Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 15 (26.8.1926)
- Date
- 1926-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492456-6352473-6352492--0194-4928395- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
das, was man Heben und pflegen soll, vor allem auch kennen deshalb müssen wir im Verband und in den Vereinen arbeiten. Dr. Klein führte die Art der Arbeit aus, wie der Verband sie wünscht, und spricht von den Arbeitsplänen der größeren Vereine, den Arbeitsgemeinschaften, der Aufstellung von Rundbriefen und ihrer Anwendung, der Arbeit der Sprechchöre und ihrer erzieherischen Bedeutung für Vereine und Mitglieder usw. Wir jungen Menschen müssen vor allen Dingen die Gemeinschaft Dflegen, uns muß die gemeinsame Arbeit verbinden, wir haben Ins zu sehr daran gewöhnt, unser eigenes Ich zu betrachten, wir müssen über den Tag und über uns selbst hinaus leben. Gemeinschaft ist die höchste Forderung des Judentums. Wir müssen wohl an uns arbeiten, an uns selbst denken, aber nicht, um bei uns stehen zu bleiben, sondern um weiterzuschreiten, um die Welt jung zu erhalten. Das ist der Weg zum anderen. „Die größte Erfindung, die das Judentum gemacht hat, ist die Erfindung des Nebenmenschen." (Dr. Leo Baeck.) Die jüdische Gemeinde muß jünger werden, sie darf nicht nur Geschichte vor sich sehen, sondern muß sie lebendig machen; sie darf nicht nur für heute sorgen, sondern für die Zeiten. — Das Judengesetz von 1848 hat die Juden vereinzelt, jede Gemeinde arbeitete für sich, ohne einen Zusammenhang mit den anderen zu haben. Es waren keine Mittel über für das große Ganze, und daran hat das Gesamtjudentum Schaden genommen. Am meisten hatten die Landjuden darunter zu leiden, und heute ist es Aufgabe der Großgemeinden, hier zu fördern und zu helfen. Wir aber im Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands wollen eine neue, junge, lebendigjüdische Gemeinde erziehen zum Segen für das Gesamtjudentum. Die Diskussion, die sich an diesen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß, erlitt das Schicksal so vieler, nämlich, das Niveau des voraufgegangenen Referates nicht zu erreichen. Aber sie gab doch ein echtes, anschauliches Bild des Lebens der jungen Juden in den Landgemeinden mit aal seinen Beschwerlichkeiten und Mängeln- und spiegelte dje Sehnsucht aller wider nach mehr geistiger Anregung und Arbeit. Die Worte und Anregungen unseres lieben Dr. Klein warep, das fühlte man stark, auf sehr fruchtbaren Boden gefallen, und überall offenbarte sich der Wille zu reger ernster Mitarbeit, zu segensreicher Aufbauarbeit im Sinne unseres Verbandes. Wer es eben ermöglichen konnte, machte nach Schluß der Tagung mit Dr. Klein noch einen Spaziergang durch den schönen Altenkirchener Wald, auf den die dortigen Freunde stolz sein können, und fand hierbei noch Gelegenheit zu anregendem, geselligem und freundschaftlichem Plaudern. ■ ■ i * •> ■ . - - . i Die Mosel-Eifelfahrt des Bundes jüdischer Schüler Düsseldorf Von Artur Hermanns. Gott sei Dank, alle acht glücklich im Abteil 4. Klasse nach Köln. Hungrig und fidel langten wir abends in der Schüler- und Studentenherberge zu Andernach an. Am nächsten Morgen mit Tempo zum Laacher See. Mancher Schweißtropfen befeuchtete mit dem Regen die Erde, ehe wir auf dem Gebirge waren; In Maria-Laach nahmen wir uns, da wir die Hohe Acht zu Fuß zu spät erreicht hätten, einen Wagen. Kühne Versuche, den Magen gegen die Rüttelei des Wagens auszupolstern, 'rächten sich grausam. Heinrich ließ seine Butterdose zur ornamentarischen Verzierung unter ein Wagenrad fallen, Heinz besäte den Weg mit Brot, vielleicht wachsen dort jetzt Brotbäume. Nach zweistündigem Marsch erreichten wir dann die Hohe Acht. Hier hatte man uns trotz der Vorbestellung kein Quartier reserviert, und der holprige Herbergsvater wies uns eine Scheune an, deren Raum nur dank unserer geometrischen Kenntnisse für acht Mann ausreichte. Kochgelegenheit gab es trotz des vorhandenen großen Wirtschaftsherdes nicht, dafür gab es eine Brübe, die der Herbergsvater kühn Bohnensuppe nannte, sonst aber reichlich nach Maggi und Wasser schmeckte. Vor dem Aufbruch spielte sich eine größere Tragödie ab. James sang und heulte: „Ich habe meinen Schuh im Scheunenstroh verloren." Unter großem Hallo wurde auch dieses Instrument wiedergefunden. Hier erfuhr ich dann auch zu meiner größten Freude, daß unsere nächste Herberge Mayen zur Zeit verlaust sei. Ich ging deshalb mit Rudi und Gerd vor. Zuerst angekommen, bereiteten wir ein frugales Mahl, das sogenannte Knackmahl. Herr Lehrer Levy beschaffte uns Privatquartiere, die sich angenehm von den Quartieren Hohe Acht unterschieden. Am nächsten Tage gingen wir nach Burg Eitz. Es hatte sich gelohnt. Burg Eitz erhebt sich auf einem Sockel im Talkessel, von dem höhergelegenen Trutzeitz betreut, von dem aus wir einen unvergeßlichen Ausblick auf die Feste hatten. Die Nacht blieben wir in Moselkern. Hier empfing uns eine resolute Herbergstochter, die uns Punkt 10 Uhr aus dem Tagesraum jagte. Am nächsten Morgen prüfte der edle Jüngling Heinz die Haltbarkeit seines Hosenbodens, indem er mit Begeisterung eine Mauer herunterrutschte, dann lustwandelte «r auf dem Dache. — Jetzt fuhren wir ein Stück die Mosel herauf und gingen über die Marienburg nach Traben-Trarbach. Szene: Schlafraum der Jugendherberge. Artur verteilt das Essen. Ein aktiver Preisboxer mit Lorbeer garniert. Zigaretten qualmend im Sinne Lukanga Mukaras. Er verlangt sofortige Räumung zugunsten mitgeführter Jungfrauenherde, die Heinz mit seiner Pfeife in die Flucht zu jagen gelang. Arthur wies auf den Wert eines störungslosen Verlaufs einer Mahlzeit hin, bedeutete jedoch den Eindringlingen, einstweilen ihr Gepäck hereinzuschaffen. Nun machte der Lorbeermann in Moral und Anstand. Der vermittelnden Herbergsmutter fol- «end, 'saßen wir im Garten zu Ende, nicht, ohne uns durch 'eberlassung unseres Suppenrestes zu rächen. Mit einem versehentlich über seinem Haupt entladenden Becher Wassers endete diese Episode mit dem Preisboxer, die nötige Stimmung für die Kirmes in Traben-Trarbach schaffend. Hier beginnt nun unsere Mispochefahrt. In Berncaslel besuchten wir mittags Heinz' Verwandte und waren abends in Osann bei James' Angehörigen. Der nächste Mittag sah uns bei Hans' Verwandten in Wittlich. Von dort aus wollten wir die direkte Strecke nach Trier erreichen und schlugen deshalb ein Tempo von Sieben-Stunden-Kilometer an auf einer staubigen und steinigen Landstraße, die die Sonne liebevoll beschien. Aber wir erreichten den Zug doch nicht mehr. 'j- Abends waren wir Gäste von Gerds Verwandten in Trier, deren Sohn von Traben-Trarbach aus die Fahrt mitmachte. Am nächsten Morgen leistete Heinrich der Allgemeinheit einen großen Dienst. Er wies Hans handgreiflich den Wert des frühen Aufstehens nach, denn dieser zeichnete sich dura* Langsamkeit und langes Schlafen aus, im Gegensatz zu Georjg, der die Funktion eines Weckers übernommen hatte. Auf dem Hofe der Herberge fochten James und Heinz einen Boxkampf aus, den Heinz nach Punkten gewann. Am zweiten Abend . waren wir bei den Großeltern von Gerd zu Tisch. Die nächste Nacht verbrachten wir in der Kyilburger Herberge über einem Gefängnis. Unterwegs mußte Artur, da er den anderen riebt folgen wollte und einen „näheren" Weg wußte, durch eine Rettungsexpedition aus einem Gesteinshang befreit werden. Morgens folgte dann die Aufführung des modernen Welttheaters in Kyllburg. Bei Heinzens Schuhen hatte sich das Oberleder selbständig gemacht und wollte keine Verbindung mit "der Sohle halten — eine Tragikomödie. Im zweiten Akt übernahm Hans die Regie. Er erklärte nach einem verlorenen Boxkampf mit Gerd, nach Hause fahren zu wollen, ohne einen Grund hierfür angeben zu können. Trotz aller Bitten und refehle war er nicht dazu zu bewegen, von seinem Plan abzustehen. Nach mehrstündigem Marsch durch den Wald erwartete uns in Meerfeld eine wenig schöne Herberge. Man stellte uns einen Dachboden mit etwas Stroh zur Verfügung. Der nächste Tag führte uns am Mooseberger Maar und Manderscheid vorbei nach Darscheid. Einen trutzigen Anblick, boten die beiden im Liesertal gelegenen Burgen Manderscheids, an denen vorbei wir durch prächtige Fichtenwäldter wanderten. Wir beschlossen, statt in der Herberge Daun, in der Darscheider zu bleiben, eine der Musterherbergen Deutschlands. Es ist ein ehemaliges Landhaus, das der Besitzer an den JHV. verkauft hatte. —"Von hier aus unternahmen wir zwei kleinere Fahrten zu den Maaren und zum Sauerbrunnen. Eigentlich muß ich gestehen, daß die Maare enttäuschen, von denen wir uns eine ganz andere Vorstellung gemacht hatten. Leider waren auch zu bald die drei Tage verflogen und es hieß Abschied nehmen von der schönen Eifel mit ihren Tälern, Wäldern und burggekrönten Höhen. Was wir mitnahmen": die Erinnerung an schöne, von keinem Zwang beengte Stunden und frischen, frohen Jungcntums. — 5 —