Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 18 (7.10.1926)
- Date
- 1926-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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liehe Lustigkeit weit von sich weisen. Heutige Jugend will mehr als harmlos plaudern! Sie will Tat, Erlebnis, Probleme, will Anteil haben an dem Kampf für alles Große und Er* habene. Das ist der Sinn der Jugendbewegung, das der Sinn auch einer Sabbatfeier im Jugendverein. Es gab eine Zeit, die uns noch sehr nahe liegt, da galt es für altmodisch und überholt, daß so ein moderner Mensch sich dem religiösen Denken und Wollen hingab. Es galt für modern, in bloßer Naturschwärmerei, im Kunstenthusiasmus seine Befriedigung zu suchen — der religiöse Mensch war der zurückgebliebene, unfortschrittliche. Hat die heutige Jugend es schon ganz begriffen, daß religiös sein zur Jugend gehört, wie Jugend zum religiösen Sein erforderlich?, daß „religiöse Jugend" eine untrennbare Einheit darstellt, einen aufs* engste verknüpften Begriff? Jungsein heißt in Opposition zu allem bloß Gegebenen stehen, heißt an allem Gegebenen rütteln und zweifeln, heißt Probleme haben. Wann beginnt Jugend und wann ist sie zu Ende? Es gibt junge Menschen mit altem Herzen und alte Menschen mit jungem Herzen. Jugend zählt nicht nach den Jahren. Jugend beginnt, wenn die märchengläubige Zeit des Kindes Platz macht der Zeit des Fragens. Jugend ist zu Ende, wenn der Mensch keine Frage mehr erhebt an sich, an das Schicksal, an den Sinn der Welt. — Ist das nicht Gegensatz zur Religion? Religion ist doch schon Antwort, Religion will doch schon Weltanschauung geben! Gewiß ist dem so. Aber die Antwort, die die Religion auf alles Fragen geben will, gibt sie nur dem, der fragt, der sucht. Religion ifr] Antwort. — Religiös sein heißt Sehnsucht haben, heißt die Frage des „Warum?1' an das teihen stellen. Religiosität ist das Suchen des endlichen Manschen nach Unendlichkeit, das Streben des vergänglichen Wesens nach Unvergänglichkeit. Die zweifelnde Jugend sucht nach der unzweifelhaften Wahrheit, und der echt religiöse Mensch sucht die Wahrheit, nur daß ihm die Religion bereits ein unendliches Ziel setzte, das ihn aus „Irrtum immer wieder zur Wahrheit reifen läßt". Dieses Ziel ist Gott — Adannoj elanhejchem emeth. ' „Der Ewige, euer Gott, ist Wahrheit!" Religion sucht, indem sie Gott sucht, mehr als die Wahrheit, sie sucht zugleich Reinheit und Sittlichkeit. „Wenn du aber daselbst den Herrn, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du ihn finden, so du ihn suchst von ganzem Herzen und mit ganzer Seele." (5. B. M., K. 4, V. 20.) Mit ungeteiltem Empfinden, mit voller Kraft des Geistes und Gemütes „Gott suchen heißt nach Gutem streben". '(Baek, Wesen der Juden. 1905. Seite 21/22.) „Denn die Erkenntnis Gottes ist die Erkenntnis von dem sittlichen Endzweck des menschlichen Geschlechts" (Herrn. Cohen: Innere Bez. d. Kant-Philos. z. Judent. 1910. Seite 59 60), oder wie Herrn. Cohen anderwärts (nachg. Sehr., B. I, S. 2 ff.) sagt: Gott ist dem Judentum Urheber und Bürge der sittlichen Welt. Die Reinheit, die Gott uns darstellt, erstrebt der religiöse Menschl Welcher junge Mensch aber sucht nicht die Reinheit? Ist doch fast alles verzehrende jugendliche Kämpfen dieses Ringen des eigenen Ichs — dieses Herauswollen aus Begierden, Leidenschaften, Irrungen zum Erhabenen, Ruhevollen, Keuschen! Vergeblich suchst du die Reinheit in der Welt des Scheins und der Lüge, wenn du nicht aufblickst zu Gott und seine Reinheit ins Leben hineinträgst. Darum fordert die Religion: „Wandle mit Gott — es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist: Nichts weiter als Recht tun, Liebe üben und in Demut zu wandeln mit deinem Gotle!" (Micha.) Dieses Wandeln mit Gott fordert Eigenschaften vom Menschen, die nur der wahrhaft junge Mensch bat. Einmal Begeisterungsfähigkeitl Fähig sein, über den Alltag zu schauen, mitzubauen an einem idealen Zukunftsbild, dessen Früchte man selbst nicht genießen wird. Der junge Mensch liebt das ideale Ziel. Wieviele Illusionen, wertlose Scheinziele aber zerstören mit ihrem Trugbild oft seine echten Idealel Die Religion des Judentums kennt das eine unendliche Ziel — Gott. Gott erstreben heißt Menschheit aufbauen, die Gott erlebt, heißt das Unendliche, Ewige wollen. Der religiöse, junge Mensch ist der gotteszielbegeisterte Mensch der unzerstörbaren Ideale. Hier findet der Betätigungsdrang der Jugend seinen stets sich erneuernden Anreiz. Religion verlangt Opfer, verlangt höchstes, dauerndes Tun. Und ein. Mensch, der nicht opfern will, der nicht mit «einem Tun die Welt umstürzen will, um sie aufzubauen, ist nicht -jung. Kein« Tat ist recht, welche nicht begeistert geschieht; kein Tun ist heilvoll, das nicht die Freude zur Mutter hat. Jugend will fröhlich sein und sich freuen! "Es gibt keine Freude, welche nicht schal ist, außer der Freude des Geistes am Unvergänglichen, außer der Tat des Sittlichen und außer dem Genießen ewiger Werte. Religiös sein heißt sich am Ewigen, Unvergänglichen freuen! Darum kennt das Judentum so oft das Gebot der Freude: „Weßomachto", du sollst dich freuen, kennt Auneg Schabbos, die heitere Fröhlichkeit des Sabbats. Sabbatfreude vereinigt echte Religiosität mit echter Jugend, weil sie fragt und strebt, kämpft und antwortet, weil sie das Leben mit seiner Arbeit und seinen begeisternden Idealen erfassen will. Sabbatfreude ruft jedem zu: Sei j u n g I Sei jung! das heißt: Erhebe deine Fragen mit Kraft, mit Kühnheit, alles d'ran zu wagen und gälte es des Herzens ganze Ruhe! Sei jung! das heißt: Verströme all dein Sehnen und strecke nach der Weide deine Hände! Nicht bangen nur, nicht klagen nur und Tränen —< nein, froh gestalte, bis das AH' sich Wendel Sei jung! das heißt: , Sei keusch und suche Reinheit des eignen Ichs aus allem Schein zu retten. Such in dem Vielen immer nur die Einheit, zerbrich des Zweifels und der Lüge Ketten! Sei jung! das heißt: Begeistert hingegeben dem eignen Ich, dem Bruder und der Welt; sich stets verschenken und sich stets doch finden! Heißt Gottes Leben leben, ihn, der Freude voll, erstreben und verkünden. Unsere Sukkoh Gemeinschaftsgeist im Jülicher Jugendband. Geheimnisvoller Lichtschein einer Schabboslampe liegt über den Gesichtern der Jungen und Alten, die sich zum Kidduschgebet in der Sukkoh versammelten. Alle stehen dichtgedrängt beieinander. Es ist, als ob der Geist des alten Priestervolkes über den Betenden schwebte. Wie anders klingt jetzt die Stimme des Chasen, als ob die Freude der ganzen Judenheit mitschwinge bei der Weihe des Sukkohfestes. Das Gebet wird inniger, wahrhaftiger, jeder erlebt Gott unmittelbar. Ein Gefühl beherrscht die ganze Gemeinde: Wie mußten doch die Juden, als sie noch als das Gottesvolk durch die Wüste zogen und in Hütten wohnten, eine Gemeinschaft gewesen sein; wie fühlte sich jeder Jude verantwortlich für das Tun und Lassen des anderen. Jeder erlebt in dieser Stunde dieses Gefühl des Verbundenseins, der Zusammengehörigkeit beim Verzehren der gemeinsamen Moze für Augenblicke nach, ach nur für Augenblicke! Es war ein seltener Feierabend. Wie war das möglich? Kurz vor Jom-hakippur besprach der Vorstand den Plan. Ja, wird gemacht. Wir bauen eine Sukkoh! Du entwirfst den. Bauplan (warum haben wir einen Techniker im Verein?), du beschaffst die Tannen- und Spargelzweige und ihr windet mit euren geschickten Mädchenhänden die Kränze. Die Schuljugend besorgt die Hagebutten. Getreu der Tradition begann man nach Jom-kippur-Endc sofort mit den Vorarbeiten. Anderntags war ein emsiges Leben und Treiben. Wie schnell waren die Löcher für die Stützbalken gegraben, wie schnell die Seitenwände gezimmert! Der eine schleppte Bretter hinzu, der andere half seinem Kameraden, sich vorsichtig in acht nehmend, daß sein guter Anzug nicht zu Sehaden kam. Es kamen aber auch ab und zu einige Zuschauer, die das „werktätige Volk" ehrbar grüßten und sich dann mit einem eiligen Geschäft schnellsten« entschuldigten und verschwanden. Allmählich stand die Sukkoh da, schön begrünt und mit allerhand guten Früchtein behangen, an der Hinterwand ein prächtiger Mogen-David. Wie staunten da die alten Leutchen aus der Kille! „Die Jungen sind doch besser als wir. Wir brauchen keine Angst ums Judentum zu haben." So klang es von den Lippen der fast aus dem wahren Judentum Ausgeschiedenen, derer, die noch gerade an den Feiertagen sich an ihr sogenanntes „religiöses Gefühl" erinnerten. Wir, die junge Generation, glauben mit Recht, besser«