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Der Jugendbund · 1926-12-16 · 23 (16.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
23 (16.12.1926)
Date
1926-12-16
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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gierten Landvereinen stehen, erhalten eine bestimmte Auswahl zur Verteilung an die Landvereine. Ich glaube, daß es noch bessere Vorschläge gibt, aber mir lallt im Augenblick nichts Besseres ein. Daß wir sehr viel Zeit nach den schlimmen Erfahrungen früherer Jahre hätten, wird wohl niemand behaupten wollen. Wohl aber müssen wir in dieser Angelegenheit wie in allen, die Landarbeit betreffenden Dingen, mit einer Delikatesse vorgehen, die der Wichtigkeit der Sache entspricht. Kurt Bachra.cn, Oberstein. Als Vortragender in sieben Vereinen des Rheinisch- Westfälischen Bezirksverbandes (Unliebsam verspät Von Siegfried Bac Bcfder Rückkehr von meiner Tournee linde ich eine Aufforderung der V'erbandsleitung vor, ihr schnellstens über meine Tätigkeit Rechenschaft abzulegen, über meine Eindrücke zu berichten. 'Arbeitsanhäufung zwingt zum Telegrammstil. — Am 24. Oktober sprach ich im Jugendbund Wanne über „Ivelijion und Religiosität". Meine Vorbereitung: fünf Ausspracheabende im hannoverschen Jugendverein, 40 Stunden Lektüre. Nachdenken und Niederschrift. Ich fuhr mein schwerstes Geschütz auf. Da es Sonntag war, fehlte die sporttreibende und wandernde Jugend. Trotzdem die Diskussion auf beachtlichem Niveau, von etwa einem Viertel der Anwesenden getragen, Ende erst gegen Mitternacht. Der Abend gilt dem Verein als wertvolle Einleitung zu dem Thema seiner Wintcrarbeit: Heidentum, Christentum, Judentum. — Am 25. Oktober in Castrop dasselbe Thema, bereichert durch die Erfahrungen der Aussprache vom vorhergehenden Abend. Man folgt nur zögernd und mißversteht, findet Ausführungen einerseits zu wenig jüdisch, andererseits die Forderungen zu orthodox. In der Aussprache erwidert nur der Vorsitzende. Der Rest hüllt sich in Schweigen. Enttäuschung auf beiden Seiten. Vielleicht erwartete man einen Literaturverein- Paspartout-Vortrag. gleich verständlich für 13- und 7J jährige. (So auch die Zusammensetzung des Publikums.) Für mich ein voller Mißerfolg. Eine nach 14 Tagen stattgefundene Aussprache mit den leitenden Persönlichkeiten des Vereins hat diesen Eindruck nur verstärkt. — Am 26. Oktober in Gelsenkirchen Vortrag üLcr: .-.Mensch und Buch." Den Saal der Anios-Loge füllen Menschen aller Altersklassen und gesellschaftlichen Schattierungen. Nach dem dritten Satz fühle ich die unbegrenzte Aufnahraefähigkeit, das liebevolle und so wohltuende Mitgehen aller. Welche Freude, vor Menschen zu stehen, deren Mienen und Gebärden Echo geben, Zustimmung leuchten, zweifeln, ja verbannen, verurteilen, köpfen möchten. Kein Wort blieb unverstanden, aber auch kein Gedanke wurde ungeprüft hingenommen. Die Aussprache kunstlos, gerade, jeder Satz Ausdruck eigenen Erlebnisses, dabei alles durchglüht von einer selbstverständlichen, sonnigen Heiterkeit. — Mein Zug fuhr leider schon um 11 Uhr. — Die drei Abende waren mit einer Ausstellung jüdischer Bücher verbunden und gaben auch dadurch manche Anregung. — Fortsetzung der Tournee vom 8. bis 11. November. In Wattenscheid, Essen. Herne. Bochum das gleiche Thema: „Vorlesungen aus beschaulichen und heiteren jüdischen Werken", verbunden et aufgenommen.) h a r a c h , Hannover. mit Ausstellung jüdischer Bücher, Ich habe niemals eine Stunde Rezitationsunterricht gehabt, bilde mir auch nicht ein, rezitieren zu können und habe dementsprechend auch bot „Vorlesungen" angekündigt. Es wurde ein Triumphzug des jüdischen Herzens. Denn was da ohne alle Kunst, ohne Pathos, ohne Theater, ja mit mancherlei unvermeidbaren hessischen Dialektschwächen geboten wurde, fand einen glänzenden Widerhall, auch in dem gewiß verwöhnten Essener Verein; das war eben nur möglich, weil man mir glaubte, daß Hirn und Kehlkopf ausgeschaltet sind (sum grano salis), daß nur das jüdische Herz Mittler ist von jüdischen Herzen zu jüdisc'-en Herzen. (Der Landesverbandsvorsitzende, Rabbiner Dr. Hahn, verabredete denn auch , mit mir den Besuch der übrigen Vereine seines Verbandes im Januar.) — Was man überhaupt aus einem Vereinsabend, an dem man seinen Mitgliedern einen ihnen noch unbekannten Redner auftischt, machen kann, bewies der Laubheim-Verein in Bochum. Die Veranstaltung wurde als Unterhaltungsabcnd "und in Gemeinschaft mit dem Jüdi-chcn Frauenbund aufgezogen; Devise: „Das jüdische Buch". Kuchenbeladene Tische, als Dekoration nachgeahmte Buchdeckel in Abfinden von je zwei Metern auf der hufeisenförmigen Tafel aufgestellt und mit dcut-.chen und jüdischen Sprüchen verziert, die an Stelle des Titels stehen und auf die Bedeutung der Veranstaltung hinweisen. Die Ordnerinnen trag n weiße Armbinden, auf denen ein Buch aufgemalt ist. Auf besonderen Wunsch gebe ich an diesem Abend einführende Worte (10 Minuten), trage auch eigenes, wie , Gebet" und im heiteren Teil „Der schreckliche J ugend verein", vor. Nach meiner Einleitung passende Gesangsvorträge, dann folgen die Vorlesungen wie in den anderen Vereinen. Vorstand und Repräscntant:nkollegium sind offiziell vertreten, der Rabbiner mein Tischnachbar. Es fehlt nicht an launigen Ansprachen. Ein harmonischer Abend, dessen Mahnungen auf fruchtbaren Boden fielen. Das bewies auch die starke Nachfrage nach denjenigen Büchern, aus dtr.cn Kostproben verabreicht worden waren. Alles in allem, eine Arbeit, die dem Arbeiter Fre'ide machte. Uebcrall herzliche Aufnahme, Würdig'ing der Arbeit und dankbares Genießen. Ich war niemals vorher in einem westfälischen Verein. Ich freue mich auf die neue Tournee im Januar. — An dieser Stelle will ich allen danken, die mir ihre wertvolle Unterstützung und Förderung haben auteil werden lassen. Randbemerkungen Die Ausführungen von S. B. in der vorigen Nummer des „Jugendbundes", die sich mit dem „Grabmal des unbekannten Soldaten' beschäftigten, dürften nicht nur bei,mir, «ordern bei jedem wirklich jungen Menschenauf schärfsten Widerspruch stoßen. Der Verfasser, der so phantasiearm sein will, daß er „Titel und Inhalt des Stückes nicht auf eine gemeinsame Basis za bringen" vermag, besitzt aber doch eine so üppige Phantasie, von einer Gefahr zu reden, die nur er allein sieht. Glaubt der Schreiber jener seltsamen Ausführungen ernsthaft, wir bildeten uns ein, daß dieses Stück der Menschheit geschenkt wurde, um aus Militaristen über Nacht Pazifisten zu machen!? Es scheint ja geradezu, als wenner dieses Kunstwerk — wer wagte es, den hohen künstlerischen Gehalt dieser Tragödie zu bezweifeln! — auf eine Stufe stellen will mit Machwerken in der Art von Dir.ters Fabrikaten, Sei denen der Deckmantel .vorgeblich „künstlerischen" Gestaltens nur dazu benutzt wird, Lesern und Zuhörern politische Tendenzen einzuimpfen! Und weiter — gewiß, viele sehen sich das „Grabmal" ao, weil „man es gesehen haben muß" — (übrigens, man muß es wirklich gesehen haben!) —, aber hat es denn Tollers Werken geschadet, daß auch der sonst literarisch und sozial uninteressierte Spießer sie „aus Mode" in die Hand nahm? Es ist zwar bedauerlich, aber das kann doch kein Vorwurf sein gegen uns, die wir jung sind, daß viele Effekt- und Sensationshascher jene Tragödie über dem nächsten Modethema bald vergessen haben werden. Dieses ist sicher: Es werden Funken aus dem Erleben dieses Erlebnisses sprühen, die nicht erlöschen — und seien es nur einzelne. Ja, in einem kann man S. B. zustimmen: er steht wirklich „allein auf weiter Flur"!--- H. G. „Das Grabmal des anbekannten Soldaten". Es ist nicht das Wesen dieses Stückes, mit einem Schlage aus einem »beliebigen Zuschauer, vielleicht gar aus einem chronischen Indifferenten einen überzeugungstrenen Anbänger der Friedensbewegung zu machen, und ich muß gestehen: es ist gut so) Denn mir graut's vor all den Leichthingerissenen, wenn es sieb um mehr als eine Alltagssehnsucht handelt. Und darum: nicht lamentieren, daß auch Raynal den Spießerweg alles Allzubürgerlichen wird wandeln müssen, wie die vielen (Tolstoi, Ibsen, Shaw . . .) vor and mit ihm and wie die vielen nach ihm. Besser, wenn tropfenweise mit ^unablässiger Stetigkeit der Stein ausgehöhlt wird, wenn immer wieder und immer wieder die „Gesinnungen" angestoßen, aufgerüttelt, schwankend gemacht werden. Gewiß: es ist eine weite Straß« von erster Rührung bis zur Tat, von der Idee zur Handlung. Das

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