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Der Jugendbund · 1926-11-18 · 21 (18.11.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
21 (18.11.1926)
Date
1926-11-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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I I „Weihe". Gefeiert wird nicht die Kriegstat, sondern die Wiedereinweihung des Tempels, das Friedenswerk. „Diese der Wagen und jene der Rosse, wir aber rühmen uns des Namens des Ewigen, unseres Gottes." (Psalm 20, 8.) Wir danken an unserem Fest für die göttliche Hilfe im Kriege, aber was wir feiern, ist nur Friedenswerk. Und so bekräftige auch diese Chanukkanummer das Wort (Jesaja 57, 19): „Friede, Friede dem Nahen und dem Fernen, ich will ihn heilen." Dr. Kurt Hiller, der bekannte Publizist und Politiker, schreibt unserem Mitarbeiter zu seinem hier abgedruckten Aufsatz: * Lieber Heinz Kahn! Sie ehren mich, wenn Sie meinen Namen in diesen großen jüdischen Zusammenhang stellen. Und, so wenig ich weiß, ob jene stärkste und beste Macht, die in mir, die aus mir wirkt, jüdischen Wesens ist oder nicht vielmehr dem Wesen eines Menschentyps angehört, der quer durch Nationen und Rassen vorkommt, so sehr bin ich doch einverstanden und zufrieden damit, daß Sie zum Repräsentanten des Judentums die Spielart Juden erheben, die den vom Staate organisierten Menschenmord ausrotten will, und nicht die andere, die diesem Willen aus den bekannten unsauberen Beweggründen und -hintergründen entgegenhandelt. Sie ist leider zahlreich und einflußreich und gibt vor, selber das Judentum zu repräsentieren. Ich habe einen fetten jüdischen Rechtsanwalt gekannt, der im Kriege, um nicht Armierungssoldat zu werden, Kriegsgerichtsrat wurde und nun wie ein Wütender „Schutzhaft" verhängte über Idealisten, die im Verdacht standen, auf Beendigung des Schlachtens hinzuarbeiten. Dieses Subjekt wuchs zum Symbol in mir und blieb das. Ich kenne auf der ganzen Welt nichts Hassenwerteres. > Der jüdische Pariamentarier, der heute in Deutschland für Wiedereinführung der Wehrpflicht wirkt, ist auch ein Exemplar dieser Gattung — celbst, falls ihn das Eiserne Kreuz schmückt. Die Judenheit sollte solche Juden ausscheiden wie schlechte Säfte; und jene anderen hegen, die sich der mesianischen Sendung bewußt sind: dann wird das Judentum am Ende wieder werbende Kraft entfalten — der Sinn jeder Religion, die lebt Mit kameradschaftlichem Grüßt Ihr Kurt Hiller. Kurt Großmann, der Sekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte, äußerst eich wie folgt: Das Judentum ist der Friede? Ueberall, wo sich Kräfte regen, um die Ideengänge des Pazifismus zu verbreiten, muß ein solches Beginnen begrüßt und gefördert werden. Wenn hier das Thema: „Das Judentum ist der Friede" gestellt wird, so bedarf es keiner großen Beweise, daß nach dem Talmud und den fünf Büchern Moses unbedingt dargetan werden kann, daß in der jüdischen Religion und in den jüdischen Gesetzen der pazifistische Gedanke wohnt. Aber es kommt ja in der Praxis nie auf wissenschaftliche Deduktionen an, sondern leider spielt bat allen Entscheidungen auch bei der Religionsgemeinschaft die Politik eine zu große Rolle, und da muß man sagen, daß das Judentum und seine es repräsentierenden Organisationen nicht immer ihre Pflicht getan haben, wenn es darauf ankam, religiöse Gesetze in praxi anzuwenden. Erinnern wir uns nur jenes 5. August 1914, wo zur gleichen Zeit mit der protestantischen und der katholischen Kirche die jüdische Bevölkerung sich in ihren Tempeln -versammelte, um zu einem einzigen Gotte zu beten, daß er den Deutschen den Sieg über ihre Feinde gäbe. Wohl so mancher Rabbiner, der mit ganzer Inbrunst oder aus vermeintlicher Klugheit diese Predigt hielt, wird sich inzwischen der Falschheit seiner Rolle bewußt geworden sein. Das Judentum ist noch nicht der Friede: Schon vor dem Jahr 1914 haben wir es erlebt, daß tausende jüdischer Einjährige in militärischer Verzückung nach Bayern gingen, um so die Möglichkeit zu haben, die OfCziersepauletten tragen zu dürfen. Wir wissen ferner, daß der Begründer der deutschen Kriegs, partei der Jude Stahl gewesen ist, dessen Intelligenz unbestritten bleiben mag, aber es wäre wünschenswerter gewesen, er hätte sie gebraucht im Sinne wahrer und echter jüdischer Religiosität. Wir erinnern uns auch nicht mit Vergnügen an jene Parole, die eine große jüdische Organisation während des Krieges herausgab: „Der Jude muß mehr tun als seine Pflicht." Wir nehmen die Parole auf, aber interpretieren sie in unserem Sinne: Der Jude soll mehr tun als seine Pflicht im Sinne pazifistischen und sozialistischen Wirkens. Nicht damit erfüllt man die jüdische Pflicht, indem man an den Feiertagen sich zum Gebet in Tempeln versammelt, nicht damit erfüllt man Jebovas Gebot, indem man ein gutes jüdisches Familienleben führt. Jüdisches Leben ist mehr KampTals das Leben vieler tausender Mitmenschen. Dieser Kampf darf uns nicht zu dem Kreise führen, der in alten, aber schlechten Traditionen wurzelt, sondern er muß uns führen zu der, um das Lebenslicht ringenden, für das Lebensglück sich einsetzenden Gemeinschaft. Das Lebensglück vieler tausender Juden hängt mit der Verwirklichung pazifistischer Ideengänge auf das engste zusammen. So wie Abraham bereit war, seinen -Sohn Isaak dem Gotte zum Opfer zu bringen, so. muß' das Judentum bereit sein, keine so schweren, aber doch Opfer zu bringen!!! Aus der Lethargie, aus der Bequemlichkeit , aus dem Sinn für „Nur Geld verdienen" muß der Jude herausgerissen werden, für das Streben um eine friedliche, freiere und damit weit glücklichere Welt Jüdische Friedensgedanken Von G u r r h a Aedau. Für eine Idee muß man vielerlei Mut aufbringen, selbst den, für feige zu gelten. Arbeit für den Frieden ist Arbeit Jür die Stellung der Juden. Schadet es etwa, daß sie noch weit mehr ist? Viele, für die der Friedenswille Selbstverständlichkeit zu sein scheint, beschränken ihre pazifistische Tätigkeit darauf, keinen Krieg zu wollen und dies gelegentlich mit bescheidenem Stolz wirklichen Pazifisten anzuvertrauen. Wir wehren uns heftig gegen die kleinsten Dinge, die uns in die Quere kommen. Warum wehren wir uns nicht dagegen, für die niedrigsten Interessen derer, die uns hassen und verachten, zu morden und gemordet zu werden? Wenn wir Juden glauben, nur dadurch Gleichberechtigung erlangen zu können, daß wir Wahnsinn, Roheit und Mord mit den andern teilen, sollten wir doch lieber auf diese Gleichberechtigung verzichten. Man wirft dem Pazifismus oft vor, daß er in der Beseitigung der Kriegsmöglichkeiten eben nur ein negatives, kein aufbauendes Ziel habe. Ist denn die Beseitigung des Schlechten nicht Gutes, des Todes nicht Leben, des Negativen nicht Positives? Gibt denn Minus mal Minus nicht Plus? Wenn wir, die wir seit Jahrhunderten unter- Völker- und Rassenhaß bluten, nicht wissen, wie sehr der Friede aller Menschen Ziel sein soll, wer soll es dann erkennen? Recklinghausen Am Samstag, den 4. Dezember 1926, veranstaltet der Jüdische Jugendverein Recklinghausen im Verein mit dem Turn- und Sportverein Hakoah ein Chanukkafest in sämtlichen Räumen des Städtischen Saalbaues. Wir bitten schon jetzt die benachbarten Vereine, ihre Mitglieder auf diese große Veranstaltung hinzuweisen. Haltet den 4. Dezember frei für Recklingausenl c. a — 3 —

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