Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (13.1.1927)
- Date
- 1927-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hussen. Im Jahr« 1889 erschien in der Zeitschrift „Hameliz" zum ersten Male ein Aufsatz unter seinem Pseudonym Achad Haam, in dem er ausführte, daß man seine ganze Kraft auf die Erziehung des Volkes richten müsse. Er führte darauf einen heftigen Kampf gegen Herzls Idee des politischen Zionismus, weil er in dieser Beziehung eine unjüdische und von einer mechanistischen Auffassung veranlaßt« Lösung des Problems erblickte. So kam er zu seiner entscheidenden Einstellung des Knlturzionismua, in der er durch wiederholte. Besuche Palästinas bestärkt wurde. Für ihn war das höchste Ziel der jüdischen Bewegung die Renaissance des Geistes. Deshalb trat er auch während der Jahre der russischen Revolution 1905 06 in entschiedener Weise für die Gleichberechtigung der Juden in Rußland ein und forderte die Schaffung eines geistigen Zentrums in Palästina, Während der Kriegsjahre hielt er sich in London auf nnd trug viel zu dem Zustandekommen der Balfour-Deklaration bei 1922 siedelte er -nach Tel Awiw über, doch war sein Gesundheitszustand infolge der Aufregungen der Kriegs- und Nachkriegszeit so zerrüttet, daß er seitdem nicht mehr an die Oeffentlichkeit getreten ist. - Was Achad Haam für die Vertiefung des jüdischen Geistes getan hat, gehört der Geschichte an und wird sich in Zukunft noch weiter auswirken. Das Judentum der heutigen Zeit hat leider wenige Männer seines geistigen und menschlichen Formates. Möchten sein Werk und seine Persönlichkeit weiter wirken zum Segen des gesamten Judentums. Bücherschau Adolf Jacobus: „Der Gottesstaat", Verlag: J. Kauffmann, „ Erankfurt am Main. In unserem Bemühen, unser Judentum in all seinen Auswirkungen zu erlassen, kann dieses Buch uns ein idealer Wegweiser sein. Es ist bis jetzt kein Buch erschienen, das die Ewigkeitswerte der Thora, ihres Kernes und Grundstockes, der Halacha, in einer so klaren, übersichtlichen und überzeugenden Wei'e und doch so tiefgreifend behandelt wie dieses. Der Verfasser verbindet mit einer umfassenden Kenntnis der gesamten Traditionsliteratur einen weiten Blick für die Zusammenhänge der alten und modernen Rechtsbegriffe der Staatsidee und der Wirtschaftsordnung. So zeichnet er mit einer religiösen Glut, die nur im Herzen eines innerlich überzeugten Mannes zu lodern vermag, an der Hand des Pentateuch einen idealen Gottesstaat, läßt die mosaischen Gesetze und Einrichtungen fast immer für sich selbst sprechen und wirft nur ab und zu einen vergleichenden Blick auf andere Länder, Völker, Zeiten und Menschen. Die reife jüdische Leid der in Schuld und Verblendung gefangenen Zeit sich zu Dichtungen der Klage und des Fluches türmt, immer ist Er- Ipserin die Sprache, vor deren Wundem der Dichter selbst geblendet und voll Ehrfurcht die Augen senkt. Zwei dramatische Dichtungen von Karl Kraus, „Traumslück" und „Traumtheate r", auch der Epilog zu den „Letzten Tagen der Menschheit" sind aufgeführt worden, und unablässig, wieder und wieder hämmert der Dichter, der auch der größte Rezitator unserer Zeit sein soll, seine Prophetien in die Hirne begeisterter Hörerschaften. Wir, in der Provinz haben weder Gelegenheit gehabt, seine Stücke zu sehen, noch eine seiner Vorlesungen zu hören, deren Ertrag er stets der Wohltätigkeit widmet. Aber wir können sein Wort wenigstens lesen, uns zum Heil und dem Dichter zum Dank. Denn über allem Beifallsklatschen steht doch der Dank, der im Verstehen liegt. Alfred PolgarA selbst ein großer Dichter und wahrhaft ein Weiser, schrieb, daß, Karl Kraus deshalb so wenig Anerkennung fir.de, weil ihn bejahen für viele sich seihst verneinen hieße. Das mag sein, aber würde es sich nicht vielleicht dadurch ändern, daß diese Selbstverneinung der erste Schritt zur Besserung wäre? Auf jeden Fall aber bleibt die Begeisterung vor der begnadetsten Sprachkünstlerschaft, und das ist schon ein Stück besseres Menschentum. „Ob auch die Schale überfließt, ob alles sich in nichts ergießt: der Geist, der es besieht, gewinnt, ■od ob auch Lust und Zeit verrinnt. Und nichts besteht, und alles bleibt dem heiligen Geiste einverleibt, der nach dem Ursprung, treu und echt fortlebt dem heiligen Geschlecht." Der Fei jud Von Leo Adler, Stuttgart. Da findest ihn fast in jeder Gemeinde. Je nach der Größe derselben einmal oder mehrmals vertreten. — Ihn, der so in allen Dingen seine eigene Meinung hat und darum auch seine eigenen Wege geht. Dafür wird er dann meistens von seiner „Khille" nicht beachtet, selten geachtet, um so mehr gehaßt. Namentlich gesellschaftlich. Achtung haben sie schon vor ihm — im stillen —, er hat ja eine Meinung, doch darf er's nicht merken. Er begehrt diese Achtung gewöhnlich auch gar nicht. — So war wenigstens Moses Wolf — genannt der Felljud — geartet. Diese nähere Bezeichnung war nötig, nicht nur zur Kennzeichnung seines Berufes, sondern, um Verwechslungen mit seinem Vetter gleichen Namens zu vermeiden, den man kurzweg „Roas-Mausche" nannte. — Menschenkenner und Eingeweihte wuAUa zwar, «Wi beide im allem so verschieden waren, wie ihre Mütter, aber „das Land" tut darin ein Uebrigesl . . . Schließlich hat dort fast jedes einen solchen „Hausnamen". Meistens haben diese Titulaturen spöttischen Beigeschmack. Aber der Felljud ist auch über diesen ländlichen Humor erhaben, und in seinem Gesellschaftskreise, dem der Arzt, der Apotheker, der Bürgermeister, die beiden Pfarrer und der jüdische Lehrer des Ortes angehören, lacht man mit ihm über solche Kindereien. Er ist ein guter Gesellschafter, schlagfertig, witzig, klug, ehrlich, redlich, hilfsbereit, wo man ihn ruft und nicht ruft . . . die Zierde des Gcroeinderats. In der Familie ein friedliebender Ehemann, ein guter Vater, der auch streng sein kann, die Seele des Hauses, — selbst ganz Seele . . . Nur bei denen, die mit ihm in einer Synagoge zusammenkamen, war er Gegenstand ständiger neidischer Bespöttelung. In den Gemeinderat haben sie ihn alle gewählt — er hat ja eine Meinung und obendrein eine gewichtige Stimme bei den andern. Ein Ehrenamt hat er nie bei ihnen angenommen . . . Daß er immer pünktlich zur Synagoge kam, dort in der Stille — nicht unangenehm laut und aufdringlich — sein Gebet verrichtete, dann ebenso ruhig und auf dem nächs en Wege nach Hause ging, während viele seiner Gemeinde eine halbe Stunde vor und nach dem Gottesdienste vor der Synagoge in wüsten geschäftlichen und außergeschiftlichen Zänkereien sich ergingen —, dieses Sichfernhalten hat man ihm durch manchen Schabernack entgelten lassen. Man versteckte oder vertauschte ihm den Tallis oder die Schlüssel zu seinen Bücherkästchen, knüpfte einige Schlüssel an die Zizzis seines Tallis, damit sie ihm um den Kopf schlugen, und dergleichen mehr. Doch die Lacher kamen nie recht auf ihre Rechnung, denn Moses Wolf sprach kein Worf darüber in der Synagoge und störte nie den Gottesdienst durch Suchen. _ Das ging so einige Jahre, bis der Spaß plötzlich eine andere Wendung nahm . . . Moses Wolf war nämlich auch der gerne gehörte Vorbeter für die Festtage. Er brachte die heimischen Melodien, die, einmal abgestimmt, von allen mitgesungen wurden. Auch dabei wollten sie ihn ärgern, indem einige übermäßig laut, andere in Terzen und Sexten mitsangen. Das ging ja noch an, daß aber einer sich erfrechte, bei seinem schönsten Jigdal — der von seinem Großvater stammte— bewußt einen halben Ton höher neben ihm zu singen, das ging denn doch zu w«it. Moses Wolf klappte ohne jede Erregung das Gebetbuch zu — sang natürlich den Jigdal zu Ende —, verließ das Vorbeterpult, während die Gemeinde erstaunt nachsih, und war nie mehr zu bewegen, als Vorbeter zu amtieren. Einen Ersatz hafte man nicht am Platze, nnd dem Lehrer, der seine Melodien zu Papier brachte, nahm er das Versprechen ab, daß er dieselben nicht singen dür.'«, solange er lebe. Nun war Rt'he ve>r and im Gotteshaus, und Moses Wolf — der Felüud «rar nrd blieb der geachtstste Jude «einer Gemeind«,