Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 5 (10.3.1927)
- Date
- 1927-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492456-6352305-6352509--0347-4928534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ernst und Scherz zu Purim Vorspruch zu einer Purimfeier?■ »*• «i». Aus alten Pergamenten tönt ein altei Lied. Aus seinen Versen klingt ein altes Leid von Israels verfolgungsschwerem Weg---, Alt ist das Lied und alt--das Leid. Und täglich gräbt sich's neu in unser« Herzen: Haman, der Friedensstörer, geht er nicht in tausendfältiger Gestalt noch heute durch die Lande * und wirft die feurigrote Fackel des Bruderzwists in unser stilles Tal, umschleicht den Landmann und zischt ihm zu: Wirf's ab, das Judenjoch! I" Das Judenjoch?? Wir haben es gelragen, durch Tausende von Jahren haben wir's geschleppt, und Blut und Tränen zeichnen rot den Pfad, den unsre Ahnen einst gewandert sind — — — Wohl sind wir nicht mehr in des Ghettos dumpfen Gassen, wohl leuchtet uns der Freiheit goldenes Licht--- und reckt auch immer ihren Kopf die Schlange, und geht noch immer Haman durch die Lande, auf jede dunkle Nacht folgt doch ein Morgen!!! S Und uns: der Jugend--in des Morgens Sonnenblinken, uns winkt ein lieblich Bild aus altem Lied, da Leid versiegte und die Ketten sprangen, da Tränen trocknete ein königliches Weib, da sie in beiden Händen Schönes brachte; hier — in der einen Freiheit; in der andren — Freude. Ich kenne nicht den Namen des Verfassers der vorstehenden Verse. Vor etwa 12 Jahren habe ich dies Gedicht gelegentlich einer Purimfeier im Jugendverein vorgetragen. Heute habe ich es aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Siegfried Bacharach, Hannover, Haman und Mordechai Aus: „Kuttner, Jüdische Sagen und Legenden". Der König Ahasverus gab in seiner Winterresidenz zu Susa im Schloßpark ein großes Fest, wobei es an keiner Bequem» lichkeit für seine Gäste fehlte und die kostbarsten Speisen und Getränke — „königlicher Wein" — in goldenen und silbernen Gefäßen gereicht wurden. Alles war geboten, nur eines vermißte man: Musiki Warum bot der König seinen Gästen nicht auch diesen Genuß? Nun, das halte seinen guten Grund. Heißt es doch gleich im Anfang des Buches Esther (1, 8), es sei der Befehl des Königs gewesen, jedem Gaste nach seinem eigenen Wunsche zu tun. Hätte man nun etwa ein Trompeterkorps aufgestellt, so hätte es manchem zu sehr in die Ohren geklungen, er hätte lieber Streichmusik gehört — oder umgekehrt; manche hätten vielleicht lieber Gesang zur Harfe oder Laute gehört usw. Wenn es aber gar Leine Musik gab, so konnte es auch keine Unzufriedenen geben. Eine neue Gemahlin wird für den König gesucht, und damit es die Allerschönste sei, werden aus dem ganzen Reiche die schönsten Mädchen nach Susa geschickt, damit der König unter ihnen wähle. Da wird auch die schöne Jüdin Esther, die bei ihrem Pflegevater Mordechai in Susa lebt, in den Frauenpalast gebracht. Hier gewinnt der königliche Aufseher die ebenso hübsche wie bescheidene Jungfrau lieb und gibt ihr sieben Mädchen zur Bedienung. Das waren natürlich jüdische Mädchen, und Esther gab jedem den Namen eines Wochentages. Wenn das den Namen Sabbat führende ihren Dienst zu verrichten hatte, dann wußte Esther, daß es Sabbat war. Der König erwählte Esther, feierte eine glänzende Hochzeit und erteilte reiche Gnadenbeweise an seine Untertanen; Haman aber wurde der Erste nach dem Könige. Ali Großwesir wurde Haman von allen Leuten ehrerbietig mit Verneigen gegrüßt, nur Mordechai mochte sich nicht vor ihm beugen und neigen. Warum auch? .War doch Haman ehemals ein gewöhnlicher Kriegsknecht, der sich von Mordechai nicht nur Brot, sondern auch bares Geld geliehen hatte, und Mordechai trug den Schuldschein in seinem Busen, während Haman ein Götzenbild auf seiner Brust trug. Mordechai hatte also zwei Gründe, sich vor dem stolzen Manne nicht zu beugen. Die Rache, die der ehrgeizige Haman plante, war ebenso fürchterlich wie grausam: nicht nur Mordechai, alle Juden sollten mit dem Leben büßen. Von dem ruchlosen Anschlag Hamans gegen das Leben aller Juden im Perserreich bekam Mordechai Kenntnis durch den Propheten Elia, der ja auf Erden wandelt und den unschuldig Leidenden Rettung bringt. Mordechai hüllte sich in Sack und Asche und kam wehklagend bis an das Tor des Königspalastes. Als Esther das erfuhr, schickte sie den Hatach zu ihm hinaus. Hatach war Daniel, der Geheimnisse nicht nur zu enthüllen, sondern auch zu wahren wußte; der sollte Mordechai fragen, welche Not ihn in Trauer versetzt und wer diese Not verschuldet habe; er sollte aber dicht an Mordechai herantreten, damit dieser nicht laut zu sprechen brauche und kein Fremder es höre. Mordechai berichtete und bat Esther, beim Könige Fürbitte einzulegen. Als Esther den Grund erfuhr und alle Juden fasten und Buße tun hieß, fastete auch Mordechai, obgleich es am Peßachfest war (denn an einem Festtage soll man nicht fasten); und auch Esther mit ihren jüdischen Mädchen fastete. Am dritten Tage ging sie, noch bleich vom Fasten, zum Könige, und Gott ließ sie Gnade in dessen Augen finden; sie bat ihn, morgen ihr Gast beim Mittagsmahle zu sein, und auch Haman sollte kommen. Der König sagt zu, und Haman ist glücklich über die j Auszeichnung, der einzige Gast zu sein. Hatte er doch immer gefürchtet, Mordechai werde mit Hilfe der Esther seinen Plan vereiteln; jetzt sah er, daß diese es mehr mit ihm als mit Mordecivai hielt, und war froh. Nun sollte dieser noch vor dem morgigen Mahle beseitigt werden. Auf den Rat seiner Gattin ließ Haman einen fünfzig Ellen hohen Galgen errichten, daran sollte Mordechai morgen in aller Frühe gehängt werden. Heute freilich mußte er seinen Feind noch sehen, und darüber lief ihm die Galle über; gesunden konnte er nur, wenn er ihn hängen sah. Das aber war nur möglich, wenn der Galgen in der Stadt errichtet wurde; denn der allgemeine Galgen stand vor der Stadt, konnte also nicht von ihm gesehen werden. Daß der Galgen fünfzig Ellen hoch errichtet wurde, hatte auch seinen Grund: die Leichen mußten mindestens fünfzig Ellen hinter die Stadt gebracht werden, und um diesem Gesetze nachzukommen, sollte Mordechai so hoch gehängt werden. Aber es kam anders! In schlafloser Nacht erinnert sich der König, daß ihm Mordechai durch die Entdeckung einer Verschwörung das Leben gerettet hat, und er wünscht ihm eine Ehrung zu erweisen. Alsnun Haman in aller Frühe im Vorgemach erscheint, um die Erlaubnis zu erbitten, den Mordechai hängen zu lassen, befiehlt ihm der König, eben diesen Mordechai mit dem königlichen Gewände zu bekleiden, auf ein königliches Roß zu setzen, durch die Straßen, zu führen und vor ihm auszurufen: „So geschieht dem Manne, den der König zu ehren wünscht." p- Er begibt sich zu Mordechai, der fastend im Lehrhause sitzt und das Wort Gottes studiert. „Da muß ich zuvor ein Bad nehmen," sagt Mordechai, „das verlangt doch die Ehrfurcht vor dem königlichen Gewände." Da muß Haman den Bader machen, der er ja von Hause aus gewesen ist; und da Mordechai aufs Pferd steigen soll, waser noch niemals in* seinem Leben getan hat, und schwach vom Fasten ist, hilft ihm Haman, indem er sich bückt und Mordechai über seinen Rückendas Pferd besteigt. Dann beginnt der Gang durch die Straßen der Stadt. Als sie in die Straße kommen, in der Haman wohnt, steht seine Tochter am Fenster und schaut nach ihrem Vater aus. Da sie ihn mit Mordechai kommen sieht, umringt von ' groß und klein, hält sie den Mann auf dem Pferde für ihren Vater, den Führer für Mordechai, holt einen Topf Unrat und schüttet ihn auf den Kopf ihres Vaters. Traurig schaut Haman hinauf, entsetzt erkennt sie ihren Vater und fällt, vom Schlage gerührt, tot zu Boden. Inzwischen war der König der Einladung Esthers zum Mahle gefolgt, aber Haman fehlte. Man sandte einen Boten, der ihn eilends holen sollte. Dieser traf Haman im Kreise seiner Familie und Freunde, die erwartet hatten, er werde fröhlich heimkommen; aber er kam traurig und erzählte, was geschehen. Freil