Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 23 (16.12.1926)
- Date
- 1926-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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dieser ewigen Menschheitsfrage ist die, daß Leiden den Menschen läutern. Ea ist die tiefe Wahrheit, daß Schmerz und Unglück den guten Menschen veredeln. Wie der Mensch von seiner Mutter unter Schmerzen geboren wird, so kann er anch nur durch Schmerzen besser und reiner „wiedergeboren" werden. Der Prophet überträgt diese Wahrheit hier auf ein ganzes Volk, auf Israel. Schon in ■einen eraten Worten hatte er den Gedanken ausgesprochen (Kap. 40 Vera 2), daß Israel von Gottes Hand Doppeltes für seine Sünde empfangen babe. Wahrend sonst die tragische Geschichte Israels als ohne Zweifel gerechte Züchtigung hingenommen wird, so wird sie diesem Propheten zum Problem (Wellhausen). Er erblickt seine Lösung darin, daß auch Israel nur durch Leiden besser werden kann. Nur dadurch kann es einmal das heilige Gottesvolk werden. Aber darüber hinaus spricht er noch eine höchste Auffassung vom Leiden aus: Es ist ein Leiden für andere. Ja, es wird freiwillig gewählt, nm für andere zu büßen. Schuld muß gebüßt und damit aufgehoben werden. Das ist das unaufhebbare Gesetz der Sittlichkeit. Aber ein Mensch kann für andere sühnen, wie etwa ein Mensch für andere die Folge der Tat eines anderen, den er liebt, auf sich nehmen kann.*) Gewiß ist dies eine Idealisierang der Leiden Israels, das keineswegs in seiner Gesamtheit bewußt für ander« leidet (und auch die Anschauung der anderen Propheten hat ihr Recht, daß Israel mit Recht leidet als Strafe für seine Sünden). Aber es genügt, daß seine größten und edelsten Geister, wie dieser Prophet, das Schicksal Israels so aufgefaßt haben; denn ihre Auffassung muß einmal ganz Israels Selbstbewußtsein werden. Dieser erhabenen und trostreichen Gedanken, daß einer die Schuld der anderen durch Leiden sühnt, ist also im Judentum und dem A. T. gedacht worden. Und alle hämische Kritik eines Christen (Duhm), der auch hier noch Inferiosität der alttestamentliehen Religion gegen das Christentum — das Alte Testament kann diesen Gedanken nur denken, aber nicht verwirklichen, wie das Neue, — finden will, schafft diese Tatsache nicht aus der Welt. 2. N i c h t nur Israel, sondern die Menschheit. Der Prophet denkt hier nicht nur an das Heil und die Zukunft Israels, er will das Heil aller Völker. Darin spricht •) So lehrt die Bibel, daß er auch für andere beten kann, z. B. Abraham. Schundgesetz ausgetreten. Es ist Theodor Wolff. Ihm gebührt der Dank aller, denen die Freiheit des Geistes und des Wortes am Herzen liegtl Siegfried Jacobsohn gestorben So ist auch ein Sprecher der Zeit, der unermüdliche Siegfried Jacobsohn, jäh vom Arbeitstisch gerissen worden. Er war ein Fanatiker der Wahrheit, oft seltsam und rätselvoll, in vielem eine Lassalle-Natur, — seine Seele konnte den jüdischen Urgrund ihrer Struktur nicht verleugnen. Manchen war er unsympathisch, aber sie konnten sich dem Zwange seiner Gedankenwege nicht entziehen, — manchen war er Angelegenheit der Mode, doch sie vermochten nicht das Wesentliche in ihm zu begreifen. J. Ra. E'se Lasker-Schüler "T Aus einem Referat, gehalten von GreteLipper, Vohwinkel. Es gibt wohl kaum eine dichterische Erscheinung, über die die Urteile so stark auseinandergehen, wie über Else Lasker- Schüler. Und es ist wahr, daß man nicht leicht zu ihr gelangt. Die Frage drängt sich auf: Woran mag das liegen? Ich glaube, die Antwort ist in den beiden Tatsachen zu suchen, erstens, daß sie eine Frau ist, und zwar eine ganz gefühlsmäßig eingestellte, daher dem männlichen Geschlecht schwer zugängliche Frau, zweitens aber, daß sie eine Jüdin ist; und das ist wohl der Hauptgrund. Sie ist Jüdin nicht nur in dem Sinn, daß sie sieb zum Judentum bekennt, sondern ihr ganzes Sein bekennt ihr Judentum. Sehen wir doch bei ihr wie kaum bei anderen das jüdische Doppelangesicht, und in diesem Dualismus liegt ihre Eigenart, die in allen ihren Werken sichtbar wird, mag sie nun lyrisch gestalten, Romane Erzählungen oder Essays schreiben. „Sie hat Schwingen und Fesseln, Jauchzen des Kindes, der seligen Braut fromme Inbrunst — das müde Blut verbannter Jahrtausende und greiser Kränkungen", so sprach Peter Hille von ihr. Kindliches Jauchzen: Köstlich ist es, ihr auf ihren heiteren Pfaden zu folgen. Das Herz wird leicht, wenn man sie auf ihren Wanderungen mit Peter Hille begleitet and sich so in ein Traumreich verzaubern läßt. Peter Hille, den ihr wesensverwandlen Dichter, sehen wir im „Peter-Hille-Buch" als Heiligen auferstehen. Hier, wo tiefempfundene, strahlende Herzensfreundschaft anirdische Sehnsucht löst, gibt sie sich am schönsten und reinsten. Peter Hille war ihr ein Prophet, mit ihm auf messianischen Höhen hat sie wohl die schönste Zeit ihres Lebens verbracht. Sie selbst sagt einmal: „Dieser Tropfen Leben lang war tiefer als tausend Jahre." Fort flog sie mit ihm aus dem kalten, „hungrigen" Norden in ein Traumreich, wo ewiger Frühling war. Finden wir im Peter-Hille-Buch noch Spuren nordischen Geistes, so suchen wir danach in ihren Märchen, wie sie im „Prinzen von Theben" vor uns liegen, vergebens. Ganz anders sind sie als die Peter Hilles. Peter Hille ist Waldmensch. Er liebi den kühlen Norden. Else Lasker-Schüler ist eine Tochter der Wüste, sie sehnt sich nach den Pharaonenwäldern. In Theben ist ihre Seele zu Hause. „Ich bin in Theben in Aegypten geboren, wenn ich auch in Elberfeld im Rheinland cur Welt kam." Und weiter klagt sie: „Ich kann die Sprache dieses kühlen Landes und seinen Schritt nicht gehen." Ihre Märchen sind überwölbt von einem glutvollen orientalischen Himmel. Sie sind zwar etwas verschwommen, nicht so markant mad durchsichtig wie die nordischen: die Sprache ist schwerer, aber überaus malerisch und prächtig. Selbst ein darbender Vagant, versteht sie es, alltägliche, nüchterne Wirklichkeit mit den Strahlen ihrer Märchensonne zu erleuchten. Mächtig ist sie als Prinz von Theben, lieblich als Zebaothknabe, und die sie umgebenden Menschen hebt sie in die Welt ihrer Vorstellung, bis sie sich mit den Idealen decken, die ihr von jenen vorschweben. So erhalten alle, die einen Namen haben, auch die absonderlichsten, einen Heiligenschein. Da sehen wir Karl Kraus als Papst, Alfred Kerr als 'Beduinenfürsten, Peter Hille als Heiligen. So wird Franziska Schultz, die Mutter des Mutterschutzes, Maria von Nazareth, die gnadenreiche Frau. Was wir auch von Else Lasker-Schüler lesen mögen, es ist Bekenntnis ihrer Seele, ihrer Art, die in den Mittelpunkt alles Lebens das menschliche Herz stellt. Das ist die Eigenart ihrer Dichtungen: nur Huldigung und Widerhall ihrer selbst sind sie. Und weil sie stets nur von sich aussagt, treibt es sie immer wieder zum lyrischen Gedicht. Darin liegt ihre Stärke. Auch hier finden wir Spuren ihres heiteren Gemütes aus dem Peter-Hille-Buch, doch nur vereinzelt und nicht so ungetrübt wie dort. Wir spüren einen Hauch von Wehmut und Bitterkeit in ihnen, wenn sie im Lenze noch um den Winter klagt, wenn sie mitten in aller Frühlingspracht fühlt, daß es ein Fluch ist.-yter sie durchs Leben treibt, und die schmerzliche Erkenntnis'kommt über sie, daß sie anders ist, daß sie anders fühlt als die Menschen, in deren Mitte sie lebt. Zu diesen strebt sie, w?hnte sich bei ihnen, aber man versteht sie nicht, stößt sie zurück, und sie weiß nicht, ihren Platz zu bestimmen zwischen dem Volke ihres Blutes und den Menschen, mit denen ihr unglückliches Geschick sie zusammenführte. Einsam rult ihre Seele aus: „. , . Hab' mich so abgeströmt von meines Blutes Mostvergorenheit. Und immer, immer noch der Widerhall in mir, wenn schauerlich gen Ost das morsche Felsgebein, mein Volk, zu Gott schreit." Singt sie auch weiter von ihres Volkes stolzen Heldengestalten, von Moses, Jakob, Saul, David, die Stimmung ihres Herzens bleibt dunkel. Sie, die den Menschen nur Liebe entgegengebracht hat, die sprechen konnte: „. . . Ich weine, weil mir jemand böse ist", sie sieht nun, wie sehr sie sich getäuscht hat: „0, du Welt, du Irrgarten, ich mag nicht mehr deinen Duft, er nährt falsche Träume groß. Du entpuppte grauenvolle Weltsagerin, ich habe dir die Maske vom Gesicht gerissen. Was soll ich noch hier unten, daran kein Stern hängt?" Aufruhr und Empörung wüten in ihr, und wilde Anklagen schleudert sie gegen die verkommene Menschheit. Doch in ihrer weichen Seele legt sich schnell der Sturm, der sie zu zerbrechen drohte. Was bleibt zurück? Lebensmüde, sterbensmatt ist sie. Leise summt sie Sterbelieder, unendlich traurig und voll Harmonie der Sprache. Weg von den Menschen wendet sie sich, „meinw.';rts". Aus dieser Mattheit, dieser Weltverachtuirg erhebt sich groß die Sehnsucht zu Gott. „Ich suche allerlanden eine Stadt, die einen Engel vor der Pforte hat."-- So ist in allem, was sie schrieb, Else Lasker-Schüler eine große lyrische Dichterin und eine starke Jüdin. Nicht durch Geschlossenheit wirken ihre Werke, sondern durch eine Fülle seltsamer Eigenheiten. Will sie ihrer Phantasie Fesseln anlegen, will sie sie in die dramatische Form zwängen, wie in ihrem Schauspiel „Di« Wupper", dann entsteht nichts als ein chaotischer Spuk. Sic brennt vor uns als märchenbunte Flamme, dann wieder klagt sie Wehmut und Sehnsucht in die Finsternis, und all den Reichtum ihrer Seele bietet sie uns in einer Sprache dar, deren Rhythmus das Gepräge ihrer inneren Bilder harmonisch auf sich trägt.