Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 24 (30.12.1926)
- Date
- 1926-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gott, der Glaub« an die Eltern und der Glaube an das Gut« und Reine im Menschen. Meist setzt in diesem Alter des Jugendlichen, manchmal schon vorher und häufig erst viel später oder auch nie, die Selbsterzichung ein. In dieser Zeit, wo aller Glaube zu zerbrechen droht, wo alle Schleier weggerissen werden, wo Eltern und Lehrer nicht mehr als Voroilder der Tugend erscheinen, «ondern als Menschen entdeckt werden, die ihre Fehler und Schwächen haben wie andere, in der Zeit, wo alles kritisiert und seziert wird, beginnt der iwe. erwachend« Mensch sich selbst zu entdecken, zu kritisieren und damit zu erziehen. Es kommt oft, vor, daß Gutveranlagte, die in diesen Jahren, wie icfi bereits ausführte, von ihren Erziehern im Stich gelassen werden, es nur ihrer erwachenden Selbsterkenntnis und Selbstcrziehung zu verdanken haben, daß sie in diesen Entwicklungskrisen nicht untergehen. Es gibt im räumlichen Sinne keine eigentliche Grenze der Erziehung weil der Mensch, als ewig sich Wandelnder, bis ins hohe Alter für äußere Eindrucke und Einflüsse mehr oder weniger empfänglich bleibt. Aber es gibt eine gewisse Grenze direkter elterlicher Erziehung, die dann eintritt, wenn der jugendliche Mensch aus dem engen Kreis des häuslichen Familienleben« heraus, z. B. durch seinen Beruf, in eine größere Gemeinschaft eintritt und damit in erster Linie von dieser neuen Gemeinschaft erzogen wird: die Kinder sind, wie man so sagt, dem Elternhaus entwachsen, sie fanden an, selbständig zu werden. Wenn auch der direkte erzieherische Einfluß der Eltern jetzt wegfällt, und gerade deshalb, sollten Eltern vorarbeitend dazu beitragen, daß ihre Kinder genügend'gefestigt •ind, um etwaigen neuen schädlichen Einflüssen widerstehen zu können, denn jetzt beweist sich jede starke und jede schwache Natur, jede richtige und jede falsche Erziehung. Ich kenne einen Jungen aus sehr gutem Hause, einziges, sorgfältig erzogenes, verwöhntes Kind, der, als er von Hause fort kam, Gber alle Stränge schlug, faulenzte, Schulden machte, in schlimmstem Maße bummelte und herunterkam, lieblos und rücksichtslos gegen seine Eltern wurde und sich weder mit Liebe noch mit Strenge auf andere Bahnen bringen ließ. Er würde als der verlorene Sohn betrachtet, man hat ihn schließlich aber doch so weit gebracht, daß er wieder fleißig arbeitet, vernünftig geworden ist und persönlich den besten Willen hat, weiter zu studieren und gutzumachen, was er versäumte. — Ich glaube heute nicht mehr, daß dieser Junge eine schlechte Veranlagung hat, sondern nur, daß er, als er das Elternhaus verließ, nicht gefestigt genug war, den Einflüssen einer minderwertigen Umgebung widerstehen zu ki" ->. fr I ' rr'-';~1licb leicht, ein anständiger Mensch zu sein, wann man noch mit keinen Versuchungen Zu kämpfen hatte, und ich glaube, daß manches angesehene seriöse Mitglied der „guten Gesellschaft", dessen an sich schwache Natur vielleicht niemand, und ihm selbst womöglich am wenigsten, zum Bewußtsein kömmt, ein Schädling dieser guten Gesellschaft geworden wäre, wenn in früheren Jahren seine Natur sich im Kampf mit schlechten Einflüssen hätte behaupten sollen. Aber leider gibt et viele, deren direkt schlechte Veranlagung sich durch keine Erziehung umleiten läßt, es gibt Kinder, deren Eltern frühzeitig die Fehler erkannten, frühzeitig mit allen Mitteln der Erziehung dagegen bremsten, und die dann doch ein Fiasko erlebten. Da kann nicht mehr die Rede sein von einem Mangel der Erziehung, da liegen die Grenzen der Erziehung. Mancher gefährlichste Verbrecher hatte eine Mutter, die ihn liebte und ihn meistens, so gut sie es vermochte, erzog, und doch wurde er, was er ist, weil der verbrecherische Trieb mit ihm geboren wurde und sich ebenso durchsetzte, wie das Genie und wie das wahrhaft Gute und Edle im Menschen sich durchsetzen werden über alle Grenzen richtiger oder falscher Erziehung hinaus. Bibellektüre Referat von Fräulein Sachs, Lehrerin in Bochum, bei der in E Leider war es mir nicht möglich, an der Düsseldorfer Tagung teilzunehmen, um mich, wie ich Herrn Dr. Hahn zur Zeit schrieb, in den Rhythmus der Jugendbewegung einzufühlen. Wenn ich nun versuche, mir nach dem Bericht, den ich las, in etwa ein Bild zu machen, wenn ich das, was ich Mcr im T.-'.': -?.h nnd hörte, dem Bilde einfüge, dann will es mir scheinen, als ob die jüdische Jugend in ihrer Allgemeinheit diesen, ihren Rhythmus, noch nicht gefunden habe. Wie sollte sie auch? Sie stellte ja keine Jugendbewegung mehr dar, wenn das Streben nach ihrem besonderen Rhythmus seine Erfüllung gefunden hättu. Das scheint einen Widerspruch zu enthalten, da, wie Sie mir entgegenhalten könnten, in der Bewegung selbst Rhvthmus sein müsse. Gewiß, das Unrhylhmisrhe. das Ueberschäumen, das nur Umstürzen scheint überwunden, man hat ein Ziel; „Die Jugendgemeinde". Nun bin ich, und das müssen Sie mir zugute halten, mir noch nicht ganz klar darüber, was darunter zu verstehen ist. Ich glaube, eine Gemeinschaft jugendlicher, zielstrebiger Menschen, die kraft allgemein menschlicher, besonderer volklicher und tiefer religiöser, durch ein gemeinsames Schicksal bedingter Bindungen für einander einstehen i'nd sich ge*e«f"-tig fördern will. Liegt diese Definition nicht zu sehr seitab von Ihrer Auffassung, so wäre Klarheit darüber zu schaffen, worin der besondere Rhythmus der jüdischen Jugendbewegung liegt. Um in einer deutlichen Auffassung zu kommen, will es mir scheinen, ist es notwendig, zu erkennen, wie ist oder worin liegt der Lebensrhythmus des einzelnen Menschen. Nehmen wir einmal an, Rhythmus sei Harmonie der Bewegung an sich, in der Musik ist es ja das regelmäßig wiederkehrende Zeitmaß. (Drcivicrtcl-Takt, Sechsachtel-Takt dsw.), so läge darin eine harmonische Ausgeglichenheit, auf den Menschen, das Wesen des Menschen übertragen, die innere und äußere Harmonie, jenes undefinierbare Etwas, das der echt« der drei Ringe Minen Besitzer verleiht Und der jüdisch« Mensch, hat er einen besonderen Rhythmus? Wird die Harmonie seines Wesens durch etwas Besonderes bedingt? Oder gibt es in der Wesensart des jüdischen Menschen etwas, das, ins Feinst« ausgebildet, zum Rhythmus «eines Lebens notwendig ist, gar den Rhythmus seines Lebens ausmacht? Ich muß diese Frage unbedingt bejahen. Das, Führertagung des Rheinisch-Westfälischen Bezirksverbande«!ssen. . was uns in langet Kette mit jenen patriarchalischen Heroen, jenen prophetischen Genies, jenen Märtyrern ihrer Ide« verbindet, die der sehnsüchtigen Frage der Menschen nach Wahrheit einen beruhigenden Pol in der Erscheinungen Flucht gezeigt haben, das ist das speziell Jüdische in uns, Ja« den Rhythmus unseres Lebens, unserer Bewegung ausmacht. Darum haben die recht, die uns das Volk der Bibel genannt haben, und ihr Studium war es, das von jeher den Lebensrhvthmus des Juden bestimmt hat. Wollen wir also, den Rhythmus unseres Lebens finden, so müssen wir trachten, eine Einstellung zur Bibel zu linden. •' Nun ist es eine traurige Tatsache, daß heute gerade die Juden die Bibel am wenigsten lesen. Ja, die Zeit liegt noch nicht sehr weit zurück, daß wohl in jedem christlichen, selten in einem jüdischen Haus eine Bibel vorhanden war. Allerdings geht durch die jüdische Jugend, durch die jüdisch bewegte Jugend da« schöne Streben, nach den alten, halbverschütteten Schätzen zu graben; und Ihr, die fhr heute hier versammelt seid, zeigt durch Eure Anwesenheit, daß Ihr mit mir die Wege suchen wollt, auf denen wir unsere jungen Freunde zum Buch der Bücher, zur Bibel führen wollen. Aus den Voranzeigen einzelner Vereine sehe Ich auch, daß bereits hier und da Bibellcktüre getrieben ist. So können wir also in gemeinsamer Arbeit die Wege auffinden, die zur Bibellektüre führen, die Stoffe aussondern, die wir für besonders geeignet halten und die Hilfsquellen suchen, die uns helfen sollen, uns die Bücher der Bibel lieb und wert zu machen. Ich sagte, wir wollen in geraeinsamer Arbeit die Wege suchen. Da könnte ein Weg der sein, die Bibel verteidigen' zu lernen den Angriffen derjenigen gegenüber, die das sogenannte Alte Testament im Vergleich zum Neuen versuchen herabzusetzen, etwa es als Vorstufe für dns Neue betrachten, den Gott des Alten -Testaments als den Gott der Rache hinstellen u. a. mehr. Nach meiner An-icM ein vp-fehlter Weg. Wir lernen Bruchstücke außerhalb des Zusammenhanges kennen, bereiten eine Art Chauvinismus vor, der leicht in oberflächliches Diskutieren ausartet und nicht d i e Stimmung }n unseren Freunden erzeugt, die zur Ausprägung ihres Lebensrhythmus durch die Lektüre der Bibel ausgelöst werden muß. — Ein zweiter und in manchen Jugendvereinen bereits bs-