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Der Jugendbund · 1926-12-30 · 24 (30.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
24 (30.12.1926)
Date
1926-12-30
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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schrittener Weg ist der, die Lektüre bestimmen zu lassen durch die allsabbatlich in der Synagoge vorgetragenen Wochenabschnitte. Der Weg hat etwas für sich; da unsere Freunde au! diese Weise neben der Kenntnis der Bibel eine Verbindung mit dem gottesdienstlichen Leben der Gemeinde bekommen. Aber abgesehen davon, daß, wenn mit dem Vortrag in der Synagoge Schritt gehalten werden «oll, ein unentwegtes Studium festgesetzt werden muß und Stellen, die (ich nicht für die gemeinsame Lektüre im Jugendverein eignen, durch andere ersetzt werden, würde bei einer aolchen Behandlung zuviel Wert auf Exegese gelegt werden. Bleibt als dritter Weg: die freie Auswahl, je nach religiöser, wissenschaftlich-literarischer oder ästhetischer Bewertung. Diesen Weg möchte ich als den richtigen bezeichnen, weil er ' mir geeignet erscheint, die Sehnsüchte des jungen jüdischen Menschen zu befriedigen, und ihn dadurch befähigen kann, seine persönliche Eigenart zu dem ihm gemäßen Lebensrhythmus zu steigern. Erkennen Sie mit mir diesen Weg als den anscheinend richtigen an, müßten wir an eine Auswahl der Stoffe gehen, und da sind wir nns wohl alle einig darin, daß das biblische Schrifttum seinen ethischen Höhepunkt in den Propheten und den Geboten der Thora hat, auf die die ersteren ja oft zurückgreifen. Nach der ethischen Bewertung wäre für mich die religiöse und äst h'e tische Wertung für die Auswahl maßgebend, und da stimme ich wohl mit Ihnen überein, wenn ich in erster Linie das Psalmbach nenne, natürlich auszugsweise, Jas Spruchbuch, das hohe Lied, Selbstverständlich eignen sich auch die Bücher Ruth, Hiob und Kohelet zur Lektüre im Jugendverein, nicht nur wegen ihrer ethischen Ausbeute, •ondern auch, um sie als, literarische Erzeugnisse zu betrachten und zu genießen. Daß diese letztere Wertungs- und Betrachtungsweise natürlich auch auf c*;e — i>n und prophetischen Reden — stellenweise in noch viel höherem Grade — zutrifft, brauch« ich wohl nicht zu erwähnen, Ja, ich würde empfehlen, unter diesem Gesichtswinkel auch die legendären Teile des I. Buches Moses in die Lektüre einzufügen. Es böte sich dabei leicht Gelegenheit, zu zeigen, wie hoch sie über ähnlichen Sagen anderer Völker stehen. Wenn ich über die Betrachtungsweise resp. die Art der Lektüre etwas sagen dürfte, so wäre es dies: So wenig Exegese wie möglich, das Bibelwort wirkt an sich, wenn — — das Gemüt des Lesers willig ist, es auf sich wirken zu lassen. Und diese Willigkeit zu schaffen darauf kommt es an, oder, anders gesagt, es gilt, die rechte Stimmung zu schaffen. Dafür kann man natürlich kein Rezept geben, das eben ist Sache des Kursusleiters. Das Wünschenswerteste wäre nach meinem Geschmack dies: Einige junge Menschen, die willig sind, sich in die Schrift zu vertiefen, bilden eine Arbeitsgemeinschaft und ackern ein Gebiet durch. Einer von ihnen, der einigermaßen redegewandt ist, gibt den Extrakt dessen, was sie erarbeitet haben, in einem kleinen Referat etwa an einem Freitagabend wieder, läßt besonders geeignete Stellen vortragen (Sprechchor), sofern sie vertont sind, singen, wählt Diebtungen, Balladen, Dramen usw. aus, die zum Referate passen, zieht auch sonst geeignete Kunstwerke, auch wissenschaftliche Abhandlungen zur Belebung heran und wird durch einen stimmungsvollen „Biblischen Abend" auch in anderen den Wunsch nach Bibellektüre erwecken. Jene erste Gruppe wird dann vielleicht zu Pionieren werden, die die Bibel heimisch in jüdischen Kreisen macht. Es wTfd ihnen gehen wie dem Dichter, der da singt: Will noch tiefer mich vertiefen In den Reichtum, in die Pracht, Ist mir's doch, als ob mich riefen Väter aus des Grabes Nacht. Dann wird sich vielleicht Herrn Dr. Hahns Wunsch: Wie bringen wir unsere Jugend zum Bibellesen? seiner Erfüllung nähern. (Fortsetzung folgt.) Noch einmal: „Menschen und Buch Von Alfred Koppel, Gelsenkirchen. Ich möcjjt« einmal zu den Ausführungen Issy Bayers über „Mensch sjn4 Buch" Stellung nehmen, nicht, weil ich auch der Arbeitsgemeinschaft des Jugendvereins angehöre und darum veranlaßt wäre, mich zu verteidigen, auch nicht, um die andern Teilnehmer in ein besseres Licht zu stellen, sondern nur, um in der Erwiderung vielleicht einige Anregungen zu geben, die für Führer und Teilnehmer einer Arbeitsgemeinschaft von Bedeutung sein können. Issy Bayer geht von dem Begriff der offenen Arbeitsgemeinschaft aus, die er dahin charakterisiert, daß er sie mit einem Taubenschlag vergleicht. Ich stehe ja auch auf dem Standpunkt, daß die Arbeitsgemeinschaft ein in sich abgeschlossenes Glied des Jugendvereins sein muß. Jedoch ist es ein gewagtes Urteil, schon zu Anfang unserer Arbeitsgemeinschaft zu sagen, daß sie beendet ist. Der Führer muQ sich eben die Mühe geben, die Leute der Arbeitsgemeinschaft zu verstehen, sie zu erfassen .und für eine gemeinsame Sache zu interessieren. Die Arbeitsgemeinschaft entstand und der Führer brachte uns das, was ihn augenblickl: h stark beschäftigte: Mensch und Buch, während der gleichnamige Vortrag von Siegfried Bacharach dieses Nachdenken bei uns nicht ausgelöst hatte. Aber Issy Bayer vergaß, daß es für uns eine direkte Umstellung erforderte, plötzlich auf seine Anregungen und Fragen zu reagieren. Er tastete und suchte den Kontakt mit uns herzustellen, jedoch fand er keinen Anklang, und welches ist die Ursache? Er wurde nicht verstanden, denn es waren nur wenige da, die seine Ideen verdauen konnten. Er hatte sich eben nicht überlegt, daß es notwendig ist, mit den Leuten einen gewissen Kontakt und ein gemeinsames Interessengebiet zu haben. Es mußte ein Aneinandervorbeireden werden, wenn keine gemeinsamen Grundlagen vorhanden waren, wenn das Thema eine bestimmte Persönlichkeit, noch besser, ein persönliches Urteil erforderte. Wir wollen und müssen erst in und durch die Arbeitsgemeinschaft zu Menschen erzogen werden, die selbständig urteilen können, die die Auswahl ihrer Bücher systematisch gestalten. Und das brachte uns Issy Bayers Heimabend nicht. Er ging von seiner geistigen Sphäre aus, wobei er vergaß, daß wir, die wir im geschäftlichen Leben — 4 stehen, uns nicht nur auf geistige Dinge umstellen müssen, sondern uns auf ein bestimmtes geistiges Gebiet konzentrieren sollten, das den meisten unter uns nicht zusagte, nicht nur, weil es zu schwer, nein, man hatte sich mit diesen Fragen nicht weiter oder überhaupt noch n:cht beschäftigt. Es erwächst aus diesem Beispiel die Pflicht, und das gilt für jeden Führer: besprich zuerst Dinge und Fragen, die alle verstehen, die erst zu persönlichem Urteil erziehen, suche den persönlichen Kontakt, gemeinsame Intere sengebiete, zu finden, dann wird die Arbeitsgemeinschaft kein Taubenschlag, sondern eine geschlossene arbeitende Jugend werden. Ein großer Pädagoge sagte einmal sehr trefferd: Von allen Fehlern und Untugenden der Schüler suche der Erzieher die Schuld in sieb selbst. Jeder Führer lege al-o zuerst an sich den Maßstab der Kritik, denn er trägt den größten Teil der Schuld am Ge- und Mißlingen eines Abends; dann taucht nicht mehr die Frage des ,.Sich-nicht-verstehen-wollen oder Antiquiert-haltcn" auf. Wenn Issy Bayer glaubt, daß man beim Lesen des Buche« „Das jüdische Volk und seine Jugend" die angestrebte prinzipielle Stellungnahme zum Buch vergißt, kann ich ihm nur recht geben. Aber erzieherisch und ganz besonders für unsere Arbeitsgemeinschaft ist das Lesen des Buches von großer Wichtigkeit: es schafft für alle ein gemeinsames Interessengebiet, man kommt in der Behanc" n£ des gelesenen Stoffes zu persönlichen Urteilen, die sich zuerst auf bestimmte Sachen beziehen, von denen man sagt, sie gefallen mir oder gefallen mir nicht, oder ich bejahe sie oder verneine sie. Erst wenn wir einmal eine längere Zeit zusammen gearbeitet haben, kommen wir auch zu den Urteilen, die eine Persönlichkeit voraussetzen. Wenn ich nun aus diesem Einzelfall eine Anregung herausschälen möchte, die wohl für jeden Führer und jede Arbeits* gemeinschaft paßt: Lernt Euch verstehen, setzt die Basis, von der Ihr anfangen wollt Euch aufzuarbeiten, nicht zu hoch, damit alle erfaßt werden, die Interesse an der Arbeitsgemeinschaft haben, dann werdet Ihr vorwärtskommen, nicht mehr aneinander vorbeireden, sondern zu Menschen werden, die ein selbständiges, persönliches Urteil haben, auch über Mensch und Buch.

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