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Der Jugendbund · 1926-09-09 · 16 (9.9.1926) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
2 (1926)
Issue
16 (9.9.1926)
Date
1926-09-09
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Jusofei! Weit und still dehnt sich die blühende Heide bei Friedrichsfeld im Rheinland aus. Dorthin zog am Sonntagmorgen eine grüße Schar junger Menschen. Was war ihr Ziel? Siedler, die fern vom Getriebe der Welt leben, sich Dur durch eigene Kraft und Arbeit ernähren, riefen die deutschen Jugendbünde zu einer „Jusolei" (Jugendsommerfeier) zusammen, um in achttägiger ernster Arbeit die Grundlagen festzustellen, auf denen ein gemeinsames Zusammengehen aller Bünde möglich ist. Nicht das Trennende sollte zum Ausdruck gebracht werden, sondern bei aller Berücksichtigung des Einzclstandpunktcs sollte versucht werden, das für die gesamte Jugend Verpflichtende herauszustellen. Wp in unserer Zeit zeigt man den Willen zum Verstehen des anderen? Das Programm war folgendermaßen eingeteilt: Religion, Staat. Leib. Der erste Tag war der Religion gewidmet. Alle Religionsgemeinschaften von den ältesten bis zu den modernsten sollten zu Worte kommen. Ohne polemisch zu werden, sollte jeder das Posith e seiner Glaubensüberzeugung vortragen. Die Tagung sollte mit einer allgemein-religiösen Morgenfeier eingeleitet werden. Nachdem man in der Siedlung selbst eine Menge interessanter, auch zum Teil sich interessant machen wollender Leute gesprochen hatte, begab sich alles zur Festwiese, auf der ein' herrliches Postament aus Heide errich et war. das mit jeder noch so künstlich hergestellten Kanzel konkurrieren konnte. Aus etwa 400 frischen Stimmen erklang als Einleitung das Lied: „Großer Gott, wir loben dich." Dann begann Rabbiner Dr. Hahn, Essen, die Feier mit einem herrlichen hebräischen Gebet, an dessen Verdeutschung er die Eriühlung einer altjüdischeD Legende von der Mcnschheitsvereini;ung anschloß. Gerade die hebrä'schcn Worte wirkten tief auf die Versammelten und riefen eine wirklich andächtige Stimmung hervor. Da der katholische Geistliche in letzter Minute am Erscheinen verhindert war, las sodann'der evangelische Pfarrer Laugermann einen wunderbaren Prophetenabschnitt vor. Gertrud Prellwitz faßte in einer ergreifenden Ansprache die Grundgedanken der Gebete zusammen und sprach von der Verbundenheit aller Menschen aus dem Urquell. Sie wußte das Gemeinsame und Verbindende unter den Hörern zu erwecken. Das Wanderlied „Wenn wir schreiten Seit' an Seite — — —" beendete die weihevolle Stunde. Die Mittagspause benutzte man, um tLand und Leute, d. h. die Heide und' ihre neuen Bewohner, die Siedler, kennen zu lernen. Immer wieder mußte man die Ruhe und Sicherheit der „modernen" Bauern bewundern,, die Ernst zu machen schienen mit dem Programm der vorletzten Meißner Tagung, die versuchen, „ihr Leben nach Innerer Wahrhaftigkeit selbst zu gestalten". Am frühen Nachmittag begann die Arbeit. Nachdem ein Einberufer der Tagung einleitende Worte sprach, in denen noch» mals der Wille zur Gemeinsamkeit durchbrach, hielt Rabbiner Dr. Hahn das erste Referat: Judentum und IMenschheit. Der Redner zeigte den religiösen und ethischen Wert, den die Vorschriften der Bibel und des Talmuds nicht nur für das Judentum, sondern auch für die zu erstrebende Einheit des Menschengeschlechts haben.- Durch ansehnliche Gleichnisse wußte er den Ideengehalt d;s Judentums idlen verständlich zu machen. Eine kurze Pause erlaubte den Zuhörern schriftlich über unklare Punkte anzufragen. Neben sei r sachlichen Bemerkungen konnten natürlich einige der Tei nehmer ihre einseitige, völkische Einstellung nicht verbergen. Ehrliche Freunde, unter ihnen vor allen Gertrud Prellwitz und Pfarrer Laugermann, standen dann auf, um auf das Ziel der Tagung hinzuweisen, sich einander zu nähern und zu verstehen, nicht in voreingenommener Rede den Verlauf zu stören In seiner Entgegnung, sowie in den: nachfolgenden undl persönlichen Gesprächen, gelang es Dr. Hahn, die geäußerten, falschen Anschauungen über das Judentum richtig zu stellc:v lind den Gedanken des Friedens unter den Konfessionen den Teilnehmern sehr nahezubringen. Pfarrer Laugcrmnnn, ein wirklich aufric ltiger und echter über das evangciUche Leben, immer wieder Menschen Gott folgen müssen, sich nicht in kleinen Stimmungen verlieren dürfen, sondern unbedingt und uneingeschränkt seine Forderungen zu erf illen haben. Der tiefe Ernst, mit dem der Redner sprach, h nterließ bei allen einen starken Eindruck. Im Einzelgespriich, in enger Fühlungnahne mit Menschen jeglicher Richtung, lernte man andere Ans :hainingen achten, erweckte man 'Verständnis für die eigne Einstellung, so daß wir, als der Rückweg uns abends durch die in Dämmerung versinkende Heide führte, das Gefühl der Gemeinsamkeit mit vielen jungen, jugendbewegten 1 Menschen haltten. Nicht umsonst schien das Lied erklungen zu sein: Wenn wir schreiten Seif an Seite Und die alten Lieder singen. Und die Wälder wiederklingen, Fühlen wir, es muß gelingen, Mit uns zieht die neue Zeit, Mi(t uns zieht die neue Zeit." Protestant, sprach betonend, daß die Randbemerkungen Während sich unsere Geistigen mit dem „neuen Typus", der „Romantik des Judentums" usw. beschäftigen, wnrde in München die so hoffnungsvoll begonnene Arbeit zur Einigung der deutschen Judenheit durch das Ueberwiegen partikularistischer Interessen mit einem Kompromiß beendet. Der Entwurf zur Schaffung eines „Jüdischen Reich «Verbandes" sieht keine demokratische Vertretung der deutschen Juden vor, nein, die Reichsorganisation soll sich lediglich ans den Vertretern der schon bestehenden jüdischen Landesverbände zusammensetzen. Einzig bei lebenswichtigen Fragen der deutschen Judenheit treten die Abgeordneten der Landesverbände zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen, die aber nur demönstrativen Charakter trägt. Es ist klar, daß eine solche Organisation nur ein Zerrbild der wirklichen Parfriurtg des deutschen Judentums gibt. Wieder einmal hat es sich gezeigt, daß die führenden deutschen Juden — in ihrem deutschpolitischen Leben überzeugte Demokraten — auf dem Gebiete jüdischer Gemeinde- und Reichspolitik einen unverhohlenen autokratischen Standpunkt vertreten. Aber warum werden diese Dinge erst heute gebracht, die schon am 18. Juli 1926 beschlossen wurden) Weil ich .auf ein Wort von unseren Führern in dieser so brennend wichtigen Angelegenheit gewartet habe. In dem Augenblick, wo die gesamte Ideologie unseres Verbandes Aussicht hatte, Gemeingut der deutschen Juden zu werden, hat der Verband versagt. Wo ist der Protest gegen eine solche Mißdeutung unseres Einheitsgedankens geblieben? Eine immer .größer - werdende Gruppe von Menschen im Verband fordert zu jeder Zeit Beschäftigung mit Tagesfragen. Auf jeder Tagung muß sie einen Kampf gegen jene Ideologen führen, die Judentum als historisch abgeschlossene Erscheinung auffassen und sich dagegen wehren, es in den Alltag zu tragen, weil sie seine Banalisierung fürchten. Aber gerade junge Menschen sind es, die wissen, daß Judesein nur dann Sinn gewinnt, wenn es sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt und ihr seinen Stempel aufzudrücken' vermag. Dort, wo Ideen sich in Leben umsetzen, ist die Jugend, aber nicht dort, wo man das Leben in Ideologien zu pressen versucht Es ist hoffentlich nicht symptomatisch, daß der Ruf zur aktiven Beteiligung an der Gemeindepolitik unbeachtet verhallt ist. Noch ist es nicht zu spät. Wehrt euch dagegen, daß die Einheit des deutschen Judentum» zum Spielball parlikularistischer Interessen gemacht wird! Bekennen wir uns nicht nur zur Einheit, sondern organisieren wir uns, um sie zu verwirklichen, auch gegen die Machthaber der) Gemeinden! Dafür sind v/ir jung! H. Die Erfurter Delcgiertentagung der zionistischen Organs» sation beschäftigte sich eingehend mit der zionistischen Jugendbewegung in Deutschland. Der Hauptreferent stellte fest, daS der Blau-Weiß als organisierter Bund nicht mehr existiere. Ata Grund des Niederganges gab er an das mangelnde Verständnis für den Entwicklungsgang jugendlicher 'Menschen. Vorher hatte er als klassische Jugendbewegung eine „dem Zweckgetriebe nicht unterworfene Jugend" hingestellt und dann über — 10 —

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