Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 21 (18.11.1926)
- Date
- 1926-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Pessachfest nur zum Teil gesprochen wird. Unser Cott will keine Lob- und Dankeslieder, wenn Kinder seines Herzens, Menschen, Menschen durch ihrer Menschenbrüder Hand ums Leben kamen. Das sind wahrlich Zeichen einer Haltung des jüdischen Geistes, die man nicht übersehen sollte und die bedeutsame Wegweiser auf dem i Wege vom Judentum zur Friedensidee sind. Doch auch hier höre ich den Einwand, es sei nichts Besonderes I und dem Judentum Eigentümliches, daB in der Tiefe ihres Wesens religiöse Menschen den Frieden lieben als die von Go^t seiner Schöpfung gewollte Daseinsform, da nur Er das Leben zerstören dürfe, das er geschaffen habe. Das Leben! Dies aber, glaube ich, ist sicher eine jüdischem Geist geläufige und vorzüglich eigentümliche Denkart, daß das Leben an sich, das Leben im Gegensatz zum Tode und ohne den mehr metaphorischen Gedanken an die Ewigkeit, ein so edles Gut ist, daß das Gebet um seine Erhaltung, seine Dauer und seine Schönheit im Gottesdienste immer wiederkehrt. In keiner anderen Religion läßt sich solche Verherrlichung rein diesseitigen Lebens denken, des Lebens als der geheimnisvollen Tatsache, die jenseits aller mechanischen Erklärungen doch unbestreitbar da und allen Gott-Denkens Ursprung ist. Der Bewegung, die die Friedensidee tätig verwirklichen will, dem Pazifismus, ist in jüngster Zeit eine ideologische Grundlage gegeben worden, die über die allgemeinen humanitären und ethischen Begründungen hinaus logisch und kristallklar nicht die Schlechtigkeit und Unmenschlichkeit des Krieges, sondern seine absolute Widerrechtlichkeit beweist: der Begriff des Rechtes jedes Menschen über sich selbst. Uebcr dies Recht, dessen hauptsächlichster Inhalt ja das Recht auf Leben ist, darf niemand verfügen außer dem Menschen selbst, auch nicht der Staat, dessen Bürger der Mensch ist. (Der religiöse Mensch wird sagen, auch der Mensch selbst dürfe es niept, sondern nur Gott.) Im Kriege aber ist dieses Recht über pich selbst in fast allen seinen Auswirkungen aufgehoben und mit Füßen getreten, ist gewiß kein Zufall, daß es ein Jude war, der der Friedensbewegung diese Begründung geschenkt hat: Kurt Hiller. Wem aber sollte diese Idee näher liegen als den Juden, die Gott in ihren Gebeten bitten, sie in das Buch des Lebens einzuschreiben, wer sollte freudiger diesen Gedanken zu dem. seinen machen als der Jude, dessen Trinkspruch heißt „Lechajim — Zum Leben", und der dem Nächsten als den alles Gute in sich schließenden den Wunsch ausspricht, er möge hundert Jahre leben und gesund sein. Denn ein jüdischer Gedanke ist es, den Kurt Hiller ausgesprochen hat und der trotz allen Anfeindungen doch die reine, unwiderlegliche Wahrheit ist: daß das Leben zwar nicht der Güter höchstes, doch aller Güter Voraussetzung ist. Eins aber und das Wichtigste ist noch nicht ausgesprochen. Wir deutschen Juden tragen c.in Problem in uns, das nur wir Juden kennen. Und alle Juden, die über die Länder der Erde hin zerstreut leben, erleben das gleiche. Wir sind in der Gedankenwelt Kants und Nietzsches aufgewachsen, wir sprechen und schreiben die Sprache Luthers und Goethes, das wird auch nicht der glühendste Zionist leugnen. Aber ein Gemeinschaftsgefühl und, wie Martin Buber sagt, ein Gemeinschaftsgedächtnis verbindet uns mit allen Juden der ganzen Welt. (Das jüdische Kind spricht schon: „Als wir aus Aegypten zogen . \ ." — darauf wies neulich wieder Emil Bernhard hin) Und dies wird auch der nicht abstreiten, der deutsche Juden in jedem Betracht als Deutsche angesehen wfcsen will. So ist unsere Seele zwiefältig, und viele sagen, sie sei zwiespältig deshalb. Was sollen wir mit dieser doppelten Bindung unseres Herzens beginnen? so fragen sie und werden unglücklich wie Otto Weininger oder ringen sich mit verzweifelter Energie den Entschluß ab, die eine dieser Bindungen aufzugeben. So stellen sie eines Teil ihre* inneren Lebens unter Fremdenrecht und glauben, auf diese Weite glücklicher zu sein. Einer hat gelebt — ein Meer von Tränen über dieses Perfektum: er hat gelebt! — ein Jude, den die scheußlichste Untat eines entmenschten Kriegsvolks uns geraubt hat: Gustav Landauer; der hat in all seiner Reinheit und Klugheit ausgesprochen, daß ihm die Zwciheit seiner Seele nicht Qual und Verwirrung war, sondern als ein großes Geschenk des Himmels erschien. ......mein Deutschtum und Judentum tun einander nichts zuleid und vieles zulieb. Wie zwei Brüder, ein Erstgeborener und ein Benjamin, von einer Mutter nicht in gleicher Art, aber im gleichen Maße geliebt werden, und wie diese beiden Brüder einträchtig miteinander leben, wo sie sich berühren und auch, wo jeder für sich seinen Weg geht, so erlebe ich dieses seltsame und vertraute Nebeneinander als ein Köstliches und kenne in diesem Verhältnis nichts Primäres und Sekundäres." Und weiter: „Nur Geworden-werdende* lebt; nur wer in seiner Gegenwart und Wirklichkeit Vergangenheit und Zukunft in eins begreift, nur wer sich selber, wie er wahrhaft und ganz ist, mitnimmt auf die Reise nach seinem gelobten Land, in dem nur scheint mir das Judentum ein lebendiges Gut zu sein. Die Nationen, die sich zu Staaten abgegrenzt haben, haben draußen Nachbarn, die ihre Feinde sind; die jüdische Nation bat die Nachbarn in der eigenen Brust; und diese Nachbargenossenschaft ist Friede und Einheit in jedem, der ein Ganzer ist und sich zu sich bekennt. Sollte das nicht ein Zeichen sein des Berufs, den das Judentum an der Menschheit, in der Menschheit zu erfüllen hat?" Wahrhaftig, es soll ein Zeichen sein! Nicht umsonst darf in unserer Brust jene hohe Nachbarschaft leben, von der Landauer sprach, nicht umsonst soll uns eine Vorsehung, der wir danken müssen, aus der Enge und Beschränkung jedes Nationalismus durch Geburt und ■ Schicksal herausgehoben haben, der sich die Edelsten aller anderen Völker mühselig in vielfachen Kämpfen entringen müssen! Wir jungen Juden müssen uns der Aufgabe bewußt werden, die uns jetzt ruft, eindringlicher denn je. Wenn wir uns als die Auserwählten des einigen Gottes fühlen, dann müssen wir dem Friedenswerke dienen um Seinetwillen. Glauben wir aber, wir seien überflüssig geworden als Missionare des Monotheismus, weil Religion nicht mehr der Antrieb der Welt sei oder weil unsere Welt ja keine andere Religion mehr kenne als die Gottes, des Einzigen, dann sehen wir jetzt leuchtend eine Aufgabe vor uns, zu der w i r berufen sind wie niemand außer uns. Wir, die wir frei sind vom Nationalitätenwahn, Wollen sie erfüllen, indem wir eine gewaltige Bindung unter den Völkern sind, denen wir zwar angehören, aber nicht mit Haut und Haaren und über unser Menschentum hinaus gehören. Friedenskämpfer, Chaluzim der Menschheit wollen wir sein, und nicht nur, indem wir ästhetisch-kontemplativ den Frieden bejahen, sondern dadurch, daß wir tun und wirken und alle Feindschaft und alle Leiden freudig auf uns nehmen, die mit diesem Kämpfertum verknüpft sind. Wie der Jude Walter Rathenau einst in Genua den Staatsmännern der Welt sein „Pace! Pace! Pace!" zurief und damit ihre Herzen begeisterte und einander näher brachte, so soll das junge, ewig junge Judentum unter den Völkern der Welt von Tag zu Tag den Ruf erheben: „ScholaumI Scholaum! Scholaum!" Und wenn dann einst der ewige Frieden erreicht sein wird, dann werden wir das unsere getan haben, das Reich de« Messias auf Erden verwirklicht zu haben. Das soll unser Judentum sein und unser Dienst an der Menschheit! Drei Stimmen von außen! Nachstehend veröffentlichen wir drei Zuschriften, die sich mit der Idee, der die vorliegende Nummer unserer Zeilschrift gewidmet ist, befassen, und die zeigen, daß diese Idee auch bei jüdischen Persönlichkeiten außerhalb unserer Gemeinschaft Widerhall finden. S. Ehrw. Rabbiner em. Dr. Z. Auerbach in Elberfeld, der Nestor' des deutschen Rabbinerverbandes, schreibt uns: Die Absicht, gerade zum Chanukkafest eine Friedensnummer der „Jüdischen Blätter" unter der Devise „Das Judentum ist der Friede" erscheinen zu lassen, dürfte manchen befremden. Erinnert uns doch dieses Fest, wie kein anderes, an jüdische Heidentalen, an die ruhmvollen kriegerischen Erfolge der Makkabäerschar, die mit unvergleichlicher Tapferkeit gegen das gewaltige Syrerheer kämpfte und einen großen Sieg errang. Und dennoch ist dieses Fest ein besonderes Zeugnis dafür, daß die Juden, wenn sie auch, zum Kriege gezwungen, sich als Kämpfer und Sieger ruhmreich bewährten, doch hierin keine Veranlassung zum Jubel und zur Festesfeier fanden. Denn was bedeutet Chanukka? Wie schon der Name sagt: — 2 —