Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (13.1.1927)
- Date
- 1927-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lingeceit twtm Volke«? Jüdisches Leben war: Ein Leben in Wahrheit, Gerechtigkeit und U n b e d 1 n g t h e i t I Sie kennen die Geicbichte tob Elisa, dem Propheten, der die Dörfer und Städte bereist. In Sunem macht er Quartier. Eine Fr»« hält in ihrem Hause ein Gastzimmer bereit Er will sich ihr dankbar zeigen, FSrsprecber ihr sein bei den Mächtigen. Sie lehnt es ab: „Ich lebe in meinem Volke." Ein schönes Wort, ein Wahlsprach für ans. Diese Episode lehrt uns, daß zwischen Volk and Propheten ein reger geistiger Verkehr bestand. Der Prophet kam zum Volk — das Volk com Propheten, ein inniger Zusammenhang. Diese Einheit der Gemeinde — da* ist das erste Ziel, dae ans Torschwebt —, diesen innigen Zusammenhang unter den Gemeindemitgliedern will die heutige jüdische Jugend wieder zu schaffen suchen. Das ist die Hauptaulgabe, die ihr zufällt, eine ricsengroBc Aufgabe, aber sie will es rersuchen und ihre Aufgabe ernst nehmen. Dazu gehört auch ihr heiliger Wille, für Milderang der sozialen Unterschiede innerhalb der Gemeinde zu sorgen; sie will Versuches, vor allem mit den wirtschaftlich Schwächeren in Fühlung zu kommen. In Heimabenden, auf Wanderungen, in gemeinschaftlichen Gottesdiensten, in wirklicher Mitarbeit an allen socialen Bestrebungen 1 n n e r h a 1 b der Gemeinde und, wen« möglich, auch darüber hinaus (Jugendfürsorge, Waisen- und Krankenpflege, Fürsorge aller Art für wirtschaftlich Gefährdetet soll die jüdische Jagend diesen Willen zur Einheit cum Ausdruck bringen. Das ist die zweite Aufgabe, die ans in der neuen Gemeinde obliegt. Damit hängt eng zusammen die Berufsumschichtung unserer Jugend, ein Thema, über das so oft gesprochen wird, weil es eins der ernstesten Probleme für das deutsche Judentum darstellt Hier gilt es vor allem, praktische Arbeit zu leisten; für Aufklärungsvorträge über alle Berufe, vor allem die gewerblichen und technischen, muß gesorgt werden, und zwar von Fachleuten. Für unsere Mädchen gilt dies besonders. Aber auch die ersten Anfänge müssen schon in der Gemeinde gemacht werden — man denke etwa an die Errichtung von Gemeindewerkstitten. So hat c. B. die Jugendgemeinde Mannheim — ich komme noch auf sie zurück — als erste in Deutichland mit Hüte der Gemeinde jetzt eine Schreinerei gemietet Kurz, alles muB getan werden, and zwar von Seiten der Gemeinde, mit und für die Jugend, um das Gefühl der Verantwortlichkeit dem Judentum gegenüber dadurch zu stärken, daO jeder junge Jude nur einen solchen Beruf wählt, der seinen Anlagen gemäß ist Wir müssen solche Berufe wählen, die eine bessere Berufscusammensetzung der deutschen Judenheit ergeben. Ich weise in diesem Zusammenhang nochmals hin auf die These Löfflers, die er 1919 in Berlin aufgestellt hat, nnd die noch heute so zeitgemäß1 ist, wie sie damals war. (Löffler: „Wie fördern wir den religiösen Sinn der jüdisches Jagend?" Schwieriger ist die weitere Auf0-.be, die der jüdischen Jugend im Leben der Gemeinde zufällt, da sie mit unserer religiösen Not überhaupt zusammenhängt. Offen und ehrlich wollen wir darüber sprechen und an Kritik nicht spare*. So, wie der Gottesdienst zur Zeit in den meisten unserer Gemeinden ist, befriedigt er die jüdische Jugend nicht. Auch die Orgel und der schönste Chorgesang helfen nicht über die Leere and Längweile hinweg. Der Gottesdienst, den wir für die jüdische Jugend erstreben, muß vor allem eine Schale der Aktivität sein. Gesang, Leinen, Vorbeten muß, wo es geht, in des Händen der Jugend sein, wie wir es z. B. ia Wiesbaden in unserem Jugend-Schülergottesdienste seit einiges Jahren versuchen. Ausgangspunkt ist der GemeinschaftswHle, der gerade im Gottesdienst die Einheit der Beter, die Gleichgesinnten verkörpern will. Ich weiß, daß das ein sehr schwieriges Kapitel ist, über das noch viel ss reden sein wird. Nur kurz will ich darauf hinweisen, daß r_ B. die Kameraden in Breslau einen solchen Gottesdienst auch verrucht haben and darüber in ihrem trefflichen Sonderheft „Tos jüdischer Not" (September 1924) berichteten. Ich «reiß aech, daß die besten snter uns sich der Schwierigkeiten Bewußt sind. In diesem Zusammenhang denke Ich an Löffler* Au'-ats Iber „religiöse Nor, im „Morgen" (Jg. IT Nr. J, ct. das* auch Nr. 4, Goldman«. Religiöse Not), den jeder vos sau lese« nod der in mseren Bünden eingehend besprochen werde« maßte. Löffler sieht die Rettung aus unserer religiöse« Net esd der Leere unseres Gottesdienste« in der Wendest cum C h a s s i d i s ss « ■ , ia der n e ■ e n Zehnachaft cum dieser gleiche Rhythmus wird*', sagt Löffler, „die alte Form neu mit Glut erfüllen nnd wird zugleich ia gleichen Sehnen neuen Ausdruck finden. Ob unsere Jugend Freude an harmonischer Bewegung dem Worte des Psalmisten vom „Sprechen aller Glieder" beim Hymnus auf den Höchsten früher nicht gekannten Ausdruck leihen wird, ob sie am Sukkoth- Fest mit dem Dufte und farbensebönen Feststrauß sieb froh im Reigen schwingen mag zum Preise des Schöpfers, statt wie bisher in gravitätisch kühlem Schreiten — wer wagt es, unmöglich oder gar unstatthaft es zu nennen?" Auch Löffler fordert ganz naturgemäß, wie wir es früher taten, Aktivität im Gebet, nnd ich erinnere Sie, liebe Freunde, an die Worte, die ich in der Einleitung über den Tanz, überhaupt über den Wert des Rhythmus für die Jugend gesprochen habe. Ob der - von Löffler vorgeschlagene Weg der richtige ist, der Weg zum Chassidismus, wo wirklich die Beter alle zusammen im Gotteshause, von heiliger Inbrunst ergriffen, eine Einheit, eine Gemeinschaft bilden — ich weiß es nicht ob er gangbar ist für uns hier; ich selbst befürchte immer, daß dann, beim Gehen dieses Weges, wenn vos außen uns dazu geraten wird, auf das mystisch-v erzückte Erlebnis mehr Wert gelegt wird als auf die gleichmäßige religiöse Tat Nicht auf das Erleben des Judentums kommt es m E. so sehr an, sondern auf das Judentum-Leben, auf die praktische Tat. Und hier möchte ich, wie ich es früher in Bonn und in Wiesbaden schon einmal getan habe, dem Gedanken Raum geben, ob nicht gerade die jüdische Jugend zum wirklichen Feierik des Sabbats, der Feste kommen kann. Früher kam etwa an den Wallfahrtsfesten z. B. das Volk zusammen, das Gemeinschaftsgefühl, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit wurde gestärkt Herz an Herz entzündete sich stete von neuem, die Begeisterung für das b e i 1 i g e Gut, der Stolz auf die Besonderheiten unserer Religion und Moral. Die Feste bildeten den Quell, der die weit verstreuten jüdischen Häuser mit dem reinen Trank jüdisches Empfindens speiste. Freude geben die Feste, das frohe Gefühl des Verbundenseins mit Gleichgesinnten, des Verstandenwerdens, neue Kraft, den Idealen unserer Gemeinschaft zu Üben. Unsere Sabbat-Fsst« verlangen Aktivität, Betätigung. Mas „macht" Schabbos, man „bisst" die Sukkoh, man „baut" des Seder, kurz, unsere Jugend soll unsere Feste wiederum als eine Art von Volksfesten begeben lernen, eich auf ihnen — jeder nach seinem Können, jede Gruppe nach ihren besonderen Aufgaben — betätigen. Warum sollten wir z. B. Schsbuoth, Sukkoth nicht auch noch draußen in der freien Natur fröhlich leiern? Vielleicht aber können auf diesem Wege — sind unsere Feste wieder indische Volksfeste geworden — sie auch wieder jüdische Familienfeste werden. Daß auch hier große Schwierigkeiten bestehen, wird jedem einleuchtend sein. Meine Aufgabe hier ist ee nur, anzuregen. Zorn Gottesdienst tritt das Lehrhans in der Gemeinde, das möglichst viele zu erfassen imstande sein muß. Von den verschiedensten Seiten her müssen die verschiedensten jüdisch-kulturellen Gebiete in ihm Raum finden, am auf allen möglichen Wegen bisher jüdisch Un interessierte unter uns zum Judentum zurück zu bringen. Für alle gilt ea aber: zu lernen und nochmals zu 1 e r n e s I Jeder von uns muß in den Stand gesetzt werden, selbständig einzudringen in die vielverzweigten Gänge jüdischen Wissens; mit allem Nachdruck muß die Möglichkeit ausgenützt werden, auf die schulentlassene Jugend in systematischer Weise jüdisch einzuwirken, ihr jüdisches Wissen in jeder Form beizubringen. Daß natürlich Apologetik, Einführung in politische Tagesfragen, Abwehrmittel usw. zum ständigen Programm gehören, ist selbstverständlich. Mit dem Lehrhaus selbst das, voa der Gemeinde eingerichtet, iür die ganze Gemeinde bestimmt je nach der Größe arbeitend, ist natürlich in jeder Gemeinde. „ auch der kleinsten, eine Gemeindebibliothek za verbinden, die — so wie es beute ist — in Mittelgemeinden oft ein Dasein im Verborgenen führt Tritt aber die Gemeindebibliothek in Verbindung mit dem Jugend-i verein, wird — wie wir es in Wiesbaden taten — ein geeignetes Jugendvereinsmitglied zum Ausleihbeamte« der Bibliothek ernannt, so wird sie, was sie sein soll: eine Sammlung voa Büchern jüdischen Inhalts, durch die jüdische Gedanken end Anregungen ie die Gemeinde geleitet werden. Bei Neuanschaffungen ist auf die Wünsche der Jugendvcreinsleituag