Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 1 (13.1.1927)
- Date
- 1927-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Blätter Mitteilungen des Verbandes der Mischen Jugendvereine Deutschlands 14. JAHRGANG / Nr. 1 der Jüdischen Butler Düsseldorf, den 13. Januar 1927 3. JAHRGANG / Nr. 1 de» jugendbandet llLK dCIH itliüllt* "^'e jüdisch* Jugend im Leben der Gemeinde". Von Dr. Paul Lazarus, Wiesbaden. — Die Jugend HHd UCH lUillU. bei der Mitarbeit in den Kleingemeinden. Von Prediger Simon Lemke, Stralsund. — Jugend und Staat. Von Werner Ilberg. Wolienbüttel. — Bemerkungen zu dem Problem „Jugend und Staat". Von Herbert Felsenthal, Düsseldorf. — Unser Judentum. Von Bez.-Rabbiner Dr. Beermann, Heilbronn. — Die Flucht in das Nichts. Von Benjamin Segel, Wien. — Achad Haam. Von Rabbiner Dr. Klein, Düsseldorf. — Jüdische Publizisten der Gegenwart. Von Heinz Kahn. —> Der Felljud. Von Leo Adler, Stuttgart. — Bücherschau. — Mitteilungen der Verbandsleitung. — Die Arbeit im Verband. — Adressenverzeichnis des Verbände«. — Vereins-nachrichten. — Anzeigenteil. 4t Referat, Die jüdische Jugend im Leben der Gemeinde' gehalten auf dem Delegiertentag des Hessischen Landesverbandes in Offenbach a. M. am 31. Oktober 1926. Delegiertentag des Hessischen Landesverbandes in Von Dr. Paul Lazarus, Wiesbaden. Es ist beinahe schon Allgemeingut geworden, daß wir in einer Zeit des Ueberganges leben. Von überall her tönt uns das Wort „Krisis" entgegen, Krisen im Wirtschaftsleben, in der Politik, in der Kunst, Krisen, wohin wir auch die Blicke schweifen lassen. Solche Zeiten des Uebergangs sind für den, der sie bewußt erkennt und sich nicht einfach treiben läßt, wie eine lockende gefährliche Sphinx, die jedem Verderben droht, der ihr naht. Die Problematik der Gegenwart ist so ungeheuer mannigfaltig, das Leben so bis in seine letzten Tiefen aufgewühlt, daß es fast vermessen erscheint, eine solche Zeit „begreifen" zu wollen. Auf historischem Wege ist solches Unterfangen unmöglich. Dazu fehlt einmal der unbedingt notwendige Abstand unserer Zeit gegenüber, der erst historische Bewertung ermöglicht, und dann ist es doch auch beute schon evident, daß sich unsere Zeit eindeutig mit irgendwelchen anderen Perioden (man würde ja an die Zeit des Untergangs des Imperium Komanum denken können), nicht vergleichen läßt. So geht es nicht. — Und doch drängt sich jedem, der unserer Zeit ratlos gegenübersteht, mit elementarer Wucht der Wunsch auf, den „Sinn" zu begreifen, der in all dem wirren Geschehen ruht. Oder doch zum .mindesten zu ahnen, welcher entscheidende Gegensatz die Generation von beute beherrscht Ein« zeigt sich dabei dem objektiven Betrachter mit aller Eindringlichkeit: Das Suchen nach neuen Lebenswerten. Nur die ganz fanatischen Anhänger und laudatore* temporis facti sind noch der Ueberzeugung, daß dieser Werthunger sich durch restloses Wiederherstellen des Alten stillen lasse. Nun, es wird immer Menschen geben, die; sich nicht überzeugen lassen, wie es immer Menschen geben wird, die wähnen, die Revolution habe am 9. 11. 1918 begonnen. Was an jenem Tage begann, war im Grunde ein relativ kleiner Teil jener großen Umwälzung, die seit 1900 eingesetzt hatte. Seit der Jahrhundertwende wuchs — trotz alles äußeren Glanzes, trotz der Masseneffekte — immer mehr die Ueberzeugung, daß die eigentlichen Werte verloren gegangen seien. Der Krieg selbst und die Nachkriegszeit haben das alles in größeren Fluß gebracht. Was bis dahin auf einen relativ kleinen Kreis beschränkt war, wurde Allgemeinerkenntnis. Jetzt sah sich die staunende Welt' zum erstenmal dem Nichts gegenüber. Es schien — Scheler hat es zuerst betont —, als mache unsere „Kultur" Bankrott, »or allem ihr Träger, die Religion. Wieder ist es Scheler, der zuerst darauf hinwies (in seinem „Vom Ewigen im Menschen" I), daß Europa vor dem Kriege in wetteatem Maße - antireligiös geworden war. Man hatte eben die Welt der religiösen Werte vergessen; daran änderten alles Kirchenbauen und. Festgottesdienste nichts. Diese Erkenntnis ist es, die sich heute in steigendem Maße durchsetzt; man war befangen gewesen durch die — vermeintlichen — Werte, die die Zivilisation bot Heute ist ihre eigentliche Wertlosigkeit erkannt. Und die Konsequenz? Auf der einen Seite Spengler, auf der anderen Scheler. Hier müde Resignation, Weltuntergangsstimmung —, dort Selbstbesinnung, Aufdämmern einer wahren Wertwelt, die das Leben im tiefsten Sinn erst lebenswert macht. Zwischen diesen beiden Polen — deren Hauptvertreter mir Spengler und Scheler erscheinen — schwankt unsere Zeit haltlos hin und her. Deutlich sehen wir ein Spiegelbild dieser Krise in der Jugend, in der deutschen sowohl wie in der jüdischen. Bei allen Verschiedenheiten im einzelnen dürfen wir doch sagen, daß Gemeinsames vorhanden ist; Und dies Gemeinsame ist das neue Lebensgefühl, eine neue Einstellung zum eigenen Leben und zur W e 11 ringsum, ein tiefes Erleben, das zugleich beglückt, befreit und verpflichtet Dieses neue Lebensgefühl ging aus von eiber romantischen Liebe zur Natur, die zur Folge hätte eine neue Stellung der Jugend zur Natur außerhalb des Menschen — ich denke z. B. an die Feste der Jugend auf Bergeshöhen, wie sie sich versammelt um den flammenden Holzstoß usf. —, und die als weitere Folge zeitigte das neue Körpergefühl, das zugleich etwas Religiöses, ja vielleicht auch Ausgangspunkt jedes religiösen Gefühls bei der Jugend war — dieses neue Körpergefühl ist ganz besonders wirksam im Tanz, auch e r wird als etwas Religiöses empfunden. „Der Tanz bietet einem großen Teil der deutschen Jugend das tiefste religiöse Erlebnis." „Wie oft haben wir beim Tanzen gefehlt, daß die ganze Welt rings um uns verschwand, und wir fühlten uns auf den großen schwingenden Wogen des Kosmos zum Firmament emporgetragen." Bei der Schilderung eines Tanzes heißt es: „Wie ein Bann ist es in diesen Leibern. Sie sinken zur Erde und werfen sich dem Himmel entgegen. Ihre Glieder jauchzen, - stehen, umarmen. Ein unnennbarer Rhythmus liegt in ihnen. Ihre Bewegungen sind keine Bewegungen des Willens mehr. Sie sind Hingerissenheit. Da ist nicht nur der Leib, da schwingt die Seele mit Da offenbart sich die Unendlichkeit. Wie die Gestirne kreisei nach ewigen Gesetzen, so schwingen diese Menschenleiber nach einem ewigen Gesetz Gottes eigene Harmonie und singen sein Lied." „Tanz ist der Ausdruck des Ueberweltlichen durch den Körper, ist das körperliche Bewußtwerden des Religiösen, in welchem die kosmischen Schwingungen zum Ausdruck kommen ... Nicht der Körper tanzt, sondern die U e b e r weit bedient sich des Tanzes und tritt so als religiöse Erscheinung in die Welt" So wird der Tanz geradezu als Gottesdienst empfunden. Für viele Kreise der Jugendbewegung handelt ee sich beim