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Der Jugendbund · 1926-11-04 · 20 (4.11.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
20 (4.11.1926)
Date
1926-11-04
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Zu der ganzSn Dichtung ist jedoch zu sagen, daß sie Franz Werfel als dramatischen Dichter beweist, Andere mögen ihre Abweichungen von der dramatischen Norm und der historischen Wahrheit aufzeigen; sie ist eine wirklich dramatische Legende, ja, sie ist mehr Drama als Legende. Denn die Legende ist das poetische Licht, das eine Heiligengestalt vom grauen Hintergrur.de ihrer Zeit und Zeitgenossenschaft abhebt, hier aber steht eine Fülle plastischer Menschen im Glanz der dichterischen Schöpfung. Rabban Gamalicl zuerst, ganz angetan mit der Pracht Werfelscher Mens-hlichkeitsworte. Paulus sodann, ein edler, gottbesessener Mann, mehr ✓•Jüngling eigentlich, obgleich Damaskus schon hinter ihm liegt. Er hat nur unter dem einen Mangel aller dramatisierten Bekenncrgestalten aus der Geschichte zu leiden: dem a'lzu nahe liegenden kritischen Zweifel, ob nicht ein großer Teil des dramatischen Gewichtes der Figu' von seiner aus der Geschichte bekannten Erscheinung und Idee hergeliehen ist. Nun, Werfel hat ihm zu viel vop seiner klangvollen Sprache gegeben, als daß an seinem Eigenwert zu zweifeln wäre. Der edel-unglückliche Hohepriester und seihe beiden Söhne. Matthias, der Abtrünnige, und Chanan, der Zelot, von dem der alte Pinchas sagt, Paulus sei toll mit Gott, er aber, Chanan, sei toll ohne Gott, und der den Tod im politischen Kampf, wen» auch von eigener Hand, findet. Aus den Gestalten wächst ein prachtvoll bewegtes Bild des Judenvolkes, das wahrscheinlich porirätähnlicher dem heutigen als dem aus dem ersten Jahrhunderl nach Christi Geburt ist. Der Dichter hat die Sprache mit einer gewissen reichen, fast möchte ich sagen saftigen Diktion traktiert, die man stellenweise zwar östlich, aber nicht orientalisch nennen wird, und Gustav Lindeniann, der verdienstvolle Regisseur des Schauspielhauses, hat diese saftige Diktion noch mit einer fetten Sauce von Nasalen und wür;;en Gesten Übergossen. Ich glaube doch nicht, daß Jerusalem so nahe bei Prag liegt. Herr Esser hebt den Gamaliel so hoch über alles Volk, wie Werfel es verlangt. Den Paulus gibt Herr Ginsberg mit Kraft und Inbrunst, doch ganz ohne legendäre Einfachheit, was aber wohl mehr am Dichter als an ihm liegt. Herr Greid als Chanan macht wenig Eindruck, denn er spielt die Rolle unnötigerweise leider restlos unsympathisch. 1 Ganz anders Herr Everth, der den wahrhaftig nicht sehr gewinnenden Landpfleger zu einem Prachtstück von einem zwar schwachen und lasterhaften, aber unerhört lebendigen Menschen gestaltet. Die Herren Hahn, Rosenthal, Helwig und Peters geben die vier konservativen Rabbiner, und es gelingt ihnen durchaus, jedem, einzelnen ein charakteristisches Profil zu verleihen. Eine außerordentliche Leistung ist der Rabbi Beschwörer des Herrn Kyser, ein großartiger Wichtigmacher und Scharlatan. Sehr starker Beifall rief Dichter, Regisseur und Schauspieler wieder und wieder auf die Bühne. Dr. Heinz Kahn. » Zwisdiefi Ghetto und Stadion \ on cand. ing. Erich de Wir veröffentlichen diesen Aufsatz unseres Verbandsfreundes Erich de Jonge, weil hier ein aktiver Sportler die Notwendigkeit unserer Arbeit in demselben Maße anerkennt, wie wir die harmonische Entwicklung des Körpers unserer Jugendlichen 'als eine selbstverständliche Pflicht anerkennen. Der Beitrag will, scheint uns. weniger zu der Frage „Jüdischer Sport" — oder Sport überhaupt — Stellung nehmen, als eine harmonische Entwicklung von Körper und Geist fordern. Den Schlußaufruf des Schreibers „Bizeps und Geist" können wir allerdings in dieser Form nicht unterschreiben. Für uns ist jüdische Betätigung immer Arbeit im Geiste des Judentums, der ein gesunder Körper nur zu dienen hat. m DieSchriftleitung. Den Kern dieses Aufsatzes bildete ursprünglich eine Entgegnung auf eine Philippika. „Saprtfimmel" betitelt, in einem jüdischen Wochenblatte, eine Entgegnung, die ich mir als langjähriger Sporttreibender nicht verkneifen konnte. Aber wie es nun einmal so geht, meine Feder, mit der ich den Autor gekitzelt halte, war zu scharf. Ich erhielt meine Arbeit zurück, und schreibe jetzt mit Honig. Nun erhält sie hoffentlich ihre Ruhestätte, wenn auch in wesentlich geänderter und vergrößerter Form. Jüdische Jugend und Sport: Zwei Begriffe, die noch vor wenigen Jahren eine untergeordnete, nebensächliche Rolle spielten, verwachsen heute zu einem. Werden heute Lebensstil, noch mehr, Kulturnotwendigkeit. Seit den Makkabäertagen hat man bei der Erziehung des jungen jüdischen Menschen die Geistesausbildung der des Körpers vorangestellt, ■allerdings zum größten Teile bedingt durch strengste Abschließung der Juden im Ghetto. Und so wurden aus den früheren kraftfreudigen Kampfesmenschen körperlich schwache Geistesmenschen. Erst mit der fortschreitenden Emanzipierung, mit der „Gleichberechtigung" zu Staatsbürgern und der dadurch bedingten Heranziehung zum Militär- und Kriegsdienst, wurde auch der Körper wieder einer langsamen, aber progressiven Kräftigung unterzogen. Man mag gegen den Sportgedanken im Judentum ankämpfen, ihm indifferent gegenüberstehen, er läßt sich nicht mehr aus unseren Reihen vertreiben. Selbst wenn wie jetzt die Kampfansage auf die Basis hinausläuft, den Eltern die Warnung zuzurufen: Der Sport ist nur noch Selbstzweck. Hütet eure Kinder, der Geist der Jugend wird unterdrückt! Aber auch das kann nicht stören. Es sind zwar nur Warnungen vom grünen Tisch, aber weil zum Teil von alten „prominenten" Jugenderziehern ausgesprochen, doppelt gefährlich. Doch was wissen die Warner Jonge, Hamborn am Rhein. von der natürlichen Kameradschaft, dem unbefangenen Zusammenleben und dem, was der Engländer „fairneß" nennt? Gewiß gibt es Sportler, die nur Sport um des Sportes willen treiben. Aber gibt es nicht auch Geistesfanatiker, die nur Geist um des Geistes, und nicht um des Lebens willen treiben? Sollt' es uns nicht schier bedünken . . .? Es ist verfehlt, deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verdammen. Diese Art Fanatiker sind für beides verloren, für den Geist und für den Sport. Währe rd für den echten Sportsmann der Rekord nur Symbol ist, ist er Selbstzweck für den Fanatiker. Man versuche einem Fanatiker den Fanatismus auszutreiben. Verlorene Liebesmüh! Nun werden wir gefragt, weshalb wir, gerade wir jungen Juden Sport treiben. Vielleicht ist es bei vielen nur kindlicher Nachahmungstrieb, Lust am Spiel, letzten Endes auch wohl Neid auf die prächtigen Gestalten durchtrainierter Sportslcute. Was das Gros der Sportler aber schon lange klar und deutlich erkannt hat: Nur für uns, für unseren Körper, zu unserer Gesundung und, um das Wichigste hervorzuheben, um ein Gegengewicht zu schaffen gegen unsere überspitzte Intellektualität! Nun ruft man uns auch noch seit einiger Zeit zu: Ihr verliert euch, besinnt euch auf euer geistiges Ich! Ihr verfallt der Amerikanisierung! — Ist dieser Ruf aber erforderlich? Mit ruhigem Gewissen kann man nein sagen. Die jüdische Jugend, die sich der körperlichen Erstarkung widmet, ist in demselben, wenn nicht stärkerem Maße auf ihre geistige Erstarkung bedacht. Die Winterarbeit in den Gemeinden hat eingesetzt, die Sportplätze sind bis auf wenige verödet. Jetzt setzt auch unsere geistige Winterarbeit ein. Trotzdem wir auch im Winter unseren Körper nicht vernachlässigen, finden wir noch überreichlich stille Stunden zur Selbstbildung. Ueberall helfen Jugendhünde an der geistigen Fortentwicklung der jüdischen Jugend und immer haben wir noch Zeit, ein Buch zu lesen, mit einem Freunde uns auszusprechen, von unseren Führern zu lernen. In einem muß ich den Warnern beinahe recht geben: wenn sie von der Amerikanisierung der Jugend reden. Nicht ganz recht, denn in Amerika kennt man nicht wie h?i uns den aktiven, sondern mehr den passiven Sportler. Zwei Mann boxen, 150 000 sehen zu. Das ist Amerikanisierung: Nervenreiz des Sportinteressentenl Mit dieser Auffassung des Sporttheaters haben wir jüdischen Sporttreibenden nichts gemein. Mit jener anderen Amerikanisierung aber, die aus den Versen Walt Whitmans zu ans spricht, aus den Versen: .....daß der Leib vollauf soviel gilt, wie die Seele? Und wäre der Leib nicht die Seele, was ist die Seele?" Zu dieser bekennen wir uns, und mit ihr sympathisieren wir. Wir wollen einen harmonischen Körper und einen harmo» — 2 —

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