Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 15 (26.8.1926)
- Date
- 1926-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Wochenabschnitt Von Eschelbacher. Kurz vor seinem Tode redete Mose zu seinem Volke: „H e u t e gebietet dir der Ewige, dein Gott, diese Gebote und diese Rechte." „Heute?", fragt der Midrasch. Jene Gesetze waren damals ja schon längst, manche schon seit bald vierzig Jahren gegeben!. Er beantwortet dann seine Frage, indem er die Worte Mosis nicht als eine Aussage, sondern als eine Mahnung deutet: „An einem jeden Tage soll euch die Thora so lieb sein, als ob ihr sie gerade an diesem Tage am Sinai empfangen hättet." Diese Frage und diese Deutung des Midrasch rühren aber an ein Lebensproblem des Judentums und jedes einzelnen Juden. Wir sind Kinder unserer Zeit, abgestumpft gegen Altes und oft Gehörtes, manchmal kaum für den Reiz des Neuen empfänglich. Was kann uns da die uralte Thora noch sagen? Kennen wir nicht die zehn Gebote, die biblischen Geschichten, manche Psalmen, Stücke aus den Propheten, Gebete und vielleicht noch sehr viel anderes bis zum UeberdruQ auswendig? Gehen ihre Worte nicht wie ein leerer Schall an unserem Ohre vorüber? Wir brauchen neue Stimmen! So "denken viele, und bei der ganzen Art, wie sie sich zum überlieferten Judentum stellen, können sie auch gar nicht anders sprechen. An sie wendet sich unser Midrasch mit seiner Frage und mit seiner Forderung. Die Worte der Thora, der ganzen Bibel, des Talmud sind die Hülle, in der sich die jüdischen Gedanken, Empfindungen, Antriebe bergen. Es kann uns dann begegnen, daß wir nur die Schale ergreifen und die Wahrheit, die in ihr eingeschlossen ist, nicht mehr finden. Wenn aber große Geschicke und bedeutende Erfahrungen in unser Leben eingreifen, sprengen sie die Schale der Worte, und nun vernehmen wir mit geöffnetem Ohr die alten Worte der Thora als eine frische Wahrheit. Wer regelmäßig den Wochenabschnilt liest, iet oft betroffen, er glaubt, die Geschichte der jüngsten Tage eindringlicher, als sie in der Zeitung erzählt wird, zu hören. Am 10. November 1918 flüchtete der ehemalige Kaiser nach Holland. Am folgenden Sabbat standen in der Haftara die Worte des Propheten. Hosea: Wo ist nun dein König, daß er dir helfe in allen deinen Toren? Ich gab dir einen König in meinem Zorn und nahm ihn in meinem Grimme. Im November 1923 erreichten in München die Ausweisungen der Ostjuden ihren Höhepunkt. Am folgenden Sabbat aber lasen wir in der Sidrah* die Geschichte, wie Isaak aus dem Philisterlande ausgewiesen-wurde „Gehe weg von uns, denn du wirst für uns zu mächtig!" Die Unterschiede sind belanglos. Daß es sich bei dem Propheten um einen König des alten Israel, in unseren Tagen uin den. deutschen Kaiser handelte, daß die Geschichte von-Jizchak im Philisterlande, die Tagesgeschichte an der Isar sich abspielte, war gleichgültig vor dem mächtigen Eindruck eines ewigen menschlichen, eines ewigen jüdischen Schicksals, Die biblische Geschichte klang so, als wäre sie eigens für den Tag, an dem wir sie lasen, geschrieben. In einem Psalm steht: Wenn Vater und Mutter mich verlassen haben, nimmt mich der Ewige auf. Ich kannte diesen Psalm seit Jahrzehnten auswendig und hatte das Wort gewiß Dutzende von Malen gelesen, ohne daß es besonderen Eindruck auf mich gemacht hätte. Da wurde ein Mann schwer krank und litt beinahe ein volles Jahr, bis er starb. Seine nächsten Angehörigen ließen ihn zu seiner grenzenlosen Verbitterung völlig im Stich und kümmerten sich nicht im mindesten um ihn. In seiner Hilflosigkeit war ihm jenes Psalmwort der letzte Trost, er nahm es auf wie eine göttliche Botschaft, .die gerade für ihn bestimmt sei, und stärkte sich in seinem Leiden und in seinem Sterben an der Gewißheit, daß Gott ihn sicherlich aufnehmen werde. Ich selber habe erst an seinem Krankenlager den Sinn und die ewige Wahrheit und Kraft des uralten und mir anscheinend so vertrauten, in Wirklichkeit noch fremden Wortes erfahren. Ebenso erging es aber, wenn auch in eigentümlicher Form, den Angehörigen. Denn als ich, ohne irgendeine persönliche Anspielung, jenes Wort der Leichenrede zugrunde legte, fühlten sie sich so getroffen, daß sie eine Beleidigungsklage gegen mich einreichten. Sie zogen sie allerdings einige Tage darauf wieder zurück. Sie waren der Meinung gewesen, das Wort sei eigens für sie gemünzt, und mußten entdecken, daß es uralt war. Das Wesen des Menschen ist ewig, und die Wurzel unserer . Geschicke bleibt e"wig dieselbe. Unter der Hülle wechselnder Zeiten, Trachten, Sprachen, Kulturen verbirgt sich immer das gleiche Menschenherz, so wie auf der Bühne hinter den wandelnden Masken des Königs oder des Narren, des Hamlet oder des Totengräbers immer der gleiche Schauspieler sich verbirgt, der freilich nur ' durch die Mannigfaltigkeit aller dieser Rollen den ganzen Reichtum seiner Natur enthüllen kann. Das ewige Wesen des Menschen lebt in uns und hat in der Thora seine Verkörperung gefunden, in ihr wie in uns ist ein Geist, der allerdings im Wechsel der Länder, der Zeiten und der Geschlechter verschiedene Sprachen spricht. Und deshalb können wir die Thora verstehen. V/ir brauchen nur den guten Willen, sie mit unserem inneren Ohre zu hören. Dann aber vernehmen wir aus ihren Worten und Befehlen unser eigenes Wesen und die Pflicht des heutigen Tages, und sie wird uns zum Dolmetsch unseres innersten Wesens und Sollens. Dann ist sie für uns, nicht mehr ein altes Buch, sondern so lebendig, als hätten wir sie an eben diesem Tage empfangen. Und dann verstehen wir, warum unser Lehrer Mose seinem Volke sagen konnte: „Heule gebietet dir der Ewige, dein Gott, diese Gesetze und diese Rechte." VEREINSNACHRICHTEN Mitteilungen des Bezirhsv«vt>andes jüdischer Jugendvereine Westdeutschlands Jüdischer Jugendverein, Dierdorf (Westerwald) Anschriit: Lehrer Ginsbefg. Jeden Mittwoch abend: Kursus in jüdisch-deutscher Schrift. Jeden Samstag abend: Heimabend oder Spaziergang, mit anschließendem Vortrag. Jüdischer Jugendverein, Düsseldorf Anschrift: Leopold Vogel, Graf-Adoli-Straße 75. 2 Vorträge von Rabbiner Dr. Eschelbacher: „Die hohen Tage". 31. 8. Abends 8'. Uhr: „Der Gottesdienst an Rosch ha schono". 14. 9. Abends tH Uhr: „Der Gottesdienst an Jörn kippur" Wanderungen: 28. 8. Tageswanderung Ohligs—Leichlingen—Langenfeld. Abfahrt 8.07 Uhr. Rückkehr 7.56 Uhr. Fahrtkosten 1,40 Mark. Treffpunkt 7.50 Uhr Kiosk am Bahnhof. Führer: Heinrich Spiegel. 5. 9. Tagesfahrradwanderung zur Linner Burg. Treffpunkt 8 Uhr Normaluhr an der Tonhalle. Führer: H. Spiegel. Denkt an die Fördererliste des Verbandes! — 6 -