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Der Jugendbund · 1927-01-13 · 1 (13.1.1927) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
3 (1927)
Issue
1 (13.1.1927)
Date
1927-01-13
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Tant nicht nur um die Freude an rhythmischer Bewegung, nicht mir am ein neues Körpergefühl und das Erleben der Gemeinschaft, sondern um ein geistiget Versinken in einen Zustand, in dem der eigne Wille ausgeschaltet ist und man (ich von dem Rhythmus des Alls getragen fühlt Auf der Fahrt, im Spiel, in Gesang und Tanz, in der vertraulichen Aussprache, bei dem sich das Herz dem Herzen öffnete, erwuchs ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, einer Schicksalhaften Verbundenheit, die ihresgleichen vielleicht nur in eng zusammengeschlossenen religiösen Verbänden hat. Dazu kam noch verstärkend das Bewußtsein, anders, völlig anders zu sein als das Geschlecht der Alten. Das, was alle einte, war zunächst das Gefühl des Jungseins', der Besitz des köstlichsten Gutes, der Jugend, aber dazu gesellte sich das Bewußtsein, eine neue Jugend, mit neuem Lebensinhalt, neuen Zielen, neuen Pflichten zu sein. Diese Jugend war von denn Gedanken erfüllt, daß mit ihr eine neue Zeit anbrechen müsse. Wenn aber die neue Zeit bester sein solle als die alte, so muß die Jugend, die die neue Zeit heraufführen will, selbst bester sein. Darum lebt in der neuen Jugend der Wille, sich der ihr auferlegten hohen Aufgabe würdig zu erweisen. Aus der Forderung eines Lebens, „aus eigner Bestimmung, vor eigner Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit" erklärt sich auch die Stellung, die diese Jugend zur Religion einnahm und einnimmt. Vieles von den religiösen Vorstellungen und Einrichtungen schien dieser Jugend vor der Forderung der Wahrhaftigkeit nicht bestehen zu können, und rasch war sie zum Vorwurf der Heuchelei bereit. — Der religiös-mystische Zug der neuen Jugend hatte vor allem keinen Gefallen an den Formen, so wie sie waren und erfüllt wurden — sie übt« Kritik an allem —, aber überall war aufs stärkste wirksam das Verlangen nach Gemeinschaft. Darum hat die Jugend ein solches Verlangen nach Gottesdiensten, in denen sie sieb als „Gemeinde" fühlen kann. Das ist ihr. aber nur dann möglich, wenn sie sich mit allen Mitfeiernden durch die gleiche religiöse Stimmung verbunden weiß-, wenn sie eine innere Beziehung zwischen ihrem Leben und allen Teilen des Gottesdienstes herstellen kann, wenn sie schließlich auch selbst handelnd beim Gottesdienst mitwirken und dadurch ihr Tiefstes an heiliger Stelle vor Gleichgesinnten sagen Äarf. Alle künstlich gemachten „Jugendgottesdienste" z. B. mißglücken, weil diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind. — Bei der jüdischen Jugend sind die Verhältnisse noch schwieriger, denn sie findet heute keine „Gemeinde" vor, keine Kehilla, die weniger als Organisation ist und mehr ist. Kehillas hakaudesch, „Zusammenschluß zur Heiligung", das heißtii Zusammenschluß der einzelnen jüdischen Menschen zum Zweck, ein jüdisches Leben zu führen, also ein Leben, das alle Besonderheiten und Unterschiede gegenüber dem Leben der anderen in der Lehre, im gottesdienstlicben Ritus und im Hause zum Ausdruck kommen läßt Hieraus erwachsen die „rituellen" Aufgaben einer jüdischen Gemeinde, die zu erfüllen ein Opfer niemals zu groß, zu schwer gewesen ist Als erste Aufgabe wurde die Einrichtung eines geregelten Gottesdienstes, das heißt, Ermöglichung gemeinsamen Gebetes, gemeinsamer Thoralektüre, gemeinsamen Begehens der Feste empfunden. Sobald ein „Minjan" da war, wurde —jia einem beliebigen Zimmer zuerst, dann in einem besonderen Räume — gemeinsam gebetet und damit war die „Gemeinde" begründet Die zweite, ebenso dringende Aufgabe war der Unterricht der heranwachsenden Jugend in Lehr«, Sprache und Schrifttum, das heißt, Anstellung eines Lehrers; war die Gemeinde größer, so mußte auch für die dauernde Belehrung der Erwachsenen gesorgt werden. Man suchte sich einen Rabbiner zu verschaf'en, der, weit davon entfernt, ein Geistlicher zu sein, dazu da war, den Mitgliedern der Gemeinde Inhalt und Sinn der Lehre immer wieder nahezubringen, religionsjesetzliche Fragen zu entscheiden und die eherechtlichen Funktionen bei Eheschließung und Ehescheidung vorzunehmen. Neben Gottesdienst und Unterricht hatte die Gemeinde noch für andere, im religiösen Leben des Juden wichtige, Einrichtungen — etwa für Mazzoh, Lulaw, Tauchbad, koscher Fleisch — zu sorgen und sicherzustellen.- Aber mit diesen rituellen Aufgaben waren die Funktionen der jüdischen Gemeinde nicht erledigt; sie hatte auch den Zweck, jeden einzelnen Juden mit der Gesamtheit zu verbinden — «die Gemeinde" war jeder einzelne. Der Rabbiner war sein Raw, bei dem er lernte, der Lehrer war sein Vertreter bei seinen Kindern. Jeder einzelne fühlte sieb persönlich verantwortlich dafür, daß die Obliegenheiten der Gemeinde gut erfüllt wurden, und der „Eifrigste" und „Aktivste" unter ihnen war dann eben der „Gabba", der die Sache in die Hand nahm. Aber auch noch in einer anderen Hinsicht war jeder einzeln e gleichzeitig „die G e m c i n d e". Alles, was in seiner Familie an besonderen Ereignissen vorkam, war Gemeindeangelegenheit; Geburt and Tod, Hochzeit und Barraizwah war nicht seine persönliche Sache, sondern war Glück oder Leid der Gemeinde Es bestand kein Unterschied zwischen Gemeindeverwaltung und deren Mitgliedern, sondern jeder war ein Glied eines nach inneren Gesetzen sich selbst regulierenden Organismus; jeder nahm teil am Leben dieses Organismus. Daher konnte man auch nicht Forderungen an „die Gemeinde" stellen, sondern nur Forderungen an sich selbst All dies war nur möglich in der Kleingemeinde, wie sie vor z;rka 50 Jahren noch bestand. Schon die Mittelgemeinde trug ein anderes Gepräge, da kannte schon nicht jeder jeden, konnte sich auch nicht für jeden verantwortlich fühlen, und die Gemeinde befand sieb auf dem langsamen aber sicheren Hinabgleiten zur Großgemeinde, die sich durchaus zutreffend „Kultusgemeinde", „Synagogengemeinde" nennt Denn jetzt fiel jeder allgemeine Zusammenhang untereinander fort, and was noch schlimmer war und ist, der einzeln« verlor auch jeden Zusammenhang mit der „Gemeinde". Sic ist ein irgendwo arbeitendes Etwas, das außerhalb, vielleicht oberhalb, meines Lebens wirkt, das ich für gewöhnlich nicht brauche, um das ich mich nicht zu kümmern habe, das* wahrscheinlich sehr gut verwaltet wird, dem icb mit mehr oder weniger Bereitwilligkeit meine Steuern zahle (zumal ich muß1), das aber dafür auch die Verantwortung trägt, daß, falls ich doch mal irgendeinen Gebrauch von diesen Kultuseinrichtungen zu machen habe (etwa an den Festtagen, bei Todesfällen, an Jahrzeit usw.), alles da ist, und zwar so da ist, wie icb es haben will, d. h., wie icb es von meiner Heimat gewöhnt bin. Das ist ungefähr die Durchschnittseinstcliung der Gemeindemitglieder zur großen Kultusgemeinde. Diese Großgemeiede ist kein natürlicher Organismus mehr, sonders ein komplizierter, mit vieler Mühe und sorgfältiger Berechnung doch nur mangelhaft konstruierter Mechanismus, der von einer schwerfälligen Verwaltungsre aschint in Gang gehalten wird. Die Großgemeinde ist nicht eine große Kehilla, sondern sie ist eine Synagogzngemeinde geworden. Aus dem starken jüdischen Leben der Klcingeme-lnde wurde ein kraftloses S y n a g o g e n judentusn für einige Stunden im Jahre, und aus dem Juden, der früher «in Glied seiner Gemeinde war und von sich sagen konnte: „Ich wohne mitten unter meinen Leuten", ist das Gemeindemi t g 1 i e d geworden, das sich als Objekt einer Verwaltungsbehörde fühlt und nun mit Forderungen an die „Gemeinde" kommt, worunter es natürlich nur Forderungen an die anderen versteht. — Dazu kommt heute noch die Partei, die der [Gemeinde den Charakter der Majorität aufdrückt und besonders zum Ausdruck bringt die Indifferenten in der Gemeinde, da sie ganz und gar eben der Partei entsprechend politisch interessiert sind — kurz, die Gemeinde beute ist ein politisch eingestellter, mehr oder minder schwerfälliger Apparat Dieser Charakterisierung entspricht auch „das Leben" in der Gemeinde. Auf den ersten Blick sieht man sicherlich eine gesteigerte' Anteilnahme am jüdischen Leben, einen Betätigungsdrang, eine Geschäftigkeit, ein Vereinsleben durch einander, neben einander —, aber hinter der tatkräftigen Vielgeschäftigkeit, hinter dem Willen Kam Judentum gähnt eine religiöse Leere. Und Judentum ist doch weder ein Unterstützungsverein, noch eine Partei, noch eine Kampfgenossenschaft gegen den Antisemitismus oder um [ die Gleichberechtigung — Judentum ist und bleibt jüdisch« Religion. Was nützt es, wenn die Anstalten scheinbar «oft Vortrefflichste blühen, die .Einnahmen reichlich fließen, die Wohltätigkeitsvereine ihre Pflicht ton, die Toten gewissenhaft begraben werden, — wenn nicht Ausgang and Ende, Zweck and Sinn von all dem Ton, die Religion des Judentums, beobachtet wird. Sie sehen, die heutige Gemeinde ist kein« „Gemeinde'* — sie bietet eine Plattform, die Möglichkeit an einer wahren Gemeinde. Aufgabe der jüdischen Jagend ist «s nun, «Bete Möglichkeit in die Tat umzusetzen, weil sie — wie ich vorhin auszuführen versucht habe — weder Beruf sinteressen noch politischen Kompromisses unterworfen ist, sondern wahrhaft jüdisch leben wilL Was ist das? Was war et in früherer Zeit, \m der FresV

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