Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1926-10-07 · 18 (7.10.1926) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
18 (7.10.1926)
Date
1926-10-07
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492456-6352473-6352495--0229-4928427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Mit scheinbarer Plötzlichkeit wechselt der Prophet sein Thema. Er schildert Gottes Allmacht. Sie wird ihm zunächst deutlich an der Vergänglichkeit alles Fleisches (Vers 6 bis 8). Dann aber schildert er sie mit erneutem Ansatz an der Größe •einer Schöpfung (Vers 12 bis 14). Der Prophet türmt eine Reihe sich stürmisch folgender rhetorischer Fragen auf und fordert die Antwort': Gott allein hat all dieses. Gewaltige geschaffen. Wie sehr muß erst der moderne Mensch die Wucht des unendlichen Weltalls fühlen, dem die Naturwissenschaft eine ganz andere Einsicht in die Unermeßlichkeit und die riesigen Zahlenverhältnisse der Schöpfung eröffnet hatl Neben der Natur ist es die Geschichte, die den Denkenden auf Gott hinweist. Auch hier weckt die Vergänglichkeit aller historischen Gebilde das Verlangen nach etwas Unvergänglichem, Ewigem. Gerade einem Jesaja mußte sich die Erkenntnis einprägen, daß „Völker wie ein Tropfen im Eimer und dem Stäubchcn in der Wage gleich geachtet", also ein Nichts sind; denn er war ja ein Zeitgenosse des Zusammenbruchs Babels, das zusammen mit Assur Jahrtausende die unbestrittene Beherrscherin Asiens war. Gott ist so unendlich, daß man ihn eigentlich auch durch Opfer nicht erreichen kann und brächte man selbst das gesamte Wild des Libanon dar (Vers 16). Um wie viel weniger darf man sich vermessen, ihn in einem Bilde einzufangen. Hier schlägt Jesaja schon ein erstes Mal das von ihm beliebte Thema einer satirischen Polemik gegen die Götzenbilder an. Sie sollen das Ewig-Feststehende versinnbildlichen. Und wie vorsichtig muß man das Holz für sie wählen, daß sie nur nicht faulen, und wie sie geschickt arbeiten lassen, daß sie nur nicht umfallen (Vers 18 bis 20). Nein, Gott thront hoch über der Welt, vor ihm sind die Menschenkinder wie ein Heuschreckenschwarm, auch ihre Mächtigsten, die Fürsten und Erdenrichter. Wie für Kant ist für den Propheten, der sicherste Gottesbeweis „der gestirnte Himmel über mir". Er hatte ja den Sternbimmel des Orients mit seiner unbeschreiblichen Pracht vor sich. Aber ihm wie auch sonst der Bibel gibt der Sternhimmel nicht nur ein Schauspiel, wie die nüchternen Gesetze der Mechanik sich abrollen. Er schaut mit dem inneren 'Auge den Gott, der die Gestirne ruft und leitet und dem sie in Ehrfurcht gehorchen. Wozu diese Schilderung der Allmacht Gottes? wird vielleicht der Leser fragen. Aber sie ist für den Propheten eine innere Notwendigkeit. In ihr liegt für ihn der Trost Israels. Nicht ein gleichgültiger Weltenherrscher regiert das All. Trotz seiner Erhabenheit braucht der Gläubige nicht zu meinen, daß die An' legenheiten des kleinen Menschenvolkes Gott unwichtig seien. Er ist nicht der abstrakte Gott der Philosophen, sondern der persönliche Gott der Religion. Der Prophet hat seine Macht geschildert, nicht damit Israel davon niedergedrückt spreche: „Verborgen ist mein Weg vor dem Herrn." Nein, sie sollen wissen, daß Gott Kraft und Mittel hat, ihnen zu hellen. Der starke Gott ist der Gott des Schwachen. Hierin liegt die Leistung der biblischen Religiosität. Aus der vollen Kenntnis der göttlichen Erhabenheit gewinnt sie das lebendige Vertrauen in Gottes Hilfe. „Hoch und heilig throne ich und bei denen, die erniedrigt und demütigen Geistes sind." (Jesaja 57, Vers 15.) Das ist die schlechthin religiöse Erkenntnis, die dem Verstände nicht mehr zugänglich, d. h. nicht beweisbar ist, sondern der tiefsten Erlebnissen der religiösen Genies gewonnen ist. Sie ist aber mittelbar und der Prophet will sie seinem Volke „mitteilen". Denn er weiß, n ir aus diesem Glauben kann es die Kraft zu neuem Aufstieg gewinnen. Nur wer an den „Ewigen" sein, ohne zu ermüden und zu er¬ Bild findet der Prophet noch für die aber er gibt dem Mensc Randbemerkungen Die Typhusepidemie in Hannover zeigt so recht, was im 'Jahre 1926 noch alles möglich ist. Am 1. August 1914 waren die Mobilmachungsanschläge innerhalb einer halben Stunde gedruckt und an den Plakatsäulen. (Wir wollen nicht verbittert zum Ausdruck bringen, daß es damals galt, Millionen blühender Menschen in den Tod zu jagen, sondern im Jargon von 1914 daran erinnern, daß die „Ehre des Vaterlandes auf dem Spiel" stand.) 1926 in Hannover galt es, durch Energie und, Offenheit Hunderten von Menschen Leben und Gesundheit zu erhalten. Wie wird solches im Jahre der Gesolei gehandhabt? Sehr einfach! Zunächst muß doch auf die ohnedies überanstreng-' ten Nerven der „Stadt im Grünen" Rücksicht genommen werden. Also man „handhabt" überhaupt nicht. Der hannoverschen Presse muß man rühmend nachsagen, daß sie die Behörden „für den Fall interessiert" hat. Es kamen aus drei verschiedenen Straßen in verschiedenen Gegenden Mitte August Klagen, das Trinkwasser schmecke nach Karbol und faulen Eiern. Drei Tage später erschien eine kurze Meldung, die verantwortliche Stelle habe durch Chlorzusatz das Wasser einwandfrei desinfiziert, außerdem seien viele Wasserproben entnommen, deren bakteriologische Untersuchung abgewartet werden müsse. Das Resultat werde nach — fünf Tagen bekanntgegeben. Im Jahre 1926 braucht man einhundertundzwanzig Stunden, um — nichts zu finden. Die ganze Angelegenheit wurde nebensächlich und uninteressant. Man beschäftigte sich mit dem Eisenbahnunglück bei Leiferde. Aber nirgends eine behördliche Warnung in der Presse, kein Säulenplakat: „Trinkt kein ungekochtes Wasser; eßt kein Irisches Obst; desinfiziert die Toiletten!'' Nichts, nichts.) Ich weiß nicht, ob man eine Störung des Fremdenverkehrs befürchtete oder auf was man sonst Rücksicht nehmen mußte. Ich habe auch keine Lust, mich an der Seite des Herausgebers dieser Blätter vor Gericht herumzudrücken, sonst würde ich mancherlei behaupten, für das ich einstweilen den Beweis schuldig bleiben muß, da man ja kaum einen Blick hinter die Kulissen tun kann. Es hätte ja auch wenig Zweck, denn die 130 Toten kann ich nicht vom ewigen Schlaf erwecken, aber unsere jungen Freunde mußten gewarnt werden. Seid mißtrauisch gegen Be¬ Menschheit nur aus den innersten, glaubt, kann selbst ewig matten. Ein wunderbares Kraft der Religion. Der Glaube ändert nicht die Verhältnisse, len gleichsam Adlersschwingen, die und hinihn über diese Verhältnisse und ihre Meere hinaus wegheben. schwichtigungsveröffentlictiungen der amtlichen Stellen. Die erste Bürgerpflicht heißt Ruhe, aber nicht — Gleichgültigkeit. S. B. Und dazu eine „Geschichte ohne Politik". Ein Arbeiter, wohnhaft am Kölner Holzweg, bekommt Streit mit seiner Frau, besäuft sich, geht halbernüchtert zum zuständigen Polizeirevier und meldet: „Meine Frau ist typhuskrank, aber sie verheimlicht es, weil sie nicht ins Krankenhaus will." „Na, da wollen wir helfen!" Die Sanitätswache wird telephonisch benachrichtigt, der Krankenwagen, in dem schon drei Befallene liegen, fährt vor die Wohnung der Angezeigten. Die weigert sich; sie sei kerngesund. Man holt den Sipo. „Ich gehe nur bis zum nächsten Arzt mit." „Nein, wir haben Eile; Sie sind krank, Sie müssen fahren " Also der Sipo und die drei Sanitäter schauen zu, wie die Frau auf die Bahre krabbelt und schieben sie als vierte in den Krankenwagen zu den drei anderen. Der Sipo hält Wort — bis zum nächsten Arzt. Der untersucht und verkündet: „Die Frau ist ganz gesund. Hoffentlich ist sir nicht im Krankenwagen infiziert worden!" Die Frau soll ihren Mann bei der Heimkehr mit Blumen überschüttet haben, an denen zum Teil noch die Töpfe waren. S. B. Wir haben es stets trachtet, daß sich gewisie politische Parteien des nachrevolutionären Deutschlands haften Handlung schuldig Dingen aber zwischen als eine Selbstverständlichkeit beführender Persönlichkeiten entledigt haben, wenn sich diese einer finanziell oder moralisch Unehrengemacht haben. Man muß in solchen Taktlosigkeit und Charakterlosigkeit unterscheiden. Keinen besonders großen Ueberfluß an Takt zeigt z. B. der Redakteur jener jüdischen Zeitung, der kürzlich die Geburt eines „Sonnlsgsiungen" anzeigte. Doch sind derartige faux pas verzeihlich. Unverzeihlich aber sind Charakterlosigkeiten, wie die des bekannten Sir Alfred Mond, der (da es nicht dementiert wurde, muß es leider wahr sein) soeben erst seine eigene Tochter persönlich zur Tauie führte und wenige Tage später vor kanadischen Zionisten eine große Rede hielt und darin im Brustton der Ueberzeugung bedauerte, die Juden hätten eine erschreckende Fähigkeit, sich zu assimilieren. Man muß staunen: Warum schweigt dieser „Assimilant" nicht? Und warum feiert ihn eine große und einflußreiche jüdische Partei noch als Vorbild und Führer und himmelt ihn an und hört ihm zu? Ho. — 9 -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.