Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (13.1.1927)
- Date
- 1927-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Und non noch zum Wichtigsten, zur Frage des Jugendheims! Es ist geradezu eine Lebensfrage für uns. Der jüdisch« Jugendverein wird nur "dann wirklich gedeihen können, wenn er seinen Mitgliedern, ganz besonders denen, die kein Heim am Ratze haben, häusliche Behaglichkeit zu geben imstande ist. Eins kann jede Gemeinde tun, auch die kleinste: ihren Sitzungssaal oder ihre Unterrichtsräume der Jugend zur Verfügung stellen. Aber darüber hinaus sollten Mittel- und Großgemeinden finanzielle Mittel hergeben, um dem Jugendbund ein eigenes Heim zu bieten, wie überhaupt, weit mehr als es bisher geschah, die Gemeinde es als ihre Ehrenpflicht ansehen muß, als Gewissenspflicht der schulentlassenen Jugend gegenüber, die Jugendvereinsarbeit finanziell , zu sichern. Ein Jugendvercin kann erst dann arbeiten, wenn ihm die kleinen Geldsorgen genommen sind. Der Staat gibt Millionen für Zwecke der Jugendbewegung und Jugendpflege aus. Da dürfen die jüdischen Gemeinden in ihrer Opferwilligkeit nicht allzuweit zurückbleiben. Der Beitrag der Gemeinde muß nach der Kopfzahl der ordentlichen Mitglieder des Jugendbundes bemessen sein. In diesem Zusammenhang erwähne ich die Anregung von Willi Saünger in Düsseldorf („Jugendbund", 2. Jahrgang, Nummer 11). die da in der Forderung an unsere Gemeinden gipfelte: „Schafft jüdische Jugendi m t e r!" Also eine Stelle wird innerhalb der Gemeinde gefordert, die die jüdische Jugend von der Geburt an als besondere Abteilung bis zum Eintritt in die Ehe betreuen soll, an deren Spitze wahre Jugendpfleger stehen,' die aber auch den verschiedenen Jugendvereinen auf dem Lande Ratschläge erteilen oder gar Redner zur Verfügung stellen können. Kurz, die ganze Jugendarbeit sollte in dieser einen Steile Zentralisiert sein. Für kleine Gemeinden wird natürlich ein solches Jugendamt nicht möglich sein, aber für die größeren und vor allem für bestimmte Provinzen — im Interesse der kleineren Gemeinden auf dem Lande — könnten . sie auch m. E. im Zusammenhang mit den jüdischen Wohlfahrtsämtern geschaffen werden. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit ganz besonders auf diese Anregung von S a I i n g e r hinlenken. Dadurch wird nicht nur der Jugend, sondern auch der Gemeinde geholfen. Um die Interessengemeinschaft zwischen Gemeinde und Jugend aber auch äußerlich zu dokumentieren, wäre es gut, je nach den lokalen Verhältnissen, wenn ein Mitglied des Gemeindevorstandes als beratendes Vorstandsmitglied in die Verwaltung des Jugendvereins eintritt. Infolg« dieser Personalunion wird sich der Jugendverein seiner Pflichten gegen die Gemeinde, aber auch die Gemeinde ihrer Ehrenpflicht gegen die Jugend dauernd bewußt bleiben. Am Idealsten freilich wäre es, wenn die Gemeinde imstande wäre, einen eigenen Jugendrabbiner anzustellen (bei den Christen haben wir den Jugehdpfarrer), der all das, was wir forderten — vom jüdischen Jugendamt angefangen bis z-im Lchrhaus — in seiner Hand zu vereinen und in die Wirklichkeit umzusetzen imstande ist, der dann wirklich aus der Gemeindejugend eine Jugendgemeinde schaffen wird. In Mannheim ist das schon, was für uns hier als Ideal ericheint, in die Wirklichkeit umgesetzt. Dort wirkt «in Jugendrabbiner (Dr. Grunewald), dem ich manche der hier gegebenen Anregungen verdanke; dort ist eine Jugendgemeindc, 1 -v '--ius, dort sind Werkstätten für di« Jugend zur Berufsumschichtung usf. Dazu gehört außer der geeigneten Persönlichkeit des Jugendrabbiners Opferwilügkeit und Groß, zügigkeit, wie wir sie nur selten in unseren Gemeinden antreffen können. Ich komme zum 'Schluß. Praktische Anregungen wollte ich geben, nicht au( die theoretische Fundierurg des Themas kam es mir an. Was will die jüdische Jugend im Leben der Gemeinde? Erneuerung, — Erneuerung in jedem Sinn«: Erneuerung des Lebens und Erneuerung des Judentums) Man kann sich nicht gegen den Willen einer Jugend stemmen, wenn dieser Will« von der Idee diktiert ist. Im Talmud steht: „Man «oll di« Jugend nicht hindern, Schofar zu blasen", und wir mochten hinzusetzen: man soll das junge Geschlecht, das heute heranwächst und in dem ein neuer, starker jüdischer Wille steckt, eicht hindern, seinen eigenen Schofar zu blasen. Man wird sie auch nicht hindern können. Die Jugend, das ist da« Morgen, die Jugend, das ist die Zukunft. Ja, man muß diesen Schofarton der neuen Jugehd verstehend hören, man muß versuchen, ihn zu begreifen. Das ist Pflicht der Gemeinde, d|er Alten, diesen Schofar zu hören und zu versuchen, der Jugend entgegenzukommen in dem Bewußtsein, daß die Jugend di« Zukunft ist. So soll man alle Versuche dieser Jugend hinnehmen, so soll man ihr danken für das Wunder eines neutn jüdischen Morgen, danken für die Erneuerung unserer Geschichte, (cf. Hierzu zwei Aufsätze von Joachim Prinz: in „Jüd. Zeitung f. Ostdeutschland", Nr. 38 u. 39, Jahrgang 1925). Ein Midrasch erzählt: ,.ln einem Hafen staut sich di« Menge. Man sieht zwei Schiffe. Das eine fährt in den Hafen ein, heimgekehrt mit reicher Beute, und das andere fährt Z'tm Hafen hinaus, neue Länder zu entdecken, urbekannte Gefahren zu bestehen. Und da« Volk jubelt. — Wem jubelt dh» Volk wohl zu?, fragt einer. Ein Weiser antwortet: Man spll keinem der beiden Schiffe zujubeln. Man soll nicht am Ufer stehen und gaffen, wenn Schiffe ein- und ausfahren, sondern man soll bei der Mannschaft des Schiffes sein, das hinausfährt, um Gefahren zu bestehen." Das endlich ist der beste Weg. Wir sollen nicht am Ufer stehen und gaffen, wenn Schiffe ein- und ausfahren, sondern die Alten sollen bei der Jugend sein, die hinausfährt. — Di« Gemeinde, so wie sie heute ist, aus ihrem Totenschlafe zu wecken, sie lebendig zu machen, damit sie wirklich in jedem ihrer Glieder lebt, — das ist unsere Aufgabe. Auf ans Werkl Literatur: E Arnold: Di« Religiosität der heutigen Jugend. 1919. L. Heitmann: Großstadt und Religian, Band 1 und 2. P. Rieger: Der jüdische Jugendvi rein und die jüdisch« Gemeinde. Mitt. des Verb., 9. Jg., Heft 1. O. Stählin: Religiöse Strömungen ir der deutschen Jugend bewegung. „Zeitwende", 1. Jg., Heft 2. Tillich: Religiöse Lage der Gegenv art Tillich: Jugend und Religion. Besonders weise ich hin auf eine in Kürze erscheinend Arbeit von M. Grünewald: Die jüdische Jugendgemeinde Lue Jugend bei der Mitarbeit in den Kleingemeinden Di« Nachkriegszeit mit ihren Folgeerscheinungen hat nicht nur im staatlichen und wirtschaftlichen Leben «in« Umwälzung gebracht, sondern auch die ganze gesellschaftliche Bewegung hat eine grundlegende Aenderung erfahren. Es g:bt wohl kein« Organisation, deren Aufbau sich nicht neu gestaltet hat und die sich nicht den Zeitverhältnissen angepaßt hätte. Auch das konfessionell« Leben ist von diesem Umschwung nicht verschont geblieben, und innerhalb der verschiedenen Konfessionen und deren Kirchenverwaltungen traten Veränderungen ein, die offensichtlich erkennen ließen, daß «in jeder die Pflicht habe, an der Ausgestaltung konfessioneller und kirchlicher Einrichtungen mitzuarbeiten. So erstarkten denn die verschiedenartigsten religiösen Vereinigungen, di« es sieb zur Aufgab« stellten, den Geist religiöser Erkenntnis zu pflegen. Auch die Jugend wollt« da nicht zurückstehen, und so sehen Von Prediger Simon Lemke, Stralsund. Jungfrauenvereinen, auch innerhalb dje verbärlde wieder erstehen, die versuchten, den Gemeinden neu zu beleben. Es kann wohl als ein leichtes be :eichnct werden, innc halb der jüdischen Großgemeind« n diesen Geist auch in die Tat umzusetzen, denn dort besteben ja die verschiedenartigsten Einrichtungen, wo dieser Geist gepflegt und geübt lgenddas Judentum in ü werden kann. Wesentlich anders gestaltet sich aber das Leben in den Klcingemeinden. und besonders dort, wo di« Judenheit einen ganz verschwindend kleinen Teil der christlichen Bevölkerung einnimmt. Hier stehen wir vor der großen Frage: Wie ziehen wir unsere Jugend zur Mitarbeit für unser« Gemeinden heran? Nicht vergessen darf dabei werden, daß di* Konstellation der Gemeinde in bezug auf religiös« Ueb-erzeugung «in* groß« Roll« spielt. Di« Jugend daher richtig * Gezaeind« r«^ös^iU«b«rz«ugiirigz««t-