Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 19 (21.10.1926)
- Date
- 1926-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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In vielen Gemeinden Deutschlands zeigte sich als Nachwirkung des erfolgreichen Krieges 1870 71 ein bedeutsamer Aufstieg. Auch das wirtschaftliche und kulturelle Leben unterer Gemeinde wurde durch diese Zeit entscheidend beeinflußt. Im Juli 1890 schied Rheydt aus dem Synagogenverband M.Gladbach aus und bildete fortan mit Odenkirchen, Rheindahlen, Giesenkirchen als Filialen eine selbständige Synagogengemeinde. Ihre ersten Vorstandsmitglieder waren: Moses Stern, Jakob Struch, Julius Klein aus Rheydt, und Joseph Horn aus Odenkirchen. Am 12. April 1891 fand die erste Repräsentantenversammlung statt. Anwesend waren: H. Lenneberg, B. Frenkel, M. Steinfeld, H. Schnook aus Rheydt, J. Salomon, A. Heymann aus Odenkirchen, L. Cappel aus Rheindahlen, A. Wallach aus Schelsen. Die ersten Aufgaben waren die Verteilung der Aemter und die Festsetzung der Gemeinde- Statuten. Die Zusammenkünfte fanden lange Zeit nur einmal im Jahre statt und galten vorwiegend der Etatsberatung. Mit dem Aufblühen der Gemeinde erweiterte sich auch der Aufgabenkreis, und es zeigte sich die Notwendigkeit, häufiger Versammlungen, einzuberufen. Da «ber unterbrach"- der Weltkrieg die ruhige Entwicklung der Gemeinde. Wohl brachte er neben Kummer und Aufregung auch große Tage der Erhebung, Kundgebungen voll Opferfreudigkeit, die Zeugnis ablegten von der vaterländischen Gesinnung der Gemeindemitglieder. Es bedeutete aber für die wirtschaftliche Kraft den. Gemeinde eine starke Belastung, daß etwa SO Mann, meist Ernährer ihrer Familien, zum Frontdienst eingezogen waren. Die Nachwirkung des unglücklichen Kriegsausgangs brachte bittere Not in manches Haus und stellte die Verwaltung vor schwere Aufgaben. Hart traf sie auch der Verlust von Mitgliedern, deren Rat einst gern in der" Gemeindevertretung gehört wurde. Verantwortlichkeitsbewußtsein des Vorstandes, treue Unterstützung durch die Wohlfahrtsvereinigungen, Opferwille aller Kreise, Vertiefung des Gottesdienstes, Förderung des Religionsunterrichts brachten aufs neue Festigung. Die Gemeinde darf voll Vertrauen auf eine gedeihliche Entwicklung in die Zukunft blicken. Judischer Jugendverein Rheydt u. Umgegend Jüdische Jugend aus Rheydt und den Nachbarorten empfand auf Wanderungen den Wunsch nach dauerndem Zusammenschluß und verband mit dem geselligen Ziel auch bald den Willen, jüdisches Bewußtsein zu stärken und Wissen vom Judentum zu gewinnen. Als „Jüdischer Freundschaftsring" trat der junge Verein am 22. November 1921 dem Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands bei. Er nannte sich fortan „Jüdischer Jugendverein von Rheydt u. U.", und betonte in seinen Satzungen das Streben, unparteiischer Mittelpunkt der gesamten jüdischen Jugend der Stadt Rheydt und ihrer Umgebung zu sein, die Anhänglichkeit an das Judentum zu stärken und die geistige und körperliche Fortbildung zu unterstützen. Schnell wuchs die Zahl der Mitglieder. Die schwere Zeit jedoch, die in den kommenden Jahren besonders für das Rheinland heranbrach, bedrohte den jungen Verein in seinem Bestand. Es gelang aber, ihn wieder neu zu beleben, und in einer Zeit, als überall die Jugendvereine daniederlagen, zeigte die Tätigkeit hier die schönsten Erfolge. Vorträge au« jüdischem und allgemeinem Wissensgebiete wechselten mit angeregter Aussprache über Fragen aus dem Mitgliederkreise. Unterhaltungsabende und frohe Festlichkeiten aus Anlaß der Simchas-Thora, Chanukka- und Purimfeiern trugen dem Streben nach edler Geselligkeit Rechnung. Leider erlahmte das Interesse bei denen, die durch Wissen und Können allen voran zur Stütze und Führung berufen gewesen wären. Immer kleiner wurde die Zahl der Unentwegten, die aus Liebe zur jüdischen Sache den Verein aufrecht zu erhalten suchten. Heute zeigen in allen Teilen des Reiches die Jugendvereine neues Blühen. Sollen wir für immer uns ausgeschaltet haben? Zur Jugend gehört jeder, der mit den jungen Menschen oder für sie die Zukunft des Judentums sichern will. Darum sei wieder zum Zusammenschluß gerufen. Wer unterstützt? „Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt an, wo niemand wirken kann." An die jüdische Jugend! Von Gemeinderabbiner Dr. K o b e r , Köln. Mit Erlaubnis des Verfassers veröffentlichen wir folgende Ausführungen, die hauptsächlich an die Kölner Gemeinde gerichtet sind, darüber hinaus aber sicherlich allgemeines Interesse finden werden. Die Schriftleitung. Jugendpflege und Jugendbewegung stehen im Vordergrunde des öffentlichen Interesses. Staat, Provinz und Stadt fördern sie nach Kräften. Man ist sich eben bewußt, was eine körperlich und sittlich gesunde Jugend für den Aufbau des Vaterlandes bedeutet. So wichtig aber auch diese Förderung ist, Jugendbewegung muß im letzten Grunde von der Jugend selbst ausgehen. Was nützet der äußere Anstoß, wenn nicht im Herzen der Jugend die Flamme glüht? Wie steht es um unsere jüdische Jugend? Nach dem Weltkrieg hatte es den Anschein, als ob sie, nachdem die Alten ihrer Ansicht nach versägt und abgewirtschaftet hatten, wetteifernd mit der Jugend anderer Bekenntnisse und Weltanschauungen in mutigem Ansturm den Grund zu einem besseren Bau der Welt und auch der jüdischen Gemeinschaft legen würde. Aber schnell ebbte die Begeisterung ab, die Worte verglühten in der Asche. Nur Turnen und Sport erwarben sich, dem Zuge der Zeit entsprechend, einen etwas weiteren Kreis. Dieses Schicksal der Jugendvereine hat auch der neutrale Jüdiscke Jugendverein „Gabriel Riesser" in Köln erfahren. Mit wehmütigem Bedauern denken diejenigen, die ihn früher gekannt, an die Zeit seiner Blüte zurück. Nun öffnet er nach gründlicher Vorarbeit wieder seine Pforten. Vorwärts und aufwärts lautet seine Parole. Darf man der jüdischen Jugend Kölns empfehlen, ihm beizutreten? Unserer Jugend tut Neutralität not; ich meine damit nicht etwa, daß sie ohne feste Anschauung aufwachsen soll. Im Gegenteil, als Ziel leuchte ihr, was der Dichter das höchste Ziel der Menschenkinder genannt, die Persönlichkeit — und unserer jüdischen Jugend —, die jüdische Persönlichkeit. Aber die Jugend muß sich auch darüber klar sein, daß sie nichts Fertiges ist und niemals fertig wird. „Im steten Werden liegt des Lebens Reiz allein", nur zum Werden, nicht zum Sein sind wir auf Erden. So wird der neutrale Jugendverein der Boden, auf dem unsere Jünglinge und unsere jungen Mädchen sich zunächst einmal selbst erziehen. Lernende werden sich in die Schätze der jüdischen Vergangenheit vertiefen und allmählich zu Persönlichkeiten heranreifen, aber auch den anderen als Persönlichkeit anzuerkennen sich bemühen. Und wann wäre dies für unser Judentum wichtiger als gerade heute? Oder sollte s.chon unsere Jugend ihre Weltanschauung für abgeschlossen halten und sich je nach weltanschaulicher Richtung zum Kampf gegenüberstehen? Angesichts unserer kleinen Zahl und der Anfeindungen von außen her können wir uns als Juden den Luxus nun einmal nicht gestatten, der Umwelt das Bild innerer Zerrissenheit und Zerfleischung darzubieten. So gehe denn die Jugend mit gutem Beispiel voran! Im neutralen Jugendverein lerne jeder die Ansicht des anderen schätzen und achten, so sie ernst gemeint ist, und in ihm den Bruder sehen. Mir ist kein Zweifel, daß diejenigen, die durch den neutralen Jugendverein hindurchgegangen sind, für die Ideale der Jugend Achtung tragen werden, wenn sie im Leben herangereift sind. Ich bin sicher, der Segen solcher neutraler Gemeinschaft wird in den Organisationen des Judentums später sichtbar werden. Aber unsere Jugend soll nicht kopfhängerisch, sondern zu frohen Menschen heranwachsen. Daß dieser Frohsinn nicht in Kabaretts und Cafes gefunden wird, kann füglich nicht bezweifelt werden. Unsere Jugend soll lernen, Fröhlichkeit, heiteren Sinn nicht mit Rausch zu verwechseln; sie soll sich aber selbst dazu anhalten, edle Genüsse zu suchen und ihren Schönheitsdurst aus klaren Quellen zu stillen. Und zum Schluß eine Mahnung, die von unserer Festzeit noch herübertönt. Dem Nachfolger Mose wird wiederholt von Gott zugerufen: „Chasak weemoz", „sei stark und standhaft". Die beiden Verben klingen wie Synonyma, sind es aber nicht ganz; „chasak" drückt mehr die körperliche Stärke, die physische Kraft aus, „emoz" bedeutet die geistige Kraft und Reife. Turnen, Wandern und Sport haben ihre volle Berechtigung — et bedarf ihres Rühmens nicht, aber nicht auf Kosten des Geiste« — 2 —