Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 16 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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die zerquälten und von des Gedankens Blässe angekränkelten Menschen unsrer Tage zu „erheben". Und doch dürfen wir das Auge nicht vor der Tragik \ erschließen, daß nicht wenige unsrer Jungen, daß jüdische Menschen,- die um die Vertiefung ihres Judeseins ehrlich kämpfen, vergebens auf das Gefühl der Erhebung haYren. Es ist eine typische Klage, die mir erst kürzlich wieder aus einem Briefe entgegenklang; drum stehe sie hier: „Ich glaube, die vielein sich wiederholenden, immer gleichen Gebete haben das „Saactum" in mir an diesen Tagen unmöglich gemacht, und auch das Aufrührerische wird -erstickt." Gegen solche Not hilft weder beschönigende Rede noeb verweisendes, hartes Wort. Eine Wandlung unsrer Lithurgie, die dem raschen Atem unsrer Zeit und ihrem Vergangen nach Wechsel gerecht zu werden vermöchte, eine Wandlung, zu der auch ia Zukunft nur ganz wenige vor dem Forum der Ueberlicferung sich berufen fühlen dürften — ist erst zu erhoffen, wenn ein neues" Geschlecht junger Juden die Kraft fand, ihren Nacken unter das „Joch des Himmelreichs" zu beugen und als dessen Träger, frei von falschem Schein, icne Sehnsucht immer neu bekundet Denn solche wahrhaft, weil lebendig religiöse Gemeinschaft trüge in sich — wie es die Religionsgeschichte mehrfach zeigt — bestimmendes Geboi für die wenigen, vor der Ewigkeit verantwortlichen „Führer". Vor solchem, nicht aus den Launen vergänglicher Zeit, sondern aus ewig gleichbleibendem Gesetz der Seele erwachsenen Gebot könnte ein neues Sanhedrin sich schwerlich verschließen. Bis dahin aber, also wohl noch auf längere Sicht, dürfen wir. Freunde und Berater einer neu zum Judentum hin verlangenden Jügend, nicht achtlos an ihrem ehrlich bekannten, seelischen. Konflikt vorübergehen. Drum sei im Angesicht der „erhabenen Tage" für Menschen einer Haltung, wie sie die oben erwähnte Briefstelle spiegelt, an ein gütiges Wort des Rates und der Hilfe unsTes unvergeßlichen, zu früh verblichenen Rabbiners Nehemia Nobel erinnert, das er aus seiner feinen Kenntnis der Tiefen und Untiefen menschlicher Seelen vor jüdischer Jugend um die Rüstzeit zu Rosch haschanah sprach. Er empfahl denen, deren seelischer Schwung an den Wiederholungen der Gebete erlahme, zu ihrer Andacht jeweils einen apdern Gedanken der Gebetfolg« auszuwählen, da zu verweilen, in ihn sich zu versenken und so an einem Teile die „Kawanah" (religiöse Inbrunst) zu erleben, die einigen wenigen auch heute noch aus dem Gesamtgefüge erblüht. Den gleichen, vetsfändnistiefen Rat vernahm ich vor wenigen Tagen erst von einem für die Besten unsrer jüngeren Generation maßgebenden „Großen in Israel", der fest in der Ueberlieferung wurzelt, aber ihre Entartungen erkennt und darum zu jeder Stunde um die Lebendigerhaltung des Judentums sich müht Suchender jüdischer Jugend sei der Rat dieses edlen jüdischen Geistes als Stütze an die Hand gegeben. % Nicht um eines „stimmungsvollen" Beitrags [willen sind diese Worte niedergeschrieben, und sie wollen nichts weniger denn „salbungsvoll" wirken. Mir ging's auch in dieser Stunde um die Tat. die Entscheidung in sich tragende gestaltende „Tat", durch die vielen in unserm Verband, denen mein Denken und Wünschen gilt. Tat steht ja seit Jahrtausenden bei uns Juden am Anfang und Er.de, gemäß jenem naasehj nischmah („wir wollen tun und hören") vom Sinai. Es ist mir aui unsrer diesjährigen Düsseldorfer Tagung und noch mehr bei dem Treffen jüdischer Jugend aller Länder vor wenigen Tagen zu Paris, auf der Plattform der „Union universelle de la jeunesse juive", klar, geworden, — daß wir, bei aller Geneigtheit zu Zugeständnissen im Formalen der jüdischen und menschlichen Haltung, immer stärker auch bei der großen Menge der um unser Banner Gescharten auf unzweifelhaft jüdische Gestaltung ihres Lebens drängen müssen. Denn nur pann dürfen wir gewiß sein, daß die heute in unsern Reihen Stehenden für sich und ihre Nachkommen die jüdische Straße zur Menschheitshöhe weilerziehen werden. Der jüdische junge Mensch unsrer Zeit hat — nach der Entwicklung der jüdischen Geschichte der letzten 30 Jahre — die Wahl, sich .zur „nationalen" oder der „religiösen" Formel um seines Judeseins willen zu entscheiden (wobei keineswegs das gegenseitige Sich-Ausschließen der beiden behauptet werden sioll!). Zu seinem eigenen Heile und dem der Judenheit darf dr der Wahl nicht ausweichen, muß ihre Notwendigkeit stündlich vor Augen haben und muß bereits sein jugendliches Leben auf diese Entscheidung anlegen. Die Nähe der „erhabenen Tage" und meine persönliche Einstellung ließen naturgemäßdas religiöse Prinzip stark in den Vordergrund rücken. Indes wir wollen die kommenden hohen Tage als „erhaben" schon dann preisen, wenn sie recht viele unsrer Freunde auf dem Wege zur Wahl, zur Entscheidung, und damit zur „jüdischen'] Lebensgestaltung in einer klaren Form ein Stück vorwärts brächten. Was bedeuten uns die erhabenen Tas:e? Wir treten in das neue Jahr ein mit der Bitte um Leben: „Gedenke unser zum Leben, König, der Wohlgefallen hat am Leben, und schreibe uns ein in das Buch des Lebens um deinetwillen, lebendiger Gott." Es ist das Gebet um Leben schlechthin. Eine Wertschätzung des Lebens schlechthin findet darin ihren Ausdruck. Die Liebe zum Leben ist dem Menschen in die Seele gepflanzt, stark ist im Kinde der natürliche Lebenstrieb. Es lebt, wie die Blume blüht, und hat seine ungebrochene Freude am Dasein, die uns um so mehr entzückt, je weniger wir selber sie besitzen. Aber es kommt einmal die Zeit, wo ein Schatten fällt auf die Seele des Menschen. Es ist die Zeit, wo der Jugendliche mit dem Leben in Berührung kommt, wo er sich in ihm einbürgern soll. Es ist eine Zeit, die von entscheidender Bedeutung ist für die innere Entwicklung des jungen Menschen. Es ist nicht leicht, den Weg in das Leben sich zu bahnen. Und es sind nicht die schlechtesten, die sich nicht so schnell zurechtfinden. Es-, sind die feineren Naturen, die die Härten des Daseins am tiefsten empfinden. Es sind die Idealgerichteten, die sich am tiefsten beleidigt fühlen durch das Treiben der Menschen und sich mit Schmerz und Ekel abwenden von einer Welt, die das Heiligste in ihnen entweiht. Es kommt dann für so manchen jungen Menseben einmal die Stunde, wo er glaubt, daß es für ihn keine Möglichkeit des Lebens mehr gebe. Schwere innere Kämpfe erschüttern dann die jugendliche Seele. Es ist die Zeit der Reife, des Ucbergsmgs, in welcher der Werdende ein Verhältnis zum Leben zu gewinnen sucht. Diese innere Not tritt in verschärftem Maße in der Gegenwart in die Erscheinung. Wir leben in einem Zeitalter, in dem alles im Wechseln ist. Darum fehlt die leste Beziehung zum Leben. Das Leben ist uns wieder zum Problem geworden. Die Frage, ob es einen Zweck hat, zu leben, steht heute vor •o manchem. Der Zusammenhang mit dein Leben hat sich gelockert. Der Mensch von heute neigt zur Lebensverneinung. I Es ist die Kehrseite hochentwickelter Kulturen, daß die Pflicht, zu leben, für die Menschen ihr Bindendes verliert. Das sieht man heute ein und sucht Hilfsmittel. In Amerika hat man eine „Lebensschutzliga" geschaffen. Solche Mittel dürften aber zu künstlich sein und ihren Zweck verfehlen. — Goethe, der sejber die furchtbaren Kämpfe des. Jugendlichen durchzukämpfen hatte und besonders in der Zeit, die zwischen Leipzig und Straßburg lag, eine schwere Krise überstehen mußte, hat in seinem „Faust" den Augenblick geschildert, in dem der Ruf des Glaubens einen Verzweifelten vom Abgrund zurückreißt und ihn dem Leben wiedergibt. Wir müssen die Zusammenhänge mit der Religion wieder herzustellen suchen. Und es scheint uns gerade die Bedeutung unserer „erhabenen Tage" für die Gegenwart zu \cin. daß sie uns die Pflicht, zu leben, mit aller Deutlichkeit vor Augen stallen. Aus den Gebeten dieser Festtage tönt es uns entgegen D r. K r o n h Gedenke zu Icbenl Bielefeld. Opfer. Mit dem Feste des Opfers beginnen die jomim hanauroim, und mit dem Tage der Entsagung schließ« fordert das Erlebnis der erhabenen Tage Verzicht auf alles, was mit dem Gotteswort, im Widerspruche steht. Ein solcher Widerspruch zum Menschen, wie das Judentum ihn will, ist das griechische Ideal der abgeklärten Schönheit. Die Forderung des Judentums geht nicht auf den harmonischen, sondern auf den gerechten, den gottesfürchtigen Menschen. Dia jomim hanauroim rufen unerbittlich zur Entscheidung: sie fordern Opfer und Entsagung, wie Abraham selbst seine Vaterliebe überwinden mußte. Rudolf Edler, Düren. 2 —