Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 21 (18.11.1926)
- Date
- 1926-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedensfeiern in Jugendbünden Referat von Erich Sachs über Kants „Idee vom ewigen Frieden". Ausgehend davon ,daß die Friedensidee einer der ältesten und sehnsüchtigsten Wunschträume der Menschheit ist, kann man nicht umhin, darauf hinzuweisen, daß sie bis heute eben nur Idee geblieben ist. Alle kulturellen Bollwerke, Religion, Wissenschaften haben den Krieg nicht nur nicht verhindert, sondern sich in dessen Dienst gestellt. Daß die Idee trotzdem nicht Chimäre ist, kann man aber ersehen, daß ein nachweisbarer Fortschritt vorhanden, vor allem aber, daß unsere größten Geister sie stets vertreten haben. So auch Kant. Dieser faßt die Geschichte als Entwicklungsprozeß auf, bei dem nicht mit, sondern oft gegen den Willen der handelnden Menschen ein Resultat gezeitigt wird, das zu immer größerer Freiheit und Ordnung führt, nicht durch Moral und -Vernunft, sondern durch Haß, Zank und Streit. Kant sieht im Menschen den Antagonismus der „geselligen Ungeselligkeit". Nämlich der Mensch hat den Hang, sich zu vergesellschaften, ebenso den Hang, sich zu isolieren (weil andere Interessen seinen entgegenstehen). Indem also die Ungeselligkeit durch Raub, Unterdrückung und Ausbeutung andere bedroht, zwingt sie gleichzeitig die Betroffenen zur Abwehr. So entstehen höhere Formen der Gesellschaft: Rechtszustände, Staatsgewalt, schließlich ein Bund der Völker. Allerdings ist hier nun hinzuweisen, daß gerade der Handel, statt völkerbindend, kriegsfördernd ist, wie ja alle Kriege letzten Endes um Handelsinteressen geführt werden, Frankreich Marokko Erzgruben, Polen/Oberschlesien — Kohle, Kämpfe in Mesopotamien and Rumänien Erdöl. Dadurch sind Ursachen aufgezeigt, die zu Kants Zeiten nicht bestanden, und die hinüberführen zum modernen Sozialismus, der diese wirtschaftlichen, kriegsfördernden Privatinteressen bekämpft. Auch als eine Form der Ungeselligkeit, die die höhere Geselligkeit hervorrufen soll. Pazifismus will demnach nicht Frieden um jeden Preis, sondern im Gegenteil schärfsten Kampf gegen die Ursachen des Staatenkrieges. Nicht unfruchtbare friedliche Aufklärung, sondern Kampf gegen den Staatenkrieg bedeutet Pazifismus. Die anschließende Aussprache stellte die Beziehung zwischen diesen Ideen und den Anschauungen des Judentums her. Friedensheimabend im Jugendheim zu Düsseldorf. Am 9. November, dem Jahrestag des Waffenstillstandes, lud der Jüdische Jugendverein Düsseldorf -zu einer Veranstaltung ein unter der Dfevise: „Das Judentum ist der Friede", Eine zahlreiche Versammlung lauschte mit innerer Ergriffenheit den Ausführungen Heinz Kahns, Elberfeld, deren Inhalt am Anfang dieses Blattes niedergelegt ist. Verstärkt wurde der Eindruck noch durch den Vortrag umrahmenden Darbietungen der künstlerischen Arbeitsgemeinschaft, die in Einzelrezitationen und im Sprechclior entsprechende Dichtungen von Karl Kraus, Kurt Hiller und Stefan Zweig bot. Randbemerkungen Das Grabmal des unbekannten Soldaten, von Paul Raynal (übertragen von Hedwig von Gerlach) wird zur Zeit in vielen deutschen Theatern aufgeführt. Zu Hunderten strömt die Jugend und auch die jüdische an die Stätten der Kunst, um sich vbn diesem Stück hinreißen und belehren zu lassen. Und da es ein pazifistisches Stück ist, sollte man eigentlich meinen, daß es die Friedenssehnsucht der Zuschauer stärken müsse. Ich glaube nicht an diese Wirkung. Ich zweifle daran, daß sie beabsichtigt war, denn das Motto zu diesem Buche lautet: Unserem Kinde das millionenfach geopfert wurde das für die Ewigkeit schläft für die Ewigkeit Frankreichs die es schuf das schlummernd ruht unter dem Triumphbogen von allen Winden umweht träumend von dem geheimnisvollen Ruhms des Schmerzes und der Liebe sein Kamerad P. R. Dennoch muß der Verfasser mehr gewollt haben, als uns das Bild einer gutbürgerlichen Familie im Kriege vor Augen zu führen. Grandios ist an dem Stück, wie der Verfasser die Worte auf die drei handelnden Personen zu konzentrieren versteht. Die Bühne ist sozusagen menschen- und gegenstandarm, und diese rein physische Leere ist es, die den Gedanken und der Phantasie einen so wohltuenden Spielraum läßt. Ich habe das beglückt empfunden wie seit langer Zeit nicht . . . aber trotzdem reichte meine Phantasie nicht aus, um Titel und Inhalt des Stückes auf eine gemeinsame Basis zu bringen. Ja, während rings um mich die Jugend an diesem Abend Bewegung und Erschütterung an den Tag legte, war ich mißtrauisch und ungerührt. Und ich sah eine Gefahr, und wegen dieser Gefahr wurden diese Zeilen geschrieben. Ihr bildet euch ein, daß Stahlhelmleute, die diese Tragödie sehen, sich plötzlich darauf besinnen, wie es wirklich war und sich umstellen. Menschen, die seit 1914 entweder geschlafen oder nichts hinzugelernt haben, werden auch jetzt nicht sich umstimmen lassen. Ich sah auf der Rückfahrt von unserer Düsseldorfer Delegiertentagung in der Bahn einen Stahlhelmmann mit einem grauenvoll zerschossenen Gesicht. Er atmete schwer, weil ihm die Atmungsorgane vom Stahl zerstört waren. Aber er sprach von seinem Bund mit einer Begeisterung, als ob Soldatsein und Soldatspielen das edelste, herrlichste Handwerk sei. Diesen Menschen ist einfach nicht zu helfen. Und ihr? Glaubt doch nicht, daß ihr irgend etwas für euren Pazifismus getan habt, wenn ihr diese Tragödie euch angesehen. Ich glaube, ihr seid objektiv genug, das nicht zu glauben. Das große Publikum aber wird sich diese Meinung nicht ausreden lassen. Diese Menschen, die bei der Noraaufführung plötzlich merken, daß sie unverstandene Frauen oder mit solchen behaftet sind, diese braven Bürger, die in der „Wandlung" Tollers ihren Sozialismus entdecken, wissen sofort nach der Aufführung, daß sie Pazifisten sind. Sofort — aber am nächsten Tage schon nicht mehr. Und das ist an der Tragödie die größere Tragödie, daß sie ein Betäubungsmittel für die Menschen ist, ohne daß sie es ahnen, daß sie sich Pazifisten glauben, weil sie diesem Stück einen Abend opferten, daß Herr Raynal Mode werden wird wie vordem Tagore, Barbusse und Toller. Daß in den nächsten Monaten das Grabmal zu den Theaterstücken gehören wird, „die man gesehen haben muß", um alsbald spur- und wirkungslos von den Spielplänen und aus dem Gesprächsstoff der Salonbevölkerung zu verschwinden. Ich weiß, daß ich mit meinen Bedenken allein bin auf weiter Flur. Aber . . . vor kurzem sagte mir eine junge Dame: „Ich glaube Ihnen jedes Wortl Ihre Augen sagen mir, Sie können nicht lügen . . ." Es ist schrecklich. Sie hat recht. Ich kann wirklich nicht . . j S. B. Da ja auch die „Randbemerkungen" von Menschen stammen und also nicht die Gesamtmeinung des Mitarbeiterslabes der Jüdischen Blätter, sondern die Privatmeihung des, allerdings anonymen, Verfassers zum Ausdruck bringen, mag es gestattet sein, daß hier einmal etwas an den Rand eines in den Jüdischen Blättern selbst erschienenen Artikels bemerkt wird, und Rosi Lechner wird verzeihen, daß es sich um den ihren aus der vorigen Nummer handelt. Da ist nämlich von „Menschenmaterial" die Rede, und dieses Wort sollte bei uns verpönt sein, weil wir den arg kompromittierten Begriff nicht kennen sollten. „Material" heißt „Bauholz" und Bauholz ist Baumittel. Schon Kanthat aber als eine seiner Grundforderungen die aufgestellt, daß der Mensch niemals nur als Mittel, sondern stets zugleich als Zweck jedes Tuns betrachtet werden müsse. Diesem wahrhaft humanen Satz widerspricht der mit jenem Wort ausgedrückte Begriff, und zudem sind Wort und Begriff durch die uns allen noch bekannte, mit Menschenziffern Kanonen fütternde Kriegsideologie so sehr zu Vokabeln der Entmenschung und des Mordbetriebes geworden, daß wir, — 4 — J