Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 16 (9.9.1926)
- Date
- 1926-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Organ de* Bez Irksverbendes Jüdischer Jugendrerelne Westdeutschlands und des Rheinisch-Westfälischen Bezirksverbandes JQdlscher lugcndvereine jdpischie wiira Ausgabe Idr den Verband der lQdlsdit-n JugsndvBPelnB Dtutsdilands Anzeigenpreis: 0.15 Goldmark für die 6 gespaltene mm-Zelle / Bestellungen nur bei der Schrittleitung oder den Vereinen / Drude und Verlag: A. Gerisch £ Co.. G. m. b. H.. Düsseldorf. Wallstrafce 10 Alle Einsendungen redakt. u. geschSftl. Art an Dr. Klein. DOsseldorf / Schriftleitung: Rabbiner Dr. Klein. Dusseldorf, Harolds rr arte 4 Femruf Nr. 7390 2. JAHRGANG / Nr. 16 des J u tj en d b u n d e » Düsseldorf, den 9. September 1926 U. JAHRGANG/Nr. 11 der Jüdischen Blatter Erhabene Tage Von Dr. Gustav Löl „Iami'ji noraim"—r so nennen wir die beiden Rausch haschono- Tage, mit denen das jüdische Jahr den Ablauf der Tage und Monde, der Werk- und Festeszeiten aufs neue anhebt; so beißen wir im gleichen stockenden Atemzuge den „Sabbat der Sabbate", das heilige Fest der Versöhnung, den Jom kippar. „Gewaltige, erhabene Tage" — so pflegen wir gemeinhin den ernsten Klang der jüdischen Worte in unsre deutsche Sprache zu übertragen. Indessen ist in solcher Uebertragung das Tiefste, Eigenste, was in dem Worte norafa webt, und was zugleich als Wesentliches jenen hohen Feiertagen eignet, nicht erschöpft. „Norah" ist des gleichen Stammes wie „Jirah", womit die Tradition die höchste religiöse Tugend, jenes eigenartige Fühlen meint, das der Jude seinem Gotte entgegenbringen soll, und in dem allein er Ihm nahen dürfe. Ob aber diese Jirah als Furcht oder Ehrfurcht zu begreifen sei, und ob nicht auch in dem Begriffe der Ehrfurcht das Gefühl der Angst stark mitschwinge, — darüber erhob sich vdr etwa zwei Jahren im „Freien jüdischen Lehrhaus" zu Frankfurt ein beachtsamer Meinungsstreit innerlich bewegter jüdischer Menschen. Beachtsam, weil in dieser Frage letzthin auch die nach dem Verhältnis des Juden zu seinem Gott umschlossen liegt. Martin Buber vertrat in jener Aussprache die so oft hörbare These, daß der jüdische Mensch seinem Schöpfer wahrhaft in Furcht zu nahen habe. Ihm setzten einige voll Demut, doch in Entschiedenheit, die Ueberzeugung entgegen, der Stefan George in einem seiner „Gebete" revolutionären Ausdruck leiht: Ist uns dies nur Amt: mit Schauern Zu vernehmen dein Gedröhn Und im Staub vernichtet kauern Vor dir Furchtbarer der Höhn? Warum schickst du dann die Sommer, Wo wir "schnellen frei und-nackt? Wo sich Nachbar nennt dein Frommer, Helle Raserei ihn packt? Was hier in des deutschen Dichters Worten aufbegehrend dahinbraust, darf sich auch vor dem Forum unsres Judentums als lebendig-religiöses Gefühl rechtfertigen. Nicht nur den jüdischen Mystikern, den Kabbalisten und Chassidim, gilt der Mensch als Helfer am göttlichen Werk auf Erden; auch die Demut des königlichen Psalmensängers schlägt bereits zuweilen in kühnen Stolz um, der es verständlich macht, wenn chassidische Kreise sein - „Gebet Gott die Macht" wörtlich verstanden wiesen wollten. Das ist gewiß nicht die Haltung des angstvollen, furchterfüllten Geschöpfs. Aber sicherlich ist gleichzeitig, ja vorwaltend im Judentum und seinem getreuen Träger jenes Grundgefühl der „Kreatürlichkeit", de« gewaltigen Abstandes des Geschöpfs von seinem Schöpfer und der steten Hilfsbedürftigkeit des Meeschen " vor Gott lebendig. Darum war mir's nicht recht begreiflich, da mir unlängst einer der geistigen Führer deutscher Judenheit in kranken Tagen darüber klagte, seinem „KreaturgefühT* biete das Judentum •o wenig Möglichkeit „abzureagieren". Und wenn gar der f 1 e r," Frankfurt a. M Jesuitenpater Przywara vor einigen Monaten in einer viel beachteten Abhandlung dem entfalteten Judentum vorhielt, es habe „Gott entthront", so genügt demgegenüber neben dem Hinweis auf die durchgängige Stimmung der Psalmen und auf einleitende Stellen unsres täglichen Gebets die bloße Nennung unsrer „erhabenen Tage", um solcher Erschütterung unsrei Ansehens als religiöser Gemeinschaft wirkam zu begegnen. . Steht doch in" der Mitte unsres Rausch haschono-Kults ein Gebet, ein Bekenntnis, ein — Gefühls-Erguß zum mindesten, der ein kaum zu überbietendes Zeugnis für die Bedeutung des „Tremendum", der Erschütterung, des Kreaturgefühls inner» halb des Judentums bedeutet. Wenn im Mußafgebet das „Unsaneh thokef" anhebt, die Kunde von der Heiligkeit des Tages, der sofort als „norah w'ajom". als ehrfurchterweckend und erschütternd bezeichnet wird, dann befällt auch kühle Skeptiker eine ernste Ergriffenheit. Denn auch im judentumsfernen Zweifler, wenn er nur den Weg zur Gemeinde der Brüder findet, löst das Wort vom Gerichtstag (Jom hadin) die bange Frage aus, wie er sich mit seinem punkthaften Ich in Zeit und Ewigkeit bewähre. Kündet aber der Mund des frommen „Abgesandten der Gemeinde" das rührende Gleichnis vom Menschen und den zerbrochenen Scherben, dem Men« sehen, der' „wie Gras verdorrt, wie die Blume welkt, wie die Wolke verschwindet, wie ein Hauch verweht, wie Staub verl fliegt und wie ein Traum entschwebt", — so verspürt nur der ganz Stumpfe nichts von der Not und Angst der leidenden Kreatur, Freilich bricht mitten durch dieses Zittern der Kreatur det hoffnungsstarke Ruf, daß „büßendes .Denken, lief erfühltes Gebet und gütiges Tun ein böses Verhängnis abwenden". Auch in dem Nichtigkeitsgefühl und der Zerknirschung am „Gej burtstag der Welt" erinnert sich der Jude jenes Liebesbundes zwischen Gott und Israel und spricht erwartungsfroh da« Jeremia-Wort „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, deshalb habe ich dich in Liebe mir verbunden", als immer neue Tröstung Gottes für seine reumütigen Kinder. Es ist sicher keine müßige Konstruktion, noch weniger billige Apolegetik, wenn wir sagen, daß gerade die Paarung von Vergänglichkeits- Gefühl und Erlösungs-Gewißheit kennzeichnend für das leben dig-rcligiöse Bewußtsein des Juden ist. Auch die zitternde Kreatur lebt in der Gewißheit, daß ein allgütiger Vater selbst am Sterbetage des Sünders ihn noch „wie Schnee so weiß' entsühnt durch die Pforte des Friedens schreiten lasse. /% Kein Zweifel: die „erhabenen Tage" tragen unerhörte Spannung in sich, umschließen tausend Möglichkeiten, auch Zjar Beachtung! Mitteilungen der Verbandsleitung; auf Seite 12 Vereinsnachrichten auf Seite 14 bis 15 — 1 —