Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 23 (16.12.1926)
- Date
- 1926-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Scheitel zu zahlen, um jüdischer Volksgenosse zu sein. Ich denke, gar mancher Zionist wird meiner Ansicht sein. Oer deutsche Jude ist heute soziologisch anders wie der Ostjude, insbesondere in Polen, nicht jüdisch nationale Minderheit, sondern der deutsche Jude ist heute soziologisch Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft. Will er jüdischer Volksgenosse werden, so muß er erst Wurzel schlagen im jüdischen Volkstum der Zukunft. Wehe den deutschen Juden, die dem deutschen Volkstum entsagen, aber nicht' die Kraft zum jüdischen Volkstum aufbringen, webe den Entwurzelten. Wir, die jüdische Jugend im Verbände der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, beiahen das, deutsche Volkstum, aber wir betätigen es nicht. Und wirklich ist es dem deutschen Antisemitismus gelungen, dem deutschen Juden die Mitarbeit am Staate so stark zu verleiden, daß .wir nicht allein uns abgewandt haben. Ich kann keine Statistik vorweisen, aber ich habe den bestimmten Eindruck, daß die Entjudung bei denen, die sich die Mitarbeit am deutschen Volksstaat zur besonderen Aufgabe gemacht haben, erschreckende Fortschritte gezeitigt hat. So sehr diese Haltung der deutschen Judenheit psychologisch zu begreifen ist, soziologisch ist sie eine Gefahr, vor der nicht genug gewarnt werdet) kann. Die Juden sind ein Teil der deutschen Volksgemeinschaft, sie sind eingegliedert, aber doch kenntlich, und das mit Recht, als ein besonderer Teil der deutschen Volksgemeinschaft. Denn auch die Gemeinschalt ist gegliedert, gegliedert in unzählige kleinere Gemeinschaften, die aber alle bei aller Wesensverschiedenheit abgestimmt sind auf die eine große Gemeinschaft, die zusammen erst erklingen in der Harmonie der Volksgemeinschaft. Die Juden sind zahlenmäßig unendlich in der Minderheit, tie bilden eine kleine Gemeinschalt in der großen Gemeinschaft, und eine Gemeinschaft von besonderer Klangfarbe, aber eine Klangfärbung, die in der Harmonie der deutschen Volksgemeinschaft nicht fehlen könnte, die notwendig ist. Wenn diese Minderheit nicht ständig den Zusammenhang mit der Mehrheit, die ihr teils freundlich, teils teilnahmslos gegenübersteht, betont und betätigt, so ist soziologisch das Band zwischen Mehrheit und Minderheit gar bald zerrissen. Die Juden Deutschlands haben das Recht und die Pflicht, ihre Fähigkeiten, die sie stark auf die verantwortliche Mitarbeit an der deutschen Volksgemeinschaft hinweisen, in den Dienst des Staates zu stellen nicht nur als Juden, sondern als Deutsche. Jüdische Jugend möge den Mut aufbringen, die Kluft, dl« gar oft nur in der Einbildung besteht, zu Überbrucken, einzutreten für ihr gutes Recht. Die Zurücksetzungen und Enttäuschungen, die wir dann erleben werden, sie bleiben nicht aus. Aber wir dürfen uns, nicht entmutigen lassen. Die Juden sind jahrhundertelang im Kampf gegen Vorurteile und Mißachtung, gegen Lüge und Verleumdung gestählt, möchten auch wir wahre jüdische Jugend, das heißt, Kämpfer sein, möchten wir unser« Vorfahren, die es schwerer hatten als wir, nicht beschämen. Möchten wir Kämpfer sein für die deutsche Volksgemeinschaft. Freilich bedürfen wir zu diesem Kampfe des politischen Rüstzeuges. Es kommt gewiß in erster Linie auf den Willen, auf die innere Kraft an, aber das allein genügt nicht. Wir müssen Waffen haben, geistige Waffen. Dies«-Waffen zu schmieden, das soll unsere Aufgabe sein. Die Erziehungsarbeit, die wir in unseren Bünden zu leisten haben, besteht sicher in erster Linie darin, Erziehungsarbeit für die jüdische Gemeinschaft zu leisten; sie besteht aber auch darin, und dazu rufe ich in dieser Stunde auf, daß wir die jüdische Jugend zu deutschen Volksgenossen erziehen, daß wir ihr das Wesen des deutschen Volksstaates veranschaulichen, ihr deutsche Volkskultur vermitteln, daß wir den Platz der deutschen Juden in der deutschen Volksgemeinschaft soziologisch bestimmen. Auch das ist jüdische Arbeit. Das deutsche Volk wird Jahrzehnte brauchen, um politisch zu einer einzigen Volksgemeinschaft zu verschmelzen. Juden sind allzeit Pioniere gewesen, Pioniere des Gcictes, jüdische Jugend möge Wegbereiter sein Zur deutschen Volksgemeinschaft. Jüdische Jugend möge kämpfen dafür, daß gemeinsames Geschick die deutsche Schicksalsgemeinschaft geboren hat, daß das gemeinsame Geschick die Brücke von der äußeren Bindung zur inneren Gemeinschaft geschlagen hat, zur Wesensgemeinschaft, daß diese innere Gemeinschaft sein möge wahre Kulturgemeinschaft. Jugend und Staat, ein Thema, das für uns lebendige Gegenwartsbedeutung hat, ein Gebiet, das aber so schwierig ist; daß diese Stunde der Fülle der Fragen und Zweifel nicht Herr werden konnte und Herr werden wollte. Ich selbst möchte mich darin zur Jugend rechnen, daß ich' freimütig bekenne, auch ich ringe noch mit den Problemen. Möge es gelingen, in gemeinsamer Aussprache, in gemeinsamer Arbeit, Anschauungen zu gewinnen und zu klären. Die Tagungen der Landesverbände im Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands In den letzten Wochen fanden die Tagungen fast aller Landesverbände des neutralen Jugendverbandes statt. Sie legten davon Zeugnis ab, daß allenthalben der auf der Düsseldorfer Tagung vor einem halben Jahre reorganisierte Verband sich durchgesetzt hat,- und daß ernster Wille eine Arbeitsfreudigkeit erzeugte, die für die Zukunft das Beste erhoffen läßt. Wir geben in folgendem kurz die Berichte der einzelnen Landesverbände wieder. Bezirksverband Rheinland-Westfalen: Dem Beispiel des Westdeutschen Bezirksverbandes folgend, hielten wir am 3. Oktober eine gutbesuchte Führertagung in Essen ab. Im Mittelpunkt der Besprechungen stand das Referat von Fräulein Sachs, Bochum, über „Einführung in das Bibellesen", das als ein Muster für die Abhaltung von Heimabenden gedacht war. Man war sich darüber einig, daß nur auf dem vom Verbände angeregten Wege die Aktivierung der Mitglieder vorwärtskommen könne und stellte fest, daß dieser Weg schon in einer erfreulichen Anzahl von Vereinen beschritten werde. Ueberall sind Arbeitsgemeinschaften entstanden, die in eifriger Arbeit sich in die Grundlage des Judentums, hineinzudenken und zu fühlen versuchen. Es wurde beschlossen, den Vereinen aufzugeben, zunächst das Thema „Der Talmud" zu behandeln, wofür ein Rundschreiben von Rabbiner Dr. Hahn; Essen, als Grundlage dienen soll. Bezirksverband Nord Westdeutschland: Wir hielten diesmal unsere ordentliche Delegiertenlagung am 10. Oliloier in Bratmschweig ab. Sie wurde eingeleitet durch eine Veranstaltung des Jüdischen Jugendbund"s Brannichweig am Abend des 9. Oktober, bei der Herbert Felsenthal, Düsseldorf, und Landesrabbinenr Dr. Wilhelm, Braunschweig, über „Die Jugend als Träger der religiösen Erneuerung" sprachen. Bei den Beratungen am 10. Oktober waren von den 16 Vereinen des Bezirksverbandes 12 Vereine vertreten. Der Bezirksverbandsvorstand war vollzählig zugegen.. Der Verband wurde durch den zweiten Vorsitzenden, Herbert Felsenthal, Düsseldorf, und den Geschäftsführer, Fritz Schwarzschild, Wiesbaden, vertreten. Sämtliche Braunschweiger und Wolfenbüttler jüdischen Organisationen hatten Vertreter entsandt, so daß der Vorsitzende, Alfred Bonnin, Bielefeld, eine Versammlung von 150 Köpfen begrüßen konnte. . Das ausgezeichnete Referat von Dr. Hermann Lehmann, Irenen, über „Jugend und Staat" ist im Wortlaut in vorliegender Nummer der Verbandszeitschrift „Der Jugendbund" veröffentlicht. Die Aussprache trug sehr viel zur Klärung dieses Problems bei. Aus dem Jahresbericht des Vorsitzenden ist zu entnehmen, daß der Bezirksverband in diesem Jahre von 11 auf 16 Vereine angewachsen ist. Zum Vorsitzenden wurde wiederum Alired Bonnin, Bielefeld, gewählt Landesverband Pfalz-Saan Unsere Delegiertentagung, die am 10. Oktober in Saarbrücken stattfand, bat außerordentlich zur inneren Kräftigung des Landesverbandes, der durch äußere Verhältnisse sehr behindert war, beigetragen. Es waren acht Vereine vertreten, für den Reichsverband war Ernst Holzer, Frankfurt, zugegen. Als Grundlage der Aussprache diente ein Vortrag des Landesverbandsvorsitzenden, Rabbiner Dr. Jacob, Saarbrücken, über „Jugend und Bibel", der die Wichtigkeit des Bibellesens in den Vereinen begründete. Der Landesverband umfaßt in der Hauptsache Vereine in Kleingemeinden, in denen die Arbeit wegen der geringen Zahl von Führern sehr schwierig, aber wichtig ist. Die Berichte der Vereinsvertreter zeigten guten Willen, aber — 4 —