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Der Jugendbund · 1927-03-10 · 5 (10.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
5 (10.3.1927)
Date
1927-03-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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doch e'inige Grundtalsachcn, zumal des seelischen Lebens, festhallen und erwarten, daß-bei ihrer Berücksichtigung die Kultur der Geselligkeit neuen Auftrieb erfahren wird. Die Geselligkeit im üblichen Sinne des Wortes ist fraglos eine Teilerscheinung" jenes grundlegenden Umstandes, daß der Mensch ein ..geselliges Wesen" ist. Karl Joel hat in der vorerwähnten Schrift eindringlich dargetan, wie selbst die wenigen „großen Einsamen" der Kulturgeschichte, vor allem Nietzsche mit seinem . ,.0 Einsamkeit, du meine Heimat Einsamkeit", an Ihrer Vereinsamung zerbrachen, falls sie ihr nicht zu Zeiten entkamen. Aber neben jenem, aus der Menschennatur erwachsenden Zwange, unter lebenden Wesen, insonderheit unter Menschen zu leben, ist's noch ein anderes, das ihm die Geselligkeit zum schwer unterdrückbaren Bedürfnis macht: Es ist das L'ebcrmaß an spezifisch menschlicher Kraft, die sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in einem selbst reichen Berufsleben, einem beglückenden Familienleben nicht voll auswirken .kann. Freud, der Psychoanalytiker, würde wohl als letzte Erklärung auch hier den „Eros" nennen; doch glaube ich, daß die Fülle des individuellen Lebens auch einfacher Menschen das Phänomen der Geselligkeit genügend und treffender deutet. Soll nun diese elementare Forderung 'der menschlichen Natur nach Geselligkeit ihre Genüge finden, so sind, wie ich zu sehen glaube, drei mit ihr verhaftete Notwendigkeiten zu beachten und zu befriedigen: Geselligkeit will Ent-spannung. Dies aber bedeutet keineswegs, daß sie völlig anspruchslos sei. Sie hat lediglich eine leichtere Geneigtheit zu Ermüdung zu berücksichtigen. Im übrigen wird nur ein Teil von Leib und Geisrt .durch die Tagesarbeit verbraucht und ermüdet, und der brachliegende Nachtmensch harrt gerade der Spannung. Anders gewendet: Ein dem Geistigen offener Handarbeiter wird geistigen Darbietungen auch nach raühereichcr berufliche?«Tätigkeit zugänglich sein, der intellek-, luell beanspruchte Kopfarbeiter wird künstlerische Gaben des Abends als Entspannung empfinden und umgekehrt. Dem hat die gepflegte Geistigkeit zu entsprechen. Sie hat zum anderen zu berücksichtigen — was vielleicht die-für die Pädagogik zentrale seelische Gegebenheit ist —, daß jeder Mensch, und sei er noch so undifferenziert und ermüdet, auch zur geselligen Vcrantsaltung sein Geltungsbedürfnis mitbringt. Dies bedingt die Forderung, bei der Geselligkeit den einzelnen mehr als seither zu aktivieren. Ganz gewiß ist neben einer bei den meisten oder doch sehr vielen durchaus sublimierten Erotik das Körpergefühl und die dadurch gesteigerte, lusthafte Ich-Empfindung ein wesentlicher Anlaß des Tanzes zahlloser Menschen. Darum' war es übertrieben, wenn eine Zeitlang die Menschen der Jugendbewegung den- Tanz als Teil der Geselligkeit verpönten. Das besagt natürlich nicht, daß die heute durchschnittlich übliche, aus Amerika übernommene Tanzform als «in wahrer Ausdruck edler Geselligkeit und echten Lebens europäischer Menschen anerkannt wird. Denn es ist weiterhin zu bedenken, daß die Geselligkeit lebenssteigernd sein muß. Dies aber bedeutet, daß sie darüber hinaus, was ^sie dem Individuum bietet, die Gesellschalt immer mehr in die Sphäre wahrer Kultur hineinhebt, daß sie selbst zum Kulturfaktor wird. Von da her aber ergibt sich die Notwendigkeit gehobener, veredelter Geselligkeit, die' das' wesenhaft Menschliche, sein Geistig-Seelisches fördert, und darum das dringliche Gebot nach neuen, gründlich gewandelten geselligen Formen für alle Wesenhaften. Bei solcher Auffassung vom Wesen der Geselligkeit, ihren seelischen Voraussetzungen und Auswirkungen ergibt sich ihre Konkretisierung, ihre Verwirklichung im einzelnen geradezu >on selbst. Man wird bei den Versuchen von neuerlichen geselligen Veranstaltungen von vornherein auf Vermeidung ermüdender Längen bedacht sein müsseh, unter diesem Vorbehalte aber dem Geiste und dem ästhetischen Bedürfnisse ganz anders als bislang sein Recht gewähren. Die geistige Kost dürfte niemals in einer vertieften Betrachtung des meistens feierlichen oder festlichen Zwecks der Veranstaltung zu bieten sein. Geistige Kost, von packendem Redner in zeitlicher Gedrängtheit in wenig mehr als viertelstündiger Dauer geboten, ist vortrefflich geeignet, jene vielen dem Geiste Entfremdeten unmerklich in die Sphäre des Geistigen zurück» zugeleiten. Den Sinn für das Schöne aber, der bei geselligen Zusammenkünften hellwach und gar leicht ansprechbar ist, können wir durch die verschiedenen Gestaltungen der Kunst befriedigen und zugleich erhöhen. Die Führer der Jugend, bünde und ihre künstlerisch begabten Helfer sollten vor allem jede Art von Kitsch aus dem Darzubietenden verbannen. Sie werden stilgerechterwcise bei Rezitationen, Gesang und Instrumentalvorträgcn mit ernsten, aber eindringlichen, kurzen Stücken beginnen und werden dann zu Launigem übergehen. Und gerade bei den künstlerischen Darbietungen, die Heiter* keit auslösen sollen, ist besonderer Takt und Geschmack vonnöten. Ist doch beispielsweise die sinnfällige Wirkung eines geist- und witzsprühenden Gedichts von Heine oder Fontane mindestens ebenso groß wie die des Poems eines in grellen Farben arbeitenden Dichterlings späterer Zeit, der Eindruck eines ungarischen Tanzes von Brahms, eines Rondos von Beethoven (etwa aus der leuchtenden „Frühlingssonate") oder Mendelssohn (aus dem immer wieder hinreißenden Violinkonzert), einer Gigue oder Sarabande von Bach nicht minder unmittelbar auch auf wenig Musikalische als etwa „schmissige" oder sentimentale Zigeunerweisen eines Drdla oder noch schwächerer Auch-Kompor.isten; und gleiches läßt sich unschwer an einem Putzend Beispiele im Bereiche de« Gesanges dartun. Anderseits ist's fraglos, daß nur das erhabene Werk eines wahren Genius rein, läuternd und befreiend zur reinen Seele spricht, während zweitrangige Formungen verbilden und schalen Nachgeschmack hinterlassen. Bei der Wiedergabe der Kunstwerke aus geselligen Anlässen nun ist's möglich, dem Geltungsbedürfnis der vielen Rechnung zu tragen, indem man sie möglichst oft zu ■ Mitträgerrt des Werkes macht. Darum sollte man immer wieder auch in den jüdischen Jugendvereinen der mittleren Städte sich bemühen, ein wenn auch bescheidenes Vereinsorchester zusammenzubringen, das bei den Festen in Aktion treten soll. Darum auch dürfen wir uns von den „Sprechchören" für die Erneuerung der Geselligkeit starke Förderung versprechen; denn gerade ihre Durchführung vermag viele Jungens und M'.dels in den Dienst der Kunst zu zwingen, zu verlebendigen und zu begeistern und damit zugleich in den < verwandten und befreundeten Hörern ein aktives Miterleben, weil persönlich-sympathisches Mitschwingen, auszulösen. Deshalb auch sollte man sich in unseren Bünden mit ganz anderem 'Eifer als seither dem Laienspiele zuwenden, das ich keineswegs so eng gefaßt wissen möchte wie es die zünftigen Laicnspielcr wollen. Und die jüdische Note in unserer zu erneuernden Geselligkeit? Ist sie möglich und ist sie in diesen' Betrachtungen auch gebührend berücksichtigt? Nun denn: Es ist selbstverständlich, daß wir gerade im Bereiche des Künstlerischen den Formungen jüdischer Künstler bei uns zum Durchbruch verhelfen. Aber doch nur dann, wenn sie uns literarische, musikalische, dramatische Schöpfungen bieten, die den strengen Maßstäben vorurteilsfreier Kunstkritik und nicht etwa volklichstammlicher Voreingenommenheit standhalten! Darüber hinaus glaube ich, daß die neue jüdische Geselligkeit ihr besonderes Gepräge durch die Bedeutung der Familie für die Judenheit erhalten wird und muß. „Groß ist in unserem Volke der Sinn für die Familie." (Gutzkow im „Uriel Acosta".) Daher werden wir in unseren Bünden, die den Gegensatz zwischen den Generationen zwar stets betonten, aber nie zu vertiefen suchten, immer wieder danach trachten, die Angehörigen unserer jüdischen Jugendvereine zu unseren Feiern zu laden. Gerade im Banne der Geselligkeit, deren Stil ja durch unsere Jungen bestimmt werden soll, finden sich vielleicht eher „die Herzen der Väter zu den Söhnen und der Söhne zu den Vätern" als draußen in den Spannungen des Werktags. Der jüdische „Sinn für die Familie" dürfte bei Gestaltung einer ^gewandelten Geselligkeit auch nicht vergessen, daß sie sich am ansprechendsten im kleinen Zirkel der privaten Behausung abspielt. Und so leitet uns die Frage der neuen Geselligkeit schließlich zum Problem der „neuen Familie". Doch — dies „ist ein weites Feld", das wir heute nicht erst betreten wollen. Denkt an die Fördererliste des Verbandes!

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