Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (13.1.1927)
- Date
- 1927-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fa$ten, iit eine nicht leichte Arbeit derjenigen, die eich in •olchen Gemeinden der Jugendbewegung widmen. Man muß verstehen, Gefühle und Interessen zu erwecken, die, schlummernd, der Anregung bedürfen, um sich zu entfalten. Durch sachgemäße Einrichtungen, wie regelmäßige Zusammenkünfte, wo neben Besprechung jüdischer Tagesfragen jüdischer Geist durch Vorträge u. dßl. gepflegt wird, muß das Interesse geweckt werden. Zweckmäßige Räume, möglichst an neutraler Stelle, wie besonders im jüdischen Gemeindehause, würden die Arbeit bedeutend erleichtern und zur Einrichtung von Bibliotheken und Lesezimmern beitragen. Wanderungen sowie gemeinsame Ausflüge müssen gepflegt werden, damit die Jugend einander näher kommt. Die Jugend muß femer angeregt werden, aus eigener Betrachtung heraus dahin zu gefangen. Erlebtes und durch Lesen Erlangtes zur Diskussion zu bringen. Sie muß Wohlgefallen und Interesse an den Veranstaltungen finden, und so gerne zu den Diskussions- und Vortragsabenden erscheinen. Nicht "gezwungen, sondern freiwillig! Bei alledem darf aber nicht vergessen werden, auch gesellige Tugenden zu pflegen durch gemeinsame Spiel« sowie größere Veranstaltungen; wobei die Jugend den größten Teil des Programms selbst bestreiten muß. Eine nicht zu vergessende Aufgabe muß es sein, die Jugend auch zur Mitwirkung beim Gottesdienst heranzuziehen, damit sie in die Schönheiten unserer Liturgie und Gesänge durch aktive Mitwirkung eingeführt wird. Die Einrichtung |von Synagogenchören wäre demnach eine dankenswerte Aufgabe, und hieraus würde auch die Gemeinde erkennen, wie Wertvolles die Jugend für das Gemeindeganze leisten kann; Schließlich ist ja die Jugend der Träger der Gemeindezukunft, und wenn diese erkennt wie wertvoll deren Kraft für die Zukunft sein kann, und wenn die Jugendbünde, besonders in den| Kleingemeinden, wo nur beschränktes Material zur Verfügung steht, dahin wirken, für die Gemeindezukunft einen tatkräftigen, brauchbaren Nachwuchs heranzubilden, dann haben sie ihre Aufgabe erfüllt, und wir können getrost dem weiteren Schicksal unserer Gemeinden entgegensehen. Jugend und Staat Eine Antwort an Dr. Hermann Lehmann Vorbemerkung: Dr. Hermann Lehmann macht in der vorigen Nummer den Versuch, unsere Einstellung zum Staat und zum deutschen Volke wieder einmal prinzipiell zu betrachten. Einiges habe ich ihm schon in Braunschweig entgegengehalten. Das Manuskript gestattet eine eingehendere Entgegnung. L Betrachtungsweise des Referates soll die soziologische sein. Soziologie, die jüngste aller Wissenschaften, hat aber noch keine feststehende Wahrheiten. So ist der Grundsatz des Referates, daß der Staat aus den drei Faktoren: Staatsvoik, Staatsgebiet und Staatsgewalt gebildet werde, dann durchaus angreifbar, wenn, wie hier, gemeint ist, daß das Staatsvolk eine einheitliche ethnographische Masse sein müsse. Nach Oppenheimer z. B. entstand der Staat gerade dadurch, daß zwei Völker auf einem Gebiete siedelten, und daß das herrschende Volk den Staat schuf, um das unterworfene Volk zu beherrschen. Meist mischten sich dann im Laufe der Zeit die Völker, so. daß das unterdrückte Volk im anderen aufging, d. h. all seine speziellen Unterscheidungsmerkmale (Sprache, Sitte, Kultur) verschwanden, das Volk ging unter. NB.: Ei gibt auch heute noch Staaten, in denen mehrere Völker einen Staat bilden, z. B. Belgien, Schweiz, das alte Oesterreich u. a. II. Zweck des Staates war es, weiter nach Oppenheimer, dem herrschenden Volke ein Mittel, das „politische Mittel", in die Hand zu geben, um in den Genuß des „ökonomischen Mittels" zu gelangen, d. h. ein Recht zu schaffen, das den Herrschenden erlaubte, die Unterdrückten auszubeuten. Die Leibeigenschaft war das letzte Zeugnis für diese Tatsache. Alle unterworfenen Völker wurden in Fron genommen. Für die Juden der Diaspora, die in diesem Sinne niemals von Völkern, unter denen sie lebten, unterworfen waren, wurde ein besonderes System, die Steuern und Abgaben besonderer Art, erfunden, um auf diesem Umwege in den Genuß des ökonomischen Mittels zu gelangen. nx Zwei Wege führten aus dem unterdrückten Volke in das herrschende:. Wer durch irgendwelche Umstände (treue Dienste o. ä.) in den Besitz des politischen Mittels kam, assimilierte sich an das herrschende Volk. Oder, wer sich assimiliert hatte, kam (oft) in den Genuß des politischen Mittels. Immer war die Assimilation Voraussetzung oder Folge. IV. Während des Mittelalter» waren die Herrschenden im Besitz des Bodens. (Agrarstaat, Junkerpolitik als letzter Ausläufer davon.) Im 18. Jahrhundert wurde noch ein anderer Besitz ausschlaggebend, das Geld. Dadurch hob sich die soziale Lage der Juden to, daß als Endresultat die Gewährung de« politischen Mittels, genannt Gleichberechtigung, die Konsequenz war. Di« Folge war bei den Juden (zwangsläufig, •ich« Abs. III) der Will« cur Assimilation. Napoleon, der Bremen. Von Werner Ilberg, Wolfenbüttel. Imitator der Emanzipation, forderte sie direkt von den Juden. (Seine berühmte Frage, ob den Juden die Gleichberechtigung gestattet sei.) ' V. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war ein christlicher Staat. Auch dies hängt, soziologisch gesehen, damit zusammen, daß der Glaube des herrschenden Volkes dominierte. Durch die Spaltung der christlichen Kirche in Protestantismus und Katholizismus mußte die Idee des Religionsstaates einen Stoß erhalten. Auf die Dauer konnte die Gleichstellung der Konfessionen nicht verhindert werden. Die französische Revolution brachte die prinzipielle Entscheidung. (Trotzdem waren bis zum Kriege nur Protestanten im Besitz hoher Regierungsstellen und die Umgebung des Kaisers war protestantisch.)' Die Juden profitierten auch von dieser Entwicklung und deklarierten »ich als Konfession. (Mendelssohn spricht allerdings in seinen Schriften noch durchweg von der jüdischen Nation.) VL Lehmann aber erklärt: Der christliche Staat, er könnte nicht unser Staat sein, Freiheit von jeder religiösen Bindung ist Grundgesetz des deutschen Volksstaate». Er hat Glück: die Tendenz geht vom konfessionellen Staat fort, zur Trennung von Kirche und Staat. Wn aber, wenn ein Tendenzumschwung eintritt? Könnte dann der konfessionelle Staat nicht mehr unser Staat sein? Sind wir nur Staatsbürger auf Bedingung? Und haben wir Nationalluden nun -das Recht, zu sagen, der Nationalstaat, er könne nicht unser Staat sein? f VII. Die Soziologie ist in Lehmanns Referat die eine Betrach. tungsweise, die andere ist die politische, die er so definiert: Politik ist die Anwendung der geeignetsten Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zieles. Im Gegensatz dazu steht die jugendliche Betrachtungsweise, die, vom bestehenden Zustand ausgehend, ein bestimmtes Ziel will, ohne sich über die Erreichbarkeit Rechenschaft abzulegen. Welche» ist nun der Zweck des Lchmannschen Referates? Zweck und Ziel ist, nachzuweisen, daß zur Bildung eines Staates e i n Staatsvolk in einem Staatsgebiet die Staatsgewalt haben muß, und daß dieser ko geartete Staat eine Form der menschlichen Gesellschaft darstellt, die zur menschlichen Gemeinschaftsform erweitert werden muß, und daß jeder, der in einem Staate die Staatsbürgerrechte genießt, auch zum Staatsvol'k gehören muß und die Staatsgemeinschaft wollen muß. Lehmann geht hier den diametral entgegengesetzten Weg seiner sonstigen Gesinnungsgenossen, die nicht argumentieren, weil wir die deutschen (nach Belieben polnischen, französischen usw.) Staatsbürgerrechte genießen, müssen wir zum betreffenden Volke gehören, sondern so: weil wir zum deutschen usw. Volke gehören, müssen wir die Staatsbürgerrechte beanspruchen. Diese Dazugehörigkeit zu einem bestimmten Volke kann, nach einem Diskussionsworte von Lehmann in Brannschweig, gewollt oder nicht gewollt wrden. Urd hier ist Lehmann unpolitisch jugendlich, da er etwa» will, wa* er al» Recht erkannt -§-