Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 23 (16.12.1926)
- Date
- 1926-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich nannte eingangs den Staat eine Organisationsform, Gettaltungsform der menschlichen Gesellschaft. Der Staat ist keineswegs die einzige Gestaltungsform der menschlichen Gesellschaft Die Geschichte zeigt seine Entstehung und Entwicklung. Die Geschichte zeigt vielleicht noch einmal seinen Untergang. Ansätze dazu sind beute vorhanden. Eine überstaatliche Organisation der menschlichen Gesellschaft bahnt (ich an. Gleichwohl haben w i r politisch durchaus mit dem Staat als der bestehenden GcstaUungsform der menschlichen Gesellschaft zu rechnen. Was in unseren Tagen geschehen ist, bedeutet noch nicht die Zertrümmerung des Staates selbst, -sondern lediglich die Wandlung der Staatsform. Republik und Monarchie. Gewaltstaat, Beamtenstaat, Ständestaat, Religionsstaat, Klassenstaat, Sowjetstaat, Volksstaat — stets haben wir es mit Formen des Staates zu tun, stets finden wir die drei entscheidenden Merkmale des Staates vor: Staatsgebiet, Staatsvolk und Gewalt — Staatsgewalt. Der Kampf der letzten Jahrhunderte und vermutlich auch des 23. Jahrhunderts geht nicht darum: Staat oder Nichtstaat, sondern der Kampf tobt um die Staatsform, um die Größe des Staatsgebietes, um die Bestimmung des Staatsvolkes, um das Maß und den Träger der Staatsgewalt. Hakenkreuz, Schwarz-Weiß-Rot, Schwarz-Rot-Gold, Rot — das sind im wesentlichen die Fahnen, um die sich die Kämpfer scharen. Und alle kämpfen um dasselbe: um den Staat, den Staat als Volksgemeinschaft. Wir wiesen eingangs bereits darauf hin, wie stark das Wort „Volksgemeinschaft" Schlagwort geworden ist. Jeder versteht die Volksgemeinschaft — wie er sie auffaßt. Und doch ist dieses Streben zur Volksgemeinschaft mehr als ein politischer Schachzug der Parteien, mehr als eine zugkräftige Reklame für Eigenintercssen — dieses Streben ist in soziologischer Beleuchtung Offenbarung de« Willens, den Staat nicht nur zur Gestaltungsform der menschlichen Gesellschaft zn machen, sondern zur Gestaltungsform der menschlichen Gemeinschaft zu erheben, d. h. also, zwischen Staatsbürgern eine Bindung durch den Staat herbeizuführen. Wir haben bereits den Versuch unternommen, die Arten der Gemeinschaft aufzuzeigen: Blutsgemeinschaft, Schick-alsgemeinschaft, Interessengemeinschaft, Wesensgemeinschaft, Kulturgemcinschaft, Religionsgemeinschaft. Brauche ich noch darauf hinzuweisen, wie jede Partei ihre Volksgemeinschaft auf einer oder mehrerer dieser Gemeinschaftsarten aufbaut? Wie »die einen sagen, das Blut, die Rasse bildet die Grundlage der Volksgemeinschaft, die andern, das Schicksal schmiedet das Volk, wieder andere, das Interesse der wahrhaft Arbeitenden ist das maßgebende, andere, Volksgemeinschaft das ist Religionsgemeinschaft, andere, Volksgemeinschaft ist Kulturgemeinschaft. Wir, wir, die jüdische Jugend, stehen mitten in diesem Kampfe und merken es nicht, wollen es nicht merken. Sollt« der jüdischen Jugend Deutschlands der Kampf wirklich gleichgültig sein? Und doch handelt es sich in Wahrheit um einen Kampf, an dem wir in doppelter Hinsicht auf das brennendste interessiert sind: als Jugend und als Juden. Jugend in soziologischer Betrachtungsweise ist eine bestimmte Menschengruppe innerhalb der menschlichen Gesellschaft, und zwar bestimmt zunächst durch das Lebensalter, Jugend im Gegensatz zum Alter. Zur Jugend rechne ich aber weiter alle diejenigen, die zwar nicht dem Alter nach, wohl aber dem Wesen nach jung sind. Denn die Jugendlichkeit ist Sache des Wesens. Zur Jugend in diesem Sinne gehören alle diejenigen, die noch nicht fertig sind mit der Welt und noch nicht fertig sind mit sich, die Ringenden, die Wandlungsfähigen, "die Begeisterungsfähigen. Die Begeisterungsfähigkeit im Gegensatz zur Btassiertheit zu dem jüdischen „Kenn ich" mit der wegwerfenden' Handbewegung. Begeisterungsfähigkeit, das ist nicht Rausch und Taumel, das ist nicht das Schwelgen in nebelhaften Vorstellungen, das ist die gefühlsmäßige Bejahung des vernunftvollen Erkenntnisses. Eine Bejahung, die sich äußert in dem freien, offenen, ungekünstelten Wort, die sich aber auch äußert in der Tat, zumal in der Opfertat. Einstehen wollen, sich opfern wollen für das, was man bejaht, das ist Jugend. Einstehen wollen trotz aller Widerstände, den Kampf aufnehmen wollen für das, was man für richtig erkannt hat. Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten, nimmer sich beugen, das ist Jugend. Jugend, das ist aber auch Kameradschaft, Hilfsbereitschaft, das Einstehen für den anderen, du Mitempfinden, du Mitleiden, das soziale Gefühl, das Werten nach eigene« Maßstäben, nach der Persönlichkeit, Kameradschaft, Gemeinschaft, du ist Jugend. Ist die jüdische Jugend von heute, sind wir wahrhaft jung? Sind wir begeisterungsfähig, opferbereit? Stehen wir Mir einander ein, einer für den anderen? Manch älterer in unseren Reihen muß uns beschämen, ist jugendlicher als wir. Möchte jüdische Jugend die innere Kraft aufbringen, die bedrohlichen, verhängnisvollen Entartungserscheinungen, die Zeichen des schnellen Niederganges, die wir in heißer Sorge um die Zukunft der jüdischen Jagend feststellen: die zunehmende Verflachung, die ungehemmte, unstillbare Vergnügungssucht, die ungeheure Ausprägung des Geschäftssinnes, das Fehlen jedes inneren Aufschwungs, der Fähigkeit, sich über den Alltag zu erheben — Entartaagserscheinungen, die so stark sind, daß wir, laßt es mich euch sagen, gar oft die Empfindung haben, wir stehen auf verlorenem Posten — möchte jüdische Jugend die innere Kraft aufbringen, diese Entartungserscheinungen zu bannen, sich zu verjüngen. Nur die Jugend, die wahrhaft jung ist, hat Ansprach auf Selbständigkeit, bietet die Vorbedingung für; eine Jagendbewegung. Jugendbewegu n g im Gegensatz zur Jugendpflege Ist Betätigung jugendlichen Eigenwillens, Selbstentfaltung der Jugend. Selbsterziehung. Jugendbewegung ist aber auch Gemeinschaft, und zwar, wenn wir sie in die von uns aufgestellten *Gemcinschaftsarten eingliedern wollen, Wesenegemc-nschaft, und eine Wesensgemeinschaft von starker Entfaltungskraft. Jugendbewegung, das ist nicht Beschaulichkeit und Betrachtung, das ist nicht Welt- und Lebensanschauung, das i;t Lebensgestaltung, Formung des eigenen Lebens, aber auch Gestaltung des Leben« überhaupt, Weltgestaltung. Somit muß Jugend naturnotwendii zur menschlichen Gesellschaft and zu der herrschenden Gestaltungsform der menschlichen Gesellschaft, dem Staat, Stellung nehmen. , Das Staatsgebiet mit den Säulen, Staatsvolk, Staatsgewalt. Auch die Jugend wohnt unter dem Dach des Staates, jugendlicher Forschungsdrang und Tatendurst wird prüfen, wie es am du Haus bestellt ist. Jagend will die Heimat erforschen, sie wandert. Sie lernt Land und Leute kennen. Sammelt nicht Bücherwissen, sondern unschätzbares, unendlich wertvolles Edfahrangswissen, sie stählt Körper, Geist und Seele im Kampf um die Eroberung des Landes. Sie lernt die Menschen kenner, sie beurteilen, sie verstehen, ihr offenbart sich das Staatsvolk, aho das Volk in seiner Gesamtheit, das Volk durch die Volksgeno «en, das Volk als Gemeinschaft: Volksgemeinschaft. Die Jugend vornehmlich hat die Fähigkeit zur Zusammenschau. Sie empfindet das köstliche Geschenk der Verbundenheit durch die gemeinsame Sprache, durch gemeinsame Ausdrucksmöglichkeiten, gemeinsame Grundauffassungen, sie erkennt die Gemeinsamkeit der Lebenshaltung im Gegensatz zum soziologischen Begriff, de« „Fremden". Ihr offenbart sieb aber auch das Volk in seiner tiefen Zerklüftung, in seinem Hader, in seinem Haß — dem deutschen Haß. Ihr offenbart sich weiter die Staatsgewalt. Gewalt, du ist Zwang, Hemmung, Fessel, unerträglicher Zwang, wenn die Gewalt nicht gerecht geübt wird, wenn sie der Jagend nicht Freiheit der Entfaltung läßt, wenn der Staat Obrigkeitsstaat. Polizeistaat ist, die Volksgenossen nicht Staatsbürger, sondern Untertanen. Da bäumt sich die Jugend anf, da ist sie in ihrem Wesen getroffen, da erwacht ihre Kampfnatur. So sehen wir denn die Jugendbewegung ringen mit der Staatsgewalt: die Burschenschaften in der ersten Hälfte de« 19. Jahrhunderts, die freideutsche Jugendbewegung im 20. Jahrhundert. Der Kampf der freideutschen Jugendbewegung, wie er not von Charlotte Lütkens in ihrem Buche „Deutsche Jugendbewegung** so eindringlich und anschaulich geschildert worden ist. Aber auch, und darin möchte ich Charlotte Lütken« nicht beistimmen, der Kampf der vaterländischen Verbände and der verwandten Verbände in unseren Tagen. Auch hier Jagendbewegung, auch hier Kampf um die Staatsgewalt, noch hier viel ehrliches Wollen, viel aufrichtigen Bemühen, wenn auch — 2 —