Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 3 (10.2.1927)
- Date
- 1927-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Iiardcn. so würden die Gefühlsmächte gezwungen sein, ihn für sich zu schaffen, weil sie nicht anders sich erhalten können als durch dieser, ihren Seinsträger. . Das führt zu der weiteren Frage, was denn \jener Gedankenkern sei. den eure jugendliche Begeisterung enthält, von dem sie zehrt nnd existiert. Ich glaube ihn richtig zu benennen mit den beiden Begriffen: Freiheit und Reinheit. Ihr wollt jugendliches Wesen vollkommen frei entfalten, es durch Freiheit vollkommen machen, anderseits aber auch eure Ideale ganz aus sich selber zur Darstellung bringen ohne Stütze eines Fremden, das. zu Hiffc gerufen, mit seinen Ansprüchen nicht zurückhalten und die geistige Richtung auf sich hin ablenken värde. Die Idee der Reinheit scb«^nt mir in eurem Falle wichtiger als die der Freiheit. Die -Freiheit ist die Grundlage und zum Teil das Ziel jeder geistigen Bewegung. Sie wird von allen erstrebt, die den \X'illen haben, den von ihnen vertretenen Gedanken und damit sich selber zur Durchsetzung zu bringen. Nicht so ist es mit der Reinheit. Wenn eine vorteilhafte Assoziation mit einer anderen Gruppe winkt, die dem Wesen nach verschieden, dem Wollen nach verwandt ist, so scheut man auch vor verräterischen Korrekturen nicht zurück, sofern ein Mach: .v»:rr. für die eigene Stellung dabei herausspringt. Unter dem Stern der Idee der Reinheit wurde die .Jugendbewegung geboren. Sie hat in Wahrheit ihre Wiege gesegnet. In ihrem Zeichen habt ihr. euch gegen das Bestehende und Gewordene erhoben, allen -Erscheinungen des Daseins den Krieg erklärt, deren Sinnim Zuge moralischer Wandlungen sich verschoben hatte oder im Gang der Zeiten senil geworden war. Von dieser Idee erfüllt, hasset ihr die Stätten, wo der Zw:iesinn lockerer Gespräche Erwartungen weckt, hasset die Orakelsprache der Diplomaten, in deren Sinnlücken Schelmereien blinzeln, hasset die Gifte, die den menschlichen Geist betören and das Wirklichkeitsbild der Sinne nach Zwecken verändern und eine Scheinwahrheit hervorbringen, wie sie das irrende Gemüt, das mit der Realität des Lebens sich im Widerspruch befindet und sich nicht mit ihr zu einigen vermag, nur zu gern als Wirklichkeit sehen möchte« Darum auch eure Liebe zur Natur, deren Schönheit .offen und deren Offenheit schön ist, deren Gesicht und Charakter nicht voneinander abgeteilt sind. Mi! der Idee der Reinheit angetan, könnt ihr zu jenem Punkte' hingelangen, der ench die engste Verwandtschaft mit dem Geist des Judentums zu einem deutlichen Gefühl werden läßt, ja, von dem aus ein Zusammenfluß mit diesem. Geiste möglich wird. Das Judentum als Erscheinung und Gestalt bietet sich beute nicht mehr in der Weite seines Grundbestandes dar als zu den Zeiten, wo sein inneres Leben zur sichtbaren Oberfläche emporzutauchen trachtete. Es ist in seinem öffentlich-sinnfälligen Bestände arg verkleinert und von der Masse der anderen Lebenserscheinungen gleichsam überdeckt. Es kann darum von sich aus nicht jene werbende Kraft entfalten wie die Dinge, die täglich um euch sind.- Vom Menschen muß deshalb der erste Anstoß ausgehen. Er muß als erster seinen Geist in Marsch setzen, wenn er den Kraftquellen, den Bedeutungsstatiooen des Judentums begegnen wilL Der Vorrat an Begeisteningsfähigkeit kann für die Begegnung von Vorteil sein, da sie den Abstoß erleichtert, gleichwie ihr innerster Kern, die Idee der Reinheit, einen sicheren Kompaß abzugeben geeignet ist, der das ihm Verwandte erspürt. Reinheit, nehmt sie im äußeren Sinne oder in ihrer tieferen Bedeutung als Uebereinstimmung von Gesicht und Wesenheit, als Sinn einer Gemeinschaftskultur, die Spiel von Spielerei, Empfindung von 'Empfindsamkeit wohl zu unterscheiden weiß, ihr findet sie als Leitgedanken unserer jüdischen Lehre. Ihr findet sie auf jedem Blatt des ältesten und ehrwürdigsten Menschhtitsbaches. das nicht modischem Geschmack zuliebe über dieses und jenes schamhaft hinweggeht, dessen Geltalten in ihrer reinen Menschlichkeit nur von reinen Menschen verstanden werden. Ihr findet sie aufgestellt als das Ziel, um das die Männer unseres Glaubens rangen in Waschung, Fasten und Gebet, das den Heiligen 'gezeigt wurde in der Gnade göttlicher Gesichte, die rPriester erstrebten in der Weihe ihres einsamen Dienstes, die Wundertäter durch Bann und Bindung sich erzwangen, das auch heute rech der Tagelöhner des Ostens sich erfleht durch den Segen seines chassidischen Rabbi. NX ir wurden auf halbem Wege stehen bleiben, wenn es bei dieser erkenn'.nismäßigen Feststellung sein Bewenden hätte. Die Fülle eurer individuellen Einsichten in ihrer praktischen Sichlbarwerdung zeigt eine scharfe Grenzlinie, manchmal >' I zackig vorspringend, bisweilen tief ausgebuchtet und rurfick-! weichend. Der Idee der Reinheit entspricht im Bereiche der I Handlung das Nein, mit welchem ihr die Grenzpfähle eures ■ Reiches gegen die anderen steckt. Dieses Nein, euch Helfer I im Dienst der Verwirklichung, dienender Bote und Wink des i Erfolges, liegt hier nicht in der Sphäre, des Urteilcns, sondern j im Felde des Willens. Ihr sagt nein zu der Zweideutigkeit ' gesellschaftlicher Sitten, zu der Scheirihaftigkeit vergoldeter : Lügen Ihr sagt nein zu allen schielenden Medusengesichtern, ' unter deren Süßlichkeit der Blutrausch die Zunge leckt. Wo! ihr dergleichen Inkongruenzen antreffet, geht ihr ihnen aus! dem Wege. Das Eigene und Echte, in seiner wohltuenden i Schwere der Empfindung übergeben, prägt sich zur Absage i durch das Urteil, zur freudigen Entsagung durch den : Willen. Es ist euch gewiß, daß euer Denk- und Libenz :1 \ anders ist als gemeiner Brauch und vulgäre Denkgewohnheit, I denen ihr darum ausweichet. Und wißt ihr auch, daß dieses j Neinsagen und die hinter ihm stehende Kraft Verwandtschaft | hat und Aehnlichkcit mit jüdischer Geistesart? Wollten wir ausdrücken, worin das Wesentliche des Judeseins bestehe, so I würden wir, undeutlich zwar, doch nicht unrichtig sagen, daB! es zu allen Zeiten anders war als der herrschende Zeitgeist, das jeweils Bestehende, daß es, da es stets die Richtung nach i dem Innen beibehielt und von dorther die Bilder einer idealen Menschenordnung und Lebensgestaltung entnahm, in dem mit | leidenschaftlichem Schwung" bekannten Ausdruck jeweiliger Kultur nur ein Einstweilen, Wendung und Uebcrgang sah. . Deshalb mußte das jüdische Gewissen stets aufs-, neue die Dinge abschätzen, an allem, was vom Menschehgcist gerufen und gebilligt, einen Stand gewonnen hatte, eine'neue Wertmarkierung vornehmen. Das starke Bekenntnis zu einem ■ Eigenwerte, als deren sinnliche Ausdrucksform die Begeiste- | rung ja auch gelten darf, hatte gleichfalls nach.außen tretend '. die Folge einer Absage, einer Entsagung von dem, was der; Kulturgeist als sinn- und wertvoll ausgab, hielt die Kräfte der i Einkehr zusammen und in Erregung, seitdem das Wort der; Bibel: ihr sollt nicht nachgehen eurem Herzen und euren | Augen die Richtung angegeben hatte. Ein Unterschied indessen muß hier festgehalten werden, j der für das Verhältnis von Jugend und Judentum von wesenti liehen Bedeutung werden könnte. Jugend, wenn auch nicht I das Jugendliche, hat ihre Grenze und Bestimmung durch die i Zeit, durch die Jahre. Wenn die Gescheiten und Besserwisser I mit übelwollender Kritik über die neue Jugend herziehen, so . haben sie es weniger auf die Idealität der Jugend abgesehen, ' als auf diese selber, der man Lebenserfahrung und Verständnis j für die realen Bedürfnisse des Daseins abspricht. Wie man ein Buch mit einem ungefälligen Titel bisweilen ungclesen weglegt, so geht man auch über den ideellen Bestand dieser Lebensepocbe hinweg, nachdem man ihre Bedeutungslosigkeit als sichtbar wirkendes Bildungselement im ' Aufbr-u geselli schaftlich-wirtschaftlicher Ordnungen studiert hat. Anderseits i ist die stärkste Machten'.wicklung der Jugend gemäß ihrer : eigenen Natur weniger in der Abwehr und versteifender : Selbstdarstellung gegeben als in der Verkündigung, in der I Gedankenaussaat, ich möchte sagen im Missionarischen. Wird! dem Judentum der Krieg erklärt, so wird in der Hauptsache I auf seinen geistigen Ausdruck losgegangen. Und selbst wenn | man seine Bekenner meint und sie im Daseinskampf zu schä- [ digen oder auszuschalten trachtet, so wird doch der Angriff ' in der Regel auf etwas Ideelles sich richten. Dem ironisierenden Verächter der Jugend entspricht auf der Seite des Judentums der ernste Gegner, der unter der' Vorstellung einer unmittelbaren Gefahr, sei sie echt oder agitatorisch vorgegeben, den Angriff dirigiert. Dabei wird dem Judentum selber ein wesentlicher Nutzen zufließen. Die Rechtfertigung, die der I Jude um seiner Erhaltung willen zu führen gezwungen ist, j bedingt stets erneute Erforschung, Durchdringung und damit kritische Wertung seines geistigen Eigentums. Was dem werbenden, begeisterten, missionarischen Menschen sich entgegendrängt aus der Gelöstheit innerer Energien, ist hier zur Quantität, zum Besitz, zur Stoffmenge verdichtet. Der Unterschied von Jugend und Judentum läuft letztlich der Idee ihres Wesens nach hinaus auf einen Unterschied d>s Willensbewußten und Besitzbewußten. Die Frage, die man dem werbenden Künder vorlegt, lautet: warum wollt ihr es anders haben? Die Frage, die dem seines Besitzes gewissen Menschen vorgehalten wird, lantet: warum macht ihr e« anders? Der abweichende Grundton beider Fragen hat seines