Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 16 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Jüd. Jugend am Versöhnungstag z. Z. des 2. Tempels Von Rabbiner Dr. F e 1 i Unser Machsaur berichtet uns im Mussafgoltesdienst des Versöhnungstages ausführlich davon, in welcher Weise der Hohepriester am Versöhnungstag den Dienst im Heiligtum verrichtete. In längst entschwundene Zeiten werden wir zurückversetzt, werden Zeugen der heiligen Zeremonien, die nach der Vorschrift der Thora der Hohepriester an diesem Tage zu verrichten hatte, vernehmen das dreimalige Sündenbekenntnis, das der Abgesandte des Volkes für sich und sein Haus, für den Priesterstamm Arons und schließlich für das Volk ablegte und sehen ihn erhobenen Hauptes und leuchtenden Auges in den Vorhof des Tempels zum Volke zurückkehren. „Wie die Sonne über die Erde aufstrahlt, so war das Angesicht des Priesters", singt der Piutdichter. Wie ein großes Aufatmen ging es durch das Volk, Freude und Jubel herrschte in seinen Reihen. Denn die Gewißheit erfüllte es: Gott hat verziehen! Das auf die ehrfurcht'gebietenden Tage (olgende Fest der Freude begann zur Zeit des .Tempels gewissermaßen bereits mit dem Ausgang des Versöhnungstages, mit jener Stunde, in der der "Hohepriester wohlbehalten aus dem AÜCrheiligsten zurückkehrte. Dieser Freude gab die Jugend in eigenartiger Weise Ausdruck. Auf die von Reben bewachsenen Hügel der Umgebung von Jerusalem zogen die Jungfrauen Judas hinaus, ob arm, ob reich, in gleicher Weise in schlichte linnene Gewänder gekleidet. Um—die Unbemittelten nicht zu beschämen, durfte keine Jungfrau dieses Gewand zu eigen besitzen. Das war nur die Beherzigung der Lehre, die der Hohepriester am Morgen dem Volke gegeben hatte, indem er seinen Dienst im Alleri heiligsten nicht im prunkvollen Ornat, sondern im schlichten Linnenkleide des einfachen Priesters verrichtet hatte. Draußen in den Weinbergen sangen sie unter Reigentänzen: „Jüngling, erhebe doch deine Augen und sieh, wen du dir etwählst. Richte deine Augen nicht auf Schönheit, richte dein Auge auf gute Herkunft! Trügerisch ist die Anmut und vergänglich die Schönheit, aber eine gottesfürchtige Frau ist rühmenswert!" Diese Nachricht, die wir in der letzten Mischna des Abschnittes Taanis — von den Fasttagen — findo, erscheint uns im höchsten Grade seltsam. Wie, so fragen wir, das sollte ein würdiger Abschluß des ernstesten aller Tage im Jahre des Juden, des Versöhnungstages, sein, daß die Jungfrauen hinaus in die Weinberge der Nachbarschaft zogen, um zu tanzen! Es kommt hinzu, daß die Deutlichkeit, mit der hier die Jungfrauen ihre Heirateabsichten kundtun, den einen oder anderen merkwürdig berühren mag. Aber damit sind die Schwierigkeiten dieser Nachricht noch nicht erschöpft. Sie werden erhöht durch die Art und Weise der Einleitung: „Es gab in Israel keine solchen Festtage als der 15. Ab und der Versöhnungstag. Denn an ihnen zogen die Jungfrauen Jerusalems, mit weißen geliehenen Gewändern bekleidet, in die Weinberge hinaus, um dort iu tanzen. Schon der Talmud äußert sein Erstaunen darüber, daß es eine Zeit gab, in der man einem Tage vom Range des Versöhnungstages, einen Tag wie den 15. Ab zur Seite stellte. Heutzutage nehmen wir von diesem Tage nur insoweit Kenntnis, als wir an ihm die täglichen Bußgebete unterlassen. Aber in der Zeit des Tempels beging man unter freudiger Anteilnahme des ganzen Volkes das Holzfest. Der Opferdienst im Heiligtum und die Unterhaltung des ständigen Feuers, das auf dem Altare brannte, erforderten große Mengen von Holz. Das ganze Volk betrachtete es als seine Ehrenpflicht, dem Heiligtum, das Holz zu spenden und beging den letzten Tag der Ablieferung des sogenannten Korban Ezim, der Holzspende, als Festtag. Niemand wollte zurückstehen, wenn es sich um die Pflicht,der Gemeinschaft handelte, das Gebot der Thora zu er- ■ füllen: „Ein ständiges Feuer lodere auf dem Altare, es verlösche nicht!" Wenn wir uni den Charakter des 15. Abs klarmachen, hat auch seine Zusammenstellung mit dem Versöhnungstag seine innere Berechtigung. Unter dem Eindruck des hohen Tages stehend, fühlte jüdische Jugend die Verpflichtung, der Gemeinschaft zu leben, dafür zu sorgen, daß die ständige Flamme der Liebe zum Judentum nie verflackere und verlösche. Nur Opfersinn vermachte die erlangte Reinheit dei Volkes zu -erhalten. Gleichgültigkeit und Selbstsucht mußten wieder zur Sünde führen. Und die Erkenntnis der Aulgabe, Hüter des - 4 Aber, Bremen. heiligen Feuers zu sein, stimmte die Jugend froh und gestaltete den Ausgang des Versöhnungstages zum freudigen Festtag. Die Zusammenstellung mit dem 15. Ab hätte also ihre Berechtigung. Was hat es aber mit dem eigenartigen Texte auf sich, mit dem die Jungfrauen ihren Tanz begleiteten? Unmittelbar an die Gemeinschaft schließt sich der einzelne nur stimmungsmäßig an. Tätig an ihrem' soziologischen Aufbau arbeitet er erst dann, wenn er selber eine Familie sich gründet. „Bauende" nennt unter Berücksichtigung eines Wortspiels ein Ausspruch unserer Alten die Kinder. Es gibt einen Zeitpunkt, da ruht in der Hand des jungen Menschen das Schicksal der Gemeinschaft. Es ist jene Stunde, in der er seine Lebensgefährtin sich wählt, eine Familie gründet. Denn nicht aus den Individuen, sondern aus den Familien baut sich eine Gemeinschaft auf. Deshalb hatte auch der Hohepriester zuerst für sich und sein Haus das Sündenbekenntnis abgelegt. Der Entschluß zur Gründung einer eigenen Familie und die Wertmaßstäbe, die bei der Auswahl des Lebensgefährten angewandt werden, sind bezeichnend für das Ethos einer Gemeinschaft, Zögert man aus äußeren Gründen, etwa aus bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit der Gründung des eigenen Hauses, dann entstehen seelische Spannungen, die nicht selten den Keim zu sittlicher Entartung in sich tragen. Wählt man andrerseits unter äußeren Gesichtspunkten sich den Lebensgefährten, dann fehlt der Ehe das starke Fundament, das sie in guten und bösen Tagen trägt. Das Sündenbekenntnis am Jaura Kippur enthält auch das traurige Kapitel der sexuellen Verfehlungen, und die Thoravorlcsung des Minchagottesdienstes, deren Bedeutung unsere Reformer so gründlich verkannt haben, sonst hätten sie diesen Abschnitt nicht beseitigt, spricht von den schlimijisten sittlichen Verirrungen, — Aber das Judentum begnügt sich nicht damit, uns diese Vergehen bedauern zu lassen. Es weiß, daß auf keinem Gebiete das Bedauern so wenig lilft, wie auf sexuellem. Es fordert durch den Teschubagcd mken nicht nur Wandlung und Umkehr, es zeigt auch — und das ist der innere Sinn dieser Mischna — den Weg zu ihr. Denn sexuelle Verfehlungen wollen nicht allein bereut sein sondern müssen abgestellt werden. Und der einzige Weg hierzu ist eine gesunde in reiner Umwelt geschlossene Ehe. Und haben wir wirklich Grund, uns irgendwie über die Töchter Jerusalems aufzuhalten, die am Nachmittag des Versöhnungstages ihr Glück zu finden hofften, wir, die wir ansehen und zugeben, in welch bedenklicher Weise die sogenannte gute Gesellschaft Menschen verschiedener Artung bei Tänzen höcfist zweifelhafter Art im Dunst von Weingelagen und pikanten Vergnügungen zusammenbringt. Da war wirklich die Athjmosphäre in den Weinbergen Jerusalems gesünder und reiner. Und gibt es einen Augenblick, in dem junge Menschen mehr vorbereitet - sind, den entscheidenden Schritt ihres Lebens zu wagen, als der Tag, an dem sie um die Reinheit ihrer Seele, um die Lauterkeit ihres Empfindens vor Gott gekämpft haben, und kann unter größerer Weihe ein Lebensbund angebahnt werden als an dem Tage, von dem es heißt: „Denn pn diesem Tage wird er euch sühnen, um euch zu reinigen, von allen euren Sünden vor dem Ewigen sollt ihr rein werden." Und kann es einen besseren, einen jüdischeren Rat für das Glück einer Ehe geben als den: „Erhebe deine Augen, o Jüngling, und sieh, was du dir erwählst. Sieh nicht auf Schönheit, sieh auf gute Herkunft! Trügerisch ist Anmut und vergänglich: ist Schönheit, eine gottesfürchtige Frau ist rühmenswert!" j So lösen sich die Schwierigkeiten dieser Mischna, die uns davon erzählt, wie jüdische Jugend dea Ausgang des Versöhnungstages beging, und sie enthüllt sich: als ein grandioses Denkmal jüdischer Sexualethik. — — — Der Machsoe, der uns mit so überschwenglichen Worte« den Eindruck der Persönlichkeit des Hohenpriesters schildert, wenn er am Versohnungstag seinen Dienst verrichtete, verschweigt uns jene Zeiten, deren Erinnerung die Mischna aufbewahrt hat, in denen.das Amt des Hohenpriesters in der Hand von Unwürdigen sich befand, die sich durch Geld und mit Hilfe der Syrer oder Römer in den Besitz dieses höchsten Amtes gesetzt hatten und die nicht selten sadduzäisch gesinnt waren. Wie bangte dann das Volk darum, daß dieser Tag würdig von dem