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Der Jugendbund · 1927-02-10 · 3 (10.2.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
3 (10.2.1927)
Date
1927-02-10
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Thema: „Christen im Kriegerver«in?". Wir lesen o. t.: „Die Kriegervereine sollen das große Weti sein, in dem man alle die nichtdenkenden Menschen fängt, die allerdings eben noch to weit klar sind, daß sie merken, daß die Wchrverbände, Stahlhelm usw. doch zu vaterlandslose Gesellen sind, weil sie das Volk in jeder Weise schädigen. Da entscheidet man sich lieber für die gemäßigte Form des Krieger-, Marine- oder Artillcrievere'ins, und merkt nicht, daß im entscheidenden . Punkte, in der sogenannten Wehrhaftigkeit, d. h. der Vorbeleitung des vielfachen Mordes, gar kein Unterschied ist. Aber die Leitung versteht eben den wahren Zweck so gut zu verbergen. Sah man sich auf der Gesolei die Säle des Kyffhäuserbundes an. so bekam man den Eindruck einer riesenhaften •ozialen Tätigkeit. Damit will man locken. In Wirklichkeit •ist es das Wort „Krieg", das wie ein Brandmal auf der Stirn, des Bundes geschrieben steht. Krieg, den jeder fühlende und denkende, ja jeder anständige Mensch als eine Furie, jeder Christ als Teufelswcrk ansieht. Und Kriegsgeist will man pflegen! . . . Das Leitwort des Christentums lautet Friede und Versöhnung, nicht Krieg und Haß . . ." Und zusammenfassend am Schluß: „Das Mitglied des Kriegervereins hat 1. nicht selbständig zu denken und die Wahrheit zu erkennen, 2. den Kriegs- und Untertanengeist zu pflegen, 3. sich für die nackten Profitinteressen anderer totschießen zu lassen, wobei ihm in verbjecherischer Weise gesagt wird, es gehe um das Beste des Vaterlandes und den Schutz von Weib und Kind. — Sollte das Christentum sein? Diese Frage gilt es deutlich zu sehen und ehrlich zn beantworten." — Warum ich das 'zitiere? Weil ich noch niemals annähernd deutliche Worte über die gar nicht rhetorische Frage „Juden im Kriegerverein?" in jüdisch-religiösen Blättern gelesen habe. Oder predigt das Judentum vielleicht Haß und Krieg? — Wer hier sich in angstvolles Schweigen verkriecht, sündigt wider _den Geist des Judentums. Die jüdische Jugend muß dieses Schweigen zerbrechen. Ira. * In der Jugendbeilage der CV..Zeitung vom 247 Dezember 1926 bespricht Erwin Baer, Frankfurt, die Ergebnisse des Erlurler Dclegiertentages der Zionisten hinsichtlich des Statu.s der nationaljüdischen Jugendbünde. Wenn er von der Grundtendenz -der zionistischen Jugenderziehung spricht und definiert, sie bestände in der Entwurzelung des jungen deutschen' Juden — und wenn er glaubt, ohne das Ostjudentum hätte der Zionismus in Deutschland nur geringen natürlichen Nachwuchs —, so kann man darüber, je nachdem man eingestellt L , verschiedene Ansichten haben. Wpnn aber dann Herr Baer wörtlichsagt: „Er (der Zionismus) sucht dies auszugleichen, indem er die jüdische Jugend Deutschlands in Vereinen und Bünden zu sammeln sucht, die sich neutral (im Original gesperrt!) bezeichnen oder dem Sport zu dienen vorgeben. In diesen Vereinen schafft er eine Atmosphäre, die planmäßig die Jugend aus ihrer deutschen Heimat entwurzeln (beides im Original gesperrt!) soll," so muß man doch erstaunt den Kopf schütteln. Den Kopf schütteln deshalb, weil hier in so schöner Harmonie Herr Baer, der sich übrigens der CV.-Arbeit ständig gewidmet hat, die Worte: „neutral, planmäßig, entwurzeln" zusammenfügt, indem er sie sperrt. Wir glauben gewiß, daß Herr Baer in seiner NaWitSt gar nicht an uns gedacht hat, als er seinen Artikel schrieb. Aber wir glauben doch nicht, daß die Schriftleitung der CV.-Beilage nicht hätte auf den Gedanken kommen dürfen, daß unserer Arbeit bitter Unrecht getan wird, wenn anf der vierten Seite der Beilage der Landesverbandstagungen des neutralen Verbandes Erwähnung getan wird, während auf der zweiten Seite ihm Tendenzen unterschoben werden, die den Tatsachen ins Gesicht schlagen. Vielleicht korrigieren die Herren den faux pas. Sonst . . . legt's zu dem übrigen. Ho. * * Fridericus Barmat. Ich bin ein leidenschaftlicher Kinobesucher und ärgere mich jedesmal, wenn die Direktionen es für nötig halten, mir im Beiprogramm Varietespezialitäten vorzusetzen. Neulich habe ich mich aber einmal gefreut. Da trat ein Tonkneter auf, der auf seiner Staffelei aus einem Tonkloß Gesichter formte. Das erste zeigte eine groß* Hakennase, tiefliegende Augen, Mundfalten, Schläfenlocken. Neben mir saßen zwei/ junge Leute in Hitleruniform, noch ein wenig benommen vom Tempo eines Wildwestfilmes, sonst aber ganz aufmerksam. Einer äußert sich gutachtlich zu dem werdenden Charakterkopf: „Barmat". Da pappt der Tonkünstler dem Gesicht einen Dreispitz und einen blauen Miliiärtuchrock an, „ohl", entfährt es dem UeberTaschten, und während die Kapelle den Friderictis-Rex-Marsch schmettert, klatschen sie begeistert in die Hände. — Das zweite Gesicht: Fleischig, mit dicken Backen, Schweinsäuglein, Doppelkinn. Der Gutachter schließt, daß, wenn der Künstler beim ersten Male einen Nalionalhelden der Vergangenheit modelliert habe, er zum zweiten einen Nationalhelden der Gegenwart bringen werde. Da der Begriff des . nationalen Mannes nach der Anschauung des mittleren Bürgers gebildet wird, nicht nach der politischen Ueberzeugung eines Völkischen, ist sein Schluß zwingend, als er mit leisem Bedauern, aber sicherer Stimme feststellt: „Streseinann". Irritierenderweise spielt die Musik: „O könnt' ich noch einmal so schieben". Da haut der Bildner dem Gesicht eine armlange und -dicke '. igaire mit Bauchbinde in den Mund, klebt ihm einen großkarierten Anzug an den Hals, und jubelnd lesen die Jürgens ein Schild: „Herr Raffke", i— Der letzte Akt — man merkt, daß der Plastiker sich große Mühe gibt: er streicht ein bärtiges, alles, gefältetes Heilandsgesicht aus Ton mit Färbt an, braungelb die Wangen, Augen weiß mit dunkler Pup'l'.e, Tätliche Nase. Mein Gutachter ist fast ganz davon überzeugt, daß wieder eine, Verhohnepipelung erfolgt. Er geht nach t'cm Typ. - Welcher Jude ist heute akut? Barmat hat er scVn genannt. Dieser hier sieht verdammt galizisch aus. Ein w ". g aber ist seine Railust durch die doppelte Enttäuschung schon unsicher geworden. Der Jude wurde zum Nationalhelden u-d der nationale Mann zum Schieber. Wer mag dieser gal'z;sc'e Heiland sein? Zögernd sagt er: „Kutiskcr?" Da schwillt die Musik aus ihrem begleitenden Piano mit eleganter Kontrapunktierung in einen Orkan: „Fe«t steht und treu die Wacht am Rhein!" Der Tonkneter hatte der Tonmasse einen Traubcnkranz ins Haar gedrückt und ein Schild „Vater Rhein" ar*eheftet, und durfte sich nun gegen einen, nicht zum bescheidensten von meinen konsternierten Nachbarn gespendeten, rauschenden Beifall verneigen. Ich aber ging hin und lerrte. Und weiß seitdem, daß allen Büchern über die Psychologie des Judenhasses das Hauptkapitel fehlt, in dem der Vi<a"cnantisemitismus behandelt werden müßte. Tarn. Gedenktaee Dr. Wllhe'm Herzberg l Zu seir.em 100. Gebartstag. Von ^Rabbiner Dr. Klein, Düsseldorf. Vor 25 Jahren erhielt ich von meinen besten Freund-n a'.s Geburtstagsgeschenk ein mir bis dahin unbekanntes Buch: „Jüdische, Familienpapiere", von Wilhelm Herzberg. Es gibt nur wenige Bükher. die man immer wieder gern zur Hand nimmt und die uns imirier von neuem fesseln. Zu diesen Büchern jgehort meiner Erfahrung nach dieses Werk, das Wilhelm Herzberg zu einem bekannten Schriftsteller gemacht hat Der Roman, de r in erster Auflage unter dem Pseudonym „Meinhardt" ers:hien, erregte die Aufmerksamkeit und Begeisterung des berührten Gelehrten Prof. David Kvfmann, und jetzt will eine Anzahl s«ir«-r Verehrer ihn zur Feier des 100. Geburtstages seines Verfassers neu herausgeben, damit er der jüdischen Jugend neu geschenkt werde. Wir freuen uns dessen und sind der Ueberzeugung, daß diese glänzende, aus tiofrtcr Kenntnis und Liebe zum Judentum geschöpfte Apologetik des Judentums in unserer Jugend neue Begeisterung und Liebe für ihr Judentum entzünden wird. Wilhelm Herzberg wurde am 30. Januar 1827 in Stettin geboren, erhielt eine gründliche allgemeine und jüdische Ausbildung, studierte in Berlin Philologie und Philosophie und bestand in Halle seine Staatsprüfung. Er ergänzte in Paris se ne Ausbildung, wurde dann Hilfslehrer in Bromberg, konnte aber dort, wie dies ja bei der damals herrschenden Richtung natürlich war, keine definitive Anstellung erlangen. Er wi-''t mehrere Jahre als Haaslehrer in Königsberg und Hamburg, wo er seinen Roman „Jüdische Familienpapiere" schrieb. Dann girg er als Direktor der Ackerbauschule „Mikwe Israel" nach Ja'fa, gründete in Jerusalem mit Hilfe deutscher Freunde ein jüdi-

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