Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1926-10-07 · 18 (7.10.1926) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
18 (7.10.1926)
Date
1926-10-07
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492456-6352473-6352495--0230-4928428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus der jüdischen Jugendbewegung Blau-Weiß, Kadimah, Wir Von Ernst Holzer, Frankfurt a. M. Die nachfolgenden Ausführungen unseres Verbandsvorstandsmitgliedes Ernst Holzer setzen sich mit dem jüngsten Bund der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland auseinander. Die Verbandsleitung tritt .den wesentlich prinzipiellen Darlegungen, zur Seite, ohne sich indes mit dem . Gesamtinhalt zu identifizieren. Sie hofft, daß diese Ausführungen die Anregung zu einer eingehenden Aussprache bieten, zu der sie auch Nicht-Verbandsmitglieder selbstverständlich gerne zu Wort kommen läßt. Die Verbandsleitung. L Es ist in den Kreisen der bewegten Jugend in Deutschland eine oft beobachtete Erscheinung gewesen, daß sich Auflösung alter und" Gründung neuer Gruppen in stetem Wechsel die Wage hielten. Ja, vielleicht kann man diese dauernde Erneuerung, nicht der Menschen, sondern der Bünde, als eine der typischen Eigenarten der 'deutschen Jugendbewegung bezeichnen. Wenn wir nun bei dem Erlöschen des Blau-Weiß Gelegenheit nehmen müssen, auch in unserem Marsche einzuhalten und dem dahingeschiedenen jüngeren Bruder Gedanken der Erinnerung, aber auch der Kritik zu widmen, so hat das seinen besonderen Grund und seine spezielle Berechtigung. Denn man war gewohnt gewesen, im Blau-Weiß den Typ der jüdischen Jugendbewegung zu sehen, den Typ jener Bünde junger Juden, die so oft mit unverhohlenem Hehn auf uns, die Freunde und Führer der neutralen Juger.dvereine, herabsahen. Aus noch wichtigeren Gründen aber wollen wir uns im folgenden auch mit der neuen Kadimah, Ring jüdischer Warjder- und Pfadfinderbünde, beschäftigen. Nicht nur verdient er unsere Aufmerksamkeit, weil er, entstanden aus Blau-Weiß, Ring jüdischer Wanderbünde und Bund jüdischer Pfadfinder, eine Zusammenfassung dreier Gruppen und dreier Ideen ist, sondern weil auch er sich „neutral" nennt. Wir werden deshalb Stellung nehmen müssen zu ihm, werden die Unterschiede aufzuzeigen haben zwischen seiner und unserer Neutralität, und werden prinzipielle Erkenntnisse ziehen und grundsätzliche Erklärungen abzugeben haben. II. I Wie war der Blau-Weiß, sein Wesen, seine Arbeit.? Gegründet war er als parteipolitisch neutraler Bund von einer Anzahl junger Akademiker, die mit Leib und Seele Zionisten waren. Doch weil die Führer des Blau-Weiß wohl" Neutralität zu wahren vorhaben, aber sie als Basis und gleichzeitig als Dach der Bundesarbeit selbst untergruben, wurde aus dem Blau-Weiß der zionistische Jugendbund par excelience, der an der Fehlerhaftigkeit der menschlichen und jüdischen Erziehung scheiterte. Erziehung ist der Zweck jeder Vereinigung junger Mensch.cn. Die Erziehung im Blau-Weiß bewegte sich fort von den Urgründen der Gemeinschaft, indem sie den Bund mit vollen Segeln in die Gefahr hineintrieb, die jedem Bunde der Jugendbewegung droht, die Isolierung. Der Blau-Weiß schließt sich ab. Isoliert sich, stellt als Ideal, als tragende Kraft des Bundes den Bund selbst hin; der Bund wird Selbstzweck. Die gesunde Autonomie von den Parteien der Alten wächst sich krankhaft aus und wird zur Askese, zur Selbstabschließung von dem Menschenkreise, der die Bundesmitglieder geboren; . der Bund wird zum festgefügten Orden. Nun aber begeht die Erziehung des Blau-Weiß einen weiteren Fehler, der in der Zusammenwirkung mit dem soeben geschilderten verhängnisvoll für den Erfolg der Bundesarbeit werden' mußte. Man anerkennt heute in der Oeffentlichkeit, was wir seit Jahr und Tag predigten. Es fehlte dieser jüdischen Jugendbewegung nicht nur der geistige Zusammenhang mit dem Judentum als solchem, sondern es ermangelte ihm überhaupt an zielstrebigem Willen zur generationenverbindenden Kultur des Judentums. Die Ideologie des Blau-Weiß war aufgebaut auf Gefühl, auf nurmenschlicher Anziehungskraft. Abgelehnt wurde das Gemeinschaftsbewußtsein,' das vom kritischen Verstand genährt wird, du sich auf Lernen und Wissen gründet. So geschieht es, daß die Arbeit mit jüdischen, sogar mit zionistischen Werten, gleich null war im Blau-Weiß. Wandern, Sport, Natur, Musik, das war die Tätigkeit im Btmde; Lernen, Lesen, Arbeiten, Hören, das waren schroff abgelehnte Methoden unbewegter Menschen. So kam es naturnotwendigerweise, daß der Bund zerfiel in dem Moment, da das dritte große Passivum in der Erziehungsbilanz des Bundes wirksam wurde. Den Uebergang vom Kind zum jungen Mann, ihn verstand der Bund nicht zu überbrücken. Und so trat das Schlimmste ein: Die Menschen, die aus dem Bunde hinausgewachsen waren, sie gingen nicht nur dem Bunde verloren, sondern sie bildeten noch nicht einmal wertvoll« Glieder der - alljüdischen Geraeinschaft, sie tauchten unter, verschwanden. Das Ziel ist verfehlt, die Erziehung erfolglos. Der Zionismus im besonderen, aber auch das Judentum im allgemeinen haben vom Blau-Weiß nichts gewonnen. Der Bund jedoch steht ohne Führer da, die Menschen, die Richtung geben sollen und könnten, fehlen; der Blau-Weiß verlischt. DL Die Geschichte und Entwicklung des Blau-Weiß ist eine glänzende Rechtfertigung für die Ideologie der neutralen Jugendvereine und Jugendbünde. Wir wandten uns seit jeher gegen jene Jugendbewegung, die (nach dem Worte Dr. Ernst Simons) sich als „gesellschaftliche Form" betrachtete. Wir lehnten aber auch die Tendenz-Jugendbünde ab, die als Filialen von politischen Parteien allein zu dem Zwecke gegründet waren, für Nachwuch» einer frommen Herde von Partei» schafen zu sorgen. Wir stellten vielmehr als Erziehungsmethode die Forderung auf, die jüdische Jugend, die der Kindheit entwachsen war, in „intellektueller Auseinandersetzung zurUeberprüfung der bisher allzu selbstverständlich empfundenen Anschauungen zu bringen, sie auf den Ansturm der geistigen Mächte der Umwelt vorzubereiten". Wir gingen sogar noch weiter als Dr. Siegfried Kanowitz, der auf dem Erfurter zionistischen Delegierten tage dies sehr treffend als einzig richtige Methode bezeichnete. Wir wollen nämlich nicht nur vorbereifen, sondern wir erklären die jungen Menschen für reif für die tätige Auseinardersetzung. Wir oktroyieren keine festen Ansichten jungen Menschen auf, sondern wir lassen sie ihre religiöse, politische und weltanschauliche Stellung eigens und aus eigener Bestimmung Kraft und Verantwortung beziehen. Wir gehen aus vom Wissen um die gemeinsamen Werte, Geschichte, Kultur, Religion, und kommen zum Gefühl der Gemeinschaft. Wir wollen erst jüdische Menschen erziehen und sie dann den Weg zur Partei finden lassen. IV. Aber nicht nur das Versagen des Blau-Weiß ist eine Rechtfertigung für uns, sondern erst recht die Gründung der Kadimah. „Der Bund erklärt, nichtzionistisch zu sein, er lehnt jede parteimäßige Bindung ab, auch Nichtzionisten haben in ihm Piatz, er will lediglich Erziehung zum positiven Judentum." Dieser Ausspruch des offiziellen Redners auf dem zionistischen Delegierlentape entspricht, wie ich mir versichern ließ, der Ansicht der Führer der Kadimah.' Was ist das anderes als die Nachahmung der Methoden, die wir seit Jahrzehnten für allein richtig erklären und betreiben? Und deshalb ist es nur zu verständlich, wenn Diskussionsredner in Erfurt sich gegen diese „Verfechtung von Neutralitätsideen in Jugendvereinen" wehren, wenn einer erklärt, „die neutrale Jugenderziehung ist unmöglich". Für die intellekutelle Masse ist es immer schwer, gestern zu verdammen und heute anzubeten- Der Parteibonze jeder Schattierung konnte sich in all den Jahrzehnten nicht scharf genug gegen unsere „verwaschene Neutralität" wenden. Daß man unter Neutralität aber auch Ueberparteilichkeit verstehen kann, ist jenen noch nicht aufgegangen. Auch die Grüncn-Tisch-Politiker und Radikalinskis im zionistischen Lager befinden sich noch nicht im Stadium der Erkenntnis, wie die Führer des alten Blau-Weiß und die der neuen Kadimah. Für uns aber gilt es Stellung zu nehmen zu dem neuen „neutralen" Bund. Wenn wir die offiziellen Erklärungen betrachten, und wenn wir insbesondere das jüdische Arbeitsprogramm des Bundes prüfen, so müssen wir sagen: Wir erkennen keinen Unterschied zwischen' eurer Neutralität und der unserigen; sie ist theoretisch dasselbe. Aber ah^esehen von dieser theoretischen Uebereinslimmung, müssen wir zwei einschränkende Bemerkungen machen, die die Praxis betreffen. Das erste ist die Tatsache, daß die Menschen im Kadimah sich aus ganz andere* Jahrgängen zusammensetzen als bei uns. Es sind größtenteils noch Kinder, die die Kadimah in ihre Kreise zieht. Für st« ergänzt sie ihr jüdisches Erziehungsprogramm durch das Pfad-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.