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Der Jugendbund · 1926-12-30 · 24 (30.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
24 (30.12.1926)
Date
1926-12-30
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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♦ dem-Kind klar und einfach verständlich machen, warum vir etwas verbieten oder wollen. Ein Kind wehrt »ich z. B. dagegen, zu Bett gebracht zu .werden. Die Mutter kommandiert: „Du bist jetzt augenblicklich still und schläfst, sonst gibt's was . . ." Das an derartige Kommandos gewöhnte Kind ist gegen seinen Willen und seine Ueberzcugung und lediglich aus Angst vor Strafe ruhig und haßt im Augenblick die Mutter, die ihm scheinbar so grundlos die Freude am Aufbleiben und Spielen zerstört hat. Um diesen KinderhaQ nicht aufkommen zu lassen, muO man dem Kinde möglichst plastisch erklären, daß es, wenn es nicht gleich einschläft, morgen müde und krank, sei und weder aulstehen noch spielen könne. Das Kind wird, nicht aus Zwang, sondern aus Furcht vor dem Nichtaufstehen- und Spielenkönnen — also aus Einsicht — gehorchen und einschlafen und sich dabei schon auf das verheißene „Morgen" freuen. -■ In diesem Zusammenhang möchte ich noch einiges über Kinderangst und Kinderstrafen sagen. Es gibt Erzieher, die nicht mit dem Kinde fertig zu werden glauben, ohne leine Phantasie mit irgendeiner Schreckensgestalt ru beleben, mit deren Erscheinen bei Unarten gedroht wird, sei es nun der Buhmann, der schwarze Mann, der Onkel Doktor, der Polizist öder der Schornsteinfeger. Man sollte in der Erziehung unbedingt alles vermeiden, was dazu angetan ist, ängstliche, überreizte, schwache Menschen zu erziehen ohne Mut und Selbstvertrauen, und gerade das AengsÜichmachen der Kinder durch solche Scbreckgespenste, uad das Erzwingen des Gehorsams aus Angst tragen stark dazu bei, daß splche Menschen erzogen werden. — Man soll auch aus denselben Gründen einem Kinde, besonders wenn es sehr empfindlich ist, nicht immer seine Fehler und Schwächen vorwerfen, ihm andere Kinder ewig als Master hinstellen, sondern ihm helfen, langsam diese Schwächen abzulegen und ihm dadurch Mut und Selbstvertrauen geben. Durch sorgfältige Erziehung, durch ein gutes Vorbild der Eltern und durch richtige sorgfältige Auswahl des Lernstoffes wird sicher manches an sich vielleicht wenig begabte oder mit kleinen Charakterfehlern und -schwächen belastete Kind dem allgemeinen Erziehungsideal — möglichst vollwertige, der menschlichen Gemeinschaft nützliche Menschen — nähergebracht werden können, als z. B. ein an sich talentiertes Kind mit guten Anlagen innerhalb einer Umgebung armer, verhärmter oder gar moralisch degenerierter Menschen. — So sehen wir, daß der Erfolg einer jeden Erziehung durch das Milieu beeinträchtigt oder gefördert wird, und daß bei der Entwicklung des Menschen nicht nur die im Anfang erwähnten Momente der Vererbung und eigenen Veranlagung eine Rolle spielen, sondern, neben der Erziehung, auch das Milieu. Ein großes Ereignis im Leben des Kindes ist der Eintritt in die Schule und damit zum ersten Mal in eine größere Gemeinschaft Gleichaltriger. Es gibt sehr viel zärtliche Eltern, die dieser Zeit mit einer gewissen Angst entgegensehen, weil sie fürchten, dem bisher so behüteten Liebling könne irgendetwas geschehen, er könne nicht richtig verstanden und behandelt werden. So übertrieben das in den meisten Fällen auch sein mag, so muß doch gesagt werden, daß diese Furcht etwas begründet ist. Die Schule birgt in sich die Gefahr, die jeder Massenerziehung an'-a'tet. r der einzelne nur als Mitglied einer Gesamtheit;- " -' '-- —e. gewertet wird und nicht ausreichend nach seinen Anlagen. Und durch diesen Wechsel von Individualerziehung im Elternhaus nnd Massenerziehung in der Schule, entsteht häufig ein Riß in der kindlichen Psyche. Das oft empfindliche Kind ist . gewöhnt, geliebt und verwöhnt zu werden, es kennt nur die Eltern als Erzieher, es weiß, welche Rolle seine kleine Person im elterlichen Hause spielt und sieht, daß man es in der Schule kaum beachtet, zwischen lauter fremde Kinder setzt, Fremde fangen an zu kommandieren und Gehorsam und Aufmerksamkeit zu verlangen, niemand scheint sich für seine Spielsachen zu Hause und für all seine Wünsche und Gedanken zu interessieren. So fühlen und glauben wohl viele sensible Kinder, wenn sie aus einem warmen Elternhaus in die Schule kommen und nicht direkt richtig angefaßt werden. Sie wissen natürlich nicht, daß gerade die neuen Lehrer und Lehrerinnen das größte Interesse daran haben, die Seele, die Veranlagung, die Fähigkeiten und Interessen der Kleinen kennen zu lernen, um so einen für den Unterricht notwendigen inneren Konnex zu schaffen, und daß es den Lehrenden meist nur schwer fällt, dies möglich zu machen. Die Schuld hieran liegt wohl weniger auf Seiten der Lehrer als am Schulung Lehrsystem überhaupt. Man ist heute allenthalben dabei, eine Schul- und Lehrreform durchzuführen, und es wird späteren Heimabenden vorbehalten bleiben, sich eingehender und spezieller mit diesem Gebiet zu befassen. Eine der notwendigsten und einfachsten Reformen wird die sein, kleinere Klassen zu bilden, in denen nicht etwa 40, sondern höchstens 20 Kinder unterrichtet werden. Dann wird der Lehrer mehr Gelegenheit und Freude daran haben, sich mit dem einzelnen Kinde zu beschäftigen und es gemäß seiner Individualität zu behandeln und zu unterrichten. Es müßte nach meinem Dafürhalten auch unbedingt soweit kommen, daß Kindern schon innerhalb der Schule Gelegenheit gegeben wird, eine besondere Begabung mehr zu pflegen. Warum sollte es zum Beispiel nicht möglich sein, daß ein für Mathematik völlig unbegabtes Kind von diesen Stunden ganz oder teilweise dispensiert wird, um dafür Unterricht in einem anderen Fache, für das es starke Begabung zeigt, zu bekommen. Es ist ferner notwendig, daß das Zusammenarbeiten zwischen Eltern und Lehrern inniger wird, damit ein Gegenarbeiten vorkommt. Wie oft zeigen Kinder in der Schule Schwächen, deren Ursache und richtige Behandlung, den Eltern bekannt ist, die aber der betreffende Lehrer falsch beurteilt, das Kind nicht selten bestraft und dadurch einschüchtert, und umgekehrt, wie oft entwickeln Kinder in der Schule Fähigkeiten und Eigenschaften, die den Eltern unbekannt sind. Es erleichtert Lehrern und Eltern die Erziehung und ist nicht zuletzt unendlich wichtig für das Kind selbst, wenn die natürlichen und beruflichen Erzieher Hand in Hand arbeiten. — Es wird auch von großem Wert sein, wenn der Frau ein stärkerer Einfluß in Erziehungsfragen eingeräumt wird, nicht als Lehrerin, denn da hat sie ihn schon, sondern an den maßgebenden Stellen, wo heute noch der männliche Ein'lvl überwiegend ist. Das würde deshalb gut sein, weil eine Frau ganz natürlich geeigneter ist, bei der Festlegung von Lehrmethoden die kindliche Psyche zu berücksichtigen. ' Je älter das Kind w V<eit herausschält, desto schwieriger und verantwortungsvoller wird seine Erziehung, desto mehr scheint es, als ob der Einfluß der Eltern zurücktrete und derjenige von Freunden oder Freundinnen vorherrsche. Eltern werfen in dieser Zeit den Kindern oft mangelndes Vertrauen vor, und wenn das in vielen Fällen auch übertriebene Eifersucht ist, so trifft es häufiger noch doch zu. Der Grund liegt meist darin, daß Eltern nicht mehr mit den Kindern mitwachsen und mitreifen, daß sie irgendwo stehen bleiben, während das Kind in seiner Entwicklung weitergeht. Auf einmal ist ein Zwischenraum entstanden, die Kinder sind an irgendeinem Punkt der Erkenntnis, der Reife angelangt, von dem die Eltern noch nichts wissen oder noch nichts wissen wollen; sie suchen in ihrem Kinde immeV,wieder das Kind, das nicht mehr da ist, und nicht den jugendlichen Menschen, der aus dem alten Kinde geboren wurde. So kommt es. daß in der Pubertätszeit, der Zeit des völligen Umstellens und Reifens von Körper und Seele, der Zeit, in der die kindliche Vorstellungswelt zusammenbricht, die jungen Menschen oft, viel zu oft, allein sind, daß in dieser kritischsten und gefahrvollsten Entwicklungsperiode die Erzieher versagen. Man kann diesen natürlichen Entwicklungsprozeß nicht verhindern, und es ist gut so, denn sonst gäbe es ewige Kinder, aber man kann Vorsorge treffen, daß der Zusammenbruch weniger schroff, weniger aus allen Himmeln reißend, vor sich geht, indem man das Autoritätsverhältnis zwischen Eltern und Kind frühzeitig in ein Freundschaftsverhältnis umwandelt, damit die Kinder in dieser kritischen Zeit nicht außerhalb de* Elternhauses Verständnis und Hilfe suchen, sondern daß sie, mit den Eltern durch eine innige.Freundschaft verbunden, ihr« Aengste und Zweifel zuerst dorthin tragen. Und Eltern sollen ferner ihre Kinder dadurch an sich fesseln und dadurch vorbereiten, daß sie ihnen ihr Wissen um die kindlichen Revolutionen mitteilen. Sie sollen offen und einfach mit den Kindern über die Dinge sprechen, die in dieser Zeit im Mittelpunkt des kindlichen Denkens und Fühlens leben, sie sollen sie aufklären über die sexuellen Beziehungen zwischen den Geschlechtern und dabei eigene Hemmungen zugunsten ihres Kindes überwinden, und sie sollen das nicht erst dann tun, wenn Kameraden und Kameradinnen es bereits in verzerrter, abstoßender Form getan haben. Sie sollen ferner ihrem Kinde helfen, die in dieser Zeit zum ersten mal akut werdenden religiösen Zweifel zu klären und alles in allem dafür Sorge tragen, daß bei dieser großen Verwüstung des kindlichen Glaubens nicht mitzerstört wird, was bestehen bleiben muß: der Glaub« an

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