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Der Jugendbund · 1927-03-10 · 5 (10.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
5 (10.3.1927)
Date
1927-03-10
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Erwiderung. Lieber Erwin Baerl " Der Umstand unserer persönlichen Bekanntschaft erlaubt mir diese direkte Anrede; die Tatsache einer Auseinandersetzung veranlaßt mich, aus meiner, ja nicht allzu streng verborgenen, Anonymität herauszutreten. Sie fahren mit schwerem Geschütz auf, sprechen von „objektiv unrichtig wiedergegebenen Einzelheiten", von „vermißter Reinlichkeit inncriiidischer Auseinandersetzungen" . so »ehr im Brustton tiefster Ueberzeugung, daß ich nicht umhin kann, Sie darüber aufzuklärer., aas ich in Ihrem Aufsatz durch meine „Randbemerkung" kritisiert habe, und was Sie, wie mir icheint, tatsächlich nicht erfaßt haben. Zunächst zu Ihren Feststellungen über die Tendenzen zionistischer Jugenderziehung. Mit der Bemerkung, „man kann über dies oder jenes je nach Einstellung verschiedener Anlicht sein",'wird m. E. niemals irgendeine Behauptung als unglaubwürdig dargestellt; wohl aber wird sie als umstritten bezeichnet. Und daß'die von Ihnen angezogenen Ausführungen Dr. Kanowitz' auf dem Erfurter Zionistenkongreß selbst nicht bestritten wurden, werden Sie schließlich nicht behaupten können. Im übrigen aber stände mir als jungem Menschen, auch als Nicht-Mitglied der Zionistischen Organisation, und sogar nur als interessiertem Beobachter, .doch auch das Recht zu, die Tendenzen zionistischer Jugenderziehung in ihrem Grunde anders zu beurteilen als Erwin Baer und Dr. Kanowitz. Doch dies ist für unsere Sache*hier nur von untergeordneter Bedeutung. Sie glauben, Herr Baer, daß ich, Mitglied des neutralen Jugendverbandes, mich betroffen gefühlt hätte, als ich den Eindruck hatte, Sie würden 'dem neutralen Jugendverband zionistische Tendenzen, absichtlich oder wahrscheinlich nur unabsichtlich,, zuschieben. Sie meinen, ich hätte geschrien nach dem Rezept.: Wer sich getroffen fühlt, bellt! Hierzu möchte ich Ihnen folgendes erwidern; Die CV.-Zeitung wird, wenn ich nicht irre, von 80 000 jüdischen Familien gelesen. Glauben Sie, daß alle diese Leser, die oberflächlich die Blätter überfliegen, so innig vertraut sind mit den Organisationsformen und Tendenzen der unterschiedlichen jüdischen Jugendbünde, daß sie bei der Lektüre nicht an den neutralen Verband dachten? Garantieren Sie, daß »11 e Ihre Leser, wenn sie irgendwann und irgendwo von neutralen Jugendvereinen hören, nicht eich erinnernd sagen werden: Also auch solch' ein „neutraler" Jugendentwurzeier? Warum haben Sie nicht, um von vornherein jedes Miß. Verständnis auszuschließen, den neutralen Jugendverband und seine Jugendvereine ausdrücklich ausgenommen? War es so schwer, irgendeine einschränkende Bemerkung zu finden? Sie müssen, wenn Sie in einer verbreiteten Zeitschrift schreiben, mit der Wirkung rechnen, die Ihre Ausführungen in der breiten Masse nicht genau Informierter und nicht intensiv Interessierter haben. Nun noch ein Zweites: Wenn Sie einen Hund immer wieder mit einem Knochen werfen, so braucht er nicht von besonders ausgeprägter Intelligenz zu sein, um schon zu bellen, wenn er erst den Knochen riecht. Auf unseren Fall angewandt: Ich könnte Ihnen zahllose CV.-Zeitungcn, Hauptversammlungsberichte und dergleichen zeigen, wo maßgebende Männer aus Ihrem Kreise sich mit Argumenten, die nicht immer sehr vornehm und sehr richtig waren, in Front gegen den neutralen Verband gesetzt haben. Von diesen zahlreichen Belegen will ich nur einen anführen, wo der Führer der „Deutschjüdischen Jugendgemeinschaft" die Existenzberechtigung dieser CV.-Gründung mit dein, gelinde ausgedrückt, fadenscheinigen, ja bewußt falschen Argument zu beweisen versuchte, daß „häufig genug unter dem Deckmantel der Neutralität eine rein zionistische oder nationaljüdische Pobtik getrieben werde". Hier hat Dr. Tietz zweifellos den neutralen Jugendverband ausdrücklich gemeint, denn vier Sätze vorher hat er ihn apostrophiert. Das war vor bald drei Jahren gesagt worden; damals gab es noch keinen „Kadimah", und von JJWB. und Bar-Kochba als Trägern zionistischer Jugendarbeit unter neutralem Mantel'konnte noch keine Rede sein. Hier hat man nicht einmal wie Sie, lieber Erwin Baer, auf dem vorigen Blatt ganze anderthalb Spalten zuvor einige Namen genannt und, wieder Mißdeutungen Tür und.Tor öffnend, den neutralen Jugendverband wohl in einem Nebensatz genannt, wie Sie es taten. Ich weiß nun wohl, daß dieser Offensivgeist sich im CV. neuerdings etwas abgekühlt hat; vielleicht hoffe ich es auch nur. Wenn diese Auseinandersetzung, aber nur erreichen würde, daß Sie meine Kritik als berechtigt, dem Sinne und der Sache nach, anerkennten und daraus gewisse naheliegende Folgerungen ziigen, so wäre der Zweck erreicht. Ernst Holzer, Frankfurt a. M. Aus andern Lagern Jungsozialisten — Sozialistische Arbeiterjugend. Wenn wir die allgemeine deutsche und die jüdische Jugendbewegung betrachten, so sehen wir fast überall, in ihrer Theorie und in ihrer Praxis, einen wunden Punkt, eine offene Wunde, die" zu heilen man sich bemüht, an der auch so mancher Bund zerging. Dieses Problem blieb ungelöst, als sich der alte freideutsche Wandervogel in zahllose Gruppen spaltete, und es blieb Problem, als der Zusammenschluß des neuen Bundes der Wandervögel und Pfadfinder erfolgte. Dieses Problem führte vor einiger Zeit beim Blau-Weiß zum Zusammenbruch, und es bleibt Problem beim neuen Kadimah, wo man ihm mit der Boy-scont-Ider>logie beizukommen sucht. Im Kameradenbunde wieder sucht man eine fintffe Lösung, indem man eine scharfe^kganisatorische Trennung des Wanderbundes (der Jüngeren) un<i des Aelterenbundes vornahm. Was gemeint ist, ist klar: es ist das schwerwiegendste, entscheidende Problem jeglicher Jugendbewegung, das „Aelteren-Problem". Wenn man heute die von der Bewegung erfaßten Kreise der Jugend genau prüft, so kann man feststellen, daß in den allermeisten Fällen die Führer Menschen sind, die bereits über die Grcn2e von 18 Jahren hinaus sind. Diese „Führer" treiben also an ihren „Geführten" das, was man gemeiniglich Jugendpflege nennt. Grundsätzlich unterscheiden sie sich nicht von den berufsamtlichen Jugcndpflegem, und ihre Bünde unterscheiden sich im Prinzip ebenfalls nicht von den sog. Jugendpflege^. Organisationen. Es ist eine noch ungelöste Frage, ob man in dieser Erkenntnis die Ursache für den Niedergang der Jugendbewegung erblicken kann. Man kann nämlich sehr wohl die Behauptung'aufstellen, daß heule der vorherrschende Typ der Jugendbünde Deutschlands die autonome Jugendvereinigung ist, die den Charakter der Autonomie, Freiheit, Selbständigkeit von der Jugendbewegufig, und das Gesetzte, Realdenkende, Pflegerische von der Jugendpflege übernahm. Ein ungemein interessantes Bild nun bietet die Jungsozialistische Bewegung und die Sozialistische Arbeiterjugend fSAJ.), weil sich hier zeigt, wie aus der revolutionären Gesinnung der bürgerlichen Jugend und aus der revolutionären Gesinnung der proletarischen Jugend (die bezüglich des Objektes ja grundverschieden sind) sich Folgerungen ergeben, Zustände erwachsen, die bis ins letzte hinein die gleichen sind. Auch hier besteht vor dem Kriege nur eine einzige proletarische Jugendorganisation, die „Arbeiterjugend". Als jedoch ihre Anhänger älter wurden, als sie vor allen Dingen vom Kriegserlebnis durchrüttelt wurden, da verlernten sie plötzlich, Reigen und Volkstänze zu tanzen; sie finden keinen Sinn mehr darin, an lohenden Johannisfeuern nächtliche Feierstunden zu verleben. Sie wenden sich ab von der Romantik ihrer Knabenjahre. Aber — sie fühlen sich auch, wie die Kieler Beschlüsse der Jungsozialisten von 1921 erklären, abgestoßen von der Partei, die „so einseitig verslandesmäßig und materialistisch gerichtet ist, daß sie die in der Jugend vorhandenen und durch den Krieg ncubelebten'irrationalcn Regungen nicht befriedigen leann". Und deshalb können die Jungsozialisten nicht im Fahrwasser der SPD. mitschwimmen; sie ist ihnen zu alt. Aber sie können auch nicht in den Schoß der SAJ. zurückkehren-, denn die ist ihnen zu kindlich. So gründen sie ihre eigene, heute in stetem Wachsen begriffene autonome Organisation, die sich natürlich in ihren Grundsätzen und Zielen stark von der hinter ihr liegenden SAJ. unterscheidet. Ihre Quellen sehen die Jungsozialisten einmal in der alten freideutschen Jugendbewegung, „deren tiefsinnige Problematik und gefühlsschwere Romantik auch vielen jungen Proletariern in Hirn und Herz schlugen".*) Dominierend aber ist der zweite Strom, der aus dem sozialistischen, vorwiegend marxistischen Geistesgut fließt.

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