Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 21 (18.11.1926)
- Date
- 1926-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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denen jener Kantsche Satz als Lebensmaxime nicht zu schlecht «ein darf, unsere Abkehr vom Betrieb und unsere Wendung zum Menschentum auch in der Meidung des Wortes „Menschenmaterial" zeigen wollenl —z. —n. Im Hamburger „Israelitischen Familienblatt" erschien am 7. Oktober 1926 ein F. N. unterzeichneter Leitartikel „Judentum und Pazifismus". Wer vermutet hatte, auch hier würde endlich die Erkenntnis einer für das Judentum aus seiner religiöshistorischen Idee und seiner gegenwärtigen weltpolitischen Lage unabweislichen Notwendigkeit sich durchgerungen haben, wurde bitter enttäuscht. Aber aus dem Mangel einer Erkenntnis und einer darauf beruhenden Weltanschauungsdifferenz wäre noch kein Vorwurf herzuleiten. (Wenngleich wir uns gestatten müssen, unsere Gesinnung als die einer auch von der anderen Seite anerkannten Ethik entsprechendere zu bezeichnen.) Der Vorwurf wird erst berechtigt durch die geradezu jämmerliche Begründung, die der Verfasser jenes Artikels seiner Auffassung gibt. Die Unterstützung des Pazifismus in der jüdischen Presse als Befolgung der messianischen Sendung des Judentums lehnt F. N. ab, weil man genau so gut verlangen könne, die Rabbiner sollten in ihren Predigten für die Friedensidee kämpfen. Dies staunenswerte Argument ist dreifach nichtig: Erstens verlangen wir das ja auch von den Rabbinern. Zweitens gibt es in einer doch auch politischen Frage immerhin einen Unterschied zwischen Presse und Geistlichkeit. Drittens, was würde F. N. sagen, wenn er einen wohlhabenden Mann X. zur Unterstützung einer Wohlfahrtsorganisation aufforderte und von Ihm die Antwort erhielte: „Das tue ich nicht, denn das können Sie ja gerade so gut von dem wohlhabenden Herrn Y. verlangen." Oes weiteren macht F. N. — und das geht uns hier e;gentlich nichts an — seinem Aerger über die Zeitschrift „Die Weltbühne" Luft. (Von der man übrigens mit einigem Recht behaupten kann, daß sie auch die Sache des Judentums mit mehr Mut und geistiger Frisch« vertritt, als manche rein jüdischen Blätter.) Dann aber kommt die Hauptsache. Und ich kann es mir nicht versagen, aus dieser Blüte politischer Argumentation ein paar Sätze wörtlich hierher zu setzen.' „Ja, die Anschauungen innerhalb des Pazifismus variieren allerdings sehr stark ..." „Die heutige Friedensbewegung ist eben etwas durchaus Zeitbedingtes, in ihren Grundforderungen Labiles, Wechselndes, und kein jüdischer Zeitgenosse kann wissen, ob er dem Propheten Jesaja zuliebe sich Herrn v. Gerlach oder Dr. Hiller anschließen, oder .... ob er diesen beiden Richtungen der. deutschen Friedensbewegung oder dem Pazifismus überhaupt fernbleiben soll . . ." Das ist allerdings durchschlagend! Weil innerhalb einer Bewegung, die sich dl« unbedingte Verwirklichung eines, wie doch wohl auch Herr F. N. zugibt, wünschenswerten Zieles zur Aufgabe gemacht hat, zwei Richtungen über die hierzu geeignetsten Mittel diskutieren, soll man der ganzen Bewegung fernbleiben, damit man der Entscheidung für eine dieser Richtungen überhoben wirdl Wenn ich von Köln nach Berlin fahren will und zwei Leute streiten darüber, ob man praktischer über Dortmund oder über Hagen fährt, verzichte ich lieber auf die Reise nach Berlin. Das ist, ohne Scherz und Uebertreibung, absolut dasselbe. (Ganz zu schweigen von der Behauptung, „kein jüdischer Zeitgenosse könne wissen, usw.", die die ethisch-politische Einsicht der Juden unserer Zeit denn doch etwas stark zu unterschätzen scheint!) Wenn F. N. am Schlüsse seines Artikels sagt: „Der einzelne Jude mag in irgendeinem Kämpfer des Tages eine Gestalt nach dem Ideal Jesajas erblicken, das Judentum selbst, das unbeeinflußt vom Streit der Meinungen durch die Jahrtausende ragt, hat seine Propheten schon früher ewige Wahrheiten künden lassen", so ist hierzu zu sagen, daß das zwar ein ganz sonorer rhetorischer Abschluß ist, das aber das offizielle Judentum zur Zeit des Prophetismus von den damals tätigen Streitern des jüdischen Ethos ebenso abgerückt ist, wie es F. N. von den heutigen tut, und daß in den zitierten Schlußsätzen eine völlige Bankerotterklärung unseres gegenwärtigen Judentums liegt, das nach F. N.s Meinung nichts anderes zu tun hat, als auf den Lorbeeren der Propheten bei der Lektüre von Familienblättern auszuruhen. —z. —n. Eine Behauptung, die Ludwig Löwenstein, Greven» broich, in Nr. 12 der „Jüdischen Blätter" aufgestellt hat, darf nicht unwidersprochen bleiben. Es heißt da: „In unserem Verband ist die Neutralität . . . Inhalt der Erziehung, sie wird bei uns zum Mittelpunkt unsres jüdischen Seins und Denkens gestempelt." Diese gute Formulierung einer falschen Auffassung gibt Gelegenheit, den Sinn unserer Neutralität antithetisch als das genaue Gegenteil davon auszudrücken: Eben nicht Inhalt will unsere Neutralität sein, sondern Gefäß, nicht Erlebnis, sondern Basis eigenster Erlebnismöglichkeit, nicht Ziel, sondern Weg, nicht Mittelpunkt, sondern Zusammenfassung, nicht Ideal der Erziehung, sondern Wesen ihrer Form. All jene Bläue und Leere, die uns zum Ueberdruß zum Vorwurf gemacht wird und die wir wahrhaftig nicht, oder zum mindesten nicht mehr, besitzen, würde durch Ludwig Löwensteins Formel sanktioniert. Wir aber lehnen es ab, farblos zu sein, es sei denn, daß man als Farblosigkeit jene Helligkeit bezeichnete, die aus dem Zusammenklang aller Farben des jüdischen Spektrums aufleuchtend entsteht. —z. —n. U.U.J. j. Von Dr. Gustav Lö f f 1 e r ,. Frankfurt a. M. Die meisten unserer Freunde werden über den Anblik des geheimnisvollen „U. U. J. J." genau so verwundert sein wie ich selbst, da ich diese Runen zuerst auf einem Briefumschlag sah, der eine französische Marke und den Stempel Paris trug. Auch die Aufklärung, daß jene mysteriösen Buchstaben die Abkürzung für Union universelle de la jeunesse juive bedeuten, wird bei den wenigsten das Rätselräten beenden. Drum sei's sogleich gesagt, daß die Union universelle ursprünglich eine Zusammenfassung französisch-jüdischer Jugend war, von vornherein aber die Absicht hegte, die jüdische Jugend aller Länder und Sprachen in einem Weltverband dieses Namens zu einen. Diesem Willen, sich zu einer Art jüdischer Welt- Jugend-Liga zu entfalten, sollte vor allem der 1. Kongreß der U. U. J. J. in Paris während der ersten Augustwoche dieses Jahres dienen. Hatte man doch hierzu außer den schon bestehenden „Sektionen" der U. U. J. J. auch Vertreter anderer großer jüdischer Jugendorganisationen eingeladen, darunter auch unseren Verband jüdischer Jugendvereine Deutschlands, Ich selbst hatte meine Aufforderung zur Teilnahme offenbar dem Umstände zu verdanken, daß ein ehemaliger J. J. VJer auf meine langjährige Verbundenheit mit jüdischer Jugend hinwies. Es wäre reizvoll genug, noch einmal die wechselnden Eindrücke Revue passieren zu lassen, die ich bei mehrfacher Teilnahme an den Verhandlungen des — mit dem feierlichen Eröffnungsabend — durch sechs Tage währenden Kongresses jüdischer Jugend aus Frankreich, Palästina, Italien, Rumänien, Portugal und Deutschland gewann. Die Versuchung liegt nahe, zugleich ein-Stimmungsbild vom brausenden Pariser Leben im Umkreise der Mairie des 9. Arrondissement, dem Tagungsräume, zu zeichnen. Allein Zeit und Raum scheinen mir gebieterisch Beschränkung auf drei nicht nur für den Menschenkreis des J. J. V. wichtige Fragen zu fordern: Es soll erwogen werden, ob die U. U. J. J. in sich die Möglichkeit trägt, jüdische Jugend nicht nur aller Länder, nein, was weit bedeutsamer wäre, aller heute herrschenden Einstellungen zum Judentum in einer Welt-Jugend-Organisation zu einen. Eng damit hängt die weitere Frage zusammen, ob unser J. J. V. als solcher oder aber mit seinen einzelnen Bünden sich der U. U. J. J. angliedern kann und soll, auch ob er sich die Aufgabe zu stellen hat, die anderen Gruppen jüdischer Jugend in Deutschland zum Anschluß an die Union universelle zu gewinnen. Und schließlich werden wir unter allen Umständen ernsthaft überlegen müssen, ob nicht der Verlauf des Pariser Jugend-Kongresses Lehren verkündete, die für das Leben der deutschjüdischen Jugend und zumal unseres Verbandes richtunggebend, aufrüttelnd sein müssen. Man hat in den beiden verbreitetsten Organen der jüdisches Oeffentlichkeit m Deutschland unmittelbar nach dem Kongreß der U. U. J. J. diesen als eine rein zionistische Angelegenheit — 5 —