Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 23 (16.12.1926)
- Date
- 1926-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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weift keiner deutlicher als jener Shaw, der auch Modedichter von Börgers Gnaden ist und der da mal gemeint hat:.....Alle Hoffnung erstirbt, wenn man die Jungen beobachtet; man weiß, daß sie genau das tun werden, was ihre Väter getan haben. . ." J. Ra. » In verschiedenen Nummern unserer Zeitschrift wurde Werfels „Paulas unter den Juden" besprochen und kritisiert. Ich hatte beim Lesen dieser Artikel das Gefühl, daß die Verfasser der eigentlichen Problemstellung des Stückes ausgewichen sind oder das Problem nicht beachtet haben. Ich sehe die Hauptbedeutung und zugleich auch das Problematische des Stückes darin, daß die Berechtigung der verschiedenen religiösen Grundauffassungen, nicht nur der jüdischen oder christlichen, sondern jeder anderen, durch die besondere Charakterisierung Gamaliels aufgezeigt werden soll. Dabei ist der Begriff ,,religiöse Grundauffassung" nicht etwa als eine dogmatische Bindung an einmal festgelegte Glaubenssätze zu verstehen, sondern als ein individuell jedesmal verschiedenartig erlebtes religiöses Erlebnis oder, mit den Worten. Broda zu reden, als „eine Gnade von Gott"; ob aber das Erlebnis echt ist oder, um noch einen Schritt weiter zu gehen, absolut wahr ist, ist m. E. wegen der Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft gar nicht nachprüfbar. Es kommt mir auf die subjektive Erlebnisfähigkeit des einzelnen Menschen an, über den in einem gewissen Augenblick die „Intuition" kommt oder nicht kommt Werfet weist zwar in seinem „Argument" ausdrücklich darauf hin, daß sein Stück „den entscheidenden Augenblick der Loslösung des Christentums von seiner Mutterwelt" behandeln wilL Die damalige Situation ist aber mit den Augen eines Dichters, eines intuitiven Menschen, geschaut, gewissermaßen nacherlebt. Das ganze Stück durchweht ein toleranter Geist, der Geist Rabbi Gamaliels. .Edle Duldung gegen glühenden Haß. In religiösen Fragen gibt es kein logisches Entweder- Oder, keinen einzig wahren Glauben, kein Dogma. — Das scheint mir das Wesentliche des neuen Werfclschen Stückes zu sein: das damalig neu« religiöse Erlebnis, die „göttliche Beseeligung" des Saulus-Paulus zu schildern, die daraus entstehenden Konflikte mit sich selbst und seiner Umwelt psychologisch klarzulegen und — das sei nochm*'s hervorgehoben — die Berechtigung des einmaligen jüdischen Erlebnisses (Mose, in der Entwicklung der Geschichte natürlich gedanklich fundiert und yon den Propheten in seiner ganzen Größe nochmals erlebt) wie des christlichen Erlebnisses (Jesus, Saulus-Paulus) zu zeigen. Mir scheint, als ob das der Sinn einer Komponente, einer von den Menschen gewollten und auch gelebten Ethik entspreche: nämlich der Gerechtigkeit. Das Problem so zu stellen und dazu Stellung zu-nehmen, halte ich für angebracht und zur Klärung in "religiösen Dingen lohnend. R. V. Die Bibel im Heimabend Der zweite Jesaja. Von Rabbiner Dr. Ernst Jacob (Saarbrücken). 2. Der Knecht Gottes. Jesaja Kap. 42 Vera 1—9; Kap. 49 Vers 1—6; Kap. SO Vers 4—9; Kap. 52 Vers 13 bis Kap. 53 Vers 12. Auerbach Kap. 36 Vers 1—7: Kap. 43 Vers 1-6; Kap. 44 Vers 1—6; Kap. 46. L Alle die-c Stellen handeln vom „Knecht Gottes". Sie haben keinen Zusammenhang mit dem was ihnen folgt oder vorangeht. Auch sind sie in einem Stile geschrieben, der sich von der Umgebung abhebt. II. Wer ist der Knecht Gottes? 1. Das Christentum hat seit den Evangelien Jesus darunter verstanden und sieht diese Stelle als die sicherste Voraussage seines Erscheinens*) an. Die moderne protestantische Bibelwissenschaft hat diese Ansicht selbst aufgegeben (Duhm). Sie ist auch nicht richtig; denn a) die Erzählung der Evangelien über das Leben Jesus ist eo zugeschnitten, daß eben die Prophezeiungen der Propheten erfüllt werden. Ganz offen sagt ja das Evangelium bei jedem Ereignis in seinem Leben ..auf daß erfüllet werde, was geschrieben steht". Selbst wenn sein Leben so verlaufen ist, wie es berichtet wird, so ist die Tatsache, daß jemand als Märtyrer seiner Ueberzcugungen stirbt, etwas, das oft in der Geschichte vorgekommen ist, und diese Prophezeiung könnte dann auf viele Helden, die für ihre Ueberzcugung starben, bezogen werden. Daß Jesus oder seine Jünger sie auf sich bezogen haben, ist wohl möglich, beweist aber nicht, daß er damit gemeint war. b) Die Prophezeiungen des A. T. gehen nie auf Einzelheiten, oder wenn sie solche angeben, sind sie oft nicht eingetroffen. Die Gabe des Blickes in die Zukunft, den die Propheten hatten, bestand nur in der einfachen Erkenntnis, daß Sünde Strafe nach sich zieht, daß Besserung die Strafe aufhält, daß Gott schließlich den Gestraften begnadigt und daß er die Welt einem sittlichen *) Siehe besonders: „Meinen Rücken bot ich dar denen, die mich achlugen und meine Wange denen, die mich rauften." „Verachtet war er und verloren unter den Menschen." „Doch unsere Krankheit trug er, und unsere Schmerzen nahm er über sich." „Er ist verwundet um unserer Missetaten willen." „Er hat sieh zum Sühneopfer hingegeben." Ziele (dem messiannchen Reich) zuführt. Daß sie in der Ausführung dieser Gedanken auch schon von der Verbannung und der Rückkehr sprechen, ist bei ihrem offenen Blick für die politischen Mächte und Ereignisse ihrer Zeit nichts Wunderbares. 2. Es läßt sich nur darüber streiten, ob mit dem Knecht Gottes ein Einzslmcnsch oder das Volk Israel gemeint ist. a) Der Ansicht, es sei eine individuelle Persönlichkeit, widerspricht nicht die Stelle Kap. 49, Vers 3: „Mein Knecht bist du, Israel, an dem ich mich verherrliche." Denn das Wort „Israel", das ist der modernen Textkritik zuzugeben, könnte eingeschoben sein. Man streitet bei der Auffassung als Einzelperson darum, ob damit der Prophet oder ein sonst unbekannter Märtyrer seiner Zeit gemeint sei. Aber die Auffassung als Einzelperson ist für uns zu verwerfen, da wir hier nicht feststellen wollen, wen der Verfasser ursprünglich mit diesen Stellen gemeint bat, sondern welche Rolle sie in der Gesamtheit der Lehrer des Judentums spielen. Dafür ist aber nicht die Meinung ihres Verfassers, sondern die Ueberlieferung maßgebend. Und diese hat die Steffen einmütig seit den ältesten Zeiten auf das Volk Israel bezogen. Selbst wenn in Kap. 49 Vers 2 das Wort „Israel" nur eingeschoben wäre, so wäre das gerade ein Beweis für das Alter der Deutung der Stelle auf Israel. b) Daß der „Knecht Gottes" Israel ist, wird aber auch von vielen Bibelforschern angenommen, Wellhausen sagt (Geschichte S. 152 Anm.): „Die Annahme ist abenteuerlich, daß im Exil ein unvergleichlicher Prophet, womöglich von seinen eigenen Landsleuten, zum Märtyrer gemacht, dann aber verschollen wäre. Die Aussagen passen auch nicht auf einen wirklichen Propheten. Der hat nicht die Aufgabe und noch weniger den Erfolg, alle Heiden zu bekehren. Auf einen solchen sind nicht die Augen der ganzen Welt gerichtet, die Heiden können nicht in der Weise von ihm Notiz nehmen, daß sie seine Vergangenheit verachten und seine Zukunft erstaunen. Er kann nicht zugleich an Aussatz sterben und hinge- , richtet werden. Seine künftige Größe läßt sich nicht so denken, wie sie in Kap. 53 Vers 12 und Kap. 52 Vers 13—15 beschrieben wird. Seine Auferstehung aus dem Grabe wäre nicht so einfach, daß sie gar nicht besonders erwähnt zu werden brauchte, und ließe sieb nicht so ohne weiteres mit setner Verherrlichung gleich» — 7 —