge auf die Natur und sucht ihre .Geheimnisse zu belauschen. Er führt uns hinaus in ihre schaffende Werkstätte und zeigt uns: Wie alles sich zum Ganzen webt. Eins in dem andern wirkt und lebt. Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen. Mit segenduftenden Schwingen, Vom Himmel durch die Erde dringen, Harmonisch all das All durchklingen.