Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 16 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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weil man sich ihr durch den Austritt entziehen kann. Und gerade dieser Umstand maß jeden, der nicht jegliches Feingefühl eingebüßt hat, hindern, von dieser Ultima ratio Gebrauch zu machen. Der Staat verwendet den weitaus größten Teil der Steuern auf den Unterhalt von Kicsenheeren zu Land und zu Wasser, die den Pazifisten überflüssig dünkten, und auf die Zivillisten der regierenden Staatsoberhäupter, die der prinzipielle Republikaner gern entbehrt. (Diese Vorwände fallen jetzt in Deutschland und in Oesterreich weg.) Das Judentum ist keine Ecclesia militans, unterhält keine Armee und keine Flotte, die Besoldung der Rabbiner, d.er einzigen Funktionäre, zu deren Unterhalt der „Freigeist" nichts beitragen möchte, nimmt im jüdischen Gemeindebudget den allergeringsten Raum ein. Der ganze Rest wird zum Unterhalt von humanitären und kulturellen Institutionen verwendet: Krankenhäuser, Asyle, Waisenhäuser, Erziehungsanstalten, Schulen, Museen, Bibliotheken, Einrichtungen sozialer Fürsorge u. dcrgl. Wer sich der jüdischen Gemeindesteuer entzieht, beraubt also die Oeffentlichkeit um. einen Betrag zur Förderung der wichtigsten Zweige des geistigen und materiellen Gemeinschaftslebens. Er wäktt in der unehrenhaftesten Weise seinen Teil der Last auf andere ab. Ueberdies möchte doch jeder der Austretenden überlegen, ob nicht er selbst oder einer seiner nächsten Angehörigen einmal Beistand und Nutzen aus einer der gena'nnlen jüdischen Institutionen, gezogen hat! Begründet das nicht eine soziale Verpflichtung, zum Unterhalt dieser Institutionen nach Krallen beizutragen? Wenigstens sie in den Tagen der Not nicht ihrem Schicksal zu überlassen? Und daß Zeiten schwerer Not über alle jüdischen Institutionen hereingebrochen sind, unterliegt gar keinem Zweifel. Alle, in denen sich ein 1 unkchen sozialen Gewissens regt, müssen sich jetzt immer enger zusammenschließen und alle Mittel aufbieten, um die jüdischen Gemeindeinstitutionen zu erhalten, von denen eine solche Fülle des Segens über Generationen ausgeströmt ist, und bei denen vielleicht schon nächstens wir selber oder unsere unmittelbaren Angehörigen Zuflucht, Schutz und- Hilfe zu suchen genötigt sein werden! Wie muß es nun in der Gesinnung von Leuten aussehen, die gerade jetzt das Hasenpanier ergreifen und sich aus dem Staube machen, um sich eine Mark jährlich zu ersparen? Stellt 'sich nicht jeder, der in dieser Zeit seinen Austritt aus dem Judentum anmeldet, selber das Zeugnis aus, daß er jeden sozialen Pflichtgefühls, jeder Verantwortlichkeit bar ist? Wer aber der engen Gemeinschaft in der Stunde der Gefahr so schnöde den Rücken kehrt, wird er der weiteren Gemeinschaft, dem Staat, die Treue bewahren? Wird er ein zuverlässiger Bürger, ein treuer Soldat, ein ehrlicher Beamter sein? Um sich einige Mark jährlich zu retten, hat er uralte, geweihte Bande zerrissen, die ihn' mit einer ewigen, geistigen und nur moralischen Zwecken dienenden Gemeinschaft verknüpften. Wie sollen ihm die Bande heilig sein, die ihn an eine Gemeinschaft wie den Staat fesseln?, der vor unseren Augen entsteht und vergeht, der von -sterblichen Menschen geschaffen und zerstört wird, der in erster Reihe den realen, materiellen, sehr irdischen, allzu menschlichen Zwecken dient und bei dem das Geistige und Moralische nnr im Hintergrunde steht? ... #. Haben wir den Ausgangspunkt der Austrittsbewegung betrachtet, so müssen wir uns das Ziel, zu dem sie hinführt, ins das .ehr alle Auge fassen. Sie mündet jetzt nicht wie ihre Vorgängerin im Schöße der herrschenden Religion, denn dem Scheine nach gibt es jetzt keine herrschende Religion. Die Flut der Aus tretenden staut sich im Zwischenraum der Konfessionslosig keit. Das erleichtert den Austretenden auch ein bißchen Gewissen. Es ist immerhin eine äußerst fragwürdige, eine heikle Sache, ein positives Bekenntnis abzulegen, wenn Welt weiß, daß es die reinsTe Heuchelei ist. Um aus der alten Religion zu scheiden, braucht man ja nur einen Zettel Papier, auf den man ein paar Zeilen hinkritzelt. Unter den früheren Zuständen, ging man aller durch den Austritt aus dem Judentum erworbenen positiven Vorteile verlustig, wenn man auf halbem Wege stehenblieb und nicht schleunigst ins Christen» Ulm eintrat. Dem Staate gegenüber, von dem man Aemter und Würden und Gehälter erwartet, der „höheren Gesellschaft" gegenüber, z\i deren erlesenen Zirkeln man Zutritt wünschte, befand sich dazumal ein „konfessionsloser Jude" in einer poch ungünstigeren Lage als ein Jude. Heutzutage, glaubt man, hätten sich die Dinge geändert. Republik und Revolution, 'Trennung von Staat und Kirche und alles andere hätten der herrschenden Religion (und damit dem religiösen Prinzip überhaupt) die überwiegende Bedeutung im öffentlichen Leben genommen und damit sei der der Konfessicnslosigkeit anhaftende Makel l verschwunden. Das ist eine schwere Täuschung, entsprungen aus einer mangelhaften, oberflächlichen Kenntnis der Geschichte. In keinem Staat mit christlicher Tradition ist durch politische Umwälzungen oder Umgestaltungen der [Einfluß der Kirche, oder gar der Religion in der Oeffentlichkeit auf die Dauer verdrängt, höchstens sind die Uebergriffe politischer Parteien, die die Religion für ihre Zwecke mißbrauchten, eingedämmt worden. Weder in den Vereinigten Staaten, die 1787 die Trennung von Staat und Kirche vornahmen,(aber den Kongreß noch heutzutage mit dem Gebet eines Priesters eröffnen; noch in England, wo Lloyd George, der radikale Sozialreformer, der Feind der Landlords und des Oberhauses, nach der Verkündung des Sieges 'das gesamte Unterhaus mit den Worten: „Jetzt gehen wir beten!" zum Gottesdienst in die Weslminsterabtei einlud, und wo Macdonald in den Tagen, als er das sozialistische Kabinett bildete, auf einer religiösen Tagung ein Referat über eine kirchliche Frage übernahm; noch in Frankreich, wo nach der Revolution die katholische Restauration einsetzte, und - nach der Durchführung des. unsinnigen Trennungsgesetzes die katholische „Erstarrungsbewegung auflebte und sich sogar -bei der Philosophie des genialen Juden Bergson die Waffen für den Kampf borg.e; noch in Italien, wo nach vierzigjährigem Hadern mit dem Heiligen Stuhljetzt eine mächtige katholische Partei in der Kammer sitzt Die Kirche war die Erzieherin der Völker des europäisch-amerikanischen Kulturkreises; mit katholischen, überhaupt mit christlichen, mit religiösen Vorstellungen sind alle Ausgestaltungen ihres Volkslebens aufs engste verknüpft, ihre Kunst, ihre Poesie, ihre Philosophie, ihre Staatseinrichtungen, ihr« sozialen und bürgerlichen Institutionen. Nur bornierter Doktrinarismus kann wähnen, daß ein revolutionärer Sturm, der über die Erdoberfläche hinweht, diese tausendjährigen Wurzeln aus dem tiefen Erdreich ziehen kann. Und nur vollkommene Verkennung der innersten Menschennatur und der Gesetze der geschichtlichen Entwicklung kann solches, wenn es möglich wäre, für einen Segen halten. (Fortsetzung folgt.) Gott, der Unser Judentum Von Bcz.-Rabbiner Dr. Beermann, Heilbronn. Vater . der Waisen und Richter der Witwen (Psalm 68, 6), ist auch der „Freund der Fremdlinge" und verlangt, daß der Heimische sich in die Scelcnstimmung des Fremden versetzt: „Einen Fremdling sollt ihr nicht hart behandeln, ihr wißt ja, wie es dem Fremden zumute ist, ihr seid ja selbst Fremdlinge gewesen im Lande Aegyptens." (Ex. 23, 9.) In dem Dienenden hat der Israelit seinen vollberechtigten Nebenmenschen zu sehen und ihm ungeschmälerte Sabbatruhe zu gönnen. „Knecht und Magd sollen ruhen wie du." (Dt 15, 14.) Auch an der Festfreude ist ihnen wie den Hauskindern ungekürzter Anteil zu gewähren, „Du sollst vor dem Ewigen, deinem Gotte, fröhlich sein, du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht und deine Magd" (Dt. 16, 11.) Lohn muß pünktlich ausgezahlt werden: „Der Lohn des Tagelöhners soll von dir nicht zurückgehalten werden bis zum andern Morgen.' (Lev. 19.) [Die Behandlung des Dienenden sei.gütig und freundlich: „Einen armen und bedürftigen, Tagelöhner sollst du nicht bedrücken, noch Volksgenossen oder Fremden." (Dt. 24, 17.) „Hab' ich verachtet", fragt Hiob inseiner strengen Selbstprüfung (Cap. 31, 7) „das Recht meines Knechtes oder meiner Magd, wenn sie einen Streit mit mir hatten?" Zu den Liebespflichten, die mit grenzenloser Hingabe zu üben sind, gehört nach einer alten Bestimmung die Pflcgje und der Besuch des Kranken: „Heil dem, der auf den—Kranken achtet, am Tage des Unglücks rettet ihn Gott (Ps. 41, 2); die pietätvolle Bestattung der Toten und die mitfühlende Tröstung der Trauernden. Gehört zum Mitleide ein Mensch, so gehört nach einem klugen Worte zur Mitfreude ein Engel. Doch