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Der Jugendbund · 1927-02-10 · 3 (10.2.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
3 (10.2.1927)
Date
1927-02-10
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Unser Judentum Von Bez.-Rabbiner Dr. Beernann, Heilbronn. (Fortsetzung.) So weil ist noch heule der Weg zur Zionsböhe. Es ist nur Wahrheit, wenn der Prophet Ton Israel sagt: „Denn siehe, Finsternis bedeckt die Lande und Dunkel die Nationen, über dir strahlet der Ewige nnd seine Herrlichkeit ward über dir sichtbar." Welches sind nun die Hollnungen, die Ton den Propheten an die kommende Heilszeit geknüpft werden? Es sind überwiegend geistige Erwartungen, die in der Erlöserzeit sich erfüllen sollen: „Sieh*, Tage kommen," ist der Spruch des Ewigen, „da schließe ich einen neuen Bund mit Israel, nicht wie der Bund, den ich mit ihnen geschlossen beim Auszuge aus Aegypten, denn den haben sie gebrochen, sondern ich gebe meine Lehre in ihr Herz, daO sie diese bewahren und üben." „Wohl wird Israel glücklich in seinem Lande leben,- sein König ist aber kein kriegerischer Eroberer, sondern ein milder Friedensfürst. Er kündet Frieden den Völkern und herrscht von Meer so Meer und vom Euphrat bis zu der Erde Enden." Wir deutschen Juden dürfen uns ganz besonders noch freuen, daß eine so sinnige Verwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum waltet. Deutsche Weisheit hat in dem Weltweisen Kant sich besonders ausgeprägt. Der aber erklärt ganz im Sinne unserer Religion den gestirnten Himmel über uns nnd das Gewissen in Uns für Dinge, die uns die größte Verehrung abnötigen. Er lehrt hinter den Erscheinungen eine Welt göttlichen Geistes, sehen im Sinne von Jesaias, der auch auf die Welt des Unsichtbaren hinwies mit den Worten: „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht." Und wie unsere Religion mit ihrem „Du sollst" den Kampf aufnimmt gegen die Neigungen, so sagt Kant, daß man der Pflicht immer und unbedingt gehorchen müsse. Auch deutsche Frömmigkeit ist unserer Art wesensverwandt. Sie Wurzelt im Gewissen und im Familiensinn, ganz wie bei uns. Darum haben auch unsere Psalmen in deutschen Kirchenliedern einen so machtvollen Widerhall gefunden und Girls schreibt, es sei gespenstisch, daß die auch Gesichter haben, so ist das zunächst ein Witz. Aber sogleich wird klar, daß in diesem Witz aui eigene und sehr deutliche Weise die Erkenntnis ausgedrückt ist, daß bei den Girls der Teil des menschlichen Körpers, der sonst der wichtigste ist, gar keine Funktion hat, daß die Gesichter lebende .Masken, Zugaben, ja störende Nebensächlichkeiten der präzisen Tanzmaschinen sind. Oder wenn Polgar in einer „König-Lear"-Kritik von Max Reinhardt sag!, dessen Theaterherzen ständen nur Pomp und Reichtum, geistiger Pomp, Reichtum an Psychologie nahe, ' und wenn es einmal einem armen Menschen von Dichtersgnaden sich neige, so werde das zumindest ein Armer sein, der reich an Armut ist, — dann ist zugleich mit einer nur dem leinsten Auge wahrnehmbaren Schwäche das Wesen einer Künstlerpersönlichkeit in einem Wortwitz erfaßt. Und ganz ebenso sind die zahlreichen und einprägsamen Bilder Polgars zu werten. Er sagt von Crock, dem herrlichen Exzentrik: „So süß blicken wie ihn sah man noch keinen. Die Luft bleibt kleben an diesem Blick", von dem ergreifenden alten Karl Götz: „Wo er hintritt, wächst Gras", von Arnold Korlf in Oskar-Wilde-Lustspielen: „Der Geist sitzt ihm so gut wie der Frack, keine Pointe lallt unter, keine auf den Tisch. Korfl macht den Staub, der über solchen Komödien liegt, in der Sonne tanzen" — und man ist im wahrsten Sinne des Wortes im Bilde über des einen Syrup- Aenglein. des zweiten gütige Menschlichkeit,-des dritten glänzenden Konversationston. Ueberhaupt, unterrichten den Leser andere Kritiker mehr oder weniger zuverlässig und mehr oder weniger amüsant über Stil uod Qualität einer Theater-Aufführung, so vermittelt ihm Polgar vollkommen die Vorstellung der Vorstellung, versetzt ihn m die Stimmung des geschilderten Kunstwerkes, läßt ihn zugleich dieses und seine Schilderung genießen und erhebt so seinen Kunstgenuß ins Quadrat. Dabei sind Vornehmheit und Kultur Eigenschaften, die er nicht -nur in künstlerischer Beziehung besitzt. Welcher Schriftsteller seines Ranges hätte je so wenig Aufhebens von sich gemacht wie er? Ware nicht ein verdienstvoller Verleger, Ernst Rowohlt, gekommen, er würde noch heute als gelegentlicher Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und amüsanter unsere Bibel einen so tiefen Einfluß auf unser deutsches Volk, seine Dichter und Denker ausgeübt. Der deutsche Staatsgedanke sieht im Staat eine Einrichtung, durch die die Menseben besser und edler werden sollen, also reif werden sollen für das Gottesreich, das unsere Religion verheißt. % lH. Israel oder der Weg zara Goten. 1. Israels Sendung. Gott will, daß das Gute nicht bloß ein schöner Traum in den Seelen sei, nein, es soll Wahrheit und Wirklichkeit in der Menschenwelt werden. Eines seiner Mittel, um die Heilszeit der Gerechtigkeit und Liebe auf Erden herauizuführen, war die Erwählung Israels, die Hinnahme dieses Volkes in seinen Dienst. An jedem Fest- und Sabatteingang, bei jeder Toravorlesung im Segensspruche wird Gott als der gepriesen, der Israel für diesen Beruf erkoren hat Weil dieses Volk von Anfang an seit Abrahams Tagen für Gott ein Herz gehabt hat, hat Gott auch für es ein Herz gehabt. Seit der Sinaistunde haben die Besten in Israel sich als Priestervolk gefühlt und ihre ganze Begabung und Geisteskraft diesem Beruf gev.-riht. Propheten und Schriftgelehrte haben sich bemüht, das Volk von dem Gedanken an diese göttliche Gnadenwahl und den damit verknüpften Pflichten zu erfüllen, und besondere Satzungen und Uebtingen sollen auf Schritt und Tritt im Gemeinschaftswie im Einzellebcn an des Juden hehre Bestimmung erinnern (Sab- -bat und Beschneidung sind Dundeszeichen, Speisegesetze und andere Vorschriften wolle:! zur priesteriiehen Heiligkeit erziehen). Kiddusch haschem, Heiligung des göttlichen Namens durch einen vorbildlichen Wandel, durch ein Leben im Sinne Gcttcs, und wenn es sein muß, durch ein opferbereite* Sterben für die religiöse Wahrheit ist höchste Ehrenpflicht des Israeliten. Plauderer eingeschätzt. Und nicht zuletzt: Weicher Kritiker versteht So zu tadeln wie Poljiar? Da Hitzen keine Späne wie bei Jacobsohn, da spritzt nicht der Schmutz in der literarischen Welt umher wie bei Kerr, und doch ist keiner unbestechlicher, keiner kompromißloser und keiner ib*n*ug«ad*i auch im abfälligen Urteil. „Ja und Nein" heißt Polgars kritische* Werk — lest esl „An den Rand geschrieben" und „Orchester von dbtn" sind die Sammlungen seiner andern kleinen Kunstwerke — lest siel Ihr werdet, auf ja und nein, am Kande der Zeit Worte der Ewigkeit geschrieben finden und ein Oich*st«.- höivn. das wahrhaft von oben kommt. Die Redende Von Hugo Hahn, Essend Sie sitzt in jedem Vortrog. Meist in den hin'.-ren Reihen. Lachelt, wippt mit den Füßen, freut sich über ihren Irisch geschnittenen Bubikopf und forscht mit kecken Augen ringsum, ob ihre Umgebung sich auch so freut. Und redet. Redet schneller und ausdauernder als der Redner selbst. Der Vortragende wird auf sie aufmerksam. Er möchte zu gern wissen, was sie redet. Hat sie an seinen Ausführungen etwas auszusetzen? Ist sie mit seiner letzten Bewcislührung nicht einverstanden? Der Redner beleuchtet denselben Gedanken von' einer anderen Seite. Erfolg: s i e lächelt und redet um so eitriger auf ihre Nachbarin ein. Die kann das Lachen kaum mehr urrterdrücken. Das war es also nicht. Was denn? Der Redner wird nervös. Oh seine Krawatte nicht richtig sitzt? Oder obnoch etwas Schlirr.nterts passiert ist? ' Er begreift sich von allen Seiten. Ihm scheint alles in Ordnung zu sein. Mit Entsetzen bemerkt e' aber, wie die leisen Bemerkungen seiner Milrcdncrin bereits auch anlangen, ihren Nachbar zur Rechten zu interessieren. Mit der unbedingten Aufmerksamkeit gerade dieses Jünglings hatte der Redner bisher gerechnet. Wenn Der jetzt verloren ging, war die Redeschlacht so gut wie entschieden. Dann bestand die große Gelahr, daß der Feind mit fliegenden Fahnen von rückwärts das ganze Gelände erobern würde. Der Redner über-

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