Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 15 (26.8.1926)
- Date
- 1926-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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wenn es (wie ich heute morgen) die Mitteilung erhält, daß zur „Durchführung des Winterprogramms*' die Erhöhung der Mitgliedsbeiträge beschlossen wurde. Das Programm muß vielmehr im großen Kreise aufgestellt und gebilligt werden. Man wird mir entgegenhalten: „Wozu soll dann noch ein Vorstand nötig sein?" Aber der Vorstand soll ja entlastet werden oder besser sich entlasten lassen, indem er möglichst vielen die Mitarbeit zur Pflicht macht. Teilt die Vereinsarbeit in Aus-' Schüsse auf! Und bringt nach Möglichkeit alle Vereinsmitglieder in dem einen oder anderen Ausschuß unter! Oder wenn dies in manchen Vereinen nicht angängig, laßt die Mitglieder in den einzelnen Ausschüssen in gewissen Zeitabständen einander ablösen.- Aber jedes Mitglied sollte innerhalb eines Jahres zur praktischen Vereinsarbeit herangezogen werden. Wir würden dann auch weniger Vorwürfe gegen die Vorstandsmitglieder hören, weil dann jeder einmal selbst den Nachweis seiner Fähigkeiten bringen müßte. Man könnte so u. a. Ausschüsse für Kultus, Kunst, Literatur, Finanzierung, Unterhaltung schaffen, man könnte in eirem Wohltätigkeitsausschuß sich in den Dienst der freien Werbetätigkeit der Gemeinde stellen: in einem politischen Ausschuß durch die naturgemäß enge Verbindung mit der Schuljugend dem Antisemitismus auf den Schulen wirksam entgegentreten. Bei Wahlen, antisemitischer Propaganda, entgegenarbeiten. In einem Werbeausschuß würden wir u. a. auch die Landgemeinden zu interessieren haben. Diese womöglich zur Gründung eigener Vereine anzuhalten bzw. zum Anschluß an den eigenen Verein zu bewegen. Dem Verein würden so nicht nur weitere Wege zur Ertüchtigung seiner Mitglieder (z. B. Heranbildung von Rednern im politischen und Werbeausschuß) gewiesen, auch der Vorstand wird, indem er die Mitglieder in den richtigen Ausschüssen unterbringt, auch aus der eifrigen Tätigkeit der Ausschüsse wertvolle Anregungen erhalten. Wenn man nicht so weit gehen will, um von jedem Mitglied einmal im Leben einen Vortrag über ein beliebiges Thema zu verlangen, so wird wieder manchen der Bericht über das von ihm geführte „Dezernat" verantwortungsbewußt machen. II. ... so fiel mir auch bei Besichtigung der Ausstellung der Deutschen Jugendbewegungsgruppen der große Unterschied zwischen den Neigungen dieser und unserer jüdischen Jugend auf. Während bei uns die Kleinen und Allerkleinsten bereits sich in endlosen Diskussionen verlieren (und wäre es auch nur um die Anschaffung eines Fußballes oder Faustballes), tritt dort die sachliche Arbeit in den Vordergrund. Aber sachliche Arbeit, deren Erzeugnisse von der unerschöpflichen Phantasie werkender Jugend zeugen. Wir müßten unsere Mädchengruppen dazu anhalten, mehr Handfertigkeitsnachmiltage abzuhalten. Den Jungens müßte die Teilnahme am Basteln zur Pflicht gemacht werden. Hier ist eine sehr gute Vorarbeit bei der Abhaltung der üblichen Chanukka- und Purimleiern zu leisten. Ich ziehe ein einfaches Schaltenspiel oder irgendein hingehauenes Laienspiel, bei denen die Ausführung und vor allem die Anfertigung der Kostüme und Requisiten vollkommen in den Händen der Kinder liegt, den glanzvollen in Berliner Fabriken erzeugten Kindcrschauspielen und Operetten in jedem Fall vor. Tagung der Westerwaldvereine am Sonntag, den 15. August 1926, in Altenkirchen. Von Edith Goldberg, Düsseldorf. Die schöne Gegend zwischen Sieg und Lahn — der Westerwald — unterscheidet sich nicht nur durch seine landschaftlichen Vorzüge stark von den anderen Gruppen des Westdeutschen Bezirksverbande~5, sondern durch mehr: die besondere Beliebtheit der Westerwaldvereine beim Verbandsvorsitzenden Dr. Klein; die häufige Kritik einzelner Führer an den Bestimmungen, Beschlüssen und Anregungen der hochwohllöblichen Verbands- und Bezirksverbandsleitung, die manchmal auch berechtigt ist, und durch höchst pikante kleine Szenen zwischen Führern und Geführten, über die ich mich aber aus Gründen der Vorsicht, jemand könnte am Ende Sich getroffen iühlen (im Westerwald erzeugt das Klima empfindsame Seelen), nicht näher äußern möchte. (Aber lest den „Jugendbund".) Dr. Klein nahm gern die Gelegenheit einer Ferienreise durch den Westerwald wahr, -die Freunde aus Hamm und Altenkirchen, aus"Dierdorf, Hachenburg und Selters seines unverwüstlich jungen Geistes einen Hauch verspüren zu lassen und machte zunächst — denn wie könnte es anders sein — bei Kurt Hirsch Station. Kurt Hirsch teilt das Schicksal aller „Großen", gleichzeitig geliebt und gehaßt, geachtet und mißachtet zu werden, und denkt sich seinen Teil. Mit ihm freuten sich über Dr. Kleins Anwesenheit -alle Juden Hamms männlichen, weiblichen und kindlichen Geschlechts und lauschten gern und tnit viel Interesse dem Vortrag, den der Verbandsvorsitzende am Samstagnachmiltag im weltberühmten Hotel „Zum Stosch" (nicht etwa Storch) über „Die Emanzipation der deutschen Juden" hielt. — Am Sonntagnachmittag fand in Altenkirchen die Westerwaldtagung statt, die Kurt Hirsch um 2 Uhr im Festsaal eröffnete, um alsdann Dr. Klein zu dessen Referat „Weg und Ziel der jüdischen Jugendbewegung" das Wort zu erteilen. Dr. Klein ging aus von dem Wesen der Jugendbewegung im allgemeinen, von der Wirkung des Krieges auf die Jugeridpsyche, von dem Drang der Jugend nach eigenem Leben, ihrer Verachtung des satten Bürgertums und ihrem Suchen nach neuen eigenen Lebensformen. Die damaligen Führer, erkannten die Kräfte, die in der deutschen Jugendbewegung steckten, mißbrauchten sie vielfach und spannten sie in Parteischablonen ein. — Die jüdische Jugendbewegung entstand später als die deutsche, aber sie verfiel auch schneller in den Fehler, Parteien politischen und religiösen Charakters zu bilden und sich so immer mehr zu zersplittern. * °* Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands ist der einzige, der vorurteilslos junge Juden jeder politischen und religiösen Einstellung sammelt und eine Plattform bildet, auf der jede Meinung sich frei entwickeln und jeder Suchende sich ohne einseitigen schädlichen Einfluß entscheiden kann. Der Verband will nicht, wie ihm so oft unberechtigt vorgeworfen wurde, neutrale Menschen erziehen, sondern Gelegenheit geben, jede jüdische Richtung kennen zu lernen, sich damit auseinanderzusetzen und dann erst zu entscheiden. . . Ein Mensch, der schon im zarten Alter im Geist der Partei erzogen wird und innerhalb der Partei lebt, wird wohl ein ganz gutes Glied der betreffenden Partei, aber nie wertvoll für,das Judentum und die Menschheit. .. Wenn er nicht alle Fragen und Probleme des Judentums kennen gelernt und sich mit ihnen auseinandergesetzt hat, wird er wohl ein guter Arbeiter seiner Partei, aber nie ein Charakter. „Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt." Wir wollen einen klaren Blick für den Nebenmenschen behalten, tolerant sein 'und Achtung haben vor jeder Ansicht und Einstellung, und uns nach Kenntnis aller Richtungen die für uns wählen, die unserem Wesen gemäß ist; dann erst werden wir wertvolle Mitglieder nicht nur der Partei, sondern auch des Judentums —, dann erst werden wir wahrhafte Juden. Dann sprach Dr. Klein über das Wesen und die Art der Arbeit, wie sie früher in den Vereinen betrieben wurde im Gegensatz zu heute. Im Anfang hatten die Jugendvereine den Charakter von Literaturvereinen. Der Vorstand arbeitete, sorgte für Redner, es wurden Vorträge gehalten, angehört, ohne verarbeitet zu werden. Arbeitende, gestaltende Jugend, wie wir sie heute haben, konnte mit dieser Art Arbeit nicht zufrieden sein. Jeder mitarbeitende junge Jude soll das Gefühl haben, nicht nur eingetragenes zahlendes Mitglied des Vereins zu sein, sondern mitzuschaffen, mitzuwirken, mitzubauen, dem JJV. gegenüber eine Verpflichtung zu haben, die ihm selbst von größtem Nutzen ist. . . Die heutige Jugend will sich mit den Problemen auseinandersetzen und an sich arbeiten. — In der jüdischen Jugendbewegung ist bisher, im Gegensatz zur deutschen, das Menschentum zu wenig berücksichtigt worden. Die Juden sind im großen und ganzen zu eingebildet, denken stets daran, daß sie mehr leisten, tüchtiger sind als andere, während in Wirklichkeit dieses Mehrkönnen, das Tüchtigersein immer mehr abnimmt. Wir haben nichts dafür getan, auch die Besseren und Tüchtigeren zu bleiben. Wir wissen zu wenig vom Wesen und den Grundlagen des Judentums. Man muß — 4 —