Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 16 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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'. Wir leiern zwar Rausch haschono als ersten Tag eines neuen Jahres. Jedoch das «oll uns nicht darüber täuschen, daß in Wirklichkeit der Mittelpunkt unserer Lebensbezichungen und unserer Lebensinteressen das bürgerliche Jahr ist. Am 1. Januar spüren wir so etwas wie das Gefühl einer neuen Epoche. Am t. Tischri feiern wir. Dieser Zwiespalt zwischen' Sein und Sollen ist das Abbild des jüdischen Golusmenschen überhaupt. Das Neujahrsfest, das für uns im Gegensatz zu anderen Völkern ein Fest der Einkehr 'und Innerlichkeit sein soll, möge uns diesen Zustand immer wieder in das Bewußtsein zurückführen, damit unsere Sehnsucht nach Erlösung, Einheit und Freiheit nicht erlösche. Ludwig Löwenstein, Grevenbroich, , Mancher fragende junge Mensch wird in einem restlosen Erfassen der Feiertage als lebendiger Wert gehemmt durch die entsagungsvolle Erkenntnis, daB das Judentum hinter uns liegt und daß für ihn nur die Aufgabe bleibt, rückwärts gerichtet an W-Jangenes anzuknüpfen, den letzten Rest noch zu retten und daran weiterzubauen, soweit dies mit modernem Lebensgefühl zu vereinen ist. Eine solche Halbheil der Einstellung kann weder dem nach Wahrheit suchenden jungen Menschen Erfüllung seines religiösen Sehnens bringen, noch kann sie Grundlage für ein zukünftiges Judentum sein. Wir geben die grundlegende Bedeutung des historisch Gewordenen und der durch die Vergangenheit geprägten Werte nicht auf, wenn wir darüber hinaus das Judentum als ein Ganzes, als eine Einheit vor uns liegend sehen. Anstatt in unjugendlicher Resignation, die unsere besten Kräfte lähmt, einem verlorenen Ideal nachzutrauern, werden wir aus den Feiertagen das beschwingende Gefühl voller Verantwortung für das Werden des Judentums als unsere Aufgabe schöpfen. Es liegt als ein Ganzes, Unerfülltes »or uns, und jeder einzelne hat es aus innerer Wahrhaftigkeit durch sein Leben zu verwirklichen, als käme es auf ihn allein an. Nicht die alte Form zu modernisieren, ist unsere Aufgabe, sondern im Dienst an der Wahrheit den religiösen und geistigen'Gehalt des Judentums neu zu schaffen. Heijig ist uns das Gedenken an Vergangenes, aufrührend das Gefühl unserer Verantwortung für die Erschaffung des Judentums in der Zukunft. Die erhabenen Tage seien uns eine Quelle der Kraft, damit auch dieser Weg zu uns selbst und zum Judentum uns ein heiliger Weg werde. Elsa Hirschel,' Dresden. * Religion an sich . ist Form, blutleere Form. Religiosität allein kann die Form mit Leben erfüllen. Judentum ist ein ragender Stamm, an dem jeder Mensch soviel Schönheit sieht, als er zu sehen fähig ist. Die Hohen Tage rufen zur Entscheidung. Whhaben die Wahl, — zu Aestchen zu werden, die verkümmern, abfallen und ins Nichts vergehen — — — — oder die alte Wurzel mit der Kraft unserer Gläubigkeit und unseres Tuns zu beleben. Wer will, was er kann, kann, was er will. Sieffried Bacharach, Hannover. * Unsere Religion unterscheidet ihre Feste: Sie hat Gedenktage, und sie hat Ruhetage, und sie hat Trauertage, sie hat Dankfeste und sie hat Freudenfeste. Rausch haschono aber und Jörn Kippur sind das alles nicht. Sie sind schlechthin Feiertage. Wenn in alter Sangesweise „unser Vater, unser König" angerufen wird; wenn die Juden in der Neujahrsnacht ihre Wünsche iür ein „gutes Jahr" austauschen; wenn die feierliche Melodie des Kol-Nidre, an Märtyrerblut uns erinnernd, ertönt; wenn die Juden betend und fastend das Sündenbekenntnis ablegen vor ihrem Gott; wenn sie in dumpfem, engem Räume den Tag schwinden lassen, flehend um Versöhnung mit Gott und Menschen; wenn sie am Abend siebenfach rufend sich bekennen zu „ihm, der unser Gott" ist; 'und «renn der Schofarlon das Sinken der Nacht verkündet — dann fühlst du, an diesen Ehrfurcht gebietenden Tagen, e i n Blut rollen in all diesen verschiedenen Menschen, einen Willen leben zu ihrem ewigen Gott, einen Geist fliehen vor der sadhbehafteten Enge dieser Welt. Und du erkennst und empfindest, daß jeder Jude jedem Juden gleicht an diesen Großen Tagen; Erschauernd erlebst du Gemeinschaft. Ernst Hölzer, Frankfurt a. M. Was kann uns eine Sukkoh bedeuten? Von Mine M e y e r,--Düsseldorf. Im jüdischen Jahr wechselt häufig eine Zeit des Ernstes und der Selbstbesinnung mit einer Zeit der Freude, so folgt auf die 3 Wochen und Tischoh beäw der Schabbos Nachamu, der nach der tiefsten Erniedrigung wieder Trost verheißt, so folgt auch auf Jörn Kippur, das Sukkausfest, dessen Charakter fröhlicher gestimmt ist. Doch auch dies eine Fröhlichkeit, in der noch der Ernst der verflossenen Tage anklingt und mitschwingt. Eine alte Sitte gebietet, .möglichst noch am Abend des Jörn Kippur, wenn man aus der Synagoge kommt, mit der Er« richtung der Sukkoh zu beginnen, und damit fängt-auch die Freude der Jugend an. Ihre Arbeit ist es, das Laub zu holen, die Ketten zu machen und für die Ausschmückung zu sorgen. Da können viele Hände gebraucht werden, und der Betätigung der Phantasie ist weitester Spielraum gelassen. Wie erwartungsvoll sehen alle dem ersten Kiddusch und der ersten Mahlzeit in der Sukkoh entgegen. Die Laubhütte übt einen eigenartigen Zauber aus, der Duft des Laubes, die Sterne über uns, die Enge des Raumes und die Einfachheit der Einrichtung wecken eine besondere Stimmung, die schwer zu beschreiben ist, die man erlebt haben muß und die uns verbindet mit den Gebräuchen des Judentums. Das Wohnen in der Laubhütte ist nicht nur Erfüllung elftes Gebotes, äußere Form, es ist viel mehr, es bedeutet Verknüpfung mit fernster Vergangenheit und hat trotzdem Gegenwartsbedeutung, besonders für die Jugend. Es ist ein Loslösen von gewohnter Bequemlichkeit, Rückkehr zur Einfachheit, und wenn vielleicht auch nur für Stunden oder nur zur Zeit der Mahlzeiten, so uns doch beweisend, daß trotz des Fehlens von Luxus man hier fröhlich und zufrieden sein kann, und daß so vielleicht in manchem der Wunsch ersteht, sich frei zu machen von allem Ueberflüssigen, das uns zu Sklaven der Dinge erniedrigt. Vielleicht wird die Erkenntnis wach, daß, um glücklich leben zu können, im Grunde gar nickt so viel gehört. Vielleicht wird die Sehnsucht nach dem jüdischen Familienleben geweckt, daß außer diesem Brauch all die vielen andern wieder belebt, die das jüdische Jahr uns bringt, vielleicht wird man angeregt, den Quellen nachzuforschen, die uns Aufschluß über Grund und Ursache geben. Außerdem noch ist Gelegenheit geboten) wahre Gastfreundschaft zu üben, denn wenn wir gemeinsam in der Sukkoh sein wollen, müssen wir uns zu Gast laden, denn kaum ein Bund wird wohl Platz für eine eigene Sukkoh haben. In den Landgegenden wird es wahrscheinlich leichter sein, zu einer Sukkoh zu kommen, als in den großen Städten.' Selbst, wenn keine Familie eine hat, so stellt doch sicher jemand Hof oder Garten zur Verfügung, und die wandernde Jugend, die ein Zelt aufschlagen kann, wird auch Mittel und Wege finden, sich eine Sukkoh zu bauen. In den Städten müßten wir vielleicht versuchen, in der Gemeindesukkoh, wo sie vorhanden ist, zusammenzukommen, oder-sonst wird sich wohl auch überall eine Familie finden, die eine Sukkoh. hat, sollte doch eigentlich jede Familie in der Sukkoh wohnen können, was aber bei den heutigen Verhältnissen nicht möglich ist. Ich möchte allen Bünden wünschen, daß sie Sukkaus feiern, wenigstens einen Abend in der Sukkoh verbringen könnten, als Auftakt für die Winterarbeit bei fröhlichem Spiel die Grundlage zur Gemeinschaft legend, denn auch das c mag ein solcher Abend. Denkt an die Fördererliste des Verbandes! — 3 —