Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 22 (2.12.1926)
- Date
- 1926-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Meines Erachtens ist die Arbeitsgemeinschaft beendet, das5 heißt, ich glaube, daß man über dem Lesen und der Besprechung des Bercfeldschen Buches das allgemeine Thema vergessen wird und nicht mehr dazu gelangen wird, die angestrebte prinzipielle Stellungnahme zum Buch herauszuarbeiten und zu formulieren. 1 _ ■ * ■ _' Versuchen wir nun auch die Arbeitsgemeinschaft kritisch zu betrachten und Erkenntnisse von mehr als einzelpersönlicher Gültigkeit herauszudestillieren, so scheint sich mir folgendes zu ergeben: Unseren Menschen fehlt nicht die geistige Aufnahmefähigkeit, aber es fehlt ihnen die geistig-seelische Bereitschaft. Man kann daraus verschiedene Schlüsse ziehen. Man kann sagen, sie sind eben schon geistig vollendet, oder auch, sie h Sen den Weg zur Vollendung noch gar nicht beschritten. Ich will nicht sagen, lür was ich mich entscheide. Es gibt heute eine Menge von Dingen, die nicht problematisch an sich sind, aber jedem' Menschen sich in dem Sinne als Problem darbieten, daß er sich zu ihnen irgendwie entscheiden, irgendwie stellen muß: pro oder kontra. Zu diesen Dingen gehört: das Buch. Und wie entschied man bei ans? Noli me längere, rühr mich nicht an. Das mag behagen, wem es will, mir aber nicht. Für mich ist das ein Standpunkt für Halbtote, aber nicht für junge Menschen, die wir — unserer geistigen Gesamteinstellting nach — sein wollen. Oderwolhn wir das nicht? Ich begann damit, einen witzigen Protest der Redaktion der „Frankfurter Zeitung" vorzulesen, die lieh gegen die massenhafte „Fabrikation", von Herbstgedichten und noch mehr gegen deren Einsendung an die Redaktion wehrt. Diejenigen, die dem ersten Abend beigewohnt hatten, ahnten, was ich damit wollte, die „neuen" Teilnehmer ahnten nicht einmal. Ich begann zu sprechen von Autoren, Verlegern, Buchhändlern einerseits und dem Publikum anderseits. Ich sprach von der Anarchie auf dem Gebiete der Buchproduktion bzw. des Verlags, und sprach von der Gleichzeitigkeit von 10 Goetheausgaben, wo eine oder zwei genug wären und nützlicher obendrein. Man hielt das für eine Preisfrage, nein, vielmehr für eine Frage des Preises, die mit dem Thema nichts zu tun hatte. Ich las zur Verdeutlichung dessen, was ich wollte, einen Aufsatz von Eugen Diedrichs vor, der darin seine erzieherische Verlegermission, die Kulturmission des Verlegers darlegt und insbesondere dem Kalkülverleger manchen Hieb versetzt. Ich sprach von den Buchgemeinden, von dem Erwachen des Lesers lind davon, daß diese Leservereinigungen Abwehrvereinigungen sind, teils nur gerichtet gegen die Preispolitik der Verleger, aber in der Hauptsache gegen die Ziellosigkeit der Verlage, gegen Geistlosigkeit und Flachheit. Man verstand mich überhaupt nicht und — das ist. was mich sehr deprimierte — man nahm sich gar nicht die Mühe, mich zu verstehen. Fand man mich antiquiert oder hypermodern? Ich weiß nicht. Man einigle sich schließlich darauf, in der nächsten Zusammenkunft ein Buch selbst zu lesen. (Bernfeld: Das jüdische Volk und seine Jugend.) Das neue Mädchenheim des Provinzialverbandes jüdischer Frauenvereine für Rheinland u. Westfaten Die höhere Fachschule tritt Ostern an die Stelle der technischen Seminare, sie bildet die Vorbereitung für das Gewerbeseminar; doch sind Ostern 1927 keine Plätze mehr frei. Rheydt bietet also vielgestaltige Möglichkeiten; als besonders ausschlaggebend bei der Wahl kam noch die vom ganzen westlichen Gebiet leicht zu erreichende zentrale Lage hinzu. Nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten ist es nun gelungen, ein schönes Haus mit Garten zu mieten und eine geeignete Lehrerin zu finden. Es ist beabsichtigt, das Heim so zu führen wie das der Schule angeschlossene Pensionat, auch der Pensionspreis soll ungefähr derselbe sein. Damit das Heim, das eine große Erleichterung in der Aus- * büdung bringen wird, erhalten werden kann, ist es nötig, daß Anmeldungen von Pensionärinnen bald erfolgen. Alle Anfragen wegen Aufnahme in die Schule und auch in das Heim sind zu richten an Frau Ruth Stern, Rheydt (Rhld.), Vierhausstraße 9. Anmeldungen-für die Schulkurse müssen bis zum 3-1. Dezember erfolgt sein. Allen jungen Mädchen, die Ostern aus der Schule entlassen werden, ist hier eine Gelegenheit guter, gediegener Ausbildung gegeben, ohne daß sie dabei die sonst gewohnten Schwierigkeiten der Verpflegung haben. Die Leitung des Heims wird bemüht sein, den jungen Mädchen einen vollwertigen Ersatz für das Elternhaus zu schaffen. Mine Meyer, Düsseldorf. 1 Bei der Tagung des JüJischen Frauenbundes in Düsseldorf wurde von verschiedensten Seiten die Notwendigkeit betont, Ausbildungsn^öglichkeilen für junge Mädchen zu schaffen, bei denen sie räch gesetzt streuen Vorschriften leben können. In erster Linie war anjhauswirtschaftliche'Ausbildung im weitesten Sinne gedacht, aber auch alle anderen Berufsausbildungen sind für jüdische junge Mädchen, die vom Land oder aus Orten ohne Fachschulen stammen, sehr erschwert. Es wurde der Beschluß gefaßt, um dtese Schwierigkeiten zu beheben, in einem Ort mit einer staatlichen oder gleichwertigen Haushallungs-, Handels¬ und Geiverreschule ein Heim zu schaffen, in dem die in der Ausbildung befindlichen Mädchen wohnen können. Am geeigi i lea! ' ■- '•-schien Rheydt, da die dortige staatliche Handels- und Gewerbeschule eine anerkannt gute Lehranstalt ist, die die verschiedensten Ausbildungsmöglichkeiten bietet. Die Haushaltur.gsschule vermittelt in einjährigem Kursus gründliche hauswirtschaftliche Kenntnisse, und ihr Besuch erleichtert den Eintritt in das Seminar, das immer sehr überfüllt ist. Anschließend ist eine Ausbildung als Hausbeamtin oder Haushaltpflegerin möglich. Die höhere Handelsschule dient der gründlichen Ausbildung der jungen Mädchen, die sich den Beruf der Handelsangestellten gewühlt haben, außerdem dient sie als Grundlage für den Besuch der Handelshochschule und der Ausbildung als Diplorohandclslehrerin. JÜDISCHES LEBEN IN RHEINLAND UND WESTFALEN Aus den Gemeinden Geljenkirchen. Am 17. November starb der Senior unserer Gemeinde, Herr Markus Elias, im hohen Alter von 102 Jahren. Der Verstorbene war sowohl der älteste Einwohner der Stadt Gelsenkirchen, deren Wachsen vom Dorf zur Großstadt er hat miterleben können, als auch der Provinz Westfalen. „Der alte Elias", wie er im Volksmunde genannt wurde, erfreute sich in allen Bevölkerungskreisen größter -Beliebtheit.' Die Beerdigung fand unter allgemeiner Anteilnahme statt. Die Tageszeitungen brachten herzliche Nachrufe. O. G. Mülheim (Ruhr) Oeffentlicher Vortrag in der Synagoge Mülheim (Ruhr):* „Die Ethik des Judentums". Die Synagogengemeinde Mülheim hatte am Bußtage zu einem Vortrage ihres Rabbiners, des Herrn Dr. Neuhaus, eingeladen. Die Synagoge war von einer gro""« Zuhörers t bis auf den letzten Platz gefüllt, die mit lautloser Andacht den Ausführungen lauschte. Herr Dr. Neuhaus baute sein Referat auf die Worte: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott", welche die Grundlage der jüdischen Ethik bilden, auf. Die drei Prinzipien." der Ethik im allgemeinen, das der Nützlichkeit, der Glückseligkeit und der Lustbefriedigung, treffen für die jüdische Ethik nicht zu. „Heilig sein" heißt nach unserer Lehre abgesondert sein von den Lasten des Tages. Gott ist heilig, und ihm nachzuahmen und seiner Heiligkeit nachzustreben, sei die Aufgabe des Menschen. Die jüdische Ethik ist von der Gottesherrschaft bedingt, sie kommt von Gott und geht zu Gott zurück. „Heilig sei dein Wort." — Mit erhobener Stimme erklärt der Referent, daß wir Juden keine Gesetze und Gebete kennen, die den Meineid gestatten. — „Heilig sei die Tat!" In diesem Zusammenhang wies der Referent mit Nachdruck auf 3 -