Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 20 (4.11.1926)
- Date
- 1926-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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u ©ir"S DER <> h IHfiENDBUND ORGAN DES BEZIRKS VERBANDES JÜDISCHER IUGEN D VEREINE WESTDEUTSCHLANDS UND DES RHEINISCH-WESTFÄLISCHEN BEZIRKS VERBANDES IÜDISCHER IUGENDVERE1NE Schnltleituns- Rabbiner Dr. Klein. Düsseldorf. HaroldstraBe 4 > Fernrul Nr. 7390 / Druck und Verlad: A Gerisch & Co.. G. m. b. H.. Düsseldorf. Wallslrafee 10 / Alle Einsendungen redaktioneller und geschäftlicher Art an Dr. Klein. Düsseldorf r Anzeigenpreis: 0.15 Goldmark für die 6gespaltene mm-Zelle / ßexugsprels: IS Pfennig monatlich einschließlich freier Zustellung / Bestellungen nur bei der Schrtftleitung oder den Vereinen / Erscheint alle 14 Tage 2. Jahrgang DUSSELDORF, DEN 4. NOVEMBER 1926 Nummer 20 „Paulus unter den Juden" Dramatische Legende in sechs Bildern von Franz Werfet. (Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus.) Es ist eine unleidliche Art von Kritikern, die mit erhobenem Zeigefinger den Schüler Dichter allerorten korrigieren und schulmeistern.; Und doch möchte ich am Beginn sagen, daß der Titel dieser dramatischen Legende richtiger lauten würde: „Die Juden, als Paulus unter ihnen war". (Das ist übrigens nicht ganz wörtlich aufzufassen und deshalb auch keine Schulmeisterei, denn aus formalen Gründen kann der Name eines Dramas natürlich nicht so heißen.) Deutlicher: nicht Paulus steht im Mittelpunkt des Werkes, sondern die Juden alt Träger der ihnen eigenen Gottesidee. Paulus bleibt vom Beginn des Stückes bis zum Ende der gleiche, er wandelt sieb nicht und wächst nicht im dramatischen Geschehen, er ist, wenngleich lebendig und Sprachrohr wundervoller Dichterworte, nur eine; Tatsache im geistigen Sinne, mit der das Judentum in allen seinen Richtungen und Schattierungen sich auseinandersetzt. Inhalt der Legende ist, ganz subjektiv vom Dichter Werfet aus gesehen, der tragische Untergang des jüdisichen Gottesgedankens an der Geburt des paulianisch-christlichen. Dennoch ist das Werk, auch für uns Juden, als Dichtung erfreulich. (Bis auf den Schluß, wie später zu zeigen ist.) Judäa seufzt unter der Herrschaft Roms und seines Landpflegers Marullus. Nicht, daß Marullus ein besonders hartes Regiment führte, aber welch ein entsetzlich aufreibender Kleinkampf ist täglich zu führen, damit die Gesetze des Herrn erfüllt werden ohne Verletzung derer des Cäsaren! In sich ist die Judenheit — wann wäre sie das nicht gewesen? — von Parteikämpfen erschüttert. Da sind die gesetzestreuen Schriftgelehrten, die vorsichtig den sie und Rom befriedigenden modus vivendi mit den Römern suchen. Da sind die Zeloten, jüdische Nationalisten, die mehr aus nationalen als aus religiösen Gründen die Herrschaft Caligulas mit Gewalt abschütteln wollen. Und auch die Christen jener Zeit, Juden- Christen, fühlen sich als Juden, denen allein als dem auserwählten Volke Jesus von Nazareth die Erlösung gebracht hat. Und zwischen ihnen, nein, über allen, auf einer vom warmen Strahl des liebenden Dichter-Vater-Geistes überglänzten Höhe steht Rabban Gamaliel der alte, der Patriarch der Judenheit, vor dem der wütende Eifer der Zeloten Halt macht und die starre Rechthaberei der Schriftgelchrten sich beugt und den sogar der Prokurator Marullus, der epikuräische Staatsmann und ferne Ahne Machiavells, als überlegen anerkennt und fürchtet In dies Judäa kehrt Paulus, der verlorene Lieblingsschüler des Rabbis Gamaliel, zurück, von den Zeloten, denen er einstmals angehörte, als der Führer zur Befreiung erwartet, von den Juden-Christen als einer der ihren, doch schon mit leisem Mißtrauen, aufgenommen, von dem Patriarchen wie der lang entbehrte Sohn mit Liebe empfangen. Er enttäuscht sie alle. Von den Zeloten hat er sich längst abgewandt, die Christen verstehen ihn nicht, weil er Christus nicht als den Messias der Juden, sondern als den Heiland der Welt verkündet und also seine Botschalt auch und gerade den Heiden bringen will, und Gamaliel — Das nun ist der eigentliche dramatische Konflikt, wie durch die Gewalt zweier entgegengesetzter Ideen diese beiden durch die stärksten menschlichen Bande verbundenen Männer auseinandergerissen werden. Die große Szene des Dramas ist die Auseinandersetzung zwischen dem Lehrer, der innig an dem problematischsten' seiner Schüler hängt, und dem Schüler, dessen Verehrung für den Meister keine Grenzen kennt. Wenn Rabbi Gamaliel dreimal inbrünstig Gott anfleht, ja von Gott fordert,, er möge ihm ein Zeichen geben, ob denn dieser Nazarener Rabbi Jehoschuah wirklich der Messias gewesen sei, und wenn er, da kein Zeichen ihm erscheint, nur wie im Nebel die Klänge des Jaum-Kippur-Gottesdienstes sein Ohr erfüllen, voll Qual und Zweifel zusammenbricht, dann ist nicht nur ein dramatischer Höhepunkt erreicht, der jedes andere Bild der Legende weit überragt, sondern wir werden von einer dichterischen Schöpfung ergriffen, der weniges in der dramatischen Literatur unserer Zeit zur Seite zu stellen ist. — Das Ende ist, daß Paulus, gramvoll entschlossen, aufbricht zu seinem Wege in die Welt der Heiden,, daß Rabbi Gamaliel, der den Verlust des- Lieblingsschülets nicht mehr ertragen kann, stirbt und daß der Dichter sprechen läßt (und sich sehr deutlich zu diesem Ausruf bekennt), der letzte Gerechte in Israel sei dahin, Christus sei der Erlöser gewesen und das messianische Gottesreich sei seit seinem Opfertode auf Erden Wirklichkeit. Dieser Schluß muß uns Juden stören, nicht nur, weil er in künstlerischem Sinne überflüssig, nicht nur, weil er bei dem, wie dies Dichterwort allerorten zeigt, doch sehr bewußten Juden Werfel verwunderlich, sondern auch, weil er geschichtlich und philosophisch falsch ist. Denn das Judentum lebt trotz Paulus und kann nicht untergehen, solange es Menschen gibt, die den Messias in der Zukunft sehen und sein Gottesreich der Menschheit auf Erden ersehnen. Zur gefl. Beachtung! Folgende Vereine zeigen in dieser Nummer ihre Veranstaltungen an: Altenkirchen. Dierdorf, Düren, Düsseldoif, Eiberfeld-Barmen, Grevenbroich, Hachenburg, Jülich, Kö'n, Kreuznach, Mayen, Trier, W ttlich, Püisburg, Essen, Hamborn, Mülheim. Keddinghausen -l-