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Der Jugendbund · 1927-02-10 · 3 (10.2.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
3 (10.2.1927)
Date
1927-02-10
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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die Grundlage der deutschen Jugendbewegung überhaupt genannt hat: „Diese Menschen haben den einen Willen, wahrhaftig zu sein." Und so geben sie sich, gläubig, religiös, katholisch in ihrer Mehrzahl, jung und begeistert dem Frieden«- gedanken Hin, leben vier Wochen lang in einem Wonnegefühl übernationalen Einigseins. Wunderbar an Form und Inhalt sind die Reden und Kundgebungen, die den Kongreß umgeben und erfüllen. Stark, erhebend sind die Schilderungen, die uns von „den Tage« von Bierville" erzählen. Es zeigt sich hier wie stets, daß schon aus dem Gemeinschaft* bewußtsein heraus für junge Menschen die Gemeinschaft selbst sich ergibt; die Idee wirkt schöpferisch. Einer, ein Deutscher, sagte in Bierville: ..Derletzte Grund für soviel Gemeinschaftsempfinden, soviel Zusammengehörigkeitsgefühl liegt darin. da-i die deutsche Jugend, obwohl sie es zum Teil nicht weiß, ja es entschieden in Abrede stellen würde, im Grunde religiös ist, natürlich nicht im Sinne irgendwelcher kirchlichen Dogmen, sondern darin, daß sie, wie der Apostel es ausdrückt, glaubt an das, was man nicht sieht." So also bejahen wir diese Tagung als moderne Menseben, weil wir v<m dem Zusammenkommen von räumlich getrennten, aber ideelich geeinten Menschen immer gute Erfolge erhoffen dürfen. Uad als junge Menschen^ freuen wir uns über diesen Freundschaftsmonat der Jugend, weil hier die Beziehungen der Jugend, zut Staat und Gesellschaft, zu Wirtschaft, zu Politik und zum Frieden ernsthaft untersucht wurden, weil auch in frohem Zusammensein der Jugend Frieden und Freundschaft in ihrem Gemüte sieb ergaben. Und doch, verfolgen wir aufmerksam das KoogreBbuch, so trauern wir, trauern — als Juden. Denn wir sehen hier Dinge behandeln, die auch und gerade unsere Dinge sind. Wir hören Fragen stellen und Antworten erteilen von Katholiken, die fast ausschließlich den Kongreß füllen, aber auch den Protestanten, Freidenkern. Alle sprechen sie von den notvollen Problemen des Menschen, der in das 20. Jahrhundert gestellt ist. Es sprechen junge Großstadtmenschen von den Gefabren, den ihr Menschentum in den Asphaltstraßen de» mörderischen Häusermeeres ausgesetzt ist; aber es spricht kein junger Jude von dem nivellierenden, Geist und Art tötenden Einfluß, den die Stadt auf ihre jüdischen Bewohner ausübt. E« sprechen junge europäische Arbeiter von den Fragen, die die Maschine aufgibt, vom Normalarbeitstag, der Freizeit, der Bodenreform; aber es spricht kein Jude von der „Zurück-zur- Scholle"-Bewegung, der- Berufsumscbichtung u. dgl. mehr. Es sprechen junge revolutionierende Menschen aus Flandern, aus Georgien, aus. Aserbeidschan, der Inder aus Indien und der Neger aus Amerika fehlen nicht; aber es spricht kein Jude aus dem dunklen Osten von Pogromen und Numerus clausus. Es sprechen Junge aas allen Kontinenten von den verwerflichen Praktiken europäischer Kolonisationen: aber kein Jude kündet von Erez-Jisroel und seinem Aufbau. Und es ist kein Jude, sondern es ist der Bischof, der katholische Bischof von Arras, der einmal die Juden erwähnt, indem er ihren überragenden „Verstandestraining im Ghetto" in Vergleich setzt zu dem des französischen Klerus. Einmal erwähnt und dann abgelehnt, weil mißverstanden. Man hat hier nicht einmal die Möglichkeit, die Sache mit der so billigen Entschuldigung: Antisemitismus! abzutun; der kommt hier nach der ganzen politischen, religiösen, kulturellen Einstellung der Bicrvielle-Fahrer nicht in Frage. Aber was sich hier auf diesem demokratischen, internationalen, pazifistischen Kongreß zeigt, diesem Kongreß, dessen drei bestimmende Komponenten, wfe sie sich beute darstellen, undenkbar sind ohae die Einwirkung ur.d Mitwirkung jüdischen Geistes und jüdischer Menschen, das ist dies: daß sich in unseren Tagen der geistige Einfluß des jüdischen Menschenkreises auch auf den Gebieten, wo er bisher stets besonders wirksam war, verflüchtigt bat; daß in dem Vorwärtsstreben der Menschheit auf neuen Wegen die Jaden keine Bergsteiger sind; daß in den Arbeitsliedern und den Marschgesängen der Welt die jüdische Note fehlt. ♦ Was tun? Goethe wird in Bierville zitiert: Narre, wenn es brennt, so lösche! Hat's gebrannt, bau wieder auf! iL E. H. Jüdische Publizisten der Gegenwart Von Heinz Kahn. II. Altred Polgar. Ist Karl Kraus, dem die erste Betrachtung dieser Reihe gewidmet war, der stärkste und leidenschaftlichste Geist Wiens, wenn nicht des gesamten Schrifttums der Gegenwart, so muß Alfred Polgar als dessen feinster und kultiviertester bezeichnet werden. Alfred Polgar ist als literarische Gestalt der Vollendung sq nahe, hat seinen eigenen und von jedem andern weltcnweiT verschiedenen Stil so zur Vollkommenheit gesteigert, daß man annehmen sollte, nichts sei leichter, als von seinem schriftstellerischen Profil die Silhouette nachzuzeichnen. Doch wie dem Porträtisten verrunzelte Gesichtszüge, wie dem Graphologen verschnörkelte Schriftzüge die Arbeit erleichtern-, so wächst bei dem Versuch eines literarischen Porträts die Schwierigkeit im gleichen Maße, wie die nachzuzeichnende Linie an Gebrochenheit ab- und an Ausgeglichenheit zunimmt. Weisheit, Witz und Güte sind die schöpferischen Kräfte, deren Ergebnis das Polgarsche Werk ist. Und dies'ist groß, wenngleich es das Werk der kleinen Form ist.- Kein Roman, kein breites dramaturgisches oder literaturkritisches Werk, Polgar hat „nur" ziemlich kurze Theaterkritiken und Skizzen, Studien, Novelle Wen geschrieben. Sein Oeuvre ist ein Hors d'oeuvre. von einer Erlesenheit des Geschmacks und einer Fülle des Gehalts, die die endlosen literarischen Prunkmäler - - fast als Verwirrungen des Geschmacks, als einen Weg zurück zu Methusalejn, als Rückfälle in primitive Bewunderung der Quantität erscheinen Lassen. Weise ist Polgar. nicht nur klng. F.r sieht die Welt mit der stillen Abgeklärtheit des Philosophen und schildert sie «Bit der unwiderstehlichen Kraft des Künstlers. Seine Sätze sind so konzise, so bis zur letzten Dichtigkeit zusammengedrängte Sprachgebilde, daß das Wort „Dichter", auf ihn angewandt, auf einmal einen leuchtenden Nebensinn erhält nnd so in doppeltem Glanz erstrahlt. Zwei, drei seiner scheinbar so obenhin gesagten, so feuilletonistisch aufs Papier geworfenen Sätze sind geeignet, durch jahrelangen Gebrauch gefestigte, aus hundert Stürmen wohlbehalten hervorgegangene Weltanschauungen mit einem Schlage umzustürzen. Welch eine Fülle der Erkenntnis liegt zum Beispiel in dem Satz, daß der Bauer nie von getaner Arbeit, sondern stets nur für zu tuende Arbeit ruht! Rafft dieser Satz nicht eine ausführliche Psychologie des Standes der Landwirte in eine Antithese von überraschender Deutlichkeit und unbedingter Wahrheit zusammen? Welch ein Band Philosophie wurde gespart durch den Satz, der am Schluß eines Aufsätzleins über den Anblick zu schlachtender Kälber steht: „Der Mensch ist gut, aber das Kalb schmackhaft." Es ist ganz sinnlos, einzelne, abgerupfte Blüten ans einem übervollen Wundergarten der hrkcr.nlr.i'. aufzureihen und damit eine Vorstellung von seiner Pracht vermitteln zu wollen. Denn nicht sein Reichtum und 'eine Mannigfaltigkeit find das Wesentliche und das eigentlich Ueberraschende, sondern die Kultur, die Grazie und die tiefinncre Bescheidenheit, mit der jene dargeboten werden. Das ist es: Solche Abgewandtheit jeglicher Preziositat und solcher Adel der Gedanken und des Ausdrucks sind in ihrer Verbundenheit einzig. Da steht irgendwo ein Feuilleton, fast jeder empfindet es als eine niedliche Belanglosigkeit, und der Aufmerksame entdeckt plötzlich einen winzigen, unscheinbaren Satz,, der an sich vielleicht ein Apborisnia von höchstem Schliff ist nnd dem ganzen kleinen Kunstwerk einen Hauch von Ewigkeit gibt, den Leser aber mit der reinen und großen Freude erfüllt, die nur ein reiner nnd großer Geist vermitteln kann. Witzig warcK viele vor Polgar, und gerade in Wien lebte ein Jotirnalirt. t"cs-en Witz dem Polgars sprachlich auffallend gleicht: Daniel Spitzer. Aber wenn Polgar einen Witz macht, so ist der doch von anderer Art, denn er schreibt niemals einen um der Pointe willen. Ihm ist der Witz stets nur die schlagendste Wort-Waffe, die er nur gebraucht, wenn das Bild und die direkte Aussage an Deutlichkeit weit hinter einem Witz zurückbleiben. So ist der Witz bei Polgar wie das Bild nur Mittel, niemals Zweck, und niemals handelt Polgar in dieser Hinsicht nach dem Satz, daß ein guter Zweck das schlechte Mittel heilige. Wenn er etwa in einem AufeaU über

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