Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 22 (2.12.1926)
- Date
- 1926-12-02
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I Moral und bürgerliches Gesetzbuch identisch waren, in dem man sittlich handeln mußte, von Staats wegen, wollte man nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen, und in dem ein kategorischer Imperativ überflüssig war, da die Reinheit des Wollens ja durch die alles beherrschende Gottesidee gewährleistet war. Und diese Männer sammelten die Jugend um sich und wußten sie zu begeistern für ihre hohe Aufgabe, und es gelang ihnen durch ihr Ueberzcugtsein von ihrer göttlichen Bestimmung die wunderbare Tat, die wir uns alljährlich durch unser Chanukka ins Gedächtnis zurückzurufen haben. Und wir —? Würde unsere heutige Jugend fähig sein, große Opfer zu bringen oder sogar ihr Leben hinzugeben für ihre Religion, von deren Wesen sie nicht viel weiß, und deren elementarste Grundsätze sie sich nicht zu eigen gemacht hat, oder infolge ihrer „Aufgeklärtheit" glaubt, sich nicht zu eigen machen zu müssen? Ich glaube, neinl Und, um_das einmal klar and deutlich auszusprechen, zu diesen erwähnten Grundlagen unseres Judentums gehören — so einfach und selbstverständlich es auch klingt, so wenig hat es Platz in der Weltanschauung eines großen Teils der jüdischen Jugend, — der Glaube an die Existenz eines das Universum bestimmenden Gottes und der Glaube an die Göttlichkeit unserer Thora. Die Richtigkeit dieser Sätze kann man schlechthin nichtbeweisen, genau so wenig, wie man die Richtigkeit von transzendentalen (oder naturwissenschaftlichen) Hypothesen oder irgendwelche Urteile a priori überhaupt beweisen kann. Aber glauben muß man an diese Dinge, und sie gehören zum Judentum, und bedingen unbedingt seine ganze Idee. Wer daher die Glaubenssätze des Judentums nicht anerkennt, dem wird seine hohe Idee ewig fremd bleiben. Es dämmert bei der jüdischen Jugend; es genügt ihr nicht mehr, Jude zu heißen einzig aus dem Grunde, weil ihre Vorfahren, ihre Eltern zufällig Juden waren und unglücklicherweise zu einer Religion sich bekannten, der man heute wenig Verständnis mehr entgegenbringen kann. Nein, eindringen wollen sie in das Wesen ihres Judentums, um seine wahren Ideen in sich aufnehmen zu können. Aber es ist dieees ein Fünkchen noch zunächst, das gar bald wieder erlöschen kann. Und es müssen Männer aufstehen, gleich begeistert wie jene großen Makkabäer von der Göttlichkeit des Judentums, um dieses Fünkchen zu lodernden Flammen zu entfachen. Und der Jugend muß gezeigt werden, daß die Bahn, auf der sie bisher gegangen, abschüssig ist und zum Untergange führt. Die Hauptaufgabe dieser Männer aber ist, der Jugend mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, ein Leben im Sinne des Judentums, der Thora zu führen, denn nur dieser eine Weg führt zur Vervollkommnung, jener höchstmöglichen Entfaltung, die der wahre und einzige Zweck unseres ganzen Menschendaseins auf Erden ist. Menschen und Buch (Kritische Gedanken über einen Vortrag und eine Arbeitsgemeinschaft.) Von L Bayer - Gemäß einer Aufforderung Siegfried Bacharachs veröffentlichen wir nachstehende freimütige, selbstverständlich subjektive Aeußerungen. Wir hoffen, daß sie von allgemeinem Nutzen, nicht nur für die Arbeit der Bünde, sondern noch mehr für die Haltung unserer Menschen sein werden. Die Schriftleitung. I. (Zum Vortrag Den Reigen der RedrAfr-, die unsere Winterarbeit befruchten sollen, eröffnet^ unset Verbandsfreund, Herr Siegfried Bacharach, Hannover, Tnit Neinem Vortrage über das obige Thema. \y Soll Ich kurz und bündig eine Kritik über den Vortrag abgeben, so muß ich sagen: es war sehr nett und unterhaltend. In diesem Satz liegen Lob und Tadel beieinander, und ich stehe -nicht an, das nun etwas näher zu erklären. Der Referent fügte eine Reihe von teils mehr, teils weniger bekannten Tatsachen und Erkenntnissen zusammen, tat ine große Portion Liebenswürdigkeit hinzu — garniert mit einiger Facherfahrung — und servierte dieses Gericht einem dankbaren und aufnahmewilligen Publikum. Es war ein unterhaltender Abend, aber leider nicht mehr. Neue und bedeutende Gedanken wurden nicht bemerkt. Damit soll aber nicht deT Redner diskreditiert werden, sondern nur seine unverständliche Zurückhaltung. Wir wollen kri'sche Ansichten hören, und je radikaler diese sind, desto lieber ist es uns. Denn meistens ist der Radikale gründlicher als der „Temperierte", der aus Angst vor den anderen und manchmal auch vor sich selbst, aus Angst eine bisherige Ansicht korrigieren zu müssen, an der Oberfläche der Probleme haften bleibt. Sind wir nicht Jugend? Wollen wir nicht heraus aus dem alten Trott, und sei es nur dadurch, daß wir das Tempo beschleunigen? ,Wrr wollen nicht nur Beschreibungen, wir wollen Urteile und Wertungen. -Wir wollen vom Anschauen zu Anschauungen, wir wollen eine Stellung gewinnen zu den Fragen der Zeit und zu den Dingen der Welt. Und in diesen Bemühungen sollen uns Spezialisten auf den verschiedensten Sondergebieten unterstützen. Das ist der Zweck der Vorträge. Wissen und Erkenntnisse sollen sie uns vermitteln, aber nicht um ihrer selbst, sondern um des Lehens willen. Lilmod welaasoth, lerrreTT,.um zu tun, das wollen Wir. , Ich wollte zum Vortrag Siegfried Bacharachs etwas sagen und habe eigentlich mehr davon gesprochen, was wir allgemein von Rednern wünschen. Aber das lag in meiner Absicht, und es ist, wenn ich recht orientiert bin. auch der Wunsch des gerannten Redners sowie der Verbandsleitung, zu hören, wie man sich allgemein zu de# Vorträgen unserer Redner stellt. Und ich Gelsenkirchen. hoffe, daß die meisten unserer Verbandsmitglieder mit mir einig gehen, wenn ich sage: Wir wollen nicht nur Unlerlnlt-ing, wir wollen Aufrüttelung! II. (Zur Arbeitsgemeinschaft.) Früher hatten wir einen literarischen Zirkel, jetzt haben wir eine offene Arbeitsgemeinschaft. Offen heißt in diesem Fall, man kommt und geht zwanglos, nicht ganz wie in einem Taubenschlag, aber so ungefähr. Offen heißt aber in diesem Fall nicht, daß man sich offen ausspricht, das tut man leider sehr selten in unsertm Kreise. Warum, das konnte ich noch nicht ganz ergründen. Wir wollten das Thema des Vortrages „Mensch und Buch" erweitert» und vertiefen, .die verschiedenen Beziehungen zwischen Mensch und Buch klären. Der Unterzeichnete leitete die Arbeitsgemeinschaft und begann mit der Feststellung, daß die meisten Menschen wählu d ziellos lesen. Es wurde versucht, den Begriff des Buches durch Klassifizierung zu analysieren bzw. das ganze Fragende' et zu unterteilen. Man kam an diesem — ersten — Abend d"r Arbeitsgemeinschaft zu dem sehr einfachen Resultat, daß die Auswahl der Bücher x nach einem gewissen System erfolgen müsse, nach einem durchdachten Plan. Der Unterzeichnete stellte den Grundsatz auf, daß jeder die Bücher lesen sollte, die der Persönlichkeitsbildung und der Gemeinschaftsgestaltung dienen. Es wurden natürlich noch weitere Fragen diskutiert, so, ob man die Klassiker gelesen haben müsse, um vollwertiger Mensch zu sein. Bezeichnenderweise wurde diese Frage bejaht und man behauptete, daß man, um als vollwertiger Mensch zu gelten — nicht zu sein, wohlverstanden! —, die Klassiker gelesen haben müßte. Leiter und Teilnehmer verstanden sich leidlich. Der zweite Abend verlief anders: Leiter und Teilnehp-er verstanden sich leider nicht. Und ich sage und bespreche das nicht, um persönliche, sondern prinzipielle Dinge aufzuzeigen. Unsere Menschen sollen eine Stellung gegenüber dem Buch bekommen, und je kritischer diese ist, desto besser. Unsere Menschen sollen nicht einen Gedankengang aufnehmen und annehmen, nur deshalb, weil er sich in Buchform präsentiert. Unsere Menschen sollen ihre Bücher nach geistigen Gesichtspunkten auswählen und nicht nach den geschäftlichen slchtspunkten der Verleger, Buchhändler und Berufsliteraten, Sie sollen das Buch besitzen, nicht umgekehrt, sie sollen bewußt lesen, sollen Bücher kaufen, an denen sie sich emporziehen, und nicht Bücher lesen, die der Leser geistigestNiveau herabdrücken. Das sind alles Dinge, die gesagt — werden sollten. Aber wir kamen nicht soweit. Und ich fürchte, wir werden zu diesen prinzipiellen und grundlegenden Dingen nicht kommen. — 2-