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Der Jugendbund · 1927-01-13 · 1 (13.1.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
1 (13.1.1927)
Date
1927-01-13
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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In unsere Synagoge sich drängte, nicht von ernster Gewissensprüfung getrieben, sondern nur, um hinter dem Aushängeschild einer bekannten und bewahrten Firma Zuflucht zu Gnden. So wird die jetzige Abfallsbewegung, aus trüben, flüchtigen, krankhaften, mißverstandenen Freiheitsregungen entstanden, ihre unheilvollen Früchte zeitigen, wenn die Stimmungen, aus denen sie geboren, längst verflogen sein und nicht mehr verstanden werden. Es würde sich lohnen, den Ursachen nachzugehen, die «inen derartigen moralischen Verfall bei un« ermöglicht haben. Vor allen Dingen aber wäre es Pflicht aller maß gebenden Instanzen, sich zu einer gemeinsamen Aktion zu sammer.zutun und dem weiteren Umsichfressen der unheim liehen Seuche nach Kräften entgegenzuwirken. Müßig die Hand in den Schoß legen, heißt hier, sich zum Mitschuldige« des Bösen machen. ISchluß.) Achad Haam — Von Rabbiner Dr. Die gesamte Judenheit beklagt den Verlust eines Mannes, der uns allen, gleichviel zu welcher Partei wir uns bekennen, teuer war. Es ist immer ein Zeichen der ganz besonderen Bedeutung eines Schriftstellers, wenn hinter seinem Pseudonym sein eigentlicher Name unbekannt bleibt. Sein Werk ist zum Eigentum alier geworden, seine Persönlichkeit ist mit seinem Werke verschmolzen. Jeder Jude, der noch so geringes Interesse für die Entwicklung des Judentums verspürt, kennt den Namen Achad Haam und verknüpft damit sofort den Titel (eines entscheidenden Buches „Am Scheidewege". Uschcr Gir.zberg wurde im Jahre 1876 in Skwira, Gouverive- Klein, Düsseldorf. ment Kiew, geboren. Aufgewachsen in der traditionellen Er Ziehung, die den jüdischen Menschen fernhielt von jegliche^ allgemeinen Bildung und ihn nur mit dem traditionellen Wissensstoff befaßte, hat er sich insgeheim die Kenntnis dtk russischen Literatur und der allgemeinen Bildung angeeignet und bereitete sich auf die Reifeprüfung vor. Er studierte dann in Wien, Berlin und Breslau und vervollständigte seine Bilf düng durch, Selbststudium. Im Jahre 1S84 lernte er in Odessa den Verein Chowewe Zion und seinen Leiter Dr. Leo Pinzkef kennen, faßte aber bald den Gedanken, die Renaissancel bewegung des Judentums mehr nach innengehend zu beeint Jüdische Publizisten der Gegenwart >h » Von Heinz Kahn. i C. (Wir beginnen heute mit dem Abdruck einer "V Reihe von Aufsätzen onseres Mitarbeiters, die sich mit den charakteristischen Köpfen unter den jüdischen Dichtern und Schriftstellern unserer Zeit beschäftigen. Wenngleich hierbei nur wirklich bedeutende Erscheinungen in Betracht kommen, so weiyen wir doch auf Veranlassung des Autors , darauf hin. daß die Wertung der einzelnen Ge- ) stalten natürlich immer auf der persönlichen Anschauung des Verfassers beruhen muß und daß die Aufsätze nicht ein Studium der behandelten Publizisten ersetzen, sondern vielmehr dazu anregen sollen. Die Redaktion^ L Karl Kraus. Wenn ich eine größere Reihe von Aufsätzen Ober jüdische Köpfe in der Literatur der Gegenwart mit einem Namen beginne, den gewiß manche meiner Leser kaum je gehört haben, mit dem andere nur eine tindeutliche Vorstellung verbinden und den wieder andere vielleicht nur aus gegen ihn gerichteten Pressepolemiken kennen, so ist die Frage berechtigt, was der Grund ist, und zur' Antwort gelangt man logischerweise nur durch die beiden Ueberlegungen, daß ich entweder einen mit Recht in weitesten Kreisen nnbekannteu Literaten maßlos überschätze oder -daß hier der Ruf, den ein Mann in der Oeffentlichkeit genießt, in gar keinem Verhältnis. zu dessen wahrer Bedeutung steht. Ich darf mit ruhigem Gewissen dem Leser versichern, daß der zweite Gedanke der richtige ist, und will sofort die Erklärung hinzufügen, worauf die Unbtkannthei: des Dichters und Schriftstellers Karl Kraus beruht. Dem Nanien Karl Kraus ist die gesamte deutschgeschriebene Presse mit verschwindenden Ausnahmen verschlossen, weil Karl Kraus der größte Feind der Presse ist, der je gelebt hat. In seiner Gegnerschaft gegen die Presse, welcher Richtung auch immer sie angehören mag, ist er unerbittlicher als Balzac und Kierkegaard, Lassalle und Wilhelm Liebknecht, Die Presse ist für ihn der Erbfeind aller Kultur, die Erfindung der Rotationsmaschine, die nicht nur die Macht hat, Menschen in den Tod zu hetzen, sondern auch, sie vorher dumm zu raachen, verderblicher als die des Schießpulvers, der Journalismus ist ihm die schwarze Magie, an der die Welt wahrhaft zugrunde .geht. Er sieht in der Presse nicht den Spiegel, sondern die Schöpferin ihrer Zeit, nicht nur die Künderin, sondern auch d:e Urheberin allen Unheils, und so ist der Grund dafür, daß die Zeitung vor dem grandiosen Ausmaß ihres Anklägers verstummt, gewiß nicht die Verkennung seiner Größe, sonderst die Notwehr vor dem stärkeren Feind. Nun kennte man allerdings zunächst sagen, Kari Kraus selbst sei Journalist, denn er gibt eine periodische Druckschrift heraus, die äußerlich ein* gewiss« Aehnlichkeit mit «ia«r liUrariaeh-DokUsch«» Zeitschrift hat. Dock kein angestellter oder gelegentlicher Mitarbeiter kommt in seiner in Wien erscheinenden „Fackel" zu Wort, er allein setzt sich hier in unregelmäßigen Zeitabständen, nämlich dann, wenn er etwas zu sagen hat und dies auf die vollkommenste Formel gebracht hat, mit den Erscheinungen der Zeit auseinander, Diese Zeit- und Streitschrift ist das Schlachtfeld, auf de wieder und wieder der Kampf zwischen einem Kopf und eine Welt ausgetragen wird. Bald ist er der Angreifer, bald mu er den Anstoß abwehren, den er an ihrer Verderbnis nimmt Bald schwillt sein Pathos brausend zum Orkan vor eine Anlaß, der seihst im Lokalbericht noch als Bagatelle gilt, bal ist der Aufwand einer welterschüttcrnden Begebenheit vo einem einzigen Wort Karl Kraus' vertan, so daß sie nur mch das Zwerchfell erschüttert. „Dies kann er nur, weil er nicht anders kann, und weiß, dies ist ein Zwang und kein Talent." Nichts könnte ihn hindern, das zu sagen, was das Gewissen und die Sprache ihm diktieren. Die Sprache ist Triebkraft und Element dieses Satirikers und Lyrikers, das Gewissen koni trolliert die Wirkung, für die es die Verantwortung tr^gt. Ur.6 dies Gewissen, der empfindlichste Nerv einer stumpf gewordenen Welt, ist doch auch wieder der Sprache als dem echter Quell aller Kultur Untertan. Es hütet sie als das Instrument der Auferstehung aus dem Totentanz der Zeit. Zeugnisse eines strengen und erhabenen Sittengesetzes sind die großen Werke der Anklage und Verfluchung, die Werk« der Liebe zu einen, reineren Menschentum. Das erste ist „Sittlichkeit und Kriminalität": hier wird das Strafgesetz mit dem ehernen Siltengesetz in der Brust de« Dichters konfrontiert. „Die chinesische Mauer" isl die Steigerung, in der der Umkreis des Stoffes über Gesetz und Sphäre eines Landes und einer Lebensäußerung, der erotischen, hinauswächst und wo der Untergang des Abendlandes ohne pseudowissenschaftliche Parallelen, aber mit dem Blick des Dichters und dem Ernst des Propheten offenbart wird. Der Krieg ist das „Weltgericht", die allerliefste Verderb, nis und der Gipfelpunkt im „Untergang der Welt durch schwarze Magi e". Das än Konzeption und Format riesigste und fürchterlichste Drama unserer Zeit sind „Die letzten Tage der Menschheit", «in Steno« gramm des Weltkrieges, das die Zahl der Pazifisten ins Un-j enneßjiche steigern würde, wenn es umsonst an die Erwachsenen der Welt verteilt würde. Dazwischen erschienen die Aphorismenbände „Sprüche und Widerspruch e", „Pro domo et mundo" und „Nacht s", die in tausend Sätzen letzter Prägnanz dieselben Ding« ohne Vertagung zum Spruch gehen lassen. Und endlich die leuchtendste Seit« dieses Mcnschcnwarkts acht Band« „W ort« in V «j « e n", Gedichtsammlungen »o» unerhörtem Reichtum und unerschöpflicher Vielfalt „Und hinter allem der entsühnte Mensch, der magisch sein« Sprach« wiederfindet" Gleichviel, ob das zarteste Erlebnis der Liebe oder der Schönheit in die Seligkeit de« Werte« eingeht «der ob daa

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