Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1926-10-07 · 18 (7.10.1926) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
18 (7.10.1926)
Date
1926-10-07
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492456-6352473-6352495--0228-4928426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

I 'Juden zu sein als die Alten. Wir wollen uns wiedet einer für den anderen verantwortlich - fühlen, wissend, daß wir noch eine Gemeinschaft sind, nicht nur eine geistige, von trockenen Philosophemen getragene, sondern eine .lebendige, die ihr Judentum zu erfüllen sucht in der Totalität ihres Lebens, und das religiöse Erlebnis abhängig macht von den Grundlagen alle« ehlischen Lebens: Wahrhaftigkeit und Begeisterung. Kurt VoB. Die Bibel im Heimabend Der zweite Jesaja Anleitung für eine Arbeitsgemeinschaft zum Bibellesen. Von Rabbiner Dr. Ernst Jacob, Saarbrücken. Herr Rabbiner Dr. Jacob, Saarbrücken, wird unter dieser Ueberschrift eine Reihe von Artikeln veröffentlichen, in denen er Bibelabschnitte heimabendmäßig bespricht. Des ferneren werden wir in einer der nächsten Nummern einen Vortrag unserer Verbandsfreundin Hauptlehrerin Sachs aus Bochum veröffentlichen, der Anlaß zu den Erörterungen über die Möglichkeiten des Bibellesens gegeben hat. welche wir in dieser Nummer unter der Rubrik „Die Arbeit des Verbandes" besprochen haben. Die Schriftleitung. Vorbemerkung. Es gibt kein Judentum ohne Bibel. So sollte es auch keine jüdische Jugend ohne Bibel geben. Und doch wird heute nirgends so wenig die Bibel gelesen und gekannt wie unter uns'Juden. Wir junge Juden fordern immer wieder einen positiven Inhalt unseres Judeseins; aber in der Praxis begnügen wir uns zumeist mit Surrogaten. Wir arbeiten im Abwehrkampf, wir treiben jüdische Politik, wir betätigen uns sozial, wir studieren jüdische Geschichte und Literatur und gehen immer sorgsam um das herum, was doch unbestritten Quell alles Judeseins ist und bleiben wird, um die Heilige Schrift. Gewiß, auch wir rühmen sie gern und rühmen uns mit ihr, aber sie lesen — dazu unsere Jugend zu bringen, scheint unmöglich. Weshalb? Wenn wir absehen von der allgemeinen Zeitströmung gegen alles Bücherlesen, so ist die Antwort trivial ausgedrückt einfach die: Die Bibel ist den meisten zu langweilig, sie können ihr keinen Reiz mehr abgewinnen. Die biblischen Geschichten sprechen noch zu ihnen. Aber haben wir uns nicht schon in unserer Kindheit genügend damit beschäftigt? Die Prophetenreden aber und die anderen Schriften scheinen den meisten nur Dinge zu enthalten, die doch ganz selbstverständlich geworden -sind und die dazu noch in ermüdender Wiederholung vorgetragen werden. Wir verstehen viele Wendungen nicht. Und was wir verstehen, erscheint oft längst überholt oder zeitbedingt und ohne Bedeutung für unsere Gegenwart. Es mag ja für einen historisch interessierten Kopf recht unterhaltend sein, sich in vergangene Situationen zu versetzen, sich vorzustellen, wie Israel vor zweitausend Jahren vor dem Untergang stand und wie seine Propheten versuchten, es zu bessern und zu retten, aber das ist doch unwiderrufliche Vergangenheit. Kann es uns helfen bei den sittlichen Problemen, vor die wir gestellt sind? Nun, dieser Gedankengang soll hier nicht in allgemeinen Ausführungen widerlegt werden. Diese haben, das ist oft genug erprobt, wenig Ucberzeugungskraft. Hier soll versucht werden,'an einem Beispiel zu zeigen, daß die Bibel nicht langweilig ist, daß sie ewige Wahrheiten enthält, daß es reizvoll und erquicklich genug ist, sie zu lesen, und daß deshalb ein jüdischer Jugendverein wohl jeden Winter einige Abende auf die Lektüre eines biblischen Buches verwenden sollte. Wir hoffen, daß sich in unserem Verbände einige Vereine finden, die diesen Versuch mitmachen und sich entschließen, an Hand der folgenden Ausführungen den zweiten Jesaja zu lesen. Jede Nummer des ..Jugendbundes'* im Winterhalbjahr wird die Erklärung einiger Kapitel bringen und damit Stoff für ein bis zwei monatliche Heimabende. Noch zwei Vorbemerkungen. Wir wollen die Bibel lesen, um die Wahrheit zu finden. Die Schönheit vieler Stellen und ihre Bedeutung für die geschichtliche Entwicklung Israels, also die ästhetische und historische Betrachtung, interessieren uns erst in zweiter Linie. Und dann. Die Bibel kann man nicht schnell durchlesen, wie ein anderes Euch. Dier Bibel, wie andere große Bücher, ist mit größter Konzentration geschrieben. Wenn so mancher moderne Vielschreiber einen einzigen Gedanken zu einem Buch auswalzt, so sammelt sich in der Bibel oft ein Vers zu einer Tiefe und "Kraft,' die nur bei längerem Verweilen und Nachdenken deutlich werden. Wir wollen niefcts in die Bibel hineinlegen, wenn wir sie auslegen. Aber wir versuchen zu zeigen, daß kein Wort überflüssig ist und daß die Reden der Propheten wie ja auch die biblischen Geschichten in klare» Gedankenfolge aufgebaut sind. Ueber das Wesen der Propheten wie über die Persönlichkeit des zweiten Jesaja sprechen wir erst am Ende unserer Aufsatzfolge. Diese Anleitungen sollen den Kursusleitern und de« Teilnehmern das Studium langwieriger Kommentare ersparen. Diese bringen unendlich vieles, was für den Nichtgelehrten wertlos ist. Was in ihnen dem Verfasser wertvoll schien, ist, meistens ohne besondere Quellenangabe, in diesen Aufsätzen verwandt worden. Dabei wurde besonders der Kommentar von Duhm zu Hilfe genommen, mit Nutzen, aber auch mit Vorsicht; denn er verleugnet nicht den Protestanten, der auf nachbiblisches Judentum mit Geringschätzung herabblickt und ihm allzu gerne eins auswischt. Die Kursusteilnehmer brauchen nur eine deutsche Bibelübersetzung. Ich empfehle die deutsche Schul- und Hausbibel von Auerbach. Ueber jedem Kapitel ist angegeben, wo es in einer vollständigen und wo es in der Auerbachbibel zu finden ist. Wer genug hebräisch kann, mag diese Ausführungen an Hand des Urtextes verfolgen; der Urgewalt der hebräischen Sprache vermag keine Uebersetzung ganz gerecht zu werden. Jesaja, Kapitel 4 0. (Auerbach Nr. 34.) Mit kraftvollem Einsatz spricht der Prophet das aus, was er als seine Aufgabe betrachtet: Israel zu trösten. Darin unterscheidet sich der zweite Jesaja von allen früheren Propheten. Diese waren Warner und verkündeten, daß die Sünden Israels — sein beständiger Abfall zum Götzendienst und das Unrecht, das die herrschenden Stände in ihrer Besitz- und Genußgier taten — den Untergang Judas nach sich ziehen würden. Sie sahen das Exil voraus. Jesaja lebt, wie gleich aus diesen ersten Versen hervorgeht, nach dem Exil unter gänzlich veränderten Verhältnissen. Er glaubt an die Wiederaufrichtung Judas und will den Verzweifelnden Rat und Hoffnung bringen. Deshalb verfällt er leicht in einen gewissen Ueberschwang und darf sagen, daß Israel „Das zwiefache empfangen aus der Hand des Herrn für alle seine Sünden". Ein Wort, das im Munde der alten Propheten unmöglich gewesen wäre. Sie hatten nur die Sünde, Jesaja hat nur die Strafe vor Augen. Diejenigen, die die Kapitel 40 ff. des Buches dem ersten Jesaja zuschreiben, übersetzen Vers 1 nicht „spricht euer Gott", sondern „wird euer Gott sprechen", nämlich einst nach der Zerstörung Jerusalems. Dieser Ausweg wird nur für den gangbar - sein, der Jesaja für einen „Propheten" im gewöhnlichen Sinne des Wortes, d. h. Wahrsager der Zukunft, hält. Das Bleibende und deshalb Wichtige an ihm sind in jedem Fall nicht seine Zukunftsahnungen, sondern die religiösen und sittlichen Wahrheiten, die er ausgesprochen hat. Jesaja weiß gleich im ersten Vers den Ton anzuschlagen, in dem er Jerusalem zu Herzen reden kann. „Gott tröstet Israel, weil er es liebt; sie sind „mein Volk", er ist „Euer Gott"." Begeistert schildert er die Rückkehr. Seine Sprache ist die des Dichters, darin zeigt sich, wie man wohl mit Recht betont hat (Duhm), daß er diese Reden nicht wirklich spricht, „er steht keinem Hörer Brust gegen Brust und Auge in Auge gegenüber"; „es ist Luft zwischen ihm und den Dingen". Er lebt in der Verbannung und kann nicht wie die früheren auf dem Marktplatz zu Jerusalem zu seinem Volke sprechen. Israel wird auf gebahnter Straße nach Kanaan zurückkehren. So schaut er dichterisch, wie sich die Tälter vor ihm senken und die Berge heben, so daß ein glatter, leicht zu beschreitender Weg entsteht. In Vers 3 wurde oft (Luther nach der Vulgata, der lateinischen Bibelübersetzung) in falscher Satzverbindung übersetzt: „Eine Stimme ruft in der Wüste." Hieraus ist das geflügelte Wort vom „Prediger in der Wüste" geworden, womit man jemand bezeichnen will, der predigt, ohne Gehör zu finden. Es liegt auf der Hand, daß hiervon in Vers 3 nicht gesprochen wird. Jesaja führt (Vers 11) in einem schönen Bilde 'aus, wie Gott selbst Israel auf dem Rückweg geleitet, wie ein guter Hirte. — 8 —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.