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Der Jugendbund · 1927-03-10 · 5 (10.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
5 (10.3.1927)
Date
1927-03-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Blätter Mitteilungen des Verbandes der jüdischen jugendvereine Deutschlands l 14. JAHRGANG / Nr. 3 der Jüdischer. Blatter Düsseldort, den 10. März 1927 3. JAHRGANG . / Nr. S def J u f> e n d b u n d e i J RllP Aar * Geselligkeit, von Dr. Gustav Löffler, Frankfurt a. M. — Ernst und Sehen zu Purim. — Rand- •*U" ur *• Bemerkungen. — Aus anderen Lagern. — Spinoza, von Studienrat Dr. M. Katz. Düsseldorf. — Zum Tode Lok det ba- g Brandes, von Rabbiner Dr. Klein, Düsseldorf. — Warum gibt es Menschen, von Ernst Mayer. _ Die it der Seele. — Albert Ballin, ein jüdischer Typ?, von Ernst Holzer, Frankfurt a. M. — Objektivität. — Aus der Juden in Venedig im 18. Jahrhundert. — Unser Judentum. — Bücherschau. — Aus dem Leben des Ver¬ Mitteilungen der Verbandslcitung. — Adressenverzeichnis des Verbände«. — Vereinsnachrichten. — Anzeigen. Geselligkeit Von Dr. Gustav Löffler, Frankfurt a. M. In der Zeit der Purim-Fciern erscheinen die folgenden Ausführungen unseres verehrten Freundes uns besonders beachtenswert Wir möchten wünschen, daß sich unsere Freunde mit Sorgfalt mit diesem Aufsatz beschäftigen, der das uns alle ' so stark beschäftigende und vielleicht für unsere Vereinsarbeit entscheidende Problem von hoher Warte aus behandelt. Die Schriftl. Vor etwa zwei Jahren fand sich eine größere Anzahl einstiger Führer von Jugcndbcwegungs-Biindcn in Frankfurt zu dem bedeutsamen Versuche: Gedanken, Kräfte und Gestaltungen der Jugendbewegung in die Zeit der Reife mit hinüber zu nehmen, sie in einem Lebensstadium gemeinsam zu pflegen, da man sich nach dem Gebot der Lebensjahre von der eigentlichen Jugendbewegung abzulösen hatte. So gedachte man, das Phänomen der Jugendbewegung dem öffentlichen Leben, der Gesamtkultur erst nutzbar zu machen, und man hoffte, dies durch eine aus den Lebensformen der Jugendbewegung zu entfaltende, neuartige Geselligkeit edlerer Art vornehmlich zu erreichen. Der so wohlgemeinte Versuch schlug kläglich fehL Aber im Scheitern hinterließ er eine zweifache, wichtige Lehre: Es war klar gewurden, daß die Jugendbewegung der letzten zwei Jahrzehnte aus sich selbst heraus nicht in der Lage war, neue Formen der Geselligkeit zu schaffen, dieauch dem Menschen des dritten Lebens-Jahrzehnts genügen konnten. Aber — ivas uns in diesem Augenblicke wichtiger bedünkte —, jener Versuch bewegter Menschen hatte dargetan, welch' große Bedeutung auch der lebendige heutige Mensch der Geselligkeit als kulturschaffendem Faktor beimißt. Solche Grundeinstellung ist notwendige Voraussetzung, wenn anders wir überhaupt hoffen sollen, daß.auch nur ein Versuch zur Reform der heutigen Geselligkeit gewagt werden darf. Wie sehr die geselligen Beziehungen der Menschen erneuerungsbedürftig wären, wird keiner bestreiten mögen, der sich nur einen Augenblick die Plattheit und Leere vergegenwärtigt, in der sich diese Beziehungen heute abspielen —, zum mindesten bei der erdrückendes Mehrheit der Abendländer. Trifft man sich in kleinerem Kreise in einer Privatgesellschaft, so räumt' man von vornherein dem gemeinsamen Essen und Trinken viel zu weilen Platz ein. Kommt es hierbei in der Tafelrunde oder auch nur zwischen zwei Tischnachbarn zu einem lebhaften Gespräch über wesentliche Fragen oder Geschehnisse, so bedeutet dies fast stets einen glücklichen Ausnahme—falL Ist die Tafel aufgehoben, so pflegen sich die filteren Herren zum Kartenspiel, die älteren Damen zu einem Plausch über Kleidung und Kficbe zurückzuziehen, und die Jüngeren — tanzen. Gelingt es dann und warui. den Kreis der Geladenen durch ein Gesellschaftsspiel in einer wenn auch bescheidenen Spannung und in einer Art Gemeinschaft zu halten, so ist dies wieder ein besonderer Glücksfall; zudem bleibt auch die« Spielea zumeist nur billig« Nachahmung kindlichen Brauchs. Kommt man von Vereins wegen in größerer Schar gesellig zusammen, so kennt man, neben dem Genuß alkoholischer Getränke, vielfach nur die eine Form der Geselligkeit, daß man tanzt und wieder tanzt. Wo noch ein wenig geistige Schambaftigkeit obwaltet, bringt man vor dem Tanze und an Stelle der Tafelfreuden der kleinen Gesellschaften 'den bewußten „unterhaltenden Teil". Doch wie armselig pflegt selbst bei anspruchsvolleren Menschen das Niveau dieser Unterhaltungen zu sein. So kann man's nicht einmal allzu sehr beklagen, wenn ein immer größerer Teil der Hörerschaft die unterhaltenden Darbietungen über sich hinweggehen läßt und sich hemmungslos über die banalsten Dinge selbst unterhält und sehnsüchtig auf den Augenblick harrt, da man „das Tanzbein schwingen" darf. Es heißt wahrlich keine Geheimnisse ausplaudern, wenn man feststellt, daß auch in manchen Jugendvereinen „neutralen" Und „tendenziösen" Gepräges die geselligen Veranstaltungen so zu verlaufen pflegen. Ja. schlimmer noch: Man wußte sich — wenigstens vor zwei Jahren noch — zu erzählen, daß die Tätigkeit einiger, sagen wir schamvoll „sogenannter" Jugendbünde sich in mehreren derartigen Zusammenkünften, die des Geistes auch nicht einen Hauch verspürten, erschöpftel Zwischen solcher Haltung und der schmerzlichen Genügsamkeit zahlloser proletarischer Massen-Menschen, deren Geselligkeit sich in der Schenke abspielt und im Trinken möglichst großer Mengen Alkohols und allenfalls dem Gesang sentimentaler Lieder erschöpft —, pflegt kein wesenhafter Unterschied obzuwalten. Mit einiger Genugtuung darf demgegenüber gesagt werden.jdaß bei einer ganzen Reihe unserer Jüdischen Jugendvereine sich wenigstens das Bestreben nach einer höheren Art von Geselligkeit, die man vor allem durch die Kunst adeln möchte, zeigen wilL Freilich auch da 'findet eine wohlwollende Kritik übergenug Anlaß zu Aussetzungen an Unzulänglichkeiten und Fehlgriffen. Man empfindet die ganze Tragik, den ganzen Tiefstand heutiger Geselligkeit doppelt quälend, wenn man sich in Gedanken in die Zeiten vor 100—ISO Jahren versetzt, da die geselligen Formen noch Schönheit und Würde atmeten. Man denke an Rahel Varnhatfen und ihren Salon, der Geist und Heiterkeit, Ernst und Gelöstheit in harmonischem Vereine und so schönste Geselligkeit sah; man denke daran als an typische Gebilde damaliger Menschen. Oder man lese einmal — sicherlich mit hohem Genuß und großem Ge winn — in Karl Joels Schrift „Antibarbarus" die kulturgeschichtlich reizvolle Abhandlung „Kultur der Geselligkeit". Dann erst erkennt man ganz, wie arm wir, auch ohne Krieg und Nachkriegselend, geworden sind. Solchem Notstand gegenüber gibt es natürlich kein allgemein gültiges Heilmittel. Zudem gilt's grundsätzlich zu beachten, daß sich wahrhaft geselliges Leben nicht in Schablonen presserrsläßt, daß vielmehr Anpassung!an die besondere Art des jeweiligen Menschenkreises notwendig ist. Aber wir dürfen — 1 —

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